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38-40
1997
Bibelbund e.V. Infobrief Nr. 38-40
Geschäftsstelle & Verlag Friedrichsgrüner Str. 83, D-08269 Hammerbrücke, Tel. 037465/44455, Fax: 037465/44422, eMail: Bibelbund@christen.net
Internet: http://www.bibelbund.christen.net

Inhalt:

Wort zum Nachdenken: (Karl-Heinz Vanheiden)
Wort zum Nachdenken: (Ansgar Przesang)
Wort zum Nachdenken: (Wilfried Schäl)
Scientology Reinhold Kärmer
Merkmale falscher Propheten Manfred Schäller
Starb Jesus an einem Kreuz? Sigrid Raquet
Die postmoderne Erlebnisgesellschaft und ihr Einfluß auf die Gemeinde - ein Bericht von Richard Bergmann
Die "Lehre der Nikolaiten", was versteht man darunter? Manfred Schäller


Wort zum Nachdenken

Von den 1005 Liedern, die Salomo geschrieben hat, ist das Hohelied das beste und schönste. Das sagt schon sein Titel. Trotzdem haben die Gläubi-gen aller Zeiten große Probleme mit ihm gehabt, denn nir-gendwo nimmt es auf geistliche Dinge oder auf Gott direkt Bezug.
Häufig hat man sich deshalb nicht anders zu helfen gewußt, als es in einer Weise auszulegen, die dem Text eine andere Bedeutung unterschiebt. Man hat die Aussagen des Liedes so nur als Bilder für geistli-che Wahrheiten verstanden. Solch eine Auslegung ist aber sehr problematisch und will-kürlich, denn sie stützt sich nicht auf das, was dasteht, sondern letztlich auf die Fantasie des Auslegers. Eine konse-quente Vergeistlichung des Ho-henliedes ist sowieso nicht möglich, denn das würde zu geschmacklosen Entgleisungen führen.
Wir sollten es deshalb wörtlich nehmen: als ein Loblied auf die Ehe, auf die Liebe zwischen dem Mann und seiner Frau. Das Hohelied rühmt die Schönheit und Reinheit ehelicher Liebe. Es spricht von der Ehe so, wie sie sein sollte.
Die Wirklichkeit einer menschlichen Ehe ist freilich nur die schwache Kopie eines hervorragenden Origi-nals. Das Original ist Gottes Liebe zu seinem Volk, zu Israel und zur Gemeinde. Eine Ehe ist demnach Abbild jener göttlichen Wirklichkeit und nicht um-gekehrt. Doch in den Erfahrungen unserer von Gott geschenkten ehelichen Liebe begreifen wir ein wenig von dem, was seine Liebe zu uns ausmacht.

Karl-Heinz Vanheiden

"Nach Einsichtnahme in Ihre Satzung sehen wir durch die prinzipielle und missionarische Zielsetzung des Vereins eine Problematik gegeben (u.a. auch wegen der von einem unfehlbaren und vollgültigen Gotteswort ausgehenden Bibelinterpretation). Daher kann die Sondernutzungserlaubnis nicht in Aussicht gestellt werden." - dies schreibt eine Berliner Sachbearbeiterin. Wir hatten die Genehmigung beantragt, auf öffentlichem Straßenland einen Infomationsstand aufzustellen. Hier sollten evangelistische Bücher angeboten werden, hier wollten wir zu einem Bibelgesprächskreis einladen. Unsere Satzung schreibt von Christen, "die nach Bekenntnis und Wandel auf dem Boden der gesamten Heiligen Schrift steht." Bedauerlich und erschreckend zugleich, daß eine solche Bibelhaltung zum "KO"-Kriterium werden konnte!
Wir haben Widerspruch eingelegt - und sind gespannt, wie es weitergeht. Aber eine andere, wesentlichere Frage schiebt sich in den Vordergrund: Wie setzen wir eigentlich folgende Weisung des Herrn um? 1Tim 2, 1+2: "Ich ermahne nun vor allen Dingen, daß Flehen, Gebete, Fürbitten, Danksagungen getan werden für alle Menschen, für Könige und alle, die in Hoheit sind, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen mögen in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit."
Der bekannte Politiker Dr. Horst Waffenschmidt hat ein kleines Büchlein geschrieben mit dem Titel "Betet für Bonn, betet für Deutschland". Bei allen Fragen, die wir an die Christlichkeit manches "Christlichen" in der Politik stellen müssen: wir sollten unserer Obrigkeit den Dienst erweisen, für sie zu beten. Dann werden sicher mehr Entscheidungen anders gefällt.
Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl hat einmal gesagt: "Die Gebete der Christen bewirken manchmal mehr als lange Konferenzen der Politiker." Paulus meint hingegen: "Die Gebete der Christen bewirken einiges für die langen Konferenzen der Politiker." Laßt es uns tun!

Ansgar Przesang

Kürzlich blieben meine Gedanken an einem Vers von Psalm 119 hängen:
Ps. 119,5 "Oh, daß doch meine Wege beständig wären, um deine Ordnungen zu halten!"
Der Schreiber dieses Psalms war mir eigentlich als ein Mann mit einer vorbildlichen Beziehung zu Gott und seinem Wort in Erinnerung. Ob er trotz allem an dieser Stelle auch um Defizite wußte?
Ziemlich schnell mußte ich an mein eigenes Verhältnis zu Gott denken und feststellen, daß hier durchaus noch Steigerung möglich ist. Da glaubt man schon, gute Gewohnheiten eingeübt zu haben und merkt nicht, wie sich Unarten einschleichen, z.B. durch veränderte Lebensumstände oder einfach die Hektik unserer Zeit.
Unser Widersacher weiß genau, wo die Schwachstellen der einzelnen Gläubigen liegen, an denen er ansetzen kann. Dagegen helfen keine guten Vorsätze oder frommen Klimmzüge, sondern eine tiefe Liebe zu Gott und zu seinem Wort, so wie sie uns in diesem Psalm immer wieder begegnet (nachlesen lohnt garantiert!).
Um Fortschritte in dieser Beziehung darf man sicher beten, dabei aber das Tun, also intensives Bibel-studium nicht vergessen. Ob an dieser Stelle das profane Sprichwort "Der Appetit kommt beim Es-sen." nicht zutrifft?
Mir war dieser Vers 5 in Psalm 119 aus dem Herzen gesprochen, und die Beschäftigung damit Anlaß zu einer kritischen Selbstkontrolle. Ob ich nächstens bei Vers 129 hängenbleiben werde?
Wilfried Schäl

Scientology

"In der Nacht des 24. März 1988, die seine letzte sein sollte, wälzte sich Patrice Vic, 31, stöhnend in sei-nem Bett, wie sich seine Ehefrau Nelly erinnert. Um fünf Uhr sprang er von seiner Schlafstätte auf und stürzte sich mit den Worten, die einzige Lösung, vom Balkon zwölf Stockwerke hinab in die Tiefe. Grund für die Verzweiflungstat des einst fröhlichen Lyo-ners: Der zweifache Familienvater konnte die 30.000 Francs nicht auftreiben, die er für eine innere Reini-gung brauchte. Die rabiate Reinigungsfirma: The Church of Scientology."
So beginnt der "Spiegel" in seiner Oktoberausgabe 96 einen Bericht über einen spektakulären Prozeß. Es ist das erstemal, daß gewissermaßen Scientology als Institution - sie sieht sich mit ihren sieben Millionen Anhängern als Kirche, und wird in den USA auch als solche anerkannt, - in Frankreich der Prozeß gemacht wird. Man wirft der Organisation vor, sie beute für kommerziellen Profit Vertrauen und Gutgläubigkeit ihrer Opfer mittels pseudowissenschaftlicher und paramedizinischer Methoden aus und schaffe medi-zinisch - psychologische Risiken. Jedoch, ein gesetz-liches Verbot droht den Anhängern des 1986 ver-storbenen Gründers L. Ron Hubbard in Frankreich nicht: Verfassung und die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte garantieren Glaubensfreiheit.

1. Ist Scientology überhaupt eine Religionsgemeinschaft?

In ihrer Selbstdarstellung gibt sich Scientology als Religionsgemeinschaft aus. Sie kenne den einzigen Weg, auf dem der Mensch auf Dauer seine Probleme lösen könne. Die dazu notwendigen Techniken seien zudem einfach zu erlernen, durchzuführen und schnell wirkend. Dies klingt harmlos, sogar vielversprechend.
Wer sich aber ein Urteil bilden will, muß sich mit Lehre und Praktiken von Scientology auseinandersetzen.
Claudia Nolte, Bundesministerin für Familie, Senio-ren, Frauen und Jugend, sei mit folgender persönli-cher Stellungnahme zitiert: "Die Scientology-Organi-sation ist keine Religions- oder Weltanschauungsge-meinschaft, sondern ein weltweit operierendes, hem-mungslos auf Gewinn ausgerichtetes Unternehmen. Für mich steht fest: Scientology vereint unter dem Deckmantel einer Religionsgemeinschaft Elemente der Wirtschaftskriminalität und des Psychoterrors gegenüber ihren Mitgliedern mit wirtschaftlichen Betätigungen und sektiererischen Einschlägen. Ich halte Scientology für eine der aggressivsten Gruppie-rungen in unserer Gesellschaft mit einem bedenklichen Demokratieverständnis und einem menschen-verachtenden Gesellschaftsbild." (1)
Scientology stellt sich selbst in etwa so dar: "Scientology ist eine angewandte religiöse Philosophie. Sie hat viele Glaubenssätze mit anderen Religionen und Philosophien gemeinsam und betrachtet den Menschen als unsterbliches geistiges Wesen, das aus mehr als nur Fleisch und Blut besteht. Diese Ansicht unterscheidet sich allerdings wesentlich von vorherrschenden wissenschaftlichen Überlegungen, die den Menschen einfach als einen materiellen Gegenstand ansehen, also eine Kombination aus chemischen Bestandteilen und Reiz-Reaktions-Mechanis-men." (2)
Aus einer Vielzahl von Anweisungen Hubbards, dem Gründer von Scientology, wird jedoch deutlich, daß im Mittelpunkt des scientologischen Denkens stets die Gewinnerzielung und nicht religiöses Gedankengut steht. Das unbedingte Streben nach Gewinn dokumentiert sich in der Anweisung: "Make money - make more money - make other people produce so as to make money" (3)
"Kirchliche Attribute werden benutzt, um den Verkauf zu steigern. So soll zur Absatzsteigerung beim Vertrieb des Dianetik-Buches die "Kirche" herausgestellt werden, um einen religiösen Charakter zu erzielen, der die Leute zum Kauf bewegt." (4)
"Die Bundesregierung ist der Auffassung, daß die Scientology-Organisation weder eine Religions- noch eine Weltanschauungsgemeinschaft ist. Denn ihre Ziele sind eindeutig auf wirtschaftliche Aktivitäten ausgerichtet. Die Behauptung, eine Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft zu sein, stellt nur einen Vorwand dar. Deshalb kann sich die Scientology-Organisation auch nicht auf die durch Artikel 4 des Grundgesetzes geschützte Religionsfreiheit berufen.
Dem Bundesarbeitsgericht zufolge dient das Auftreten der Scientology-Organisation als "Kirche" lediglich als Vorwand zur Verfolgung ihrer wirtschaftlichen Interessen (Beschluß vom 22.03.1995 - 5 AZB 21/ 94). Als menschenverachtend und für Betroffene gesundheitsgefährdend wertet das Bundesarbeitsgericht die Tatsache, daß Scientology gemäß interner Weisungen seine Mitarbeiter ständig zu neuen Höchstleistungen antreiben will. Daneben weist das Gericht auf totalitäres Gedankengut hin, welches sich sowohl in den schriftlichen Anweisungen Hubbards als auch in Praktiken der Organisation zeige." (5)
Beobachtungen von Außenstehenden und vor allem Berichte von Aussteigern erhärten diese Aussagen. Eine Abschwächung dieser Anschuldigung mit der Begründung, es handele sich um "Schwarz-Weiß-Malerei", entbehrt jeglicher Grundlage.

