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1999-4
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Kritik der Bibelkritik |
Nach Meinung von Gerhard Hörster stößt jeder aufmerksame Bibelleser immer wieder auf Irrtümer und Widersprüche in der Bibel. So schreibt er in seinem Buch Markenzeichen "bibeltreu" [1] "Die Lehre von der Irrtumslosigkeit der Bibel in allen ihren Aussagen ist als Schutz gedacht, scheitert aber an der realen Gestalt der Bibel." Gerhard Maier drückt es in seiner Biblischen Hermeneutik (S. 118) ein wenig anders aus: "Man stieß also durch das Bibelstudium auf eine Verschiedenartigkeit der Schriftaussagen, die notwendig den Gedanken hervorriefen, ob nicht die eine durch die andere korrigiert werden müsse".
Widerspricht die Bibel selbst der Behauptung der Irrtumslosigkeit der Bibel, oder handelt es sich hier nur um sogenannte Widersprüche?
Nils Dahl behauptet in einem Aufsatz: "Die Bibel ist voller Widersprüche."[2] Aber was ist eigentlich ein Widerspruch? Nach Wahrigs Deutschem Wörterbuch ist ein 'Widerspruch' "eine einer früheren Aussage entgegengesetzte Äußerung; die Behauptung des Gegenteils; eine Unvereinbarkeit"; und nach dem Duden "die fehlende Übereinstimmung oder das Sichausschließen zweier oder mehrerer Aussagen".
Hier muss man jedoch einwenden, dass unterschiedliche Aussagen noch nicht 'widersprüchlich' sein müssen. In seiner Monographie über theologische Verschiedenheit im Alten Testament beschreibt John Goldingay vier Formen des 'Widerspruchs' bei biblischen Aussagen: formelle, kontextuelle, substantielle (wesentliche) und grundlegende. Nur die letzte Art sieht er als widersprüchlich im problematischen Sinn an, d.h. in keiner Weise miteinander zu vereinbaren (S. 15-25). Mit anderen Worten: Nicht jede Form der 'Widersprüchlichkeit' stellt eine Infragestellung der Lehre von der Irrtumslosigkeit der Schrift dar.
Warum ist diese Fragestellung wichtig? Ist es wirklich notwendig, uns mit behaupteten Widersprüchen im Alten Testament zu beschäftigen? Es gibt evangelikale Theologen, denen die Zuverlässigkeit (und Vereinbarkeit) der Aussagen der Evangelien über Jesus sehr wichtig sind, die aber die historischen Aussagen im Alten Testament als zweitrangig ansehen, vielleicht weil es dabei nicht um Jesus geht.[3] Einerseits dürfen wir in unserer Schriftlehre nicht in dieser Weise zwischen dem NT und dem AT unterscheiden. Andererseits dürfen wir auch nicht einfach behaupten, dass es hier lediglich um 'sogenannte' Widersprüche geht, so dass folglich die Spekulationen der Kritiker uns nicht der Mühe wert sind.
Eigentlich hat der Umgang mit den sogenannten Widersprüchen im AT zwei unterschiedliche Absichten: eine negative und eine positive . Beide sind für die Exegese von Bedeutung.
Einerseits hat der Umgang mit sogenannten Widersprüchen eine apologetische Absicht, um die Argumente der historisch-kritischen Forschung bezüglich der göttlichen Herkunft der Schrift und der kompositionellen Entwicklung der einzelnen Schriften zu widerlegen. Nach Gerhard Maier (S. 118): "Jeder Entwurf einer Inspirationslehre muss sich mit der Frage nach eventuellen Fehlern in der Schrift auseinandersetzen." Wenn tatsächlich Fehler, z.B. Widersprüche, in der Bibel festzustellen sind, dann muss unsere Inspirationslehre entsprechend umformuliert werden, um solche zu erklären. Doch diese Fragestellung ist auch grundlegend für die Exegese.| Nur wenn wir uns intensiv mit den sogenannten Widersprüchen beschäftigen, werden wir in der Lage sein, die kritischen Anfragen zu beantworten |
Ein Hauptkriterium für die Literarkritik im Alten Testament, besonders für die Quellenscheidung im Pentateuch, ist die Beobachtung von Widersprüchen im Text. Steck schreibt in seinem exegetischen Handbuch (S. 52-53), dass bei der Frage nach der literarischen Integrität eines Textes, Spannungen im Wortlaut (lexikalische, grammatische, syntaktische, terminologische), insbesondere Widersprüche und Brüche im Textablauf, zu den Hauptanzeichen literarischer Uneinheitlichkeit gehören. Nur wenn wir uns intensiv mit den sogenannten Widersprüchen im AT beschäftigen, werden wir in der Lage sein, die kritischen Anfragen anderer Theologen (und Laien in den Gemeinden, die von ihnen überzeugt wurden) zu beantworten.
Anderseits gibt es tatsächlich Stellen in der Bibel, die scheinbar im Widerspruch zueinander stehen, die der aufmerksame Bibelleser selbst beobachtet. Auch wenn er nicht sofort geneigt ist, dem Text einen Fehler zu unterstellen, sind wir ihm eine Antwort schuldig. Er möchte wissen, wie diese Aussage im Kontext zu verstehen ist und welche Funktion gerade diese Formulierung hat. Also enthält der Umgang mit sogenannten Widersprüchen auch eine positive, eher hermeneutische Absicht.Wenn wir deshalb induktiv (hergeleitet) von Problemstellen ausgehen, gibt es also zwei Gründe, uns mit diesen Texten zu beschäftigen.
Wenn wir aber deduktiv (folgernd) von einem bibeltreuen Schriftverständnis ausgehen, müssen wir erst eine andere Frage beantworten, nämlich: Wie sind Widersprüche in Gottes unfehlbarem Wort entstanden? Dafür gibt es sowohl textbezogene als auch leserbezogene Erklärungen.
| Viele sogenannte Widersprüche erklären sich durch die Überlieferung des Textes und die kulturelle Distanz |
b. Einige sogenannte Widersprüche stammen aus der langen Geschichte der Entstehung des Alten Testamentes. Stellen Sie sich vor, Sie lesen eine Geschichte des deutschen Volkes von 800 bis 1800 n.Chr., die auch zwischen 800 und 1800 geschrieben wurde. Welche unterschiedlichen, scheinbar widersprüchlichen Ausdrucksweisen, Erklärungen und Perspektiven würden Sie von den verschiedenen beteiligten Autoren erwarten? So auch in bezug auf das Alte Testament.
Die meisten Widersprüche stammen aus der chronologischen und kulturellen Distanz zwischen uns und dem Text in seinem ursprünglichen Kontext:
a. Einerseits sind wir zu wenig vertraut mit der Sprache , den stilistischen Mitteln, bildreichen Ausdrücken, kompositionellen Regeln, literarischen Gattungen und vorausgesetzten Sitten und Gebräuchen, um die biblische Literatur völlig zu verstehen.
b. Andererseits fordern wir unberechtigterweise von den biblischen Texten einen eindeutig chronologischen oder logischen Aufbau, eine lückenlose Erzählung, eine naturwissenschaftliche Genauigkeit und eine historische Vollständigkeit, die unseren Vorstellungen von Literatur bzw. von Geschichtsschreibung entspricht. Manchmