home
download
49
Mai 2000
Bibelbund e.V.
Infobrief Nr. 49

Geschäftsstelle & Verlag
Friedrichsgrüner Str. 83
D-08269 Hammerbrücke
Tel. 037465/44455
Fax: 037465/44422
eMail: Bibelbund@christen.net
Internet: http://www.bibelbund.christen.net

Inhalt:

Wort zum Nachdenken Andreas Fett
Jesus von Nazareth in der Sicht jüdischer Theologen Markus Schäller
Zitate


Wort zum Nachdenken

Ein großer Teich war zugefroren;
die Frösche, in der Tief verloren,
durften nicht ferner quaken noch springen,
versprachen sich aber im halben Traum,
fänden sie nur da oben Raum,
wie Nachtigallen wollten sie singen...

Der Tauwind kam, das Eis zerschmolz,
nun ruderten sie und landeten stolz
und saßen am Ufer weit und breit
und q u a k t e n wie vor alter Zeit.   (Goethe)

Das erste Vierteljahr des neuen Jahrtausends ist um. Um uns herum weckt der "Tauwind" den Frühling allerorten. Zeit für ein Wort "zum Nachdenken", für eine (erneute) Rückbesinnung und Bilanz. Was hat sich im angebrochenen Jahr 2000 bei uns verändert? Welche Vorsätze haben wir verwirklicht? Brachte uns der Millenniumswechsel einen Umbruch zum Guten? Läuft alles wie gewohnt weiter oder haben wir die Chance zu einem Neubeginn genutzt? Singen wir ein neues Lied oder quaken wir die alte Leier?

Siebenmal heißt es in der Bibel von einem neuen Lied - von einer freudesprühenden Lebensäußerung wegen eines neuen Lebensinhalts.

In Psalm 98 werden uns zwei konkrete Gründe dafür genannt:

Sowohl der Rückblick auf das Vergangene, als auch die Vorausschau auf unsere Zukunft als Kinder Gottes sollten uns spätestens jetzt ein neues Lied in den Mund legen. Darum: Sei kein Frosch!

Andreas Fett

Jesus von Nazareth in der Sicht jüdischer Theologen

Dass die Mehrheit der Juden Jesus nicht als Messias anerkennt, ist bekannt. Aber wer ist Jesus dann in ihren Augen? Wie dachten jüdische Theologen in 2000 Jahren Geschichte über Jesus von Nazareth?

Vor allem die letzten zwei Jahrhunderte, in denen die Juden in Europa dank der Aufklärung mehr religiöse Freiheiten genossen als etwa im von Inquisition geprägten Mittelalter, brachten eine Fülle von Schrifttum über "jenen Mann" (wie die rabbinische Literatur Jesus nennt) hervor. Man kann - als Pendant zur liberalen protestantischen Theologie des 19.Jh. - von einer "jüdischen Leben-Jesus-Forschung" sprechen, die zahlreiche unterschiedliche Ergebnisse postulierte.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, sozusagen den "Minimalkonsens" jüdisch-theologischen Überlegens zur Person Jesu darzustellen. Dabei sollen nicht nur Meinungen rabbinischer Theologen gewürdigt werden, sondern auch die Sichtweisen "theologischer Laien", die nicht weniger Bedeutung für das jüdische Jesusbild haben.

1. Ein geschichtlicher Überblick

1.1. Das Jesus-Bild im jüdischen Mittelalter

Das jüdische Mittelalter umfasst eine deutlich größere Zeitspanne als das "christliche". Es reicht von der Zeit der Tannaim (Rabbi Akiba; um 100 n.Chr.) bis zur europäischen Aufklärung (Moses Mendelsohn, 1729-1786). Dieser Zeitraum von über 1700 Jahren war - bis auf wenige dunkle Äußerungen - von einem tiefen Schweigen über Person und Lehre Jesu gekennzeichnet.

Wenig über Jesus im frühen Mittelalter

In den ersten Jahrhunderten war es offensichtlich die Absicht der Rabbinen, durch Nichterwähnung des Namens Jesu jene "Häresie" totzuschweigen. So findet man nur wenige Stellen in Talmud und Midrasch[1] die sich auf Jesus beziehen. Die seltenen Anspielungen der Person Jeschua sind entweder aus einer Polemik gegen das altkirchliche Christentum erwachsen[2] oder hegen apologetische Absichten[3] und entbehren damit meist jeglicher historischer Relevanz.

