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59"Man versichert uns dauernd, die Kirchen seien darum so leer, weil die Prediger zuviel Gewicht auf die Lehre legten: auf das "langweilige Dogma", wie man zu sagen pflegt. Man lasse mich einmal sagen, dass genau das Gegenteil wahr ist; es ist die Vernachlässigung des Dogmas, die die Predigten so langweilig macht." Diese Sätze stammen von der bekannten englischen Krimi-Autorin Dorothy L. Sayers (1893 - 1957), also jemand, der den Unterschied zwischen interessant und uninteressant kennt. Doch diese Aussage widerspricht einer Auffassung, die heute viele Anhänger hat - auch unter den Christen. Immer mehr begegnet man Leuten, die meinen dass Lehre nicht so wichtig sei. Manche meinen sogar, Lehre sei gefährlich: "Lehre trennt, Liebe eint". Diese Lehrfeindlichkeit ist die "fromme" Version eines Trends, der sich vielfältig in unserer Gesellschaft zeigt.
Wir haben das z.B. im Wahlkampf erlebt. Bei den Fernsehduellen und anderen Wahlkampfveranstaltungen ging es nicht um politische Inhalte, sondern um Wirkung. Wie hat Stoiber gewirkt? Wie hat Schröder gewirkt? Was sie gesagt haben, war eher zweitrangig - oder gar austauschbar.
Immer mehr Menschen sind heute unpolitisch. So schreibt Florian Illies in seinem Buch "Generation Golf": "Schon beim Golfkrieg hielten wir uns raus, und auch die Lichterketten waren eher eine Angelegenheit unserer Eltern. Mit den Kriegen in Bosnien und im Kosovo wurde uns dann endgültig klar, dass die Welt zu kompliziert war, als dass man noch für oder gegen irgendetwas sein konnte."
Das ist alles zu kompliziert. Dann halte ich mich lieber aus allem raus. Genau wie es heute eine Politikverdrossenheit gibt, gibt es unter Christen eine "Lehrverdrossenheit".
Dabei ist Christsein ohne Lehre undenkbar. Ohne Lehre wäre das Christentum nie entstanden. Und ohne Lehre kann es nicht überleben. Wer lehrfeindlich eingestellt ist, schadet dem Glauben. Man mag bei anderen Religionen Lehre durch Rituale und Praktiken ersetzen können. Beim christlichen Glauben ist das unmöglich. Allerdings ist Lehre nicht gleich Lehre. Es gibt einen großen Unterschied zwischen "gesunder Lehre" von "leerer Lehre".
Es gibt leere Lehre - eine Lehre, die keinen wirklichen Inhalt hat. Das wird im Neuen Testament ganz deutlich. Und dieser Unterschied wird von den Menschen wahrgenommen.
In Mk 6,2 wird beschrieben, wie die Lehrtätigkeit Jesu von den Menschen seiner Zeit aufgenommen wurde: "Und als es Sabbat geworden war, fing er an, in der Synagoge zu lehren; und viele, die zuhörten, erstaunten und sagten: Woher
Schon zu Beginn der Wirksamkeit Jesu in Galiläa heißt es in Mk 1,22 über die Reaktion der Menschen auf Jesu Lehre: "Und sie erstaunten sehr über seine Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie die Schriftgelehrten."
Dieselbe Reaktion der Menschen kann man am Ende der Bergpredigt beobachten. In Mt 7,28-29 heißt es: "Und es geschah, als Jesus diese Worte vollendet hatte, da erstaunten die Volksmengen sehr über seine Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie ihre Schriftgelehrten."
Was überrascht die Menschen so an der Lehre Jesu? Was war anders daran? Die Menschen sind deswegen so erstaunt, weil Jesus lehrt, "wie einer, der Vollmacht hat".
Damit steht er im Gegensatz mit der Lehrinstitution der damaligen Zeit, mit den Pharisäern und den Schriftgelehrten, den damaligen Experten für Lehre. Aber die Art und Weise, wie die Pharisäer und Schriftgelehrten gelehrt haben, hat die Menschen nicht beeindruckt - es war leere Lehre. Lehre ist also nicht gleich Lehre. Besonders in Matthäus 23 können wir sehen, was die Jesus-Lehre von der Pharisäer-Lehre unterschied.