2. Wie ist Scientology entstanden?

Der 13.03.1911 ist für jeden Scientologen Pflichtwissen. Denn an diesem Tag wurde L. Ron Hubbard in Tilden im Bundesstaat Nebraska als Sohn eines Marinefregattenkapitäns geboren. Eine sehr wichtige Rolle für die spätere Entwicklung von L. Ron Hubbard spielte seine Mutter. Vor ihrer Heirat mit Rons Vater hatte sie das Lehrercollege besucht. Sozusagen als Privatlehrerin ihres Sohnes öffnete sie ihm sehr früh den Zugang zu Werken und Leben z.B. von Shakespeare, griechischen Philosophen und anderen Klassikern.
Eine Biographie, wie man sie gewohnt ist, läßt sich nicht finden. Scientology beschreibt sogenannte "Schlüsseler-leb-nisse" aus dem Leben ihres Grün-ders. Vergleicht man den Wert, den man der Person L. Ron Hubbards beimißt mit den Zeilen, die man für seine Biographie verwendet, so ist allergrößte Schieflage zu beobachten. Die Lobeshymnen auf die fast übermenschliche Erscheinung des Gründers ma-chen aber diesen Rückstand leicht wett.
"Es war in jeder Hinsicht ein außerordentlich abwechslungsreiches und interessantes Leben, aber der wahre Wert liegt im Erbe, das er der Menschheit hinterlassen hat." (6) Das Erbe, das Hubbard hinterläßt, ist einmal "die Lösung des Rätsels des menschlichen Verstandes" und das Auffinden "von fehlenden Puzzleteilen zum lange gesuchten Etwas, das wir Leben nennen". Laut Scientology war "seine lebenslange Suche abenteuerlich", hier darf jeder spekulieren, wie das gemeint sein kann, und zugleich erfolgreich.
Man kann in Kurzform sagen, seine Jugendjahre waren geprägt von ausgedehnter Reisetätigkeit. Anfänglich beschränkte sich dies auf das Gebiet der USA. Hier traf er auch einen gewissen Commander Joseph C. Thompson. Thompson war Sanitätsoffizier bei der US-Marine und studierte in Wien unter Sigmund Freud. Von ihm bezog Hubbard seine Informationen betreffs neuester psychologischer Erkenntnisse.
Hubbard reiste wenig später über den Pazifik und lernte nun die Kultur des Fernen Osten kennen. Ein gewisser weiser Magier aus Peking vom Hofe Kublai Khans, oder später buddhistische Mönche in den westlichen Bergen Chinas, auch aus der Mongolei stammende ansässige Tatarenstämme und andere Lehrmeister unterrichten ihn. In Schreibart von Scientology heißt es, daß L. Ron begierig ihre "Äußerungen absorbierte". Weitere Reisen führten ihn nach Japan, Guam, den Philippinen und weiteren teilweise sehr entlegenen Pazifikinseln.
Nach dieser ausgedehnten Reisetätigkeit versucht es Hubbard wieder einmal mit der Schule. 1929, als 18-jähriger, besucht er zuerst die Swavely Prep School in Manassas (Virginia), anschließend findet man ihn als Schüler der Woodward School for Boys (Washington) wieder. "Dann schrieb er sich an der George Washington Universität ein. Es wäre naheliegend gewesen, das Fachgebiet Völkerkunde zu belegen, da er bereits Experte für viele Kulturen war - von den Pygmäen auf den Philippinen über die kayanischen Schamanen auf Borneo bis hin zu den Chamorros von Guam. Aber das Schicksal und sein Vater fügten es glücklicherweise, daß er Mathematik und Ingenieurwesen studierte." (7)
So liest sich Hubbards Biographie im Originalton von Scientology. Sicher fragt hier mancher Leser, wie denn Scientology mit Begriffen wie Schicksal, Glück und Unglück umgeht. Doch darüber erfährt man nichts. Hingegen betont Scientology, daß Hubbard nun aufgrund seiner vielseitigen Bildung dem "Rätsel des Daseins" immer mehr auf die Schliche kam. Hubbard begann, "alles Wissen zusammenzufügen und es zu testen, ob es beachtenswert war, funktionierte und wirklich dazu beitragen konnte, die Probleme des Menschen zu lösen. Und so begann er, präzise zu berechnen, wie der Verstand funktionierte." (8)
Davon abgesehen, daß L. Ron Hubbard sicherlich ein ausgesprochen intelligenter Mann war, darf man schon vorsichtig anfragen, inwieweit denn seine wissenschaftlichen Erkenntnisse überhaupt das Prädikat wissenschaftlich verdienen. Ein Beispiel sei dazu genannt.
Hubbard stellte Experimente mit einem sogenannten Koenig-Photometer, einem Meßgerät für Schallwellen, an. Zwei Studenten lasen Gedichte, einmal in englischer, dann in japanischer Sprache vor. Hubbard stellt fest, daß "das Gerät beide Aufnahmen als Gedicht identifizierte und dieselbe Wellenlänge produzierte". Seine Schlußfolgerung, nämlich "die Menschen sind gar nicht so verschieden, sondern es gibt tatsächlich einen gemeinsamen Nenner, der Verstand reagiert auf gleiche Reize identisch", läßt sich schwerlich als bahnbrechende wissenschaftlich experimentell nachgewiesene Erkenntnis verkaufen. Man braucht hier gar kein Physiker mit Spezialkenntnissen auf dem Gebiet der Akustik oder ein Sprachwissenschaftler zu sein. Schon die Beobachtung, daß Hubbards Experimente in wissenschaftlichen Kreisen keinerlei Aufsehen erregten, läßt ahnen, welchen Wert man diesen Arbeiten beimaß. So klagen die Scientologen selbst, "daß seine Entdeckungen, Ergebnisse und Schlußfolgerungen von den Psychologen der George Washington Universität überhaupt nicht verstanden wurden und schlimmer noch, daß sie nicht einmal daran interessiert waren". (9)
War Hubbard das von niemandem geachtete und verstandene Genie? "L. Ron Hubbard begriff, daß ihn das College nicht weiterbringen würde. Also verließ er es zur Zeit der großen Depression und machte sich wieder auf in die Welt, um mehr über das Leben herauszufinden." (10)
Da scheinbar der Geldfluß von zu Hause versiegt war, (Waren Hubbards Eltern mit dem, was Ron anstellt nicht einverstanden?!) mußte Hubbard seine Reisen nun selbst finanzieren. "Hubbard begann sich seine Weg zu Ruhm und Reichtum zu schreiben." (11) Angeblich zählte er zu den meistgelesenen Schriftstellern der dreißiger Jahre. Seine Reiseerlebnisse waren wohl auch ein unerschöpfliches Reservoir an Stoff für den Inhalt seiner Geschichten. Und wer einmal eines seiner Bücher gelesen hat, wird zugeben müssen, ein schlechter Schriftsteller war L. Ron Hubbard keinesfalls.
Noch vor Ausbruch des 2. Weltkrieges bekam L. Ron Hubbard seine Kapitänspatente. Mit dem Eintreten Amerikas in den Krieg wurde er als Korvettenkapitän zur See berufen und erlebte verschiedene Kriegsschauplätze auf dem Atlantik und Pazifik. 1945 wurde er aufgrund von Kriegsverletzungen in das Marinehospital von Oak Knoll eingeliefert. Hier beobachtete er unter den 5.000 Patienten besonders die Behandlung von ehemaligen amerikanischen Kriegsgefangenen. Viele waren aufgrund von Unterernährung in einem schlechten körperlichen Zustand. Hubbard konnte verfolgen, wie durch Hormonbehandlungen wechselnde Erfolge erzielt wurden. Jetzt war er an der Reihe. Der Patient wurde zum Arzt. "Hubbard nutzte die Gelegenheit, um nicht nur seinen Kameraden zu helfen, sondern auch, um eine von ihm entwickelte Theorie in der Praxis zu testen." (12) Hubbard suchte die Ursache für Mißerfolge der Hormonbehandlung "in einer ernsthaften mentalen Sperre. Wenn der Verstand in der Lage wäre, dem Körper eine derartig starke Beschränkung aufzuerlegen, dann wäre bewiesen, daß die Funktion die Struktur steuert und nicht die Struktur die Funktion - der Gedanke ist der Boß." (13)
Laut scientologischer Überlieferung stellten sich Hubbards Heilerfolge aufgrund "seiner revolutionären Idee spontan" ein. Damit ja niemand sagen könne: "Arzt heile dich selbst!", wandte Hubbard diese Methoden auch bei sich selbst an. Eine Kommission von "Offizieren des Ruhestandsausschusses der Marine, die den Fall Hubbard untersuchen sollte, brachte seine völlige Genesung aus der Fassung. Hubbard, halbblind durch Verletzungen der Sehnerven und gelähmt durch Hüft- und Rückenverletzungen, ein Mensch, der bei Kriegsende in Stücke geschossen worden war, mußte nach einer eingehenden körperlichen Untersuchung für gesund erklärt werden und genauso mußte ihm wieder die volle Diensttauglichkeit bescheinigt werden." (14) Hier darf nun jeder Leser seinen eigenen Glauben oder Unglauben voll zur Entfaltung kommen lassen.
Hubbard begann mehr und mehr seine Forschungsergebnisse zu Papier zu bringen. Jedoch, Amerika schäme dich, wiederum erkennt das Establishment für Gesundheitspflege, also die American Medical Association und die American Psychiatric Association nicht den geniehaften Wert der Arbeiten eines Bürgers ihres Landes. Man zeigt nicht nur kein Interesse an Hubbards Arbeit, nein man weigert sich auch, die Ergebnisse zu untersuchen. L. Ron Hubbards Dianetik stieß nicht nur auf Ablehnung, angeblich versuchte man sogar, ihre Anwendung zu unterbinden. "Anstatt einen so bewährten Durchbruch auf dem Gebiet des Verstandes mit offenen Armen aufzunehmen und dessen Verbreitung zum Wohle der Menschheit zu unterstützen, waren die Kritiker nur auf die Wahrung ihrer eigenen Interessen bedacht, oder es mit einem Wort zu sagen, Habsucht." (15)
Hubbard entschloß sich, seine Werke öffentlich zu publizieren. Die Veröffentlichung seines Buches "Dianetik - der Leitfaden für den menschlichen Verstand" legte im Jahre 1950 sozusagen den Grundstein für den Beginn der Entwicklung der Scientology-Organisation. Um die im Dianetik-Buch beschriebene Selbsthilfemethode zur Verwirklichung der eigenen Fähigkeiten umsetzen zu können, wurde 1950 ein erstes dianetisches Zentrum in den USA gegründet. Ganze vier Jahre später, nachdem es Probleme mit der amerikanischen Gesundheits- und Steuerbehörde gegeben hatte, gründete L. Ron Hubbard am 18. 02.1954 die erste offizielle "Scientology-Kirche" in Los Angeles.

3. Wie ist Scientology heute organisiert?

"Scientology ist heute unter der Leitung von David Miscavige eine streng hierarchisch durchstrukturierte weltweit operierende Organisation. Nach eigenen Angaben soll es in 107 Ländern 3.100 "Kirchen", "Missionen" und angeschlossene Organisationen mit ca. 8 Millionen Mitgliedern geben. Das Managementzentrum befindet sich in Los Angeles, das geistige Hauptquartier in Clearwater (Florida). Die europäische Zentrale hat ihren Sitz in Kopenhagen." (16) 1970 wurde in München die Scientology Kirche Deutschland e.V. gegründet. Außerdem gibt es eine Vielzahl von Einzelorganisationen, die in ihrem Namen den Begriff 'Scientology' nicht führen, aber dennoch scientologische Einrichtungen sind.
So zum Beispiel verfügt die Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte (KVPM) über mindestens 8 Niederlassungen im Bundesgebiet. Sie hat das Ziel, Mißstände in der Psychiatrie aufzudecken und zu bekämpfen. Größere Aktivitäten entfaltet die KVPM auch im Bereich von Kindergärten. So wurde in Schreiben an Kindergärten behauptet, daß "Kindern und Jugendlichen bewußtseinsverändernde Drogen aus der psychiatrischen Industrie verabreicht würden" (17). So verschaffen sich KVPM-Mitglieder getarnt als Teddybär- und Puppenvertreter Zutritt zu Kindergärten und Tagesstätten. Den Eltern überaktiver Kinder wurde später von KVPM psychologische Hilfe angeboten.
Auch im Schulbereich lassen sich Aktivitäten von Scientology erkennen. "Das Zentrum für Individuel-les und Effektives Lernen (ZIEL) ist eine Zweigstelle der internationalen Vereinigung Scientologys unter dem Namen APPLIED SCHOLASTICS INTERNA-TIONAL. Diese Vereinigung hat das Ziel, Kinder und Erwachsene mit der Lern- und Studiertechnolo-gie Hubbards vertraut zu machen, indem sie z.B. Hausaufgabenhilfe und Privatunterricht anbietet." (18)

4. Welche Ziele hat Scientology?

"Grundsätzlich geht es in Scientology um den einzelnen Menschen. Ihr Ziel ist, jedem zu helfen, sich und sein Leben ausreichend zu verstehen, um ihn in die Lage zu versetzen, alles zu verbessern, was er als notwendig erachtet, in einer Weise, die er als notwendig erachtet." (19)
So kann man auf den ersten Seiten lesen und viele Interessierte werden mit dieser ganz individuellen Note darauf aufmerksam gemacht, hier gibt es keine Massenabfertigung, vielmehr will man sich um den Einzelnen kümmern. Hier ist jemand, der sich im Milliardenheer dieser Erde ganz speziell um meine individuellen Sorgen, Nöte und Probleme kümmern will. Nun ist es ja keine neue Beobachtung von Scientology, daß Wohlstand allein den Menschen nicht glücklich machen kann, daß Wohlstand allein dem Leben nicht ausreichend Sinn geben kann.
"Die Wissenschaft konnte trotz Fortschritt Fragen der Menschen nicht beantworten: Wer sind wir? Woraus bestehen wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was tun wir? - Scientology, die sich aus ähnlichen Erkenntnissen wie denen, die zur Kernphysik führten, entwickelte, fand zeitgemäße Antworten auf diese Fragen. Und sie lieferte wirksame Methoden der Anwendung, die es dem Menschen ermöglichen, das Ziel, nach dem er Tausende von Jahren gesucht hatte, zu erreichen: sich selbst und - aus diesem Wissen heraus - auch andere und letztlich das Leben selbst zu verstehen." (19)
Die Sinnfrage wird zentral gestellt, ja noch mehr, man soll nicht nur einen Sinn erkennen, man soll sich selbst und die Umwelt völlig verstehen. Dies habe dann auch ganz praktische Auswirkungen, denn all das, was es an negativen Dingen auf dieser Welt gibt, läßt sich erklären. Aber um es zu wissen, zu verstehen und erklären zu können, muß das getrübte, fast eingeschlafene Bewußtsein aufgeweckt werden. Hier setzt man die Hebel an.
Die alltäglichen Belastungen beanspruchen die Aufmerksamkeit in einem solchen Ausmaß, daß das Bewußtsein bezüglich der eigenen Person und der Umgebung entscheidend beeinträchtigt wird. Vermindertes Bewußtsein führt jedoch unausweichlich zu Problemen, Schwierigkeiten mit anderen "zu Krankheit und Unglück". Es ist das Ziel von Scientology, diesen Prozeß des abnehmenden Bewußtseins umzukehren und den Menschen im wahrsten Sinne des Wortes aufzuwecken. Mit zunehmender geistiger Klarheit nehmen auch Intelligenz und Verstehen zu und somit die Fähigkeit, mit dem Leben umzugehen.
Zu den Problemen dieser Welt, die Scientology so oder ähnlich beseitigen will, zählen neben allen kriegerischen Auseinandersetzungen, steigenden Kriminalitätsraten, Drogenmißbrauch, Analphabetentum auch Geisteskrankheiten. Eine Zivilisation ohne Geisteskranke, ohne Verbrecher und ohne Krieg, in der fähige Wesen erfolgreich sein können, und in der der Mensch die Freiheit hat, zu größeren Höhen aufzusteigen - das sind die Ziele von Scientology.
Warum legt man so großen Wert auf den Kampf gegen die Geisteskrankheiten? Bei dieser Fragestellung fällt der erste Blick auf das Menschenbild von Scientology. "Scientology glaubt, daß der Mensch grundsätzlich gut ist und nicht böse. Es sind seine Erfahrungen, die ihn bösartige Handlungen tun ließen, nicht seine grundlegende Natur. Da der Mensch grundsätzlich gut ist, ist er zu geistiger Verbesserung fähig. Es ist das Ziel von Scientology, ihn geistig zu befreien, um ihn in die Lage zu versetzen, sein Leben in den Griff zu bekommen und seine Probleme selbst zu lösen. Scientology geht von Folgendem aus: Hilft man jemanden, seine Intelligenz zu steigern, dem Leben offener gegenüberzustehen und die wesentlichen Elemente darin leichter zu erkennen, ist er auch fähig, mit seinen Problemen selbst fertig zu werden und sein Leben zu verbessern." (21)
Das Menschenbild von Scientology ist deutlich philosophisch geprägt. Man ist ja fast gezwungen, von gewissen Denkansätzen auszugehen, denn wenn der Mensch nicht von Natur aus gut ist, dann werden alle angepriesenen Selbsterlösungs- und Rettungsversuche schon am Mensch selbst scheitern müssen. Scientology hat zwar richtig erkannt, daß jegliche Verbesserung des Lebens auf dieser Erde nur gelingen kann, wenn beim Mensch zuerst Änderungen geschehen. Ein von Natur aus böser Mensch ist aber nicht reformierbar. Ein im innersten guter Mensch, der nur durch die Umwelt irritiert wurde, ist dagegen zu einem Neuanfang in der Lage. Der neue Mensch ein scientologischer Prägung ist demzufolge ein wichtiges Ziel.
5. Welche Lehren vertritt Scientology?
Die Methode 'Dianetik' entwickelte L. Ron Hubbard, um "ungenutztes geistiges Potential und die wahren Fähigkeiten freizusetzen". Der menschliche Verstand wird als Datenbank verstanden. Er kann nur dann alle Probleme lösen, wenn ihm vollständige und richtige Daten zur Verfügung stehen. Der "analytische" Teil des Verstandes ist für Problemlösungen zuständig. Im "reaktiven" Teil sind alle schmerzlichen Wahrnehmungen, sogenannte Engramme, gespeichert. Diese Engramme behindern jedoch alle Versuche des "analytischen" Verstandes, Probleme zu lösen. Dies ist die Ursache für die Entstehung psychischer Störungen. Ziel von Dianetik ist es, die Engramme zu löschen. Dieser schrittweise Befreiungsprozess soll einen Menschen mit übernatürlichen Qualitäten erzeugen, der frei von körperlichen und seelischen Beeinträchtigungen ist, der sogenannte "Clear".
Interessanterweise enthält Dianetik, die sich ausschließlich mit Körper und Verstand befaßt, keinerlei religiöse Ansätze. Haben Hubbard die Probleme mit der amerikanischen Steuerbehörde etwa auf die Idee gebracht, diese Klippen auf religiöse Art und Weise zu umschiffen? Hubbard erfand jedenfalls anschließend "eine Lehre des Wissens", "Scientology", in der aber Dianetik erhalten blieb. (Scientology: lat. scire = wissen, griech. logos = Lehre )
Scientology ergänzt nun die angeblichen Grundbe-standteile des Menschen, Körper und Verstand, um einen sogenannten "Thetan", einer das Ich darstel-lenden Geistseele mit übersinnlichen Kräften. Dieser Thetan kann seinen Körper verlassen und unabhängig von allem Körperlichen existieren (22). Er ist nicht an das materielle Universum gebunden. Diese Geist-seele muß aber erst erkannt werden, um auf eine Ebene zu gelangen, die nicht von Unglücksfällen oder Verschlechterungen eingeschränkt wird (23). Dies ist der religiöse Weg, auf ihm kann man den Zustand der völligen geistigen Freiheit, "Operierender Thetan" (Abkürzung: OT) genannt, erreichen. Die Leiter, die in die Ewigkeit führt, be-steht aus sogenannten OT-Stufen. Materie, Energie, Raum und Zeit werden vom "Operierenden Thetan" kontrolliert (24). Idealerweise befindet er sich dabei nicht in seinem Körper, sondern nur in seiner Nähe (25). Jeder Anwender der scientologischen Techno-logie kann so ein selbstbestimmter, gottgleicher Übermensch in räumlicher und zeitlicher Unbe-grenztheit werden.
Im Denk- und Lehrgebäude von Scientology findet sich kein Platz für eine außerirdische Retter- bzw. Erlöserfigur. Genausowenig taucht ein Gott oder gottähnliches Wesen auf. Wenn man auch keinerlei Hinweise auf eine übermenschliche Figur findet, so ragt wenigstens der Gründer von Scientology, L. Ron Hubbard deutlich heraus. "Millionen von Menschen auf der ganzen Welt sehen in L. Ron Hubbard ihren besten Freund." (26)
Wie bereits erwähnt, ist das Ziel der Scientology-Organisation die Erschaffung eines neuen Menschen scientologischer Prägung und einer neuen, aus-schließlich nach scientologischen Richtlinien funk-tionierenden, Welt.
Andere Aussagen Hubbards, so zur "bisherigen" Demokratie, machen mehr als deutlich: mit diesen neuen Menschen will Scientology noch mehr erreichen, z.B. die Weltherrschaft. Ohne zwischen verschiedenen derzeit bekannten Demokratieformen zu unterscheiden, beschreibt Hubbard jedwede Demokratie als nutzlos: "Ich sehe nicht, daß populäre Maßnahmen, Selbstverleugnung und Demokratie dem Menschen irgend etwas gebracht haben, außer ihn weiter in den Schlamm zu stoßen" (27). Wahre Demokratie kann nach Hubbard erst entstehen, wenn ausnahmslos alle Menschen Scientologen sind.
Die Notwendigkeit einer völligen Scientologisierung der Gesellschaft wird u.a. auch damit begründet, daß die Welt in ihrer jetzigen Erscheinungsform zum absolutem Untergang verurteilt ist. Selbstverständlich fast: die Errettung liege allein in der Anwendung scientologischer Technologie. So ganz nebenbei erhebt Scientology den Absolutheitsanspruch auf den einzig wahren Heilsweg. "Nur Clears und OTs werden diesen Planeten überleben! Und wir sind die einzigen, die welche machen können." (28) "Es ist fatal, kein Scientologe zu sein.... Diejenigen, die keine Scientologen sind, haben keine Chance auf per-sönliche Unsterblichkeit." (29)

6. Wie gewinnt Scientology Anhänger und Mitarbeiter?

"Der Erstkontakt mit Scientology kann in vielfältiger Weise erfolgen: durch persönliches Ansprechen auf der Straße, Handzettel, Wurfsendungen, Anzeigen, Bücher und Zeitschriften. Ziel ist immer, Neugier beim Adressaten zu erwecken." (30) Viele Menschen haben keine ausreichenden Bewältigungsstrategien für Probleme und Schwierigkeiten in ihrem persönlichen Umfeld. Scientology bietet Hilfe an. Man verspricht die Erfüllung elementarer Wünsche (z.B. persönlichen Erfolg, Gesundheit, Intelligenz u.a.) und stellt sich "zunächst einmal als eine Art Lebensberatung dar" (31). Scientology suggeriert dem Hilfsbedürftigen: das ist der Weg zur Meisterung meiner individuellen Lebenssituation.
Erste Angebote und Einführungskurse vermeiden förmlich den engen Kontakt mit Inhalt und Praktiken der scientologischen Lehre. Im Vordergrund steht vielmehr, daß sich der neue Kunde umsorgt und umworben fühlt. Diese Phase wird auch als "Love-Bombing" bezeichnet. Später erfolgt dann die umfassende Einbindung in das System. Aussteiger berichten, daß dies zunächst das Gefühl des Eingeweihtseins und der Zugehörigkeit erwecken kann. So erzeugt man aber auch Abhängigkeit. (32)
Eine andere Werbemethode stellt der "kostenlose, aber nicht folgenlose Persönlichkeitstest" (33) dar. Scientology bezeichnet ihn als "Oxford Capacity Analyse" (OCA), eine Benennung die Wissenschaftlichkeit und Vertrauenswürdigkeit vortäuschen soll. Nach einer wortwörtlich festgelegten und vom Besprecher auswendig zu lernenden Vorlage mit klaren Anweisungen erfolgt dann die Auswertung. Immer und in jedem Fall bescheinigt die Testauswertung der Testperson Schwachstellen seiner Persönlichkeit (sogenannte Ruinpunkte), die dringend einer Lebensreparatur durch Scientology bedürfen. Ziel ist natürlich, daß die Testperson nicht nur neugierig wird, sondern auch Kursangebote und Bücher von Scientology bereitwillig in Anspruch nimmt.
Im Bereich der Personalberatung rühmen sich von Scientology lizensierte Unternehmensberater der Zuverlässigkeit ihres Testes besonders bei der Personalauswahl. Das alleinige und ungeprüfte Zugrundelegen dieses Testes bei der Personalauswahl, sowie die vorbehaltlose Übernahme der seitens der Berater ausgesprochenen Empfehlungen können leicht die Eintrittskarte für Scientology in das betroffene Unternehmen sein.

7. Welche Methoden wendet Scientology dabei an?

"Auditing" (lat. audire = zuhören) ist das Kernverfahren Scientologys: In einem Einzelgespräch erzählt der Hilfesuchende unter ständiger Wiederholung einem sogenannten Auditor schmerzhafte Erlebnisse (sog. Engramme). Dies wird so oft wiederholt, bis der Auditierte über seine Erlebnisse lachen kann. Damit gilt das Erlebte als gelöscht. Dieser angebliche Therapieerfolg wird durch einen sogenannten E-Meter (eine Art Lügendetektor - elektrisches Gerät zur Messung des Hautwiderstandes) gemessen. Der Auditor soll auch bei auftretenden starken Emotionen wie Wut und Trauer des Auditierten kein Mitgefühl zeigen. (34) Dieses Verfahren charakterisiert Professor Dr. Hans Kind als "unpersönliche und unmenschliche Prozedur", die für psychisch instabile Menschen erhebliche Gefahren wie Angstzustände, Depressionen, Krisen bis zu psychotischen Zusammenbrüchen mit sich bringe. (35)
Eine weitere Gefahr liegt darin, daß der Auditor keiner Schweigepflicht unterliegt. Sämtliche Auditing-Sitzungen werden nicht nur schriftlich festgehalten, außerdem werden sie an sogenannte "Fallüberwacher" weitergeleitet. Sie wiederum werten alle Sitzungsprotokolle systematisch aus. Der Hilfesuchende wird für die Organisation zum "gläsernen Menschen" (36). Fast erwirbt Scientology auf diese Weise zusätzlich Kenntnisse über Familienangehörige und Bekannte. Sollten solche Personen kritisch eingestellt sein, so kann Scientology gegebenenfalls durch Kontaktverbote hierauf reagieren.
Der auf den ersten Blick unverfänglich erscheinende Einführungs-Kommunikationskurs "Erfolg durch Kommunikation" wird von Experten, insbesondere einzelne Übungen, als risikoreich bewertet, da sie Bewußtseinsveränderungen und Erschöpfungszustände hervorrufen könnten (37). Man erlernt außerdem die Fachsprache Scientologys, die zum einen aus neuen Wortschöpfungen besteht und zum anderen durch Neudefinition bekannter Begriffe ein neues Wertesystem vermittelt. Das Training der scientologischen Sprache ist auch deswegen bedenklich, weil "die vermittelte Technik darauf abzielt, nur einzelne Wörter eines Textes zu verstehen, aber gleichzeitig Kritik am Gesamtsinn verhindert". (38)
Auch den Körper will Scientology "clear" machen. Dazu müssen alle Giftstoffe in einem sogenannten "Reinigungs-Rundown" beseitigt werden. Eine "wissenschaftlich" errechnete Kombination aus körperlicher Betätigung, Vitaminen, Ernährung und Sauna soll den Körper von Giftstoffen und Drogen befreien.
Das Streben nach einer vollständig "geklärten" Gesellschaft bedingt auch das Angebot von Dienstleistungen für Kinder. So werden Kinder Erwachsenen gleichgestellt, sie sollen ebenfalls auditiert werden. Die scientologyeigene Methode des "Wortklärens" soll die Kinder über die Wortdefinition
in das scientologische Wertesystem einführen. Außerordentlich problematisch ist diese Methode bei "immateriellen Begriffen wie Freiheit oder Moral, deren scientologische Bedeutung vom üblichen Begriffsverständnis völlig abweicht." (39)