Schlimme Verunglimpfung Jesu unter dem Druck der Kirche

In späteren Jahrhunderten, nach sieghafter Ausbreitung des Christentums, fanden zwar Religionsgespräche zwischen Vertretern von Kirche und Synagoge statt, waren jüdischerseits aber von großer Angst und Unfreiheit geprägt. "In die Enge getrieben von einer Kirche, die das Kreuz und den Gekreuzigten in eine Mordwaffe umschmiedete, 'um Jesus an den Gottesmördern zu rächen', wie der Kampfruf der Kreuzzügler im Rheinland lautete, konnten die Rabbinen nur bis zur Verzweiflung darauf bestehen, was Jesus für sie nicht war noch sein konnte."[4]

Torahtreue Juden tabuisierten den Namen Jesu zum "Namenlosen" oder zu "jenem Mann" ("Otho HaIsch").

Wurden sie unter Gewaltandrohung dennoch zur Nennung dieses Namens gezwungen, so transkribierte man ihn als hebräische Verwünschungsformel:

"Jesch`u" = "jimach schemo we-sichro",zu deutsch: "Sein Name und seine Erinnerung sollen ausgelöscht werden". Juden lernten also dank kirchlicher Hasspolitik dem Zerrbild des Juden Jesus zu fluchen![5]

Zu den dunklen Äußerungen gehört auch die sog. "Tholedoth Jeschu" (Geschichte Jesu)[6] , die vermutlich im 12.Jh. als Reaktion auf die blutigen Kreuzzüge entstand. Diese Schrift ist eine schlimme Verleumdung des Wirkens Jesu. Jesus wird in ihr als Zauberer dargestellt, der am Ende seines Lebens, von Judas Ischarioth besiegt, stirbt. In diese Tholedoth ist auch die talmudische " Ben-Pandera-Legende" eingearbeitet, die Jesus als Sohn des römischen Legionärs Pandera darstellt, der mit Maria, der ehebrecherischen Frau Josefs, während ihrer Menstruation ein Kind zeugte.[7]

Eine solche gehässige Phantasie ist wohl als Aufschrei eines brutal bekämpften und extrem dezimierten jüdischen Volkes zu verstehen.

Vom 4.-16.Jh. erließen 106 Päpste und 92 Kirchenkonzile zahlreiche antijüdische Bestimmungen, die Vertreibungen, Massenmord, Zwangstaufen, Kinderdiebstahl... Leiden, die jeglicher Beschreibung spotten, zur Folge hatten. Die Ausrottung der Juden geschah so konsequent, dass sich der "christliche" Theologe Duns Scotus (13.Jh.) ernsthafte Sorgen machte, ob denn auch noch genügend Juden am Leben blieben, um ihre Bekehrung bei der Wiederkehr des Herrn nicht zuschanden zu machen!

Jesus - historische Person und Jude

Die Geschichtlichkeit Jesu wird allerdings - trotz gelegentlicher Verunglimpfung - an keiner Stelle der jüdischen Überlieferung in Frage gestellt, ebenso sein Judesein. Denn nach rabbinischem Recht bleibt jeder Sohn einer Jüdin ein Jude.

Die Mehrzahl der Rabbinen bezog den Leitsatz "Obwohl er gesündigt hat, bleibt er dennoch ein Jude!"[8] sowohl auf Jesus als auch auf seine judenchristlichen Anhänger.

Als Gemeingut jüdisch-theologischen Denkens (aller rabbinischen Generationen!) gilt allerdings auch die Überzeugung, dass Jesus nie der Gottessohn der christlichen Theologie gewesen sei, "noch der messianische Erlöser in einer nur allzu unerlösten Welt".[9] Auch konnten sie nichts anfangen mit Menschwerdung, Erbsünde, Jesu Selbstopfer und der Trinität.

Jüdische Rabbinen im Streit mit christlichen Theologen

Wenn für die Rabbinen des Mittelalters das Christentum auch eine Art "theologisches Randphänomen" darstellte, so blieb es ihnen doch nicht erspart, sich mit Jesus von Nazareth und seinen angeblichen Nachfolgern in Form einer blutrünstigen, übermächtigen Kirche intensiv auseinanderzusetzen. In zahlreichen Zwangsdialogen vor dem Hintergrund entsetzlicher Pogrome hatten sich Rabbinen vor "christlichen Geistlichen" zu verantworten. Dabei bedienten sie sich hauptsächlich folgender Argumente:

Argument 1: Ein anderer Jesus

Auf die Anklage, Jesus würde im Talmud als Torah-Verfälscher verunglimpft, entgegnete Rabbi Jechiel (Paris, 1240), dass sich die talmudische Polemik auf einen anderen Jesus beziehe, was bei der Landläufigkeit des Namens Jeschua (vgl. Josephus, Jüdische Altertümer) auch einigermaßen plausibel erscheinen mag.