Das ist eine Herausforderung für alle die, die lehren und predigen. Daran entscheidet sich, ob unsere Lehre Vollmacht hat. Wir tragen eine große Verantwortung. Es ist immer leicht, über gewisse Dinge zu predigen und sie von anderen einzufordern. Die Frage ist aber: Werde ich dem Maßstab, den ich anderen empfehle, im eigenen Leben gerecht? (siehe Rö 2,17-23) Oder nehme ich meinen Mund zu voll?
| Bei gesunder Lehre sind Leben und Lehre deckungsgleich |
Vorbild ist natürlich hier unser Herr. Seine Lehre war durch sein Leben voll gedeckt. So wird das bei uns nie sein. Denn Christen - auch geistliche Lehrer - sündigen. Das heißt aber dann doch, dass man nicht als jemand auftreten darf, der über den Dingen steht.
In Phil 3,12-14 schreibt Paulus: "Nicht, dass ich es schon ergriffen habe oder schon vollendet bin; ich jage
In 1.Kor 9,27 schreibt er: "ich zerschlage meinen Leib und knechte ihn, damit ich nicht, nachdem ich anderen gepredigt, selbst verwerflich werde."
Der Dienst des Lehrers ist also ein anspruchsvoller. Deswegen heißt es in Jak 3,1: "Werdet nicht viele Lehrer, meine Brüder, da ihr wisst, dass wir ein schwereres Urteil empfangen werden!" Jesus sagt dazu in Lk 12,48: "Jedem aber, dem viel gegeben ist - viel wird von ihm verlangt werden; und wem man viel anvertraut hat, von dem wird man desto mehr fordern."
Es ist aber doch eine Tatsache, dass auch geistliche Lehrer sündigen. Haben wir denn überhaupt das Recht unseren Mund aufzumachen? Darf man wirklich nur dann über Dinge predigen, wenn man in diesen Bereichen vollkommen ist? Muss man nicht manchmal sogar über Bereich predigen, in denen man selber noch kämpft?
Hier hilft uns eine Aussage aus Kol 4,6. Paulus sagt dort: "Euer Wort sei allezeit in Gnade, mit Salz gewürzt." Und in Eph 4,29 schreibt er: "Kein faules Wort komme aus eurem Mund, sondern nur eins, das gut ist zur notwendigen Erbauung, damit es den Hörenden Gnade gebe!"
Lehrer und Prediger können nur als solche reden, die selber unter seiner überreichen Gnade stehen. Auch wenn wir vielleicht manche der groben Sünden nicht - oder nicht mehr oder noch nicht - tun, so sind wir doch auch jeden Tag neu existentiell auf seine Gnade angewiesen. Und aus dieser Gnade heraus muss Lehre geschehen, sonst wird sie leer.
Mt.23,4: Sie binden aber schwere und schwer zu tragende Lasten zusammen und legen sie auf die Schultern der Menschen, sie selbst aber wollen sie nicht mit ihrem Finger bewegen.
Leere Lehre belastet die Menschen. Solche Lehrer sind Meister im Lasten sammeln. Hier werden die Lasten sogar zusammengebunden - eine Last alleine wäre schon schwer genug. Und diese zusammengetragenen und zusammengebundenen Lasten werden auf die Schultern der Menschen gelegt. Doch wie viel Last darf man Christen auferlegen?
Das ist die Frage, die die Jünger beim Apostelkonzil bewegt - eine der entscheidenden Stunden in der jungen Gemeinde. In Apg 15,5 heißt es: "Einige aber von denen aus der Sekte der Pharisäer, die Biblisch Glauben Denken Leben Nr. 59 Seite - 3 - gläubig waren, traten auf und sagten: Man muss sie beschneiden und ihnen gebieten, das Gesetz Moses zu halten." Wieder finden wir denselben Vorgang - die gläubigen Pharisäer wollen den Heidenchristen das mosaische Gesetz auferlegen. Petrus entgegnet ihnen dann aber darauf in Apg 15,10: "Nun denn, was versucht ihr Gott, ein Joch auf den Hals der Jünger zu legen, das weder unsere Väter noch wir zu tragen vermochten?"
| Gesunde Lehre ist befreiend |
In Matthäus 11,28-30 spricht Jesus genau die Menschen an, die unter dieser Last (des Gesetzes) leiden: "Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen! Und ich werde euch Ruhe geben. Nehmt auf euch mein Joch, und lernt von mir! Denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, und "ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen"; denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht." Das ist Kennzeichen wahrer Lehre: die Mühseligen und Beladenen kommen zur Ruhe. Auch sie bekommen eine Last. Aber im Gegensatz zur schwer zu tragenden Last der leeren Lehre ist die Last der Lehre Jesu leicht.
Wir leben in einer Zeit des Wertezerfalls, der bis hinein in unsere Gemeinden dringt. Scheidungen, Ehebruch, Homosexualität, ja sogar Abtreibungen - um nur mal diesen Bereich zu nennen, dringt auch in unsere Kreise. Auch in anderen Bereichen bröckelt der Ethischen Konsens. Betrug, Lieblosigkeit, Verleumdungen, Neid, Habsucht usw. wird immer "normaler".
