Bibel und Gemeinde
1999-3
Buchbesprechungen

Buchbesprechungen

Jung, August. Als die Väter noch Freunde waren: zur Geschichte der freikirchlichen Bewegung im Bergischen Land ab Mitte des 19. Jahrhunderts. TVG Kirchengeschichtliche Monographien. Wuppertal: Brockhaus, 1999. ISBN 3-4172-9435-5. DM/SFr. 19,80, öS 145,-.

Jung bringt Licht in das Dunkel der Vorläufer der Freikirchen im Rheinland Mitte des 19. Jahrhunderts. Er berichtet von den frühen Gemeindegründungsinitiativen durch H.C. Werth in Essen-Haarzopf (1847) und Krefeld (1846), von Friedrich Herring in Hückeswagen (1844) und Solingen (1847-50), von Johann Heinrich Lindermann und Julius Anton v. Poseck. Diese Gemeinden, die auch tauften und das Abendmahl feierten, können als Vorläufer der erst Jahre später gegründeten bekannten Freikirchen gelten. Die wichtigsten Personen dieser "Freikirchen vor den Freikirchen" waren nach Jung Lindermann, Herring und v. Poseck. Lindermann führte ein bewegtes Leben. Er war zunächst Kolporteur der Bergischen Bibelgesellschaft, dann Evangelist der Ev. Gesellschaft, ab 1850 Privatevangelist von H.H. Grafe, dann Bibellehrer des Ev. Brüdervereins, ab 1851 einer der Führer der "Bergischen Taufbewegung" und Leiter der "Getauften Christen-Gemeinden" und am Ende seines Lebens ab den 60er Jahren Anhänger der Sabbatlehre und damit Vorläufer des Adventismus. Lindermann hatte große Schwierigkeiten, sich irgendwelchen Vorgesetzten unterzuordnen. Seine Kreise galten als Konkurrenz zu den "Hamburger Baptisten". Herring, Ziehvater der "Evangelischen Brüdergemeinden" vor 1850, in diesem Jahr ebenfalls Evangelist des Ev. Brüdervereins, ließ sich 1851 von Julius Köbner im Wuppertal taufen, wollte aber ebenfalls keine Baptistengemeinde in Abhängigkeit von Hamburg gründen. Vielmehr wirkte er als Leiter von etwa 10 unabhängigen "Gemeinden Jesu Christi" (später: "Gemeinde der getauften Christen") in Solingen, Remscheid, Wermelskirchen und anderen Orten des Bergischen Landes. Herring ließ sich 1852 noch einmal aufgrund neuer Erkenntnisse taufen, diesmal in fließendem Wasser, was jedoch viele Anhänger verwirrte und Lindermann zum Leiter der "Bergischen Taufbewegung" werden ließ. 1855 wanderte Herring in die USA aus. Jung korrigiert vor allem das bisherige Bild von J.A. von Poseck, der nach seiner Meinung der eigentliche und selbstständige Begründer der "darbystischen" Versammlungen im Rheinland gewesen sein soll, später aber in der Brüderbewegung in Ungnade fiel und totgeschwiegen wurde. Von Poseck bekehrte sich erst 1848 (nicht 1844), wurde dann als Herausgeber von Darby-Schriften bekannt und gründete von Düsseldorf aus (deshalb "Düsseldorfer Darbyaner") schon ab 1851 die ersten "darbystischen Versammlungen" in Hilden (nicht 1849, wie bisher angenommen), Haan, Benrath, Ohligs, Rheydt u.a., das heißt lange vor der Gründung der ersten Brüdergemeinde durch Carl Brockhaus in Elberfeld im Jahre 1853. Schon in Hilden feierte man das Brotbrechen sonntäglich. Jung nimmt an, dass v. Poseck die Praxis der Glaubenstaufe - die ja im Gegensatz zur Kindertaufe der englischen Brüderbewegung stand - von der "Bergischen Taufbewegung" übernommen und für seine Kreise verbindlich gemacht habe. Jung belegt auch, dass Carl Brockhaus erst Mitte des Jahres 1852 durch v. Poseck (nicht wie bisher angenommen von Thorens seit 1850) zum "Darbysmus" gekommen sei und sich unter seinem Einfluss vom Brüderverein getrennt habe. Von Poseck habe eine perfektionistische Heiligungslehre vertreten, nicht jedoch der spätere Darbysmus um Brockhaus, der sich deshalb im Wuppertal auch nicht den Versammlungen v. Posecks angeschlossen habe. Nach Jung besitzt der extreme v. Poseck das "Erstgeburtsrecht" am Entstehen der darbystischen Versammlungen im Rheinland und war folglich auch verantwortlich für die Spaltung im Evangelischen Brüderverein. Carl Brockhaus sei jedoch wesentlich gemäßigter gewesen und habe einen "sanften" Darbysmus vertreten. Der letzte Teil des Buches gibt auf fast 50 Seiten verschollene Dokumente, Briefe und Kleinschriften aus der Feder der Genannten wider. Literatur-, Personen- und Ortsverzeichnis runden den Band ab. Insgesamt erscheinen mir einige Schlussfolgerungen des Buches zu gewagt und absolut. Leider fehlt auch eine geeignete Hinführung und eine bündelnde Zusammenfassung der Ergebnisse. Trotzdem: Diese Arbeit bietet viele Anregungen, manchen Zündstoff und vor allem neue Erkenntnisse über die "vorgeburtliche" Geschichte der Freikirchen in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie zeigt die Berechtigung von Neugründungen freikirchlicher Gemeinden ebenso wie die sektiererische und separatistische Verengung mancher Extremisten, die zu einer uneinheitlichen Entwicklung dieser freikirchlichen Anfänge führte.

Stephan Holthaus
D-Giessen


Kassühlke, Rudolf. Eine Bibel - viel Übersetzungen: ein Überblick mit Hilfen zur Beurteilung. Wuppertal: Brockhaus, 1998. 160 S. ISBN 3-417-20560-3. DM/SFr. 14,90, öS 109,--.

Über das Erscheinen dieses gelungenen Bändchens habe ich mich gefreut. Es sei jedem empfohlen, der von der Vielfalt des Bibelausgabenangebots verunsichert ist und für diesen Bereich eine zuverlässige wie gut verständliche (wenn auch relativ knappe) Orientierungshilfe sucht. Die Vorankündigung dieses Titels von Dr. Kassühlke im vergangenen Jahr ließ erwarten, dass wir zu diesem wichtigen Thema bald einen fachmännischen Leitfaden in die Hand bekommen würden, der gleichzeitig für Nichtspezialisten leicht zu verstehen ist, war Dr. Kassühlke doch für das Verfassen einer solchen Schrift geradezu prädestiniert: Nach rund 10 Jahren Wirksamkeit als Missionar, Bibelschullehrer und Bibelübersetzer in Kamerun war er 22 Jahre lang in verschiedenen europäischen Ländern als Übersetzungsberater der Deutschen Bibelgesellschaft sowie des Weltbundes der Bibelgesellschaften tätig. Insbesondere ist er einer der drei Übersetzer der meines Erachtens fachlich hervorragenden Gute Nachricht Bibel[1] Und unsere Erwartungen sind nicht enttäuscht worden. Entstanden ist zwar kein erschöpfendes, doch ein angemessen detailliertes, fachlich solides, »benutzerfreundliches« (für einfachere Bibelleser gedachtes) kleines Werk. Es besteht aus sieben Teilen: I. Verwirrende Vielfalt, II. Was ist übersetzen? III. Verschiedene Übersetzungsmethoden, IV. Übersetzungstypen, V. Charakterisierung gängiger deutscher Bibelübersetzungen (in alphabetischer Reihenfolge), VI. Arbeits- und Studienbibeln, VII. Computerbibeln. Die Teile II-IV enthalten eine vorzügliche Popularisierung der wichtigsten Erkenntnisse der heutigen Übersetzungswissenschaft. Kernstück des Ganzen bildet Teil V. Hier werden zwanzig in der heutigen Zeit verbreitete deutsche Bibelübersetzungen auf anschauliche und bewundernswert objektive Weise vorgestellt: Albrecht, Bruns, Buber, DaBhaR, Einheitsübersetzung, Elberfelder, Gute Nachricht Bibel, Hoffnung für Alle, Interlinearversion, Konkordante Übersetzung, Luther 1984, Menge, Mülheimer, Neue Genfer, Neue Welt, Pattloch, Schlachter, Stern, Zink und Zürcher. Zu jeder Übersetzung werden zunächst ausführliche bibliographische Angaben in Kleindruck geboten. Darauf wird (in Normaldruck) die Übersetzung in einigen Sätzen oder Abschnitten kurz charakterisiert. Hier erfährt man, auf welchem Grundtext sie fußt, welchem Übersetzungstyp sie zuzuordnen ist und für welche Zielgruppe sie geschaffen wurde. Auf weitere Charakteristika wie Stileigentümlichkeiten, graphische Gestaltung, Überschriften, Parallelstellen o.