Argument 2: Distanz zur Geschichte

Bezüglich der Talmudpassage (bSanhedrin 43a), nach der Jesus "am Vorabend des Pessachfestes gehängt wurde", weil er "Zauberei getrieben, Israel verführt und gespalten" habe, fragte Rabbi Joseph Albo (1413, Tortosa), warum man die heutigen Juden wegen etwas beschuldige, wofür ihre Vorfahren vielleicht verantwortlich waren.

Argument 3: Es hat sich nichts verändert!

Rabbi Nachmanides (Barcelona, 1263) konterte, nachdem man ihm zum unzähligsten Mal die Messiasfrage gestellt hatte: "Wenn unsere Vorfahren, die Augenzeugen Jesu waren..., ihm dennoch keinen Glauben schenken wollten, wie können wir das Wort des Königs[10] annehmen, der kein unmittelbares Wissen von Jesus hat noch sein Landsmann und Zeitgenosse ist, wie es unsere Väter waren? Sagt nicht der Prophet vom Messias, dass er 'von Meer zu Meer und vom großen Strom bis zu den Enden der Erde herrschen wird' (Ps 72,8)? Aber Jesus hat keine Herrschaft angetreten, sondern war zu Lebzeiten von seinen Feinden verfolgt und hat sich vor ihnen verborgen, fiel aber letztlich in ihre Hände und konnte sich nicht retten... Und verkündet der Prophet nicht auch, dass im Zeitalter des Messias keiner den anderen die Kriegskunst lehren werde (Jes 2,4) ... Jedoch seit den Tagen Jesu bis auf den heutigen Tag ist die Welt übervoll des Mordens, Raubens, Plünderns - und die Christen haben mehr Blut vergossen als irgendein anderes Volk..."[11]

Damit artikulierte der Rabbi jenes Argument, das jüdischerseits immer und immer wieder gegen die Messianität Jesu vorgebracht wurde: Es hat sich doch nichts geändert!

Die Ausnahmen: Maimonides und Halevi

Zwei Ausnahmen im theologischen Denken des jüdischen Mittelalters bilden das Universalgenie Moses Maimonides (1135-1204; Hauptwerk: "Mischneh Torah") und der Philosoph Judah Halevi (1085-1135). Beide sehen in Jesus und Mohammed (samt ihren Nachfolgern) Vorstufen zur endgültigen messianischen Erlösung der Menschheit. Solche Stimmen blieben allerdings eine Seltenheit.

1.2. Neues Denken mit der Aufklärung

Erst mit der Aufklärung in Europa gewann Jesus im Judentum wieder an Bedeutung. Dabei wurde "Jeschua ha-Nazri" meist als gesetzestreuer Jude verstanden[12]

Im 19.Jh. setzte als Frucht der Aufklärung im Judentum eine Reformbewegung ein, die gegen alles Überlieferte, vom Gebetsbuch bis zur Rabbinerkleidung, revoltierte und das talmudische Glaubensgut "entmythologisierte". In einer Zeit, da die historisch-kritische Forschung des Protestantismus viele Kirchentraditionen in Zweifel zog und nach dem "historischen Jesus" suchte, wurde der "Rabbi von Nazareth" auch für jüdische Theologen legitimer Gegenstand der Forschung. "Der negative Jesus der jüdischen Selbstwehr des Mittelalters wurde nun ein apologetischer Jesus der jüdischen Selbstbehauptung."[13] Dabei lauteten die Schlagworte: "Enthellenisierung" (Abstreifen einer vermuteten "griechischen Überfremdung des Jesus-Bildes" in den Evangelien) und "Rejudaisierung" (Heimholung Jesu ins Judentum).[14]

1.3. Die Entwicklung des Jesus-Bildes im 20.Jahrhundert

Auch in den letzten hundert Jahren blieb für die Rabbinen die angebliche Hellenisierung Jesu und seiner Botschaft das Grundübel der Evangelien. "Jesus war Jude, ein Hebräer der Hebräer... seine Mutter bleibt Jüdin. Er wurde als Jude erzogen. Er betete in der Synagoge. Er sprach keine Sprache außer Hebräisch... Jesus lehrte keine neue Religion, noch wollte er dies tun." - Dieses Statement des Reformrabbiners Stephen Wise (USA, 1874-1949)[15] gibt die Sicht der meisten Rabbiner unseres Jahrhunderts zum Thema Jesus wieder.[16] Man verstand Rabbi Jeschua zunehmend als Nationalheld und Glaubensvorbild. Und dennoch kam es einer Revolution gleich, als Wise kurz vor Weihnachten 1925 das eben erschiene Buch des Historikers Joseph Klausner, "Jesus von Nazareth"[17] zum Gegenstand seiner Schabbath-Predigt machte:

"1. Jesus war ein Mensch; nicht Gott. 2. Jesus war Jude; kein Christ. 3. Juden haben nie Jesus, den Juden, abgelehnt. 4. Christen haben im großen und ganzen Jesus, den Juden, nicht angenommen, noch sind sie ihm gefolgt."[18]

Im nationalsozialistischen Deutschland

Als Meilenstein der jüdischen Jesusforschung während der Nazizeit gilt Rabbi Leo Baeck (Berlin, 1873-1956), dessen Vorkriegsliteratur von der Gestapo öffentlich verbrannt wurde. Baeck brachte es fertig, im Jahr der Reichskristallnacht, in den seltenen Pausen seiner Arbeit bei der Reichsvertretung deutscher Juden sein Werk "Das Evangelium als Urkunde der jüdischen Glaubensgeschichte" (Berlin 1938) zu vollenden. Darin versucht er durch "Abtragung späterer Schichten" (gemeint sind Schriften von Johannes und Paulus), in denen Jesus zum "Gottessohn und Weltenheiland" mythologisiert worden sei, zum ursprünglichen Rabbi Jesus vorzudringen. (Der Einfluss historisch-kritischer Theologie ist nicht zu übersehen!) Aber er sieht Jesus von Nazareth als den Mann, mit dem in Israel die "Reihe der Erlöser" beginnt. Von Jesus bis Schabbatai Zwi zählt Baeck 19 Messiasanwärter.

Kritische Wertung

Die jüdische Leben-Jesus-Forschung des 20.Jh. ist als Kind der Jesuspolemik des Mittelalters und einer bibelkritischen protestantischen Theologie zu verstehen. Sie hat von ihren Eltern sowohl den apologetischen Unterton als auch das Prinzip der Entmythologisierung geerbt, das die biblische Überlieferung relativiert. Man versucht, den neutestamentlichen Texten ihren jeweiligen "Sitz im Leben" abzugewinnen und akzeptiert nur die Teile, die man für authentisch hält. Was nicht ins Bild des Judentums des 1.Jahrhunderts zu passen scheint, bekommt den Stempel "griechische Überfremdung" oder "nachträgliche Mythologisierung".

Etappen der jüdischen Jesus-Forschung

Pinchas Lapide teilt die jüdische Forschung grob in drei Stufen ein, die einander ablösten und "alle aus einer Antithese zum Christusbild der Kirche entstanden sind":

Stufe Bezeichnung Inhalt (so dachten jüdische Theologen über Jesus...)
1 Jesus war Jude Die Erkenntnis, dass Jesus ein Jude nach allen Forderungen des Gesetzes war, wurde zum Aufruf zur Solidarität mit "diesem versprengten Sohn Israels".
2 Jesus war Ur-Jude Jesus wurde nicht als Erlöser von Sünde verstanden, nicht als gottmenschlicher Mittler zwischen Gott und Mensch, sondern schlicht als jüdischer Rabbiner, der die jüdischen Menschen seiner Zeit belehrte.
3 Jesus war Nur-Jude Jesus verkündigte keine christliche, sondern nur menschliche Lehre. Sein Wirken galt nicht der Welt und schon gar nicht der Kirche, sondern einzig und allein Israel.

2. Das moderne jüdisch-theologische Jesusbild

Die Suche nach dem "fünften Jesus"

Die derzeitige jüdische Jesus-Forschung, die Lapide in Ablehnung der Christologie der vier Evangelien als "Suche nach dem fünften Jesus" bezeichnet, geschieht in vier verschiedenen Richtungen:

Jesus - ein Pharisäer?

Jesus wurde von jüdischen Theologen bisher in fast alle denkbaren religiös-sozialen Kategorien eingeordnet.

Manche wollen in Jesus aufgrund jener Stelle in Lk 22,36 einen zelotischen Aktivisten sehen (R. Eisler, J.Carmichael), was aus verschiedenen Gründen unplausibel ist. Deutlich gemäßigter bezeichnet ihn Lapide als "Rebell der Gewaltlosigkeit", der mit seiner Antwort auf die Frage nach der Steuermünze zum passiven Widerstand aufgerufen habe (seine Interpretation: Man soll kein römisches Geld besitzen.).

Dass Jesus nicht den Sadduzäern zuzuordnen ist, darüber sind sich die Forscher einig.

Auch als Essener kann man ihn sich neuerdings (anders als im 19.Jh.) kaum vorstellen, "weil er die Abstinenz der Essener nicht teilte und den Weingenuss keineswegs ablehnte."[20] Dennoch sehen manche in jenem "More Zedek" (Lehrer der Gerechtigkeit), von dem in den Qumran-Rollen die Rede ist, einen Vorläufer Jesu.

Sich Jesus als Prophet im Sinne des AT vorzustellen, fällt manchem deshalb schwer, weil bei ihm die typische Botenformel "So spricht der Herr" fehlt.