Es ist dringend geboten, die Gebote Gottes neu zu lehren und zu erklären. Die Frage ist nur, wie wir das tun. Wie vermitteln wir z.B. der jungen Generation Gottes guten Ordnungen? Als eine schwere, kaum zu tragende Last? Vermitteln wir die Gebote "in Gnade"? Wer nach den Geboten Gottes lebt, findet "Ruhe für seine Seele". Denn er lebt in den Strukturen der Schöpfung. Nur in diesen Strukturen gelingt Leben. Ethik sollte deshalb als Chance gepredigt werden - als Chance, von einer falschen Richtung umzukehren.
Man kann nach Joh 7,17 auch den Praxistest vorschlagen: "Wenn jemand seinen Willen tun will, so wird er von der Lehre wissen, ob sie aus Gott ist oder ob ich aus mir selbst rede." Aber gerade wenn wir die Gebote lehren, müssen wir auf die Gnade hinweisen (Gal. 3,24). Werden die Menschen unter unserer Lehre frei und froh und finden Ruhe für ihre Seelen?
In Joh 7,45-49 wird uns eine Auseinandersetzung zwischen den Hohen Priestern und ihren Dienern beschrieben: "Es kamen nun die Diener zu den Hohen Priestern und Pharisäern, und diese sprachen zu ihnen: Warum habt ihr ihn nicht gebracht? Die Diener antworteten: Niemals hat ein Mensch so geredet wie dieser Mensch. Da antworteten ihnen die Pharisäer: Seid ihr denn auch verführt? Hat wohl jemand von den Obersten an ihn geglaubt, oder von den Pharisäern? Diese Volksmenge aber, die das Gesetz nicht kennt, sie ist verflucht!" "Diese Volksmenge, die das Gesetz nicht kennt" - hier wird der ganze Hochmut sichtbar. "Wir haben die Wahrheit! Das einfache Volk ist dumm." Das ist der Hochmut des Klerus über die Laien.
Aber gibt es das nicht auch heute - auch unter uns? Wie oft habe ich den Satz schon gehört: "Das ist zu kompliziert für die einfachen Geschwister." "Der normale Gemeindechrist kann das nicht verstehen." Aber sind die einfachen Christen wirklich so dumm, wie das die komplizierteren Christen manchmal meinen? Hält man nicht manchmal die "einfachen Geschwister" bewusst unselbstständig - und sichert damit seinen eigenen Einfluss?
| Gesunde Lehre fördert den anderen und führt zur Selbstständigkeit |
In Mt.23, 8-11 lesen wir (der 8. Vers ist sozusagen konstituierend für die Brüderbewegung): 8 Ihr aber, lasst ihr euch nicht Rabbi nennen! Denn einer ist euer Lehrer, ihr alle aber seid Brüder. 9 Ihr sollt auch nicht
Für elitäres Bewusstsein und Gehabe ist im Reich Gottes kein Platz. Wer groß sein will, soll allen dienen. Das gilt besonders für die, die leiten. Petrus sagt zu den Ältesten in 1.Petr 5,3, dass sie die Gemeinde leiten sollen: "nicht als die, die über ihren Bereich herrschen, sondern indem ihr Vorbilder der Herde werdet!" Und Paulus schreibt in 2.Kor 1,24: "Nicht dass wir über euren Glauben herrschen, sondern wir sind Mitarbeiter an eurer Freude."
Gibt es dieses "über den Glauben des anderen herrschen" nicht auch in unseren Gemeinden? Wo man Geschwister nicht in die Selbstständigkeit führt, sondern ihnen immer vorgibt, wie sie zu denken, zu entscheiden und zu glauben haben? Wenn keine Entscheidung getroffen werden kann, wenn Bruder X nicht da ist?
Sicher - das Problem hat zwei Seiten: viele Geschwister wollen unmündig bleiben, weil es bequemer ist. Der Schreiber des Hebräerbriefes beklagt das in Hebr 5,12: "Denn während ihr der Zeit nach Lehrer sein solltet, habt ihr wieder nötig, dass man euch lehre, was die Anfangsgründe der Aussprüche Gottes sind; und ihr seid solche geworden, die Milch nötig haben und nicht feste Speise." Das ist ein Missstand, gegen den gesunde Lehre kämpfen muss.
Einige Sätze zum historischen Hintergrund der Pharisäer und Sadduzäer: Die Pharisäer, die im 2. Jahrhundert vor Christus entstanden sind, waren eine geistliche Aufbruchsbewegung, die das Wort Gottes und das Gesetz sehr ernst nahmen. Der normale Jude damals hatte eine große Distanz zu seiner Religion, die Glaubenspraxis war fest in der Hand der Priesterschaft und des Tempelkultes. Glauben hatte man an die Profis delegiert. Die Pharisäer dagegen legten sehr viel Wert auf eine persönliche Glaubenspraxis. So waren die Pharisäer gewissermaßen eine "volksmissionarische Bewegung" die den Glauben und die Thora zurück zum Volk brachten.
Die Widersacher der Pharisäer in jener Zeit waren die Sadduzäer, die aus der gehobenen Gesellschaftsschicht stammten. Sie waren politisch flexibel und kooperierten mit der Besatzungsmacht. Das brachte ihnen recht große politische Macht ein (Mehrheit im Hohen Rat, stellten meistens den Hohen Priester). Die Pharisäer dagegen waren als Laienbewegung fest im Volk verankert und anerkannt, auch wenn ihr geistiger Führungsanspruch nicht rechtlich-politisch abgesichert war. "Die Sadduzäer besaßen die (politische) Macht, die Pharisäer hatten den Einfluss auf das Volk." (Dr. Jörg Sieger) Und genau dieser Einfluss schwindet, seit Jesus öffentlich auftritt.
In Mk 11,18 heißt es: "Und die Hohenpriester und die Schriftgelehrten hörten es und suchten, wie sie ihn umbringen könnten; sie fürchteten ihn nämlich, denn die ganze Volksmenge geriet außer sich über seine Lehre." Lk 19,47-48: "Und er lehrte täglich im Tempel; die Hohenpriester aber und die Schriftgelehrten und die Ersten des Volkes suchten ihn umzubringen. Und sie fanden nicht, was sie tun sollten, denn das ganze Volk hing ihm an und hörte auf ihn."
Jesus lehrte täglich - und das Volk hörte auf ihn. Die Pharisäer verfolgten den wachsenden Einfluss Jesu, analysieren ständig, wie ihre Chancen standen. Joh 12,19 Da sprachen die Pharisäer zueinander: Ihr seht, dass ihr gar nichts ausrichtet; siehe, die Welt ist ihm nachgegangen. Dass es den Pharisäern um Macht und öffentlichen Einfluss ging, kann man auch an Aussagen in Mt. 23 sehen.
Dort sagt Jesus in Mt.23, 5-7: "Alle ihre Werke aber tun sie, um sich vor den Menschen sehen zu lassen; denn sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten groß. Sie lieben aber den ersten Platz bei den Gastmählern und die ersten Sitze in den Synagogen und die Begrüßungen auf den Märkten und von den Menschen Rabbi genannt zu werden."
Genau diesen Versuch - nämlich durch öffentlich praktizierte Frömmigkeit Macht und Einfluss zu gewinnen - klagt Jesus in der Bergpredigt an.
Mt 6,1: "Habt acht auf eure Gerechtigkeit, dass ihr
Immer geht es um öffentlich demonstrierte Frömmigkeit, die öffentlichen Einfluss und Anerkennung bekommen soll. Und diesen Einfluss hatten die Pharisäer in Israel - bis Jesus kam...
In Mt.23,25-28 wirft ihnen Jesus diese auf äußerliche Wirkung ausgerichtete Frömmigkeit vor: Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler! Denn ihr reinigt das Äußere des Bechers und der Schüssel, inwendig aber sind sie voller Raub und Unenthaltsamkeit. 26 Blinder Pharisäer! Reinige zuerst das Inwendige des Bechers, damit auch sein Auswendiges rein werde. 27 Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler! Denn ihr gleicht übertünchten Gräbern, die von außen zwar schön scheinen, inwendig aber voll von Totengebeinen und aller Unreinigkeit sind. 28 So scheint auch ihr von außen zwar gerecht vor den Menschen, von innen aber seid ihr voller Heuchelei und Gesetzlosigkeit.
Jesus macht dann deutlich, dass die wirklichen Probleme des Menschen nicht äußerer Natur sind: Mt 15,19-20: Denn aus dem Herzen kommen hervor böse Gedanken: Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsche Zeugnisse, Lästerungen; diese Dinge sind es, die den Menschen verunreinigen, aber mit ungewaschenen Händen zu essen, verunreinigt den Menschen nicht.
Die Pharisäer betonen die Hände - die fromme äußere Handlung. Jesus betont das Herz - die innere Gesinnung.
| Gesunde Lehre und Frömmigkeit ist Herzenssache und zielt nicht auf öffentliche Wirkung |
Mt 6,2-4: "Wenn du nun Almosen gibst, sollst du nicht vor dir her posaunen lassen, wie die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Gassen, damit sie von den Menschen geehrt werden. Wahrlich, ich sage euch, sie haben ihren Lohn dahin. Wenn du aber Almosen gibst, so soll deine Linke nicht wissen, was deine Rechte tut; damit dein Almosen im Verborgenen sei, und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird dir vergelten." 6,6: "Wenn du aber betest, so geh in deine Kammer, und nachdem du deine Tür geschlossen hast, bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist! Und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird dir vergelten." 6,17-18: "Wenn du aber fastest, so salbe dein Haupt und wasche dein Gesicht, damit du nicht den Menschen als ein Fastender erscheinst, sondern deinem Vater, der im Verborgenen ist! Und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird dir vergelten."
Hier geht es um Frömmigkeit, also um praktizierte Lehre. Diese öffentliche demonstrierte Frömmigkeit diente dazu, die Macht und den Einfluss im Volk zu sichern. Jesus betont dagegen den verborgenen, für die Öffentlichkeit nicht sichtbaren Teil des Glaubens. Bei wahrer Lehre darf es nicht um Macht und Einfluss gehen.
Paulus rät Timotheus in 2.Tim 2,24-25: "Ein Knecht des Herrn aber soll nicht streiten, sondern gegen alle milde sein, lehrfähig, duldsam, und die Widersacher in Sanftmut zurechtweisen
Hier wird die Lehrfähigkeit mit Milde, Duldsamkeit und Sanftmut in Zusammenhang gebracht. Und dann kommt eine wichtige Aussage: "ob ihnen Gott Buße gebe zur Erkenntnis".
D.h. der Lehrende darf seine Lehre nicht mit Macht durchdrücken. Er muss zurückstehen und zurückstecken können - und Gott dann die Arbeit im Einzelnen überlassen. Ein Lehrer braucht diese Gelassenheit. Er weiß, dass nicht alles von ihm abhängt. Wirkliche Erkenntnis und Veränderung kann nur der Heilige Geist im Leben des anderen bewirken. Nur so entsteht Reife.
Die Christen in Beröa werden als edel bezeichnet. Sie nahmen mit Bereitwilligkeit das Wort auf "und untersuchten täglich die Schriften, ob dies sich so verhielte." (Apg 17,10-11) Diese Selbstständigkeit wird positiv bewertet - und nicht etwa als Widerstand gegen die apostolische Autorität gewertet. Weitere Aussagen die deutlich machen, dass Paulus als Lehrer das Ziel hatte, den Einzelnen Christen zur Selbstständigkeit zu führen: 1.Kor 11,28 "Der Mensch aber prüfe sich selbst, und so esse er von dem Brot und trinke von dem Kelch." 2.Kor 13,5: "Prüft euch, ob ihr im Glauben seid, untersucht euch!"
Gal 6,4: "Ein jeder aber prüfe sein eigenes Werk". Wahre Lehre lässt dem Anderen Freiheit und versucht ihn nicht mit Macht zu beherrschen. Wie schon in 2.Kor 1,24 zitiert: es kann nicht darum gehen über den Glauben des anderen zu herrschen. Bei gesunder Lehre geht es nicht um Macht. Es geht darum, den anderen zu erbauen. 1.Kor 14,26: "Wenn ihr zusammenkommt, so hat jeder … eine Lehre; alles geschehe zur Erbauung."
Mt 23,23-24: "Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler! Denn ihr verzehntet die Minze und den Anis und den Kümmel und habt die wichtigeren Dinge des Gesetzes beiseite gelassen: das Recht und die Barmherzigkeit und den Glauben; diese hättet ihr tun und jene nicht lassen sollen. Ihr blinden Führer, die ihr die Mücke seiht, das Kamel aber verschluckt!"
Jesus sagt hier ganz deutlich, dass es bestimmte Dinge im Gesetz (in der Bibel) gibt, die wichtiger sind, als andere. Und wir müssen hier genau hinschauen: Jesus unterscheidet nicht zwischen wichtig und unwichtig. Die Dinge, auf die die Pharisäer so viel Wert gelegt haben, waren wichtig. Es gibt keine unwichtigen Dinge im Wort Gottes. Menschen haben nicht das Recht, irgendwelche Aussagen der Bibel als unbedeutend abzutun. Wenn wir den Sinn gewisser Dinge in der Bibel nicht verstehen, dann sollten wir uns zurückhalten und sagen, dass wir sie nicht verstehen. Wir dürfen aber nie sagen, dass sie unbedeutend sind. Jesus sagt klar, dass das Verzehnten der Gewürze an sich in Ordnung war: "dieses hätte ihr tun sollen". Was er ihnen vorwirft, dass sie darüber anderes - "die wichtigeren Dinge" - vernachlässigt haben: "diese hättet ihr tun und jene nicht lassen sollen. Es ist also Kennzeichen leerer Lehre, dass sie ein starkes Gewicht auf gewisse Dinge legt, die durchaus wichtig sind, aber dabei wichtige Dinge vernachlässigt. Jesus wirft ihnen Einseitigkeit vor. Die Prioritäten stimmen nicht.