8. Welche Stellung bezieht Scientology zu Recht und Ethik?

Eine ausgezeichnete Aufstellung in kurzer und prägnanter Form fand ich dazu in einer von der Bundesregierung herausgegebenen Broschüre.
"Hubbard lehnt Recht als "Anwendung des Gesetzes" ab. Er differenziert auch hier - ebenso wie bei seinen Ausführungen zur Demokratie - nicht zwischen unterschiedlichen Systemen. Für ihn ist Recht nie ein Normenkatalog zur Begründung von Rechten und Pflichten des Bürgers. Dies wird auch dadurch deutlich, daß nach seiner Auffassung Recht in dem Moment überflüssig wird, in dem jeder Mensch "seine eigene Ethik in Ordnung gebracht" habe. Ethik bedeutet im allgemeinen die Lehre vom guten menschlichen Handeln. Hubbards Ethikdefinition aber macht deutlich, daß Recht in seinem Sinne ausschließlich das Recht Scientologys ist und niemals das des Einzelnen. Recht ist das, was Scientology weiterbringt. Hubbard sagt: "Der Zweck von Ethik ist, Gegenabsichten aus der Umwelt zu entfernen: Nachdem das erreicht worden ist, hat sie zum Zweck, Fremdabsichten aus der Umwelt zu entfernen." (40)
Scientologische Ethik dient ausschließlich der Ausschaltung nichtscientologischen Denkens, damit Scientology um jeden Preis überlebt. Ethisch ist nur, was Scientology nutzt. So wird auch Zerstörung vorhandener Werte und Strukturen zu etwas Gutem, wenn sie im Sinne und zum Nutzen von Scientology erfolgt. (41)
Zur Durchsetzung der von Hubbard entwickelten Ethik-Ziele werden abweichendes Denken und Verhalten innerhalb des Systems in vier Kategorien von Verfehlungen eingeteilt. Fehler, Vergehen, Verbrechen und Schwerverbrechen. Ein Verbrechen ist beispielsweise eine Zusammenkunft oder ein Treffen von Mitarbeitern mit dem Zweck, gegen die Anordnungen eines Vorgesetzten zu protestieren. Schwerverbrechen sind, sich öffentlich von Scientology abzukehren oder "Scientology oder Scientologen zu unterdrücken, einzuschränken oder zu behindern". (42) Insbesondere gilt auch als Schwerverbrechen, "vor staatlichen oder öffentlichen Untersuchungen der Scientology feindlich Zeugnis abzulegen, um die Scientology zu unterdrücken". (43) Dies kann einen Scientologen zwangsläufig in Konflikt mit dem herrschenden Rechtssystem bringen.
Ein umfangreiches Kontrollsystem soll jegliches Abweichen von Scientology-Richtlinien und Gedankengut sowie jeglichen Stillstand bei der Expansion der Organisation erfassen. Eine wesentliche Rolle spielt hierbei die Verpflichtung des Einzelnen, sogenannte Wissensberichte über wahrgenommenes Fehlverhalten anderer zu schreiben. Ansonsten wird man zum "Mitschuldigen eines Verbrechens". (44)
Nicht nur Mitarbeiter einer Organisation unterliegen starren Kontrollmechanismen, sondern auch jeder Nutzer der Scientology-Angebote, da der Student zur Ethik geschickt werden soll, wenn er zum Kursüberwacher unhöflich ist." (45)

9. Wie geht Scientology mit Kritikern um?

Die scientologische Ethik findet eine besondere Ausprägung in den Grundsätzen, die den Umgang mit Kritikern regelt. Scientologys Exklusivitätsanspruch auf Wahrheit und Heil führt zwangsläufig zu einer Polarisierung zwischen der "guten" scientologischen Welt und der Außenwelt, die das Unwahre und Böse verkörpert. Hubbard selbst hat Kritiker als "unterdrückerische" oder "antisoziale" Personen, die für Kriminalität und verbrecherische Handlungen verantwortlich sind, bezeichnet und klassifiziert. Geisteskranke und Kriminelle stehen mit Kritikern auf einer Stufe. (46)
Für den Scientologen ist der persönliche Umgang mit Kritikern eindeutig geregelt. Um nicht in Verdacht zu kommen, muß der Scientologe notfalls Verbindungen zu ihnen abbrechen. Genauso sind Eltern oder der Ehepartner, die der Organisation kritisch gegenüberstehen, nicht ausgeschlossen, auch hier wird der Abbruch eines Kontaktes gefordert. (47)
Für den Einsteiger ist Kritik ohnehin ein Tabu, denn nach Hubbard ist die richtige Ausbildungseinstellung: "Wir haben dich lieber tot als unfähig". (48) Zeigt ein Mitglied der Organisation trotzdem eine kritische Einstellung zu Scientology, kommt die sogenannte Freiwild-Doktrin zur Anwendung, d.h.: "Die Wohnungen, der Besitz, die Stätten und Aufenthaltsorte von Personen, die in der Unterdrückung der Scientology oder von Scientologen aktiv waren, liegen außerhalb jeglichen Schutzes der Scientology-Ethik." (49)
Ein Beispiel sei stellvertretend genannt. Der Psychiater Jean-Marie Abgrall, ein Sektenexperte, der auch in Lyon zum Fall "Patrice Vic" als Gutachter aussagen soll, wurde in ein wahres Martyrium gestürzt. Allein mit 18 Strafanzeigen wurde er überzogen, bis er selbst drei Scientologen wegen Postdiebstahls und Bestechungsversuchen vor Gericht brachte. Diese gaben zu, sie hätten die Kampagne im Auftrag des "Office of Special Affairs", des Geheimdienstes von Scientology, inszeniert. Der Lohn: Gute Punkte, um im System aufzusteigen. Jean-Marie Abgrall behauptet: Die Scientology-Ideologie basiert auf Indoktrinierung, geistiger Manipulation und Unterwerfung. Jean-Marie Abgrall weiß, was es heißt, als Kritiker und Gegner von Scientology gehandelt zu werden.
Schon lange geht es für Scientology nicht mehr um Publicity, sondern um die Bekämpfung von Kritikern. Ganzseitige Anzeigen in der "New York Times" dokumentieren dies. Man scheut hier keinesfalls die Öffentlichkeit. So zeigen bereits gewonnene Prozesse vor zivilen Gerichten an, daß Scientology gerade in den USA mit Erfolg alle Kritiker niederhält. Wer sich Scientology in den Weg stellt, wird erbarmungslos bekämpft. Um es einmal mit Worten des Gründers Ron L. Hubbard zu sagen, wer Gegner von Scientology ist, "muß zerstört werden".
So fühlt sich Scientology stark genug, auch schon mal gegen ein gesamtes Land vorzugehen. Nichts liegt näher, daß auch Stars und Sternchen aus Hollywood dazu ihren Mund öffnen. In einem offenen Brief an Bundeskanzler Kohl beschweren sich Größen des Films wie Dustin Hoffman und Goldie Hawn, oder die Regisseure Oliver Stone und Constantin Costa-Gavras oder auch Schriftsteller Mario Puzo und Gore Vidal, über böswillige Diskriminierung von Scientologen in Deutschland. Anfänglich dementierte das zentrale "Office of Special Affairs" (OSA), der Geheimdienst von Scientology, jegliche schriftliche Aktivitäten und bezeichnete solche und andere Briefe als plumpe Fälschungen. Später ging man zur sogenannten Konteroffensive über und griff nun deutsche Zeitungen (SPIEGEL), deutsche Politiker und Bundesregierung offen an. Kein deutscher Politiker wird so angegriffen wie Arbeits- und Sozialminister Norbert Blüm. Hohe Scientologen werfen ihm vor, er verhalte sich wie ein Nazi! Die Verfolgung von Scientology verglich man sogar mit der Judenverfolgung der Nazis und beschimpfte deutsche Politiker als Nazis, nachzulesen in Großanzeigen der New York Times.
Bisher standen die Aktien von Scientology in Deutschland ausgesprochen schlecht, jedoch bröckelt die Front. Gegenwind bekommen deutsche Scientologygegner inzwischen auch aus den eigenen Reihen. Innenminister Kanther weigert sich nicht nur seit Jahren, gegen Scientology vorzugehen, er fand sogar freundliche Worte. Wenigstens sei die Arbeit von Scientology, so der Christ Kanther, auf die Erlösung des Einzelnen ausgerichtet, - ohne Kommentar.
Mit welch menschenverachtenden Methoden Scientology arbeitet, soll folgendes Beispiel zeigen. Zuerst jedoch gilt es zu beachten, daß Meldungen, die die meisten Leser anfänglich als sehr amüsant empfanden, inzwischen nichts mehr mit Spaß zu tun haben.
Zielstellung von Scientology ist z.B. die Schaffung eines neuen Staatengebildes namens Bulgravia, bestehend aus den Ländern Bulgarien, Griechenland, Albanien, Mazedonien, und Restjugoslawien. Mag man diese Zielstellung als größenwahnsinnig belächeln. Jedoch das, was die Polizei bei einer Razzia im Gebäude des Athener Scientology-Ablegers KEPHE (Griechisches Zentrum für angewandte Philosophie) fand, nämlich sogenannte Tötungspakete, ließ den Spott schnell verstummen. Hierbei handelt es sich um Maßnahmenkataloge gegen Kritiker von Scientology.
Bei der Sichtung des beschlagnahmten Materials mußte man konstatieren, daß Scientologen ca. 2500 Leute, unter ihnen vor allem Politiker, Wirtschaftskapitäne, Kulturgrößen, Medienleute - vor allem Leute des öffentlichen Lebens - teilweise mit nachrichtendienstlichen Mitteln, oft rund um die Uhr überwachten. Man fand neben Bespitzelungsprotokollen auch richtige Dossiers über bestimmte Personen. Der Leitende Oberstaatsanwalt bezeichnet die meterdicken Akten als Beleg genug für einen gnadenlosen, unmoralischen Vernichtungskrieg gegen Kritiker, mit allen Mitteln.
Deutsche Scientologen heben beschwörend die Hände und versprechen, daß solche Aktivitäten einschließlich sogenannter schwarzer Listen in Deutschland nicht existieren. Für Ursula Caberta, Sektenbeauftragte des Hamburger Senats und Kennerin der Szene, gibt es bei Scientology keine nationalen Sonderwege. Die so strengen wie bizarren Anweisungen aus den US-Zentralen der Sekte gelten weltweit ohne Ausnahme.

10. Wie ist das Verhältnis von Scientology zur Wirtschaft?

Der planmäßige Einzug Scientologys in das Wirtschaftsleben begann mit der Gründung des weltweiten Verbandes von Scientology-Unternehmen im Jahre 1979. WISE (World Institute of Scientology Enterprises) hatte die Aufgabe, die "standardgemäße Verwaltungstechnologie von L. Ron Hubbard" in der Wirtschaft einzusetzen (50). Hubbards Verständnis von Ethik, aber vor allem die von ihm entwickelten Kontrollmechanismen sollen in jedem einzelnen Wirtschaftsunternehmen zur Anwendung kommen.
Einzelpersonen und Firmen können die WISE-Mitgliedschaft erwerben. Die sogenannte Unternehmensmitgliedschaft soll "ihre Arbeitsbedingungen durch die standardgemäße Anwendung der Verwaltungstechnologie von L. Ron Hubbard verbessern und diese Technologie in der Geschäftswelt im allgemeinen verbreiten" (51). Die hochrangigsten Mitglieder von WISE, die sogenannten "Chief Executive Officers" haben die darüber hinausgehende Aufgabe, die "Verwaltungstechnologie von L. Ron Hubbard in Spitzenunternehmen ihres Landes, anderen Vereinigungen, Gemeinden, Ländern und Regierungen einzuführen." (52) Selbst mit geschlossenen Augen läßt sich die von Scientology angestrebte Veränderung der Gesellschaft in ihrem Sinne erkennen.
Scientologische Unternehmensführung heißt, daß die Statistik zum Maß aller Dinge wird. Die Statistik ist das einzige Bewertungskriterium für die Qualität eines Menschen. Obwohl Statistiken an sich ein wichtiges betriebswirtschaftliches Instrument darstellen, liegt die große Gefahr darin, daß der Einzelne unter enormen Zwang gerät, seine Statistiken um jeden Preis oben zu halten. Ihm als Einzelperson werden ungünstige Statistiken angelastet, ohne Berücksichtigung anderer möglicher betrieblicher Ursachen. Scientology nutzt diese Situation gnadenlos zu ihren Gunsten aus. Damit das Unternehmen wieder "gute" Statistiken erreichen konnte, wurden z.B. Mitarbeiter gezwungen, an Schulungen mit scientologischem Inhalt teilzunehmen. Eine Weigerung hatte die Kündigung zur Folge. Neben Personalakten dienten sogenannte "Ethikakten", gefüttert mit Daten aus "Wissensberichten", die wiederum andere Mitarbeiter über Kollegen zu schreiben hatten, dazu, die Schwachpunkte im Unternehmen aufzuspüren. In anderen Unternehmen richtete man sogar eine "Ethikabteilung" ein und besetzte die Stelle eines "Ethikoffiziers". (53)
Das Ziel von Scientology, die Wirtschaft zu unterwandern, kommt wohl in folgender Anweisung Hubbards deutlich zum Ausdruck: "Erobern Sie, egal wie, die Schlüsselpositionen, die Position als Vorsitzende des Frauenverbandes, als Personalchef einer Firma, als Leiter eines guten Orchesters, als Sekretärin des Direktors, als Berater der Gewerkschaft - irgendeine Schlüsselposition" (54).