Die meisten modernen Rabbiner verstehen Jesus als Pharisäer. Man sieht ihn in einer Linie mit den großen Gesetzeslehrern seiner Zeit, als dritte große Autorität neben Hillel und Schammai. Als Begründung dafür spricht, dass Jesus in zwei für diese Epoche typischen Formen lehrt: Auslegung kanonischer Texte und Gleichnisse.

Jüdische Theologen wehren sich vehement dagegen, in jenem "Ich aber sage euch..." der Bergpredigt einen Bruch mit dem Judentum zu sehen, wie das z.T. in der christlichen Theologie geschieht. Auch seien darunter - so Lapide - keine Antithesen zum Gesetz, sondern Superthesen (Verschärfungen des Gesetzes) zu verstehen (Hier stimme ich zu!).

Allerdings sieht man auch ein Problem: Über den Lehrer Jesu wird im NT nichts berichtet.

In welcher Tradition steht er also? (Eine Frage, die denen, die an Jesus als Messias glauben, keine Probleme bereitet!)

Dass Jesus "als Pharisäer" gegen die Pharisäer polemisiert, wie uns das NT zeigt, erklärt man mit der Existenz von sieben unterschiedlichen Pharisäer-Richtungen, von denen im Jerusalemer Talmud (Berachoth IX.14b) berichtet wird. Dabei gelte Jesu Polemik vor allem den scheinheiligen Moralisten, den "gefärbten Pharisäern". Jesus gehörte - nach Ansicht Lapides - zu den "Liebespharisäern" , die im Talmud als außerordentlich positiv dargestellt werden, weil sie von der Liebe zu Gott und Mitmenschen motiviert waren.

Wer war schuld am Tod Jesu?

Diese Frage ist für Juden nach der Messiasfrage vielleicht die entscheidendste im Themenkomplex der Person Jesu, denn immer wieder sahen sich Juden dem Vorwurf des "Gottesmordes" ausgesetzt. Es lag jüdischen Theologen stets daran (und hier gibt es keine Ausnahmen!), die Unschuld der Juden im Prozess Jesu zu unterstreichen indem man auf römische Grausamkeit und Verantwortung verwies. Viele jüdische Schriften erklären die Prozess-Darstellung der Evangelien insofern als unglaubhaft, als sie der Prozessordnung, wie sie im Talmud (Traktat Sanhedrin) niedergelegt ist, widerspricht.[21]

Auch Pinchas Lapide wird nicht müde, (sehr einseitig!) zu erklären: "Es war römisches Recht, das von dem Römer Pontius Pilatus angewandt wurde... Die sadistisch-brutale Art der Hinrichtung war römisch und dem jüdischen Strafrecht unbekannt; und die Vollstrecker waren römische Legionäre, die mit ihm auch sein ganzes Volk, als angespieenen und dornengekrönten ‚Judenkönig', demütigen wollten... Andererseits waren all jene, die zu Jesus standen ausnahmslos Juden und Jüdinnen."[22]

Ferner verweist Lapide darauf, dass Jesus seinen eigenen Weg zum Kreuz bejahte, ihn auch wollte und mit der gewaltsamen Tempelreinigung und der Frage nach der Kaisersteuer einen Stein ins Rollen gebracht habe, der zu seiner Verhaftung führte.

Die Messiasfrage

Der "Messianismus" ist als Kern der Hoffnungskraft tief im jüdischen Volk verwurzelt und führte nicht selten zur "Messianitis " - einer "akuten Entzündung der theologischen Hoffnungsdrüsen" [23] die regelmäßig mit dem Scheitern eines Messiasanwärters eine tiefe Resignation hinterließ.[24]

Allerdings wurde und wird im Judentum kein überirdischer Erlöser erwartet. Man rechnet auch nicht mit Jungfrauengeburt und Auferstehung.

Es geht letztlich nur um die Aufrichtung des prophezeiten irdischen Friedensreiches.

Auferstehung ja - Messias nein?

Was Jesus von Nazareth betrifft, so hat ein jüdischer Theologe wie Pinchas Lapide ein außerordentlich positives Verständnis, ein Maß an Bibeltreue, das manchen seiner christlichen Kollegen weit in den Schatten stellt. Hier das "Glaubensbekenntnis" Lapides:

Jesus wurde "als Sohn jüdischer Eltern geboren, am achten Tage beschnitten, am vierzigsten Tage im Jerusalemer Tempel wie alle jüdischen Erstgeborenen 'ausgelöst', und mit dreizehn Jahren daselbst Bar-Mitzwah [25] .. Später trat er als Torah-Lehrer in Galiläa und Judäa auf, scharte eine große Bußbewegung um sich, genoss großes Ansehen, wurde häufig als Rabbi tituliert, hat eine gewaltige Lehre verkündet und wurde im Alter von etwa dreiunddreißig Jahren als 'König der Juden' gemäß dem titulus am Kreuz von den Römern gekreuzigt. Nach den synoptischen Berichten wurde er ‚am dritten Tag' von den Toten auferweckt, was dem pharisäischen Glauben seiner Jünger an die Auferstehung entsprach. Obwohl diese Auferweckung am Ostersonntag in weiten Kreisen des heutigen Judentums nicht akzeptiert wird, gehöre ich zu ihren Bejahern, was mein Judentum keineswegs schmälert."