| Gesunde Lehre ist ausgewogen und kann angemessen gewichten |
Sie wird nicht sagen, dass gewisse biblische Aussagen unwichtig sind - das steht uns nicht zu. Es geht darum "dieses zu tun und jenes nicht zu lassen". - Gesunde Lehre ist ausgewogen und kann gewichten. Was sind die Kriterien dafür? Jesus nennt uns hier drei: "das Recht und die Barmherzigkeit und den Glauben". Lk 11,42 nennt noch zusätzlich die "Liebe Gottes".
Schon aus dem Alten Testament ist das bekannt:
Hos 6,6: "Denn an Güte habe ich Gefallen, nicht an Schlachtopfern, und an der Erkenntnis Gottes mehr als an Brandopfern."
Spr 21,3: "Gerechtigkeit und Recht üben ist dem HERRN lieber als Schlachtopfer."
Gott hatte selber die Schlachtopfer angeordnet. Doch auch damals bestand die Gefahr, sich in äußeren Frömmigkeitsformen zu verlieren, und dabei das Wesentliche - die Herzenshaltung und die Herzensbeziehung zu Gott - aus den Augen zu verlieren. Fragen wir uns: sind unsere Prioritäten richtig gesetzt? Wie ist das bei den Streitfragen in unseren Gemeinden und zwischen den verschiedenen Gemeinderichtungen. Dürfen wir uns an solchen Fragen zerstreiten, trennen, die Bruderschaft aufkündigen? Oder müssen wir nicht gemeinsam um "die wichtigeren Dinge" ringen, um "das Recht und die Barmherzigkeit und den Glauben" und, vor allen Dingen, "die Liebe Gottes"?
Paulus schreibt an Timotheus 1.Tim 1,5 "Das Endziel der Weisung aber ist Liebe aus reinem Herzen und gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben." Dienen unsere Lehrauseinandersetzungen diesem Ziel?
Einer der wichtigsten Streitpunkte zwischen den Pharisäern und Sadduzäern war die Frage nach der "mündlichen Lehre". Nach jüdischer Tradition hatte Moses die mündliche Lehre zusammen mit der schriftlichen Lehre von Gott übergeben bekommen - beide zusammen bilden die Halacha. Die Sadduzäer aber lehnten die mündliche Lehre ab und erkannten alleine die Schrift an. Deshalb wurden sie aufs heftigste von den Pharisäern bekämpft, die die Autorität der mündlichen Lehre verteidigten.
Jesus stand den Sadduzäern ebenfalls kritisch gegenüber. Aber da er die mündliche Lehre wie die Sadduzäer in Frage stellte, wurde er für die Pharisäer zu einer nicht zu unterschätzenden Gefahr. Denn er besaß große Popularität im Volk. Er stellte ihren geistigen Führungsanspruch im Volk in Frage. In Markus 7 wird ein Streit zwischen den Pharisäern und Jesus beschrieben, weil sie sich nicht an die jüdischen Reinheitsvorschriften halten und mit ungewaschen Händen Brot essen. Die Pharisäer und die Schriftgelehrten fragen Jesus: "Warum leben deine Jünger nicht nach der Überlieferung der Ältesten, sondern essen das Brot mit unreinen Händen?" In der Fußnote der Elberfelder Bibel heißt es zum Begriff "Überlieferung": "Vorschriften, die über das Gesetz hinaus das Leben bis ins einzelne regelten und einengten und mit denen sich vor allem die Schriftgelehrten beschäftigten; die Pharisäer bemühten sich, die Überlieferungen genau einzuhalten." Diese Überlieferungen wurden zunächst mündlich weitergegeben und erst später im 5. Jh. n.Chr. im Talmud schriftlich niedergelegt. In diesen Überlieferungen wurde das Gesetz ausgelegt und auf das tägliche Leben angewandt. Dabei versuchte man möglichst viele Situationen und Fälle zu beschreiben und zu sagen, wie man sich als gottesfürchtiger Mensch verhalten soll.