ä. wird ebenfalls häufiger hingewiesen. Vor allem aber werden zu jeder Übersetzung recht ausgedehnte Textauszüge aus verschiedenen Teilen der Bibel abgedruckt. Da es sich in der Regel (nicht alle Übersetzungen decken beide Testamente vollständig ab) um dieselben Textpassagen handelt, kann sich der Leser durch selbstständige Textvergleiche ein recht gutes Bild von der Eigenart der jeweils besprochenen Übersetzung machen. Wesentlich kürzer sind Teile VI und VII. Während in Teil VI neun bekanntere Arbeits- und Studienbibeln u.a. wiederum mit Textauszügen kurz vorgestellt werden, kommt in Teil VII das Allerwichtigste aus der Welt der Computerbibeln zur Sprache. Stets sind auch hier Nichteingeweihte anvisiert, was sich selbstverständlich auf Informationsdichte und Sprachstil des Bändchens auswirkt. Sicher hätten sich manche an verschiedenen Stellen vor allem des Hauptteils noch weitergehendere bzw. präzisere Informationen gewünscht (so ist die Neue Genfer Übersetzung nicht - auf jeden Fall nicht in erster Linie - für Leser mit kirchlichem Hintergrund, sondern speziell für Menschen ohne christlichen Hintergrund gedacht). Doch auf engem Raum war es dem Autor kaum möglich, eine so umfangreiche Thematik erschöpfender zu behandeln. Ich persönlich finde es allerdings schade, dass Dr. Kassühlke uns nicht deutlicher sagt, wie denn die verschiedenen Übersetzungen aus fachlicher Sicht zu beurteilen seien. Er hat sich offenbar für ein weitgehend beschreibendes Vorgehen entschlossen und überlässt die Beurteilung dem Leser aufgrund der im Buch gebotenen sachlichen Hinweise. Nach meinem Dafürhalten wären aber zahllose Leser für ergiebigere Beurteilungshilfen dankbar gewesen, z.B. für den Umgang mit ungewöhnlicheren Übersetzungen wie der DhaBhar-Übersetzung (zu dieser vgl. meinen Beitrag BuG 3/98, S. 181-185; zur Frage sachgerechter Übersetzungsweise überhaupt s. den vorzüglichen Aufsatz von Prof. Th. Bearth in BuG 2/99, S. 106-121).

Heinrich von Siebenthal
D-Gießen


Mc Dowell, Josh. Das kann ich nicht glauben! Antworten auf skeptische Fragen. 3. Aufl. Bielefeld: CLV, 1998. 224 S. DM/SFr. 4,80. ISBN 3-89397-788-0.

Bereits vor 15 Jahren veröffentlichte der Memra-Verlag eine Übersetzung dieses erfolgreichen Titels in deutscher Sprache. Immer wieder gestellte Fragen werden in diesem Buch in knapper Form beantwortet. Josh McDowell teilt sie in die Kapitel "Fragen zur Bibel," "Fragen über Jesus Christus," "Fragen über Gott," "Fragen über schwierige Bibelstellen," "Fragen über andere Religionen," Fragen über das Christentum," "Fragen über den Glauben," "Das Grabtuch von Turin" und "Die beiden Schöpfungsberichte" ein. Die Kürze der einzelnen Abschnitte ist zugleich Vorteil und Nachteil des Buches. Einerseits erhält der Leser einen guten Überblick über wichtige Diskussionspunkte. Von den "Widersprüchen in der Bibel" über "Deutero-Jesaja" und die Jungfrauengeburt bis zu der Frage, ob die christliche Bekehrung nicht psychologisch erklärbar sei, kommt vieles zur Sprache. Der Christ wird mit vielen Argumenten für seinen Glauben gestärkt. Selbstverständlich beantwortet der Autor manche Fragen stark aus seiner persönlichen Überzeugung (z.B. S. 74-75 über die Stammbäume in Mt 1 und Lk 3). Dem Skeptiker werden gute Gründe vorgeführt, seine Einstellung gegenüber der Bibel zu überdenken. Es wird sogar erklärt, wie der Leser Christ werden kann!

Andererseits bleibt durch die Vielzahl der aufgeworfenen Fragen vieles unbeantwortet. Es entsteht der Eindruck einer losen Gedankensammlung. - Wer sich vertiefen möchte, hat Literaturangaben zur Hand. Leider wurden sie nicht für den deutschsprachigen Leser überarbeitet. Sogar Titel, die ursprünglich auf deutsch erschienen sind, werden nur mit der amerikanischen Fassung angegeben (Keil-Delitzsch S. 222). Außerdem sind sie meist älteren Datums und nur schwer zugänglich. McDowells Argumentation wird getragen von der Ansicht, dass das Christentum als wahr "bewiesen" werden könne, erkennt jedoch die Notwendigkeit des Glaubens an. (S. 161-164). Ein Buch für Menschen mit Freude am Denken.

Steffen Denker
CH-Basel


Steube, Werner. Das Christentum und die anderen Religionen bei Carl Heinz Ratschow: eine systematisch-theologische Standortbestimmung im interreligiösen Umfeld der Gegenwart. Nürnberg: VTR, 1998. 437 S. DM/SFr. 58,90, öS 429,-. ISBN 3-933372-20-8.

Mit der kritischen Theologie rücken die christlichen Kirchen immer weiter vom Bekenntnis zur Einzigartigkeit Jesu Christi ab. Das Heil ist dann grundsätzlich nicht mehr allein in Jesus zu finden, sondern auch in den anderen Religionen. Der interreligiöse Dialog verliert die Qualität echten Zeugnisses, das wir als Botschafter Jesu Christi allen Menschen schuldig sind. Es bleibt bei Gesprächen, bei denen wir "gegenseitig voneinander lernen." Der Schweizer Pfarrer Werner Steube hat sich mit diesem Buch eines wichtigen Vertreters des Zusammengehens der Religionen exemplarisch angenommen. Er stellt die Auffassungen Carl Heinz Ratschows dar und erläutert sie auf sehr informative Weise - auch im Vergleich zu anderen christlichen Positionen. In seiner theologischen Veröffentlichung (zugleich Dissertation Universität Louvain, 1998) lenkt Steube seine Aufmerksamkeit nicht nur auf die Darstellung, sondern auch auf die biblisch-theologische Besinnung und die Beurteilung der gezeigten Denkweisen. Er weist deutlich auf, dass der christliche Glaube seine Existenz aufgibt, wenn er Jesus als den einzigen Weg verleugnet. Steube stellt die interreligiöse Entwicklung in den endzeitlich-antichristlichen Zusammenhang (S. 406-407). Auffallend ist bei aller theologischen Argumentation zugleich der starke Praxisbezug des Buches. Steube gibt eine gute Hilfe für den friedlichen Umgang von Christen mit anderen Religionen (ganz konkret). Für alle, die sich über den aktuellen Stand der interreligiösen Entwicklung informieren und die eigene schriftgebundene Position formulieren wollen, ist es ein ausgezeichnetes Buch.