Als Fazit schreibt Lapide unter diese Biografie, dass " Jeschua weder durch Taten noch durch Unterlassungen und auch nicht durch seine Lehre sein gebürtiges Judentum je verletzt, gesprengt oder verlassen" hat. "Kronzeugen für diese Behauptung sind 'alle Synagogen' seiner Heimat, in denen er 'Sabbat für Sabbat' die Torah zu lesen, auszulegen und zu predigen pflegte." [26]

Hier drängt sich die Frage regelrecht auf: Was hindert ihn dann noch, Jesus als Messias anzuerkennen?

Lapide antwortet mit vier Gründen:

  1. Er trat selbst nicht mit dem Anspruch als Messias öffentlich auf.[27]
  2. Er verbot seinen Jüngern und all seinen Bekannten eindringlich, sein Leidensgeheimnis zu enthüllen.
  3. Er entzog sich wiederholt allen Huldigungen von Seiten des Volkes und vollbrachte die meisten Handlungen unter dem Siegel der Verschwiegenheit.
  4. Diese Welt, in der wir leben, ist nach wie vor unerlöst."[28]

Wo bleibt das Friedensreich?

Das 4. Argument Lapides ist für jüdische Theologen das entscheidende:

Wenn Jesus der Messias wäre, dann hätte mit ihm nach jüdischer Sicht das neue Zeitalter, das messianische Friedensreich ("Malchuth Shaddaj") anbrechen müssen. Das ist aber nicht geschehen.[29] Statt dessen erlebten die Juden zwei blutige Jahrtausende, die in den Gaskammern von Auschwitz gipfelten.

Von diesem Denkhintergrund her ist es verständlich, wenn Ben-Chorin schreibt:

"Das Pleroma, die Fülle der Gottheit, soll ja schon in dieses Äon eingegangen sein, nämlich durch die erlösende Opfertat auf Golgatha. Und wir, die wir unter dem Bunde des Gesetzes und im Lichte der prophetischen Verheißung ausharren, wir wissen nichts von einer solchen Zäsur inmitten einer so ganz und gar unerlösten Welt der Krieg und der Angst..."[30]

Wer ist Jesus von Nazareth? Schalom Ben-Chorin antwortet:

"Nicht der Messias, denn die Welt ist unerlöst. Nicht der Sohn Gottes, denn wir wissen nicht um einen solchen. Nicht der gottmenschliche Mittler, denn wir bedürfen seiner nicht. Nicht der Erfüller des Gesetzes, denn wir müssen es selbst erfüllen. Nicht der einzig Gerechte des stellvertretenden Sühneleidens, denn ihrer sind viele."

Kein Messias, aber wer ist Jesus dann in jüdischen Augen?

Wer als Jude den Holocaust im "christlichen Deutschland" überlebt hat, dem fällt es auch heute noch schwer, der Person Jesus irgend etwas positives abzugewinnen. Das Trauma von Auschwitz sitzt teilweise so tief, dass man nur die Linie Jesus - Kirche - Deutschland - Hitler zu sehen vermag!

Aber es gibt auch andere Stimmen. Martin Buber etwa, eine zentrale Gestalt für das heutige Judentum, bezeichnet Jesus als seinen "großen Bruder" [31]

Lapide, der sich für den jüdisch-christlichen Dialog einsetzt, sieht das große Verdienst Jesu darin, dass durch ihn der (jüdische!) Monotheismus international wurde. Er schlussfolgert:

"Um die weltumfassende Heidenkirche ins Leben zu rufen, war das kleine jüdische Ja der Urgemeinde genauso heilsnotwendig wie das große Nein der meisten Juden. Hätte ihn ganz Israel als Messias angenommen, wäre Paulus, wie er selbst betont, niemals zu den Heiden gegangen. Dann aber wäre die jesuanische Bewegung eine innerjüdische Institution geblieben. Das uns bekannte christliche Abendland hätte es so nie gegeben."[32]

Als verbindendes Glaubensgut will der ökumenisch gesonnene Lapide deshalb folgendes verstanden wissen:

"Erstens: Die Vollerlösung steht für uns alle noch aus. Anfängliche Erlösung beginnt für Juden schon mit der Sinai-Offenbarung, für Christen seit dem Golgotha und Pfingsten....