Die Grundlage für die mündliche Überlieferung ist 5.Mose 17,9-11. Auf Basis dieser 3 Verse ist der Talmud entstanden. (Der Babylonische Talmud wird gerade wieder in Deutsch aufgelegt: 12 Bände, knapp 9.000 Seiten - und das alles auf Grundlage von 3 Versen - ein riesiger Überbau auf dem Fundament von 3 Versen.)
Man war bemüht, dass Gesetz durch einen "Zaun" zu schützen. Es sollte gar nicht erst so weit kommen, dass man ein Gebot Gottes übertrat, deshalb hat man schon weit vorher einen Zaun errichtet. So wurden aus den (nach jüdischer Tradition) 613 Einzelvorschriften des Alten Testamentes rund 15.000 Gebote und Verbote, die versuchten, den frommen Alltag so genau wie möglich zu regeln. Das sind mehr als 24 mal mehr Gebote als im Alten Testament. Eine unüberschaubare und verwirrende Menge, die den einzelnen gewissenhaften Gläubigen unter großen Gewissensdruck setzte.
Jesus wendet sich gegen diese Überlieferungen: In Mk 7,9 wirft er den Pharisäern vor: "Trefflich hebt ihr das Gebot Gottes auf, damit ihr eure Überlieferung haltet." Und dann macht Jesus anhand eines Beispiels deutlich, wie das geschehen kann. Dabei geht es um die Altersversorgung der Eltern, die Gott in seinen Geboten geregelt hatte, die aber durch Überlieferungen ausgehebelt wurde:
Mk 7,10-13 "Denn Mose hat gesagt: "Ehre deinen Vater und deine Mutter!" und: "Wer Vater oder Mutter flucht, soll des Todes sterben." Ihr aber sagt: Wenn ein Mensch zum Vater oder zur Mutter spricht: Korban - das ist eine Opfergabe -
Das ist ein harter Vorwurf: das Wort Gottes wird durch die Überlieferung ungültig gemacht. Bei dem Versuch, dem Wort Gottes möglichst gerecht zu werden, es auf alle nur möglichen Situationen anzuwenden, erreichte man genau das Gegenteil - man machte es ungültig. Der ursprüngliche Gedanke hinter dem Gebot wurde durch die vielen Anwendungen und Auslegungen erstickt - ja sogar ins Gegenteil verkehrt.
Paulus nennt so etwas in Kol 2,8 Betrug: "Seht zu, dass niemand euch einfange durch die Philosophie und leeren Betrug nach der Überlieferung der Menschen, nach den Elementen der Welt und nicht Christus gemäß!"
Leere Lehre unterscheidet nicht zwischen dem Wort Gottes und der Auslegung und der zeitbedingten Anwendung des Wortes Gottes. Einer solchen Lehre reicht das einfache Wort Gottes nicht aus. Man will es schützen, aus Angst vor Missbrauch. Man zieht einen "Zaun um das Gesetz". Paulus schreibt den Korinthern in 1.Kor 4,6 sie sollen "nicht über das hinaus
Das Wort Gottes und seine Gebote müssen ja - z.B. in der Seelsorge und auch bei Fragen der Gemeindeordnung - auf konkrete Situationen angewandt werden. In dieser Anwendung biblischer Prinzipien müssen wir (in der Seelsorge z.B.) auch manchmal zu Dingen raten, die über das hinausgehen, was die Bibel selber sagt.
Man wird einem Alkoholiker auf keinem Fall den Rat geben, nach 1.Tim 5,23 zu verfahren: "Trinke nicht länger
Dabei darf eine Gemeinde nicht stolz auf andere Gemeinden herabsehen, die Dinge anders ordnen oder in seelsorgerlichen Fragen einen von der eigenen Position abweichenden Rat gibt.
Die Ordnungen einer Gemeinde gelten nicht für immer und ewig. D.h. es kann sein, dass man über bestimmte Ordnungen zu gewissen Zeiten neu nachdenken muss, ob sie noch angemessen sind. Man kann jedoch nicht ständig das Rad neu erfinden. Wenn aber eine Gemeinde eine Ordnung festgelegt hat, ist diese Ordnung für alle, die zu dieser Gemeinde gehören wollen, verbindlich. Eine Gemeindeleitung sollte von Zeit zu Zeit ihre Ordnungen prüfen, ob sie noch angemessen sind.
Bei Kritik an Gemeindeordnung und Gemeindeleitung sollte Hebr 13,17 beherzigt werden: "Gehorcht und fügt euch euren Führern! Denn sie wachen über eure Seelen, als solche, die Rechenschaft geben werden, damit sie dies mit Freuden tun und nicht mit Seufzen; denn dies wäre nicht nützlich für euch."
| Gesunde Lehre unterscheidet zwischen dem ewig gültigen Wort Gottes und seiner Auslegung und Anwendung |
Das bedeutet, dass man sich immer wieder neu auf das Erforschen des Wortes Gottes einlässt. Das heißt ja nicht, dass unsere Väter sich geirrt haben. Es heißt nur, dass jede Generation und jeder einzelne Christ die Bibel neu erforschen muss und um Erkenntnis der Wahrheit ringen muss. Wir bleiben den Vätern eben nicht treu, indem wir alles das genau wiederholen was sie gesagt und geschrieben haben.