11. Wie hoch ist der Einsatz?

Es sind Fälle bekannt geworden, in denen Geldbeträge über 100.000,00 DM eingesetzt wurden (55), um auf der "Brücke zur totalen Freiheit" voranzukommen - es könnte leicht eine "Brücke ins Nichts" werden (56).
Sollte trotzdem noch jemand Lust auf Scientology verspüren, dem möchte ich folgenden Preiskatalog nicht vorenthalten.
Art Dauer Kosten  
Persönlichkeitstest 1Stunde keine  
Kommunikationskurse ein paar Wochen 425,00 DM / pro Kurs
Reguläres Auditing Stufe 0-4 unbegrenzt 850,00 DM / pro Stunde
Dianetik des Neuen Zeitalters unbegrenzt 840,00 DM / pro Stunde
"Clear-Absicherungs-Durchlauf" 5 Stunden 4.760,00 DM  
O.T. 1-2 bis zu 100 Stunden 13.562,00 DM  
O.T. 3-4 mehrere Monate 28.917,00 DM  
O.T. 5-7 mehrere Monate 43.520,00 DM  
O.T. 8 einige Wochen 18.930,00 DM (57)
O.T. 9 noch nicht bekannt ?  
Zusätzlich sollte man schon mal jährliche Kosten für die einfache Mitgliedschaft (300 US $), oder Firmenmitgliedschaft (1500 US $), oder aber die Mitgliedschaft im "Führungsrat" (36.000 US $) einplanen. Auf jeden Fall wird man das E-Meter für das Auditing brauchen. Die Kosten für dieses Gerät sollte man auch nicht auf die leichte Schulter nehmen, denn 10.000 US $ (Preis aus Weihnachtskatalog 1995) kann schließlich auch nicht jeder aus der Portokasse bezahlen. (58)

12. Wie gefährlich ist Scientology?

Auch Scientology reiht sich in die lange Liste menschlicher Selbsterlösungsversuche ein. Und darin liegt auch schon die größte Gefahr. Warum? Weil zum einen alle diese Versuche völlig zwecklos sind, denn kein Mensch wird je in der Lage sein, den Preis für die Rettung seiner Seele aufzubringen. Zum anderen ist man sein Leben lang mit scientologi-schen Aufgaben und Praktiken beschäftigt. Letztendlich wird auch jeder Scientologe feststellen müssen, daß man unendlich weit vom Ziel der Rettung der eigenen Seele entfernt geblieben ist. Auch der Aufstieg auf der Leiter, die zur Erleuchtung führen soll, stellte sich vielmehr als Irrtum heraus. Die Bibel beschreibt dies treffend, indem sie sagt, daß man um den Preis seiner Seele geirrt hat. Weil dies aber ein tödlicher Irrtum ist, müssen wir vehement vor Scientology warnen. Aber nur eine Warnung aussprechen reicht nicht aus. Es gilt eine Alternative anzubieten. Es gilt jemand zu finden, der in der Lage ist, den Preis für die Rettung meiner Seele aufzubringen - Jesus Christus!
Reinhold Kärmer

Starb Jesus an einem Kreuz?

Nach der Lehre von Jehovas Zeugen ist Jesus nicht an einem Kreuz, sondern an einem Pfahl gestorben. Eine Diskussion hierüber wird den meisten als nicht so wichtig erscheinen; "Ein Lehrpunkt unter vielen", werden sie denken. "Ist es nicht viel wichtiger, sich über Jesus selbst zu unterhalten?" Das ist es auch, und man könnte zur Tagesordnung übergehen, wenn mit dieser Frage nicht der Vorwurf verbunden wäre, das Kreuz sei ein heidnisches Symbol.
Im Wachtturm vom 15.11.92 heißt es: "...in nichtchristlichen Religionen überall auf der Welt ist der Gebrauch des Kreuzes weit verbreitet." Weiter wird ausgeführt, daß auch die Azteken und andere südamerikanische Völker kreuzähnliche Symbole kannten. Man schreibt: "Die Bibel zeigt, daß Jesus keineswegs an dem traditionellen Kreuz hingerichtet wurde, sondern vielmehr an einem einfachen Pfahl oder staurós. Dieses griechische Wort, das in Mt. 27:40 vorkommt, bezeichnet lediglich einen aufrechtstehenden Pfahl, wie er für ein Fundament verwendet wird. Somit stand das Kreuz nie für das wahre Christentum." An anderer Stelle heißt es, das Kreuz sei ein babylonisches Symbol; es sei auch als "crux ansata" oft auf den Skulpturen und Malereien der Ägypter zu sehen und stelle einen Geschlechtskult dar. Auch andere Abscheulichkeiten werden mit dem Kreuz in Verbindung gebracht. So seien "auf einer Abbildung in einer der Höhlen auf Elephanta (10 km vor Bombay liegende Insel) über dem Kopf einer Gestalt, die Kinder mordet, ein Kreuz zu sehen." (Erwachet vom 22.09.84). Als weitere Beweisquellen werden verschiedene Lexika und geschichtliche Werke zitiert sowie verschiedenen Gelehrte, die das griechische Wort staurós ebenfalls mit Pfahl übersetzen.
Im WachtturmBuch "Unterredungen anhand der Schriften" heißt es außerdem auf. S. 267: "Im alten Israel weinten die untreuen Juden über den Tod des falschen Gottes Tammuz. Jehovas bezeichnete das, was sie taten, als eine "Abscheulichkeit"....Das Kreuz war das Symbol des Tammuz. Wer es in Ehren hält, ehrt dadurch Nimrod....Wie muß Jehova ..wohl die Verwendung des Kreuzes betrachten, das...in alter Zeit ein Symbol des Phalluskults war?"
Nach diesen Informationen wird jeder Zeuge Jehovas verständlicherweise einen Abscheu vor dem Kreuz haben und auch andere Menschen werden sich fragen, was es mit dem Kreuz auf sich hat. Richtig ist, daß Kreuze oder kreuzähnliche Symbole lange vor Christi Tod in zahlreichen anderen Kulturen zu finden waren. Welche Schlußfolgerungen sollen wir nun daraus ziehen? Bedient sich das Christentum eines heidnischen Symbols und kränkt und entehrt dadurch Gott?
Wie wurde nun das Kreuz zum Zeichen des Christentums? Alleine deshalb, weil Jesus daran starb!
Dabei ist es völlig unerheblich, ob es Ähnlichkeiten in irgendwelchen anderen Kulturen gibt. Ein Beispiel mag dies verdeutlichen: In den Mysterienkulten des Mithras gibt es kultische Mahlzeiten mit Brot und Wein; Jesus selbst störte dies offensichtlich nicht, als er unser Abendmahl einsetzte, und niemandem würde es wohl einfallen, das Abendmahl deshalb als heidnisch zu bezeichnen. Selbstverständlich schmückten auch die Anhänger heidnischer Religionen ihre Tempel mit Blumen, sollen wir deshalb darauf verzichten, Blumen in unsere Anbetungsstätten zu stellen? Nur nebenbei sei bemerkt, daß der Pfahl mit Sicherheit ein heidnisches Symbol ist, der jedem Bibelkenner von der heiligen Pfählen der Aschera bekannt ist.
Doch von den heutigen Zeugen Jehovas wird ja bestritten, daß das Hinrichtungswerkzeug, an dem Jesus starb, ein Kreuz gewesen sei. Das war nicht immer so Von ihren Anfängen bis zum Jahre 1936 schmückten Kreuz und Krone noch die Vorderseite des Wachtturms, also fast 60 Jahre lang. Doch dann gab es "helleres Licht" und es hieß, man habe erkannt, daß das Kreuz ein heidnisches Symbol sei; im Erwachtet vom 22.09.84 schreibt man: "Es erfordert Mut, sich von einer in grauer heidnischer Vorzeit wurzelnden und weitverbreiteten religiösen Tradition loszureißen. Die Neue Welt-Übersetzung der heiligen Schrift geht mit gutem Beispiel voran, indem sie das Wort staurós mit Marterpfahl und das Verb stauróo mit an den Pfahl bringen wiedergibt und nicht mit Kreuz bzw. kreuzigen. So haftet dem kostbaren Opfer unseres Herrn und Erlösers nichts Heidnisches an."
Prüfen wir nun die Beweise. In den Lexika finden wir heute neben der Übersetzung Pfahl auch das Wort Kreuz. In ihrem Buch Unterredungen anhand der Schriften schreiben Jehovas Zeugen: "Selbst bei den Römern scheint das Wort crux ursprünglich einen aufrechten Balken bezeichnet zu haben... Wurde ein solcher Balken bei der Hinrichtung des Sohnes Gottes verwendet? Es ist bemerkenswert, daß der dazu benutzte Gegenstand auch mit dem Wort xylon bezeichnet wird. Gemäß Langenscheids Großwörterbuch Griechisch-Deutsch bedeutet dieses Wort :"Holz; insb.: a)Stück Holz, Scheit. b)....ß)Baumstumpf, übh. Baum...2...b.) Stock, Knüttel, Prügel. c)Stange...g)...Marterholz.""
Das eigentlich Interessante an diesem Zitat ist, daß man einfach wegließ, was unter g) noch zu finden ist: nämlich die Bedeutung Kreuz!!!
Recht haben Jehovas Zeugen mit ihrer Meinung, das im Neuen Testament in den Berichten vom Tod Christi vorkommende Wort staurós sei ursprünglich nach dem klassischen Griechisch mit "Pfahl" zu übersetzen gewesen; auch gibt es vereinzelt Gelehrte, die ebenfalls der Meinung sind, die zumeist gewählte Übersetzung "Kreuz" sei nicht korrekt. Dies vor allen Dingen deshalb, weil sie den ursprünglichen Gebrauch des Wortes staurós im Sinn haben.
Welche Übersetzung ist nun korrekt? Wie wir es auch aus unserer eigenen Sprache kennen, machen Wörter Entwicklungen durch. Manche Worte verschwinden, so verwendet niemand mehr das alte Wort Base, sondern man sagt heute Cousine - andere Wörter erfahren einen Bedeutungswandel. Luther konnte in seiner Bibelübersetzungen ohne weiteres Weib schreiben, heute würde sich jede Frau beleidigt fühlen, wollte man sie so nennen. Ähnliches findet sich auch im Griechischen; so bedeutete das Wort pistis, das allgemein mit Glaube oder Treue übersetzt wird, ursprünglich Pfand. Wäre ein ähnlicher Bedeutungswandel auch bei staurós möglich, so daß die Hinrichtung Jesu an einem staurós die Hinrichtung an einem Kreuz wäre?
Hier wird uns ein Blick in die Literatur helfen. So schreibt Lucian von Samosata im 2 Jh. n.Chr. über das staurós: "Die Menschen verfluchen Kadmos, weil er das "Tau" in das Alphabet eingeführt hat. Denn sie sagen, daß die Tyrannen seiner Gestalt folgend, und seine Form nachahmend, nach einen solchen Schema Hölzer zusammenfügten, um Menschen darauf zu befestigen" Kadmos war Phönizier. Das phönizische tau hat die Form "+". Auch im Judentum war das Kreuz als Hinrichtungsinstrument bekannt. Im Mischnatraktat Sanhedrin 6,4 ist von einem "Balken, von dem ein (Quer-) Holz ausgeht" die Rede.
Dies allein zeigt schon, daß die Kreuzigung als Hinrichtungsart damals bekannt war. Eine weitere Hilfe ist die Überlegung, nach welchem Recht die Aburteilung Jesu erfolgte. Pontius Pilatus verurteilte Jesus nach römischem Recht, das im ganzen Römischen Reich galt; logischerweise muß daher der römische Sprachgebrauch berücksichtigt werden: CRUX! Die Hinrichtungsart war also römisch, und staurós ist nur ein Übersetzungswort!. Die "crux" als Hinrichtungsart haben die Römer vermutlich von den Karthagern übernommen.
Natürlich mag es im Laufe der Jahrhunderte einige Schriftsteller gegeben haben, die glaubten, Jesus sei an einem Pfahl hingerichtet worden, doch auf geschichtliche Tatsachen stützten sie sich hierbei nicht.
Neben den oben erwähnten Beispielen gibt es noch zahlreiche andere. Plautus (254-184 v.Chr.), römischer Lustspieldichter, zeigt einen zum Kreuztod Verurteil-ten, der den Querbalken durch die Stadt trägt. (Komö-dien, Bd 7). Dionysios von Halikarnass, griechischer Geschichtsschreiber (30 v Chr. in Rom) erwähnt den Querbalken des römischen Kreuzes: "...die Arme seit-lich ausgestreckt an einem Holz, das über Brust und Schultern bis zu den Handgelenken reichte..". Auch bei Seneca ist von der Form des Kreuzes die Rede (Dial. VII, Vom glückseligen Leben, Kapitel 19).
Bekannt ist auch eine Karikatur, das sog. Spottkruzifix vom Palatin in Rom. Durch diese Zeichnung mit der Unterschrift "Alexander betet seinen Gott an" sollte offenbar ein Christ am römischen Kaiserhof verspottet werden.
Auch die archäologischen Beweise dafür, daß es eben kein Pfahl, sondern ein Kreuz war, an dem Jesus starb, sind eindeutig. Im Herculaneum bei Pompeji, das 79 nach Christus durch den Ausbruch des Vesuv verschüttet wurde und seit 200 Jahren allmählich ausgegraben wird, hatten Ausgräber in einem Privathaus einen hölzernen Altar mit Kreuz gefunden.
Doch ein Kreuz ist nicht nur als Hinrichtungsinstru-ment bekannt, sondern auch als Zeichen Jahwes. In Hes. 9,4 heißt es über einen in Linnen gekleideten Mann, er solle ein "Kennzeichen an die Stirn der Män-ner anbringen, die seufzen und stöhnen über all die Abscheulichkeiten, die in seiner Mitte getan werden." (Neue-Welt-Übersetzung). Das hebräische Wort für Zeichen ist taw, der letzte Buchstabe des hebräischen Alphabets, der in der älteren Schrift die Form eines Kreuzes (X) hatte und noch in Qumran als Buchstabe für ein "T" verwendet wurde!
In ihrer Literatur bringen Jehovas Zeugen das Kreuz jedoch mit falscher babylonischer Anbetung in Verbindung. Sie suggerieren, alle christlichen Kirchen verwendeten das Kreuz nicht nur, sondern verehrten es auch: "Die Kirchen sagen, Bräuche wie die Verehrung des Kreuzes gehörten zur heiligen Tradition." (Wachtturm vom 01.05.89, S.26). Doch dies stimmt nicht, die allermeisten christlichen Gemeinschaften sehen im Kreuz nur das Symbol für den Kreuzestod Christi, sie verehren es nicht.
Selbstverständlich ist es richtig, daß das Kreuz selbst nicht verehrt werden darf . Das Kreuz selbst bietet uns keine Hilfe, sondern Jesus. Alles andere wäre Aberglaube. Das Kreuz ist lediglich ein Symbol dafür, daß wir Christen sind, so wie der Ehering ein Zeichen da-für ist, daß man verheiratet ist. Doch auch dies läßt man bei Jehovas Zeugen nicht gelten: "Wie würdest du reagieren, wenn man deinen besten Freund aufgrund von Falschanklagen zu Tode brächte. Würdest du von dem Hinrichtungsinstrument ein Duplikat anfertigen lassen? Würdest du es in Ehren halten, oder würdest du es verabscheuen? ("Unterredungen anhand der Schriften", S.267)
Es gibt jedoch einen wesentlichen Unterschied zwischen dem Tod Jesu und dem Tod eines jedes anderen Menschen. So fürchterlich und schmerzvoll der Tod Jesu auch war, er war keine Niederlage, sondern ein Sieg (Jh.19,30)! Mit seinem Tod hat Jesus den Teufel besiegt; er nahm die Sünden der Menschheit auf sich, die dadurch wieder einen Zugang zu Gott hatte. Der Teufel hatte verloren! Diesen Sieg Jesu am Kreuz ver-künden Christen durch dieses Zeichen.
Rein historisch gesehen wäre wohl die Frage hinläng-lich beantwortet, ob Jesus an einem Kreuz oder an einem Pfahl starb und ob das Kreuz ein heidnisches Symbol ist. Wer das Kreuz ablehnt, weil es angeblich heidnisch ist, tut dies nicht nur gegen eindeutige historische Beweise, er sollte sich auch bewußt sein, daß er das Siegeszeichen Jesu Christi ablehnt.
Die Wachtturmgesellschaft besteht jedoch - trotz ein-wandfreier Gegenbeweise - darauf, Jesus sei an einem Pfahl gestorben. Warum? Es geht ja nicht nur darum, daß man sich in der Übersetzung eines Wortes geirrt hat; das wäre verzeihlich und ist vielen passiert.
Als Folge dieser erwiesenen Falschübersetzung wurden jedoch alle Verwender des Kreuzes als Götzendie-ner gebrandmarkt und jeder Zeuge Jehovas hat eine innerliche Abscheu vor einem Kreuz.
Aber beharrt man auf dieser falschen Lehre, weil man sonst zugeben müßte, daß man das Zeichen Christi in den Schmutz gezogen hat?
Beharrt man auf dieser falschen Lehre, weil man gefragt würde, von wem denn dieses "hellere Licht", das man ab 1936 verkündigte, eigentlich stammte?
In einem ähnlichen Zusammenhang mit einem anderen Lehrpunkt erklärt die Wachtturmgesellschaft: "Nach einem Vergleich dieser Texte wird sich ein aufge-schlossener Mensch sagen, daß eine (solche) ... Religi-onsgemeinschaft nicht die Wahrheit lehrt. Kann eine solche Religionsgemeinschaft die wahre sein und Je-hova Gott, den Gott der Wahrheit, vertreten? Und wenn sie noch weitere Irrtümer lehrt?
Beharrt man auf dieser falschen Lehre, weil man gefragt würde, wie eine Organisation, die sich Jehovas Organisation nennt, so etwas tun und lehren könne und vielleicht Zweifel kämen, ob diese Organisation über-haupt Jehovas Organisation ist?
Sigrid Raquet