Steffen Denker
CH-Basel


Thomas Schirrmacher. Paulus im Kampf gegen den Schleier. Eine alternative Auslegung von 1Kor 11,2-16. Bonn: Verlag für Kultur und Wissenschaft 1993. DM 29,80 ISBN 3-926105-14-3

Ohne Zweifel gehört Mut dazu, sich dem 11. Kapitel des ersten Korintherbriefes zu stellen, den "vielleicht schwierigsten Text des Neuen Testamentes, der nicht nur ein Heer von Auslegungen hervorgebracht hat, sondern in dem fast bei jedem Vers ein eigenes, in der Literatur stark umstrittenes Problem liegt" (S. 47f). Thomas Schirrmacher legt nun "nach langem Zögern" eine alternative Auslegung vor, für die er von vornherein viele Missverständnisse befürchtet (S. 13).

Seine Hauptthese besteht in der Annahme, dass es sich bei einem großen Teil des Textes (Verse 4-9 bzw. 10) um Aussagen der Korinther handle, die Paulus ironisch widerlegen würde, was Thomas Schirrmacher durch eine ungewöhnliche Übersetzung der Verse 13-15 untermauert: " Urteilt bei euch selbst! Es ist anständig, dass eine Frau unverhüllt zu Gott betet! Die Natur lehrt euch nicht, dass, wenn ein Mann langes Haar hat, es eine Schande für ihn ist, wenn aber eine Frau langes Haar hat, es eine Ehre für sie ist. " Damit sagt er praktisch das Gegenteil von dem, was der Bibelleser an dieser Stelle gewöhnlich vorfindet.

Dass der Verfasser sehr experimentierfreudig ist, geht nicht nur aus dem Inhalt seines 165 Seiten umfassenden Buches hervor, sondern auch aus dessen Gliederung. Wenn man gewohnt ist, ein Buch hintereinander zu lesen, wird man auf viele Wiederholungen stoßen. Im ersten Kapitel stellt der Verfasser seine Thesen vor, im zweiten diskutiert er die Problematik und behandelt im dritten die Thesen noch einmal ausführlich. Im 4. Kapitel versucht er, seine Hauptthese, die Zitattheorie, zu beweisen und diskutiert schließlich noch einige andere "Frauentexte" des Neuen Testaments. Zweimal listet er eine optisch imposante Reihe von Vertretern der Zitattheorie auf (beim zweiten Mal in Bezug auf 1Kor 14,34-36). Allerdings kommt die Zahl dadurch zustande, dass fast jeder Autor mehrmals erwähnt wird. Auch sich selbst führt der Verfasser in der ersten Liste dreimal auf. Bemerkenswert ist, dass sich unter den neun Anhängern der Zitattheorie vier Frauen finden.

Nun ist die Übersetzung der Verse 13-15 formal zwar so möglich, wird aber weder von einer bekannten Bibelübersetzung, noch von einem Herausgeber eines wissenschaftlich bearbeiteten griechischen Neuen Testaments, vor allem aber nicht durch den Kontext unterstützt. Der ganze Zusammenhang spricht eigentlich gegen eine Wiedergabe der Verse als Aussagesätze (" Es ist anständig, dass eine Frau unverhüllt zu Gott betet! "), es sei denn, man setzt die vom Verfasser vertretene Zitattheorie voraus.