Wir wollen die Erkenntnisse und Auslegungen der Väter nicht gering achten - sie sind jedoch nicht maßgeblich. Unsere Auslegungen und Kommentare, unsere Erklärungsmodelle (z.B. der Heilsplan) sind nicht Teil des inspirierten Gotteswortes. Wir brauchen Auslegungen, wir brauchen auch Erklärungsmodelle. Wir brauchen einen Deutungsrahmen (Hermeneutik) um überhaupt denken und verstehen zu können. Doch wir müssen grundsätzlich zwischen unserer Auslegung - die unbedingt nötig ist - und dem Wort Gottes selber unterscheiden. Sonst besteht die Gefahr, dass dies das Wort Gottes selber verdeckt, wie dies bei den Pharisäern geschehen ist. Allein das Wort Gottes ist maßgeblich. Wir müssen uns auch klar sein, dass die Bibel nicht jeden möglichen Einzelfall des Lebens und der Gemeindepraxis regelt - das haben die Pharisäer versucht. Die Bibel steckt uns einen Rahmen ab. Manche Dinge bleiben dabei offen. Gesunde Lehre gibt das zu. Wir wissen manche Dinge nicht ganz so genau.
Wahre Lehre tritt dann bescheiden auf. Sie unterscheidet zwischen dem, was wir ganz genau wissen, und dem, was wir nicht ganz genau wissen. Sie gibt offen zu, wo wir Annahmen und Hilfskonstruktionen treffen müssen. Wahre Lehre tritt nicht an Stellen stark auf, wo sie es nicht ist. (Man hat manchmal den Eindruck, dass es genau umgekehrt ist: Je schwäche die Position, desto stärker der Auftritt!) Wahre Lehre errichtet auch keinen Zaun um die Gebote. Wir müssen die biblische Ethik klar lehren - das ist schon eine seelsorgerliche Verpflichtung, denn die Gebote Gottes tun gut und wer gegen sie lebt, zerstört sein Leben.
Wir müssen aber auch Freiheit zulassen. Das Neue Testament gibt uns zu bestimmten Themen keine eindeutigen Angaben. (Z.B. "Haarlänge", "Musik", "Internet", "Kinobesuch", "Sportverein", "Kartenspielen", "rauchen", "tanzen", "Make-Up tragen", "zum Psychiater gehen" … Wir könnten diese Liste endlos weiterführen.)
Wir brauchen zu diesen Themen eine Meinung: Vielleicht müssen wir manchmal Stellung dazu beziehen - in der Seelsorge, aber auch manchmal öffentlich in der Gemeinde. Aber wir dürfen unsere Weisungen nie auf dieselbe Ebene stellen wie die klaren Gebote Gottes.
Die wohl härteste Aussage Jesu über die Pharisäer mit ihrer Lehre finden wir in Mt.23,13: "Wehe aber euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler! Denn ihr verschließt das Reich der Himmel vor den Menschen; denn ihr geht nicht hinein, und die, die hineingehen wollen, lasst ihr
Es geht also bei der Frage nach leerer Lehre und gesunder Lehre nicht um irgendwelche Nebensächlichkeiten, über die sich die Gelehrten streiten. Es geht um das Wesen des Evangeliums. Es geht um ewiges Heil und ewige Verdammnis. Und von daher ist es ein wichtiges Thema.
In Mt 9,13 empfiehlt Jesus den Pharisäern: Geht aber hin und lernt, was das ist: "Ich will Barmherzigkeit und nicht Schlachtopfer." Denn ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder. (ebenso 12,7) Und das ist eines der Kernprobleme von leerer Lehre: solche Lehrer sehen sich häufig nicht als Sünder. Sie brauchen die Gnade gar nicht, weil sie selber gerecht sind. Und wenn wir ehrlich sind, ist das manchmal genau unser Problem.
Aber es gibt Hoffnung - Hoffnung auf Veränderung. Jesus selber macht das in Mt 13,52 deutlich. Wir finden dort eine interessante Formulierung über Veränderung. Jesus sagt: "Darum ist jeder Schriftgelehrte, der ein Jünger des Reichs der Himmel geworden ist, gleich einem Hausherrn, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorbringt."
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