Merkmale falscher Propheten

Text: Jeremia 28,1-17
Und es geschah in demselben Jahr, im Anfang der Regierung Zedekias, des Königs von Juda, im vierten Jahr, im fünften Monat, da sagte zu mir der Prophet Hananja, der Sohn des Asur, der von Gibeon war, im Haus des HERRN vor den Augen der Priester und des ganzen Volkes: So spricht der HERR der Heerscharen, der Gott Israels: Ich zerbreche das Joch des Königs von Babel. Nach zwei Jahren bringe ich alle Geräte des Hauses des HERRN an diesen Ort zurück, die Nebukadnezar, der König von Babel, von diesem Ort weggenommen und nach Babel gebracht hat. Und Jechonja, den Sohn Jojakims, den König von Juda, und alle Weggeführten von Juda, die nach Babel gekommen sind, bringe ich an diesen Ort zurück, spricht der HERR; denn ich zerbreche das Joch des Königs von Babel. Da sagte der Prophet Jeremia zum Propheten Hananja vor den Augen der Priester und vor den Augen des ganzen Volkes, das im Haus des HERRN stand, der Prophet Jeremia sagte: Amen, so tue der HERR! Der HERR bestätige deine Worte, die du geweissagt hast, daß er die Geräte des Hauses des HERRN und alle Weggeführten von Babel an diesen Ort zurückbringen wird! Nur höre doch dieses Wort, das ich vor deinen Ohren und vor den Ohren des ganzen Volkes rede: Die Propheten, die von alters her vor mir und vor dir gewesen sind, die haben auch über viele Länder und über große Königreiche geweissagt von Krieg, von Unheil und von Pest! Der Prophet, der von Frieden weissagt, wird dadurch, daß das Wort des Propheten eintrifft, als der Prophet erkannt, den der HERR in Wahrheit gesandt hat. Da nahm der Prophet Hananja das Joch vom Hals des Propheten Jeremia und zerbrach es. Dann sagte Hananja vor den Augen des ganzen Volkes: So spricht der HERR: Ebenso werde ich nach zwei Jahren das Joch Nebukadnezars, des Königs von Babel, zerbrechen vom Hals aller Nationen. Der Prophet Jeremia aber ging seines Weges. Und das Wort des HERRN geschah zu Jeremia, nachdem der Prophet Hananja das Joch vom Hals des Propheten Jeremia zerbrochen hatte: Geh und sage zu Hananja: So spricht der HERR: Ein hölzernes Joch hast du zerbrochen, aber an seiner Stelle hast du ein eisernes Joch gemacht! Denn so spricht der HERR der Heerscharen, der Gott Israels: Ein eisernes Joch habe ich auf den Hals all dieser Nationen gelegt, damit sie Nebukadnezar, dem König von Babel, dienen, und sie werden ihm dienen; und auch die Tiere des Feldes habe ich ihm gegeben. Und der Prophet Jeremia sagte zum Propheten Hananja: Höre doch, Hananja! Der HERR hat dich nicht gesandt, sondern du hast dieses Volk auf eine Lüge vertrauen lassen. Darum, so spricht der HERR: Siehe, ich werfe dich vom Erdboden weg. Dieses Jahr wirst du sterben; denn du hast Ungehorsam gegen den HERRN gepredigt. Und der Prophet Hananja starb in demselben Jahr, im siebten Monat.

Für das Volk Gottes war und ist es zu allen Zeiten geradezu lebenswichtig, den enthusiastischen Schwär-mer, den Scharlatan, den falschen Propheten von dem wahrhaft gottbeauftragten Zeugen zu unterscheiden. Eine leichte Sache ist solche Unterscheidung allerdings nie gewesen. Jer 28 ist ein klassisches Beispiel für die frontale Begegnung eines echten Gottesmannes mit einem falschen Propheten.
Da hat Jeremia wiederholt angekündigt, ein großes Gottesgericht werde in Gestalt der babylonischen Reiterarmeen Nebukadnezars II. über das Volk hereinbrechen. Und er erweiterte seine Warnung noch mit dem Zusatz: "Ihr aber, hört nicht auf eure Propheten..., die zu euch sagen: Ihr werdet dem König von Babel nicht dienen! Denn sie weissagen euch Lüge..." (27,9).
Die Propheten pflegten ihre Botschaft noch durch allerlei begleitende Symbolhandlungen dramatisch zu verstärken. Je-remia nahm sich eine Jochstange auf den Hals und ging damit in der Stadt umher, andeutend welches Geschick auf die Völker wartete (27,3-6). Sein Gegner Hananja aber - und auch dies will als prophetische Symbolhandlung verstanden werden! - nimmt die Jochstange von seinem Hals, zerbricht sie mit gewaltiger Geste und setzt seinerseits einen Gottesspruch dagegen: "So spricht der HERR: Ebenso werde ich nach zwei Jahren das Joch Nebukadnezars, des Königs von Babel, zerbrechen vom Hals aller Nationen." (28,10.11)

Ihre Botschaft hört man gern

In solcher Situation, wenn ein Prophet gegen den anderen aufsteht, ist es für das Volk ungemein schwer zu entschei-den, wer Recht hat und das wahre Wort Gottes sagt. Doch kann bereits hier ein erstes Merkmal falscher Prophetie wahrgenommen werden: die falschen Propheten tun nicht gern weh, sie bringen angenehme Botschaften, sie bestärken die Sehnsüchte menschlicher Menschen und bestätigen ihre Wege. Dagegen steht der wahre Prophet vor der undankbaren Auf-gabe, Gottes Wort zu verkündigen, um das Volk von seinem Abweichen, seiner Widerspenstigkeit und Verblendung zu überführen. Darum waren sie bei der Menge auch nie beliebt. In 28,11 lesen wir: "Der Prophet Jeremia aber ging seines Weges". Dieser schlichte Satz erweckt kaum den Eindruck, Jeremia habe die Szene als "Sieger" verlassen.
Bald danach aber empfing er wiederum das Wort Gottes - diesmal für Hananja persönlich: "Höre doch Hananja! Der HERR hat dich nicht gesandt, sondern du hast dieses Volk auf eine Lüge vertrauen lassen. Darum, so spricht der HERR: Siehe, ich werfe dich vom Erdboden weg. Dieses Jahr wirst du sterben; denn du hast Ungehorsam gegen den HERRN gepre-digt. Und der Prophet Hananja starb in demselben Jahr, im siebten Monat."