Dass Paulus die Verse 4-9 als Meinung der Korinther zitiert, geht aus dem Text selbst in keiner Weise hervor, im Gegenteil: Es ist viel sinnvoller anzunehmen, dass die Aussagen des Paulus von V. 3-5 noch unter der Aussage " Ich will aber, dass ihr wisst! " stehen, und anschließend von ihm begründet werden, denn jeder der folgenden Verse bis einschließlich V. 12 beginnt mit "denn", "darum" oder "dennoch". Die Meinung des Verfassers, dass in V. 10 bzw. 11 plötzlich wieder die Argumentation des Paulus beginne, ist in diesem Zusammenhang nicht einsichtig zu machen. Außerdem hat Paulus das Gedankengut der Korinther sonst immer klar kenntlich gemacht und dann jeweils eine deutliche Widerlegung angefügt. Zum Beispiel Kapitel 1,11f: " Es ist mir ... bekannt geworden, ... dass Streitigkeiten unter euch sind. Ich meine aber dies ...". Kapitel 7,1: " Was aber das betrifft, wovon ihr mir geschrieben habt, so ist es gut ...". Kapitel 8,1: " Was aber das Götzenopferfleisch betrifft, so wissen wir ...". Kapitel 15,12: " Wenn aber gepredigt wird, dass Christus aus den Toten auferweckt sei, wie sagen einige unter euch, dass es keine Auferstehung der Toten gebe? " Im 11. Kapitel jedoch lässt der Text selbst in keiner Hinsicht erkennen, dass Paulus hier die Korinther zitiert. Eine solche Annahme ist deshalb nicht nur willkürlich, sondern könnte die Tür für ein gefährliches hermeneutisches Prinzip öffnen. Wenn man nämlich derartige Vermutungen an andere Texte heranträgt, könnte man unter Umständen das Gegenteil von dem herauslesen, was dasteht. Bei diesem Text des Paulus mit seinen für den modernen Menschen unangenehmen Konsequenzen scheint das aber beabsichtigt.

Der Leser von dieser oder anderen Auslegungen zu 1Kor 11 fragt sich schon, unter welchen Voraussetzungen die jeweilige Auslegung überhaupt begonnen wurde. Bei den meisten hat man den Eindruck, dass bestimmte, schon vorher feststehende Meinungen mehr oder weniger wissenschaftlich oder plausibel belegt werden sollen. Einerseits sind diese Meinungen durch den Zeitgeist bestimmt, denn mehr als 1800 Jahre lang war diese Frage kaum ein Problem. Andererseits sind die Auslegungen durch bestimmte Traditionen so stark beeinflusst, dass nur eine Bestätigung der betreffenden Praxis herauskommen kann und man den Eindruck hat, die Verfasser haben die Probleme des Textes noch nicht einmal verstanden. Sehr selten findet sich die Haltung, möglichst unabhängig von Zeitgeist und Tradition aufrichtig zu fragen, was der Text wirklich sagt und dann auch entsprechende Konsequenzen vorzuschlagen.

Auch wenn man sich seiner These nicht anschließen kann, sollte man Thomas Schirrmacher dankbar sein, dass er den Mut gehabt hat, diesen schwierigen Text anzugehen und dabei die immensen exegetischen Probleme bewusst gemacht zu haben. Dass er seine Zitattheorie noch mit einigen anderen Texten plausibel zu machen versucht, um sie schließlich auf 1Kor 14,34-35 anzuwenden, wodurch er das dortige Schweigegebot elegant außer Kraft setzen kann, ist von seiner Sicht aus gesehen nur konsequent. Er hat versucht, auf bibeltreuer Basis eine alternative Auslegung zu 1Kor 11 vorzutragen. Die meisten anderen evangelikalen Autoren stimmen zwar der Auslegung zu, dass Paulus die Frauen zum Tragen einer Kopfbedeckung verpflichtet. Sie lehnen dies dann aber als Gebot für die heutige Zeit ab, weil sich unsere kulturelle Situation geändert habe. Das lässt sich meiner Meinung nach aber weder aus dem Text noch aus der Zeitgeschichte sauber begründen.