Zweitens: Es verbindet uns - schmerzlich, aber unzweideutig - die Parusieverzögerung[33] wobei Parusie bekanntlich 'Ankunft' und nicht Wiederkehr bedeutet.

Wir sollten uns geschwisterlich den Weltrekord in Ausdauer und in Hoffnungskraft teilen...

Im Sinne von Franz Rosenzweig meine ich: 'Ob Jesus der Messias war, wird sich herausstellen, wenn der Messias kommt.'"[34]

Mit dem jüdischen Theologen Paulus von Tarsus, der mit seinem Volk leidet, stellen wir fest:

"Aber ihr Sinn ist verstockt worden, denn bis auf den heutigen Tag bleibt dieselbe Decke auf der Verlesung des Alten Testamentes und wird nicht aufgedeckt, weil sie nur in Christus beseitigt wird. Aber bis heute, sooft Mose gelesen wird, liegt eine Decke auf ihrem Herzen. Dann aber, wenn es sich zum Herrn wendet, wird die Decke weggenommen." 2Kor 3,14f

Markus Schäller


Der, welcher den wahren Gott nicht kennt, nennt jegliches das seinen Gott, was ihm, wenn auch nur auf Augenblicke, den Tod vergessen lässt.

A. Vilmar

Menschliche Dinge muss man kennen, um sie zu lieben, göttliche dagegen lieben, um sie recht zu verstehen.

Pascal

ANSCHRIFTEN DER AUTOREN:

Andreas Fett, Schoppen 1, 58540 Meinerzhagen
Markus Schäller, Hofer Str. 271, 09353 Oberlungwitz

Redaktion:
Richard Bergmann, Bergstraße 2, 09392 Auerbach/ Erz. (Schriftleiter), eMail: RiBergmann@aol.com
Manfred Schäller, Lugauer Str. 53, 09376 Oelsnitz
Karl-Heinz Vanheiden, Friedrichsgrüner Str. 83, 08269 Hammerbrücke, Tel. 037465-44455 (Sekretär), eMail: KH.Vanheiden@christen.net
Im Internet: http://www.Bibelbund.christen.net