Ihre Worte treffen nicht ein

Das jähe Dahinsterben des Hananja Ben Asur war menschlich nicht vorauszusehen. Vielmehr ist es eine eindrucksvolle Bestätigung der göttlichen Sendung Jeremias. Zugleich bringt es ein weiteres Merkmal echter, geistgewirkter Pro-phetie in Sicht: Echte Prophetie erfüllt sich, aber das Wort aus dem Inneren des Menschen "fällt zur Erde". Darauf zu achten wird dem Volk Gottes geradezu als "Test" empfoh-len: 5Mo 18,21.22: "Und wenn du in deinem Herzen sagst: "Wie sollen wir das Wort erkennen, das der HERR nicht geredet hat?", wenn der Prophet im Namen des HERRN redet, und das Wort geschieht nicht und trifft nicht ein, so ist das das Wort, das der HERR nicht geredet hat. In Vermessenheit hat der Prophet es geredet; du brauchst dich nicht vor ihm zu fürchten."
Der falsche Prophet nach 5Mo 18 sagt also Dinge an, die nachher nicht eintreffen. Dadurch wird auch für den Einfältigsten erkennbar, daß es sich hier nicht um das Wort des Herrn handeln kann. Es ist übrigens interessant, daß Jeremia selbst an diese Regel nach 5Mo 18 erinnert: Jer 28,9: "Der Prophet, der von Frieden weissagt, wird dadurch, daß das Wort des Propheten eintrifft, als der Prophet erkannt, den der HERR in Wahrheit gesandt hat."
Falsche Propheten dieser Art, die, sei es aus Vermessen-heit, sei es aus Selbsttäuschung, ihre eigenen Ideen als Wort Gottes ausgeben, finden wir in der Bibel ebenso wie in der Kirchengeschichte aller Zeiten sehr häufig. Da begegnet uns z.B. in 1 Kö 22 eine Schar von 400 Hofpropheten, die (V.6) dem König Ahab von Israel weissagen: "Ziehe hinauf (nach Ramoth-Gilead) und der HERR wird es in die Hand des Königs geben." Welch angenehme, Zuversicht erweckende, Bot-schaft! Doch wird die Schlacht gegen die Aramäer verloren, und Ahab selbst wird getötet.
Um die Mitte des 2. Jahrhunderts trat ein gewisser Julius Montanus auf - mit dem Anspruch, er sei der in Joh 14,16 verheißene "Beistand". Die Bewegung nannte sich "die neue Prophetie" (hä nea propheteia) und rühmte sich, in ihr seien die Gaben und Kräfte der apostolischen Zeit wieder aufgebrochen. Visionen, Gesichte und neue Offenbarungen wurden empfangen. Noch in seiner Lebenszeit, so Montanus, werde das Tausendjährige Reich in seiner Heimatstadt, Pe-puza in Kleinasien, anbrechen. Diese Bewegung - die Kir-chenväter sprechen von der "kataphrygischen Sekte" - verursachte viel ungesunde Aufregung und machte der jungen Christenheit jahrhundertelang schwer zu schaffen.
Dazu noch ein Beispiel aus dem 20. Jahrhundert: Charles T. Russel, der Gründer der internationalen Bibelforscherver-einigung (heute: Zeugen Jehovas), sagte, begründet durch eine irrige, hochspekulative, Schriftauslegung für das Jahr 1914 den Anbruch des Tausendjährigen Friedensreiches vor-aus. Statt dessen kam es zum Ausbruch des 1. Weltkrieges. Wieder findet sich der biblische Kommentar in 5Mo 18,21: "Mit Vermessenheit hat der Prophet geredet."

Die ungesunde Betonung von Zeichen und Wundern

Es gibt noch einen anderen und wohl auch gefährlicheren Typ von falschen Propheten. In 5Mo 13,2-4 lesen wir: "Wenn in deiner Mitte ein Prophet aufsteht oder einer, der Träume hat, und er gibt dir ein Zeichen oder Wunder, und das Zeichen oder das Wunder trifft ein, indem er sagte: "Laß uns anderen Göttern ... dienen!", dann sollst du nicht auf die Worte dieses Propheten hören."
Der Vergleich mit der vorigen Stelle, läßt sofort den we-sentlichen Unterschied erkennen: Der falsche Prophet nach 5Mo 13 tut ein Zeichen. Und kraft dieser offenbaren Demon-stration von Sendung und Vollmacht ruft er zum Glauben an fremde Götter. Dabei wird sehr deutlich vorausgesetzt, daß das Zeichen oder Wunder wirklich geschieht. Für die Anwen-dung in neutestamentlicher Zeit wird man sagen dürfen, er tut ein Zeichen und bringt ein falsches Evangelium.
Hier empfiehlt sich eine Überlegung: Vom bisherigen Ge-schichtsverlauf her ist festzustellen, daß beide Typen nicht in gleicher Häufigkeit auftraten. Weit überwiegend findet man Gestalten, die gewisse Dinge ankündigen, die nachher regelmäßig nicht eintreffen.
Jesus hat aber in seiner Endzeitrede (Mt 24,10.24) sehr bestimmt das Auftreten von falschen Propheten geweissagt, "die große Zeichen und Wunder tun".
Offenbar der gleichen Meinung ist Paulus, denn nach 2Thess 2,9 geschieht das Auftreten des "Menschen der Sünde" in aller "Macht und Zeichen und Wundern der Lüge".
Die Gemeinde muß diese unübersehbaren Hinweise ernst neh-men. Sie braucht verläßliche biblische Kriterien zur Prü-fung, will sie der endzeitlichen Verführung nicht schutzlos ausgeliefert sein. Daß da oder dort "etwas geschieht", beweist, grob gesprochen, noch gar nichts. Die rasche Akzeptanz fragwürdiger Phänomene seitens der modernen Christenheit (Beispiel: Toronto-Segen!) vermag einen im Blick auf die Zukunft allerdings nur mit unguten Ahnungen zu erfüllen. Was wird als nächstes kommen?
Martin Luther, der sich zu seiner Zeit mit den Zwickauer Propheten auseinanderzusetzen hatte, prägte den Satz: "Ich will keine Visionen haben, sondern allein an dem Wort Got-tes hängen." Tatsächlich gibt es keinen wirksameren Schutz vor pseudoprophetischer Verführung als gründliche Kenntnis der ganzen Heiligen Schrift.

Die "Art des Herrn" ist nicht zu sehen.

Jesus sagt, "an ihren Früchten werdet ihr sie erkennen" (Mt 7,16). Die gleiche Meinung vertritt auch eine Schrift aus der Frühzeit der Christenheit: "Freilich ist nicht jeder ein Prophet, der in der Kraft des Geistes redet, sondern nur, wenn er nach der Art des Herrn wandelt. An dieser Art kann man den falschen vom wahren Propheten unterscheiden." (Didache 11,8)
Das heißt, dem falschen Propheten fehlt die Lammesart. An Stelle von Demut und Herzensreinheit offenbaren sie hier die Merkmale von Machtstreben und Sinnengier. Die Bereitschaft zur Spaltung und sektiererischen Absonderung ist groß. Lieber der Erste unter Dreißig, als der Dreißigste unter Zehntausend! Es läuft nach der Regel: "Und wär' das Kirchle noch so klein, möcht' er doch gern ihr Päpstle sein"!.
Neben dem Hang zur Macht besteht nicht selten der Hang zu einer unreinen Sinnlichkeit. Jeremia erwähnt in 29,23 zwei solcher Zeitgenossen, "die mit den Frauen ihrer Nächsten Ehebruch trieben" und im Namen Gottes "Lügenworte redeten". Das Sendschreiben an Thyatira (Off 2,20) erwähnt die nikolaitische Prophetin Isebel, die die Knechte Gottes verführt, "Unzucht zu treiben und Götzenopfer zu essen". Hierbei kann, je nach Zeit und sozialem Umfeld, das äußere Erscheinungsbild schwanken, vom derb-sinnlichen Wüstling nach der Art eines Rasputin bis hin zur eleganten Gestalt eines modernen Fernsehevangelisten. Darum nochmals: Je weiter unsere Zeit voranschreitet, desto aktueller wird die Mahnung aus 1Joh 4,1: "Geliebte, glaubt nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind."
Manfred Schäller

Die postmoderne Erlebnisgesellschaft und ihr Einfluß auf die Gemeinde

"In welcher Welt leben wir eigentlich?" Mit dieser Frage begann Dr. Stefan Holthaus (Dekan der FTA in Gießen) seinen Vortrag auf der diesjährigen Rüstwoche der Brüdergemeinden in Leipzig. Schon die Formulierung des Themas: "Die postmoderne Erlebnisgesellschaft und ihr Einfluß auf die Gemeinde" veranlasse einen zum Denken. So lautete die Einführung und Begrüßung. Am Schluß war man sich einig: solches Denken strengt vielleicht an, ist aber eine ertragreiche Mühe.

Anfänglich wurden die charakteristischen Details der postmodernen Gesellschaft dargestellt und anhand aussagekräftiger Beispiele dargestellt. Denn Gemeinde steht auch heute nicht außerhalb der Gesellschaft und wird von ihr beeinflußt. Zunächst einmal wurde ein tiefgreifender Wandel seit den 80iger Jahren beschrieben. Verhaltensweisen und Werte sind nicht von Vernunft geprägt, sondern von den Werten der Postmoderne: Sanftheit, Harmonie, Romantik und Spiritualität.
Ein herausragender Bereich ist die Erlebniszentrierung des Menschen. Soziologische Untersuchungen belegen die unstillbare Sehnsucht nach Glück. Um jeden Preis ist ein schönes, interessantes, angenehmes und faszinierendes Leben erstrebenswert. Leben heißt "er-leben". Nicht länger gelten Werte wie Arbeit, Mühe, Entbehrung und Pflichtbewußtsein, sondern Genuß, Zerstreuung, gutes Gefühl. Selbstentfaltungswerte verdrängen Pflichtbewußtseinswerte.

Mittlerweile drückt die Erlebnisgesellschaft vielen Bereichen ihren Stempel auf. Vergnügungsparks schießen wie Pilze aus dem Boden, Kinos laden mit Riesenleinwand und Bar ein, Schwimmbäder werden zu Erlebnisbädern mit immer längerer Wasserrutsche. Designer bestimmen den Verkauf.
Hauptsache, man fühlt sich wohl. Wie könnte das anders zu erreichen sein, als mit fein abgestimmten Pflegesubstanzen für jeden Körperbereich? Gewöhnliche Seife ist out.
Der Einkauf wird zum "Event", zum Ereignis. Seitdem es an der Tankstelle die frischesten Brötchen gibt, auch sonntags, existiert sie, die Erlebnistankstelle. Da kann die Post nicht länger nachstehen und verpaßt sich ein neues Image: in der modernen Posthalle erhält man natürlich seine Briefmarken, jedoch ebenfalls Brötchen(!), einen Schnellimbiß, Zeitungen, Ansichtskarten, Reiseangeboten usw. Nicht mehr die Ware ist das Entscheidende, sondern der Kauf an sich.

Unentwegt muß sich der moderne Mensch entscheiden. Nahezu unendlich ist die Zahl der Entscheidungsmöglichkeiten. Immerhin hat man beim Kauf eines BMW 10 Milliarden Wahlmöglichkeiten; wenigstens theoretisch. Auch ein ganz normaler Arbeitstag ist angefüllt mit zahllosen Entscheidungsmöglichkeiten. Man kann sie aber auch als Entscheidungsnotwendigkeiten betrachten: was ziehe ich an, was esse ich zum Frühstück, zum Mittag usw., welche Sendung schaue ich am Abend?
Ist so viel Entscheidungsmöglichkeit nicht Zeichen eines enormen Gewinns an Freiheit? Eher macht die Vielfalt hilflos und resignierend. Schließlich fühlt man sich vor den übervollen Regalen hoffnungslos überfordert.

Entscheidungsvorgänge setzen Denkvorgänge voraus. Immer mehr beschäftigt sich der Mensch mit sich selbst. "Ich grüble in mich hinein, wäge ab, verwerfe wieder, bleibe doch bis zum Schluß unsicher..." Der Mensch wird innenorientiert. Erlebnisse lassen sich mit anderen nur schwer teilen. So führt die Wahlfreiheit am Ende zur individualisierten Gesellschaft. Individualismus wurde zum "gesellschaftlichen Leitphänomen".

Erleben wird zur neuen Lebensaufgabe. Machbar wurde dies durch den Wandel von einer Armuts- zur Wohlstandsgesellschaft. An die Stelle einer von außen erzwungenen Überlebensorientierung tritt eine innengeleitete Erlebnisorientierung. Stand vor wenigen Jahrzehnten die Lebenssicherung im Vordergrund, ging die Entwicklung weiter von der Überfluß- zur Überdrußgesellschaft. In einer Gesellschaft, die alles hat, erfolgt die Jagd nach dem persönlichen Glück nach neuen Regeln. "Erlebnisorientierung ist die unmittelbarste Form der Such nach Glück.", lautet ein Zitat.

Je intensiver das Streben nach Glück, um so fragwürdiger wird das Begehrte: Was macht wirklich glücklich? Was macht vor allem dauerhaft glücklich? Der postmoderne Mensch ist zur unablässigen Suche verurteilt und muß gleichzeitig nach Steigerung des Erlebens jagen. Unsicherheit und Angst vor Enttäuschung sind die beiden klassischen Symptome eines erlebnisorientierten Lebens und durchziehen die gesamte Gesellschaft.