Karl-Heinz Vanheiden
D-Hammerbrücke


Paul Schenk/ John R. Wilch. Israel. Land und Staat in biblischer Sicht. Concordia-Verlag Zwickau: 1998. 32 S. ISBN 3-910153-35-6 DM 3,90

Das vom Verlag der Evangelisch-Lutherischen Freikirche herausgegebene Heft enthält zwei Aufsätze über die Bedeutung des heutigen Israel für Christen.

Zunächst stellt Paul Schenk auf fünf Seiten dar, "was ein Christ über Israel wissen sollte". Dabei unterscheidet er scharf zwischen leiblicher und geistlicher Abrahamskindschaft und kommt zu dem Ergebnis, dass die Juden wegen der Hinrichtung des Gottessohnes "unter dem erklärten Fluch des lebendigen Gottes" stehen. "Mit diesem Fluch ist die Erwählung durch Abraham nicht nur aufgehoben, sondern hat sich ins Gegenteil verkehrt ..." (S. 9f). Als Konsequenz folgert er: "Es kann nicht darum gehen, religionswissenschaftliche oder politische Dialoge mit Juden zu führen ... oder ihnen einen sogenannten ‚zweiten Heilsweg' zu eröffnen ... wir haben ihnen ... Jesus Christus als ihren verheißenen Messias und Retter zu bezeugen." (S. 12.)

Der zweite Aufsatz "Land und Staat Israel in biblischer Sicht" stammt von Dr. John R. Wilch, jetzt Professor für AT am Concordia Theological Seminary in Saint Catherins, Kanada. Wilch geht gründlicher auf die Problematik von Auslegungsgrundsätzen ein, auf die Frage des verheißenen Landes, die Rückkehr Israels, die Wiederherstellung des Landes und die Wiederherstellung Israels als Nation, wobei er letztlich natürlich die gleiche Position wie Schenk vertritt.

Wilch akzeptiert die Auslegungsregeln, dass die Schrift ihrem grammatischen, wörtlichen, historischen Sinn nach verstanden werden muss, dass sie zuverlässig, irrtumslos und klar ist und bleibende Gültigkeit besitzt. Und er gesteht zu, dass es "evangelischen Christen häufig schwer" fällt, zu erkennen, wo der Fehler bei solchen Auslegern liegt, die aufgrund des Wortes Gottes glauben, dass Israel tatsächlich in sein Land zurückgeführt werden wird und dass "das Volk Israel im ‚Tausendjährigen Reich' sein Altes Land mit Freuden bewohnen werde." (S. 14.)

Nach seiner Meinung halten solche Auslegungen den Grundsätzen, "die wir von der Reformation gelernt haben" nicht Stand: "Der Schlüssel zum Verständnis der ganzen Bibel ist allein Jesus Christus ..." (S. 14). Diesen Grundsatz wendet er dann z.B. auf Jes 11 an: "Man darf nicht einfach nach historischen Ereignissen Ausschau halten, die die Verheißung buchstäblich erfüllt haben könnten. Sondern man muss danach fragen, wie Christus die Erfüllung herbeigeführt hat." (S. 19.)

Gewiss ist dem Verfasser zuzustimmen, dass nicht die laufenden geschichtlichen Ereignisse Heilscharakter bekommen dürfen, aber muss man wirklich alle Landesverheißungen und alle Erwähnungen der zwölf Stämme Israels selbst im NT bildhaft auf Christus oder die Gemeinde deuten? Sind die "tausend Jahre" von Off 20 tatsächlich ein Bild für das gegenwärtige Zeitalter?

Dass die Verfasser dezidiert die lutherische Position vertreten, ist ihnen nicht zu verübeln, aber sie sollten nicht behaupten, dass dies die allein denkbare biblische Position sei.

Karl-Heinz Vanheiden
D-Hammerbrücke


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Bibelbund e.V. Anschriften


[1] Revidierte Fassung der "Bibel im heutigen Deutsch", praktisch Neuübersetzung von 1997 (d.Red.).