Fussnoten

[1] Talmud und Midrasch sind jüdische Kommentarwerke zum Alten Testament
[2] Als Beispiel sei hier eines der wenigen Talmud-Zitate angeführt: "Hierauf ließ Onkelos Jeschu durch Totenbeschwörung erscheinen und fragte ihn, wer in jener Welt am geachtetsten sei. Israel, erwiderte dieser. Soll man sich ihm anschließen? Jeschu antwortete: Suche ihr Bestes und nicht ihr Böses; wer sie anrührt, rührt Gottes Augapfel an." bGittin 57a
[3] Apologetisch motiviert ist sicher auch jener Hinweis des Talmud (bSanhedrin 43a), daß nach der Verurteilung Jesu ein Herold 40 Tage vor ihm herging und die Menschen dazu aufforderte, etwas zu seiner Verteidigung vorzubringen. Aber es fand sich kein Entlastungszeuge.
[4] Lapide, Pinchas, Ist das nicht Josephs Sohn? Jesus im heutigen Judentum, Stuttgart 1976, S.110
[5] Lapide, ebd. S.111. In heutigen jüdisch-messianischen Gemeinden legt man deshalb viel Wert darauf, den Namen Jesus nicht "Jeschu" auszusprechen (was philologisch korrekt wäre), sondern "Jeschua (haMaschiach)".
[6] vgl. Krauss, S., Das Leben Jesu nach jüdischen Quellen, Berlin 1902
[7] vgl. Ben-Chorin, Schalom, Jesus im Judentum, Wuppertal 1970, S.8 Diese Tholedoth soll in einigen Kreisen des aschkenasischen Judentums bis in jüngste Zeit hinein in der Weihnachtsnacht als Verballhornung gelesen worden sein. Heute spielt sie jenseits der gelehrten Forschung fast keine Rolle mehr. Moses Mendelsohn nannte die Tholedoth "eine Mißgeburt aus den Zeiten der Legenden". Die Ablehnung Jesu als "Zauberer" und "Volksverführer" findet sich allerdings auch bei solch profilierten Rabbinern wie Rabbi Salomo Ben Isaak ("Raschi"; 1040-1105; bekannt durch Bibelkommentar). Heute lebt der Gedanke z.B. bei M.Smith (The Secret Gospel, New York 1973) wieder auf. (vgl. Lapide, Ist das nicht..., a.a.O., S.79)
[8] bSanhedrin 44b (zit. bei Lapide, Ist das nicht..., a.a.O., S.89)
[9] Lapide, Ist das nicht..., a.a.O., S.87f
[10] gemeint ist Jakob I. von Aragonien
[11] Lapide, Ist das nicht..., a.a.O., S.94f
[12] Als maßgebliche Stimme sei hier Moses Mendelsohn zitiert: "Jesus von Nazareth hat selbst nicht nur das Gesetz Moses, sondern auch die Satzungen der Rabbinen beobachtet..." Mendelsohn, Jerusalem, Leipzig 1843, S.357
[13] Lapide, Ist das nicht..., a.a.O., S.119
[14] Das Verhältnis gegenüber der christlichen Leben-Jesus-Forschung und kirchlichen Christologie reichte vom Aufruf eines Wiener Oberrabiners bis zum Kampfruf De Jonges: "Fort aus dem Evangelium, ihr Pfaffen! Hände weg von Jeschua! .... Her mit eurem Raub! ... Jeschua den Juden!" (De Jonge, Jeschua, der klassische jüdische Mann, Berlin 1904, S.100)
[15] Wise, S., Challenging years, New York 1956, S.281
[16] Als Ausnahme gilt dabei der orthodoxe Rabbiner Aron Kaminka (Wien; 1866-1932), der in seinen Studien zur Geschichte Galiläas, Berlin 1890 die jüdische Identität Jesu bestritt indem er erklärte, dass das "ganze Land Galiläa ... tatsächlich aufgehört" habe, "israelisch zu sein... Galiläa blieb nach wie vor heidnisch, von einer gemischten Bevölkerung bewohnt." Er bezog sich dabei u.a. auf Jes 8,23 ("Galiläa der Nationen"). Von dem Gedanken aus, dass Jesus ein "Mischling" gewesen sei, war es für W. Hauer keine große Hürde mehr, Jesus zum "Sohn eines deutschen Soldaten und einer persischen Mutter" werden zu lassen, was Jesus während der Nazizeit "rassistisch entlasten" sollte. (Hauer, Ein arischer Christus, Karlsruhe 1939)
[17] Klausner, J., Jesus von Nazareth, Deutsche Ausgabe, Berlin 1934
[18] Wise, a.a.O. S.283 (zit. bei Lapide, Ist das nicht..., S.138)
[19] vgl. Lapide, Ist das nicht..., a.a.O.; S.44f
[20] Ben Chorin, a.a.O., S.61
[21] Allerdings weist Prof. Salomon Zeitlin (ebenfalls Jude) in seinem Buch, "Who´s crucified Jesus?", New York 1942, mit Recht darauf hin, dass jene talmudische Prozessordnung erst lange nach der Auflösung des Sanhedrin kodifiziert wurde. Demnach handelt es sich um eine theoretische Darstellung, die keinen Rückschluss auf den Prozess Jesu zulässt!
[22] Lapide, Jesus - ein gekreuzigter Pharisäer?, Gütersloh 1990, S.35
[23] Lapide, Jesus..., a.a.O., S. 30
[24] Dies ist vermutlich der Grund, weshalb im Reformjudentum des 19.Jh. die Messiashoffnung entpersonalisiert wurde.
[25] zu deutsch: "Sohn des Gesetzes", also volljährig
[26] Lapide, Jesus..., a.a.O., S.32
[27] Hier muss man Einspruch erheben: Der Titel "Menschensohn" ist nach Dan 7 ein deutlicher Messiasanspruch! Auf die Frage des Hohenpriesters, ob Jesus der Messias ist, antwortet er klar: "Du hast es gesagt." und verweist auf Dan 7! (Mt 26,64)
[28] Lapide, Jesus..., a.a.O., S.32
[29] Wer nur die Prophetien des AT kennt, dem ist dieser Gedanke fast zwingend. Das NT macht aber deutlich, dass sich mit Jesus auch die eschatologische Sicht (als Offenbarungsfortschritt) ändert : Das Reich Gottes beginnt mit Jesus, aber wird nicht in einem Augenblick aufgerichtet. Es beginnt so klein wie das Senfkorn, aber wächst unaufhaltsam bis zur vollen Größe (siehe Wachstumsgleichnisse). Die Zeit des Wachstums des Reiches Gottes ist eine "Zeit zwischen den Zeiten", zwischen "Schon" und "Noch nicht".
[30] Ben-Chorin, a.a.O., S.66
[31] Buber, Martin, Zwei Glaubenslehren, Zürich 1950
[32] Lapide, Jesus..., a.a.O., S.34
[33] Mit 2Pt 3,9 müssen wir hier protestieren!
[34] Lapide, Jesus..., a.a.O., S.38