In einem zweiten Abschnitt geriet die Analyse schon weniger distanziert, denn es wurden konkrete Einflüsse der gesellschaftlichen Umbrüche auf die Gemeinde nachgewiesen. Keineswegs bissig, in der Aussage aber deutlich, kamen Trends in evangelikalen Kreisen zur Sprache: christliche Veranstaltungen werden zu Erlebnissen. Christliche Entertainer treten zusammen mit Clowns auf, im Vorprogramm kommt ein Fußballspiel mit christlichen Prominenten. Zudem muß es gigantisch sein: nicht unter 10 Seminaren kann man wählen, nein, 100 sind im Angebot! Nichts anderes zeigt ein Blick auf den Büchermarkt: unter den Neuerscheinungen überwiegen Erzählungen, besonders Liebesgeschichten. Bibelarbeit steht am Rande, Dogmatik ist egal, die Wahrheitsfrage darf nicht gestellt werden.

Wie in der Gesamtgesellschaft bestehen umfassende Wahlmöglichkeiten. Fast zahllos sind die kirchlichen Gruppen und unüberschaubar ist ihr Angebot. Etwa 10.000 christliche Buchtitel sind im deutschsprachigen Raum erhältlich. Resultat: Individualismus und Unverbindlichkeit greifen um sich und führen zu ernstlichen Komplikationen.

Man redet von bedürfnisorientierter Evangelisation und will damit die Barrieren für Gemeindefremde abbauen. Nachdenken über solche Aspekte der Verbreitung des Evangeliums ist angebracht. Doch auch Gefahr kann darin liegen. Es gibt eine Bedürfnisorientierung, die biblische Wahrheiten ausgrenzt und die Botschaft vom Kreuz zur Seite drängt. Wir müssen einen Auftrag Gottes ausführen und das heißt, ihnen das zu sagen, was sie hören müssen und nicht das, was sie hören wollen. Diese Spannung ist zu wahren.

Allgemeines Harmoniebedürfnis äußerte sich in der Gemeinde als Wohlfühldrang. Was in der Gemeinde geschieht, muß gefallen, muß schön sein. Für die Wahrheit kämpft man nicht mehr. Motto: Nur niemandem auf die Füße treten. Für eine Gemeindezugehörigkeit entscheiden Wohlfühlkriterien, nicht Bekenntnis und Überzeugung (vollkommen muß Gemeinde nicht sein; wenn sie nur genügend nahe Parkplätze hat).

Wirkt sich die Veränderung auch auf Inhalt und Art der Predigt aus? Dazu nur ein Aspekt: was hängenbleibt, sind die Stories, gefühlsmäßig aufgemacht. Ein nichtchristlicher Soziologe (Peter Gross) wird zitiert: "Geschichtenerzähler ... haben die Evangelisten von früher, die die eine und wahre Erzählung verkündet haben, abgelöst." Holthaus beklagt: Große evangelikale Prediger sind tatsächlich oft nur noch Geschichtenerzähler, Anekdotensammler der Moderne.

Auch die Gottesdienste blieben von den Einflüssen nicht verschont. Die Vorprogramme werden immer länger, vielgestaltiger. Schließlich soll dem Besucher etwas geboten werden. Die Predigt selbst wird hingegen immer kürzer. Einen Mangel kann man darin gewöhnlich nicht erkennen. Wenn nur die geistlichen Sehnsüchte, oder was man dafür hält, gestillt werden.

Man hört es gern: Gott ist ein liebender und zärtlicher Vater, der uns küßt und uns umarmt. Dieser Vater will uns alles schenken, er widerspricht nicht, er bestätigt mich und vor allem, er erfüllt meine Bedürfnisse. Das Gottesbild wandelte sich. Gott ist nicht mehr strafend, heilig und gerecht. Er wird umfunktioniert. Kaum jemand merkt es.

In besonders auffälliger Weise folgt die Charismatik dem allgemeinen Trend. Ichzentrierte Befriedigung der Bedürfnisse und schnelle zudem, steht im Vordergrund. Lehre steht oft weit hinter Erfahrung zurück. Predigt gerät zur perfekt inszenierten Show. Erfahrungen geben Autorität: wer heilt, hat recht. Gigantisch geht es zu: normaler Segen ist unzureichend, doppelt und dreifach muß er sein.

Im letzten Abschnitt zeigt Holthaus die Spannung zwischen Erlebnisfrömmigkeit und Christuswirklichkeit auf. Gemeinde heute muß sich entscheiden, doch sieht sie vielfach die eigentliche Herausforderung gar nicht. Sie merkt nicht, wieweit sie bereits angepaßt ist und fühlt sich sogar wohl dabei.
Holthaus hält zwei Wege für verhängnisvoll, weil sei dem Übel nicht begegnen. Erstens könnte man mit der Rückkehr zu den alten vertrauten Gottesdienstformen die Lösung erstreben. Doch die alten Formen war ja auch nur Ergebnisse ihrer Zeit (z.B. aus der herben viktorianischen Epoche). Zum anderen bietet sich der Rückzug in ein Refugium an, in eine Wohlfühlnische, in der man für sich und mit sich allein lebt. Man bleibt so jedoch im Rahmen der Moderne, die auch den Ausstieg als Wahlmöglichkeit anbietet (von Alternativen und Grünen schon lange vorgemacht). Die Lösung muß tiefer ansetzen.

Um Mißverständnisse auszuschließen - Erlebnisse gehören zum Leben, auch dem religiösen. In den Berichten der Heiligen Schrift erleben Menschen Gott als handelnd. Er spricht, bewahrt, führt auf dem Weg. Gott offenbart sich - Menschen erfahren dies.
Aber es gilt auch: derartige Erlebnisse werden nicht gemacht, nicht gesucht, nicht sehnsüchtig herbeigezwungen. Sie bleiben ganz in der Souveränität Gottes. ER gibt die Erfahrungen und ER gibt sie, wo und wie ER sie will.

Holthaus verwies auf den Gegensatz zwischen biblischen Tugenden wie etwa Selbstbeherrschung und der bekannten Erlebnissucht und Genußorientierung. Beides sind schroffe Gegenstücke zur Hingabe an Jesus. Hingabe stellt stets Jesus in die Mitte, Erlebnissucht ist auf die eigene Person ausgerichtet. Keineswegs muß deshalb das christliche Leben zum freudlosen Vegetieren werden.

In einer Welt, die die Orientierung verloren hat, ist die richtige Reaktion ein Schwimmen gegen den Strom: Positionen vertreten. Natürlich müssen die Überzeugungen auch gelebt werden. Das kann Verzicht auf Konsumgüter ebenso einschließen, wie auch das mutige Nein gegen Homosexualität.
Vielleicht muß es angesichts der tiefen Sinnkonflikte zu allererst den Christen klar werden, was sie in Jesus und der Beziehung zu IHM für einen Gewinn haben. Sind sie jedoch fixiert auf Erlebnis, Genuß und kranken an Sinnverlust, wird weder ihr Leben noch ihr Wort missionarisch gewichtig sein können. Moderne Menschen rechnen wieder mit einem Gott, sie sind religiös. Doch, was finden sie auf dem religiösen Markt der Möglichkeiten? Wir Christen haben etwas zu sagen. Jedenfalls dann, wenn wir die Mitte des Glaubens zur Sprache bringen: die Rettung in Jesus Christus.

Am Schluß macht der Redner deutlich, daß auch angesichts der heutigen Sinnleere das Evangelium nicht schon einfach deshalb akzeptiert wird, weil es einen Weg zeigt. Es bleibt, was es schon zur Zeit des Neuen Testaments war, ein Skandal, eine Torheit. Spannungen gerade zum Selbsterlösungsprogramm müssen ausgehalten werden, trotz Harmoniebedürfnis. "Wenn die Kirche diese 'Torheit 'preisgibt, verliert sie ihre Existenzberechtigung, gibt sie sich selbst auf... wenn die Kirche (oder in diesem Fall einzelne Christen) den transzendenten Kern der christlichen Lehre preisgeben, um sich mit dem Zeitgeist zu arrangieren, dann geht dabei die wertvollste Wahrheit verloren, die der Kirche anvertraut ist - die Wahrheit von der Erlösung der Menschen durch Christus, in welchem Gott in die Welt kam." (Peter Berger). Holthaus schloß: "Die postmoderne Erlebnisgesellschaft ist eine Gefahr und eine Chance: eine Gefahr, weil sie unseren Blick verzerrt, weg von Gott, hin zum Menschen. Eine Chance, weil der Hunger nach Erlebnissen ein versteckter Schrei nach Sinn ist. Wehe, wenn wir Christen in unserer postmodernen Zeit diese Chance wieder einmal verstreichen lassen."

Persönlich möchte ich ergänzen, daß mir das Referat ausgesprochen wertvoll ist. Christen müssen Gesellschaft, in der sie leben und die Welt, in die sie gesandt sind, kennen. Sie müssen sie kennen, um sich zu bewähren und ihren Auftrag zu erfüllen. Falsche zeitbedingte Frömmigkeitsformen geben Steine statt Brot. Nicht nur, daß wir am Nächsten schuldig werden, auch uns selbst gefährden wir. Steine im Magen verleihen zwar Gewicht, bringen letztlich aber den Tod. Niemand darf diese Gefahr unterschätzen, Eltern ebensowenig wie verantwortlichen Christen. Wer um Gefahren und Chancen weiß, geht zielstrebiger und gewisser den gewiesenen Weg.
Richard Bergmann

Die "Lehre der Nikolaiten" - was versteht man darunter?

Die Nikolaiten waren eine frühchristliche Sekte, die in den Sendschreiben an die Gemeinden zu Ephesus (Off 2,6) und Pergamus (Off 2,15) namentlich erwähnt werden. Auch das Sendschreiben an Thyatira setzt sich offenbar mit der nikolaitischen Lehrströmung auseinander, jedoch ohne sie zu nennen. Neben diesen biblischen Angaben gibt es sehr alte kirchenhistorische Quellen (Irenäus, Tertullian, Hippolyt, Victorin von Pettau, u.a.) die uns weitere Einzelheiten über die Nikolaiten und ihre Lehre mitteilen. Sie alle stimmen darin überein, daß der Begründer der Sekte jener in Apg 6,5 erwähnte Diakon Nikolaus aus Antiochien war. Victorin von Pettau, der einen der ältesten Kommentare zur Offenbarung des Johannes schuf, kommentiert die Stelle Off 2,6 mit folgenden Worten: "Vor jener Zeit hatten streitsüchtige und verderbenbringende Menschen im Namen des Diakon Nikolaus sich eine Sonderlehre geschaffen: daß nämlich Götzenopferfleisch einem Exorcismus unterzogen werden soll, damit es gegessen werden kann, und daß ein jeder, der Unzucht getrieben hat, am 8. Tage Frieden empfange."

"Frieden empfangen" heißt hier: Unzucht ist nicht so schlimm. Nach 8 Tagen soll man dem Betreffenden wieder die vollen Rechte der Gemeinschaft gewähren. Dieses Zitat wirft einiges Licht auf das Sendschreiben an Thyatira: Nach Off 2, 20 verführt die falsche Prophetin Jesebel die Knechte Gottes zum Essen von Götzenopferfleisch und zur Hurerei (vgl. auch 2,14). Ferner wirft das Pettau-Zitat ein interessantes Licht auf die eher geheimnisvoll lautende Stelle in 2,24: Auf Grund ihrer Sondererkenntnis der "Tiefen Satans" wähnen sie sich als exorzistische Fachleute, die die Götzenopfer mit gewissen Beschwörungsformeln "reinigen", um so für den Christen die Teilnahme an den heidnischen Opfermahlzeiten zu ermöglichen. Die Lehre der Nikolaiten war also mit dem Anspruch verbunden, in neue Räume "christlicher Freiheit" zu führen.

Auf dem Hintergrund dieser Mitteilungen ist es nicht schwer zu begreifen, warum die "Lehre der Nikolaiten" in 2,14.15 mit der "Lehre Bileams" verglichen werden kann. Bileams Empfehlung in 4.Mo 31,16 wirkte sich damals ähnlich aus, wie jetzt die Sonderlehre der Nikolaiten: Sie blickt nicht auf Gottes Willen, sondern sinnt auf das, was des Menschen ist. Sie verführt und bringt Gottes Zorn über Gottes Volk. Manches erinnert übrigens an jene unheilvolle Lehrströmung, mit welcher sich der 2.Petrus- und der Judasbrief auseinandersetzen: Auch dort haben wir die "Sondererkenntnisse" im Blick auf die unsichtbaren Mächte (Jud 8), den Hang zum sexuellen Libertinismus (2.Pt 2,14); auch sie gehen den "Weg Bileams" 2.Pt 2,15; Jud 11).
Aus den Schriften des Eusebius ist zu folgern, daß die Sekte der Nikolaiten bereits um 300 bis 350 nicht mehr existierte. Gleichwohl behalten diese Stellen der Offenbarung ihre Bedeutung. Die Warnung vor der Bagatellisierung von Zauberei- und Unzuchtsünden ist damals wie heute hochaktuell.

Manfred Schäller

ANSCHRIFTEN DER AUTOREN:

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Im Internet: http://www.Bibelbund.christen.net

Hinweis:
Beiträge zum Thema "Jehovas Zeugen" sind als Buch erschienen: Sigrid Raquet, Keine Angst vor den Zeugen Jehovas. Argumente für das nächste Gespräch., Brendow-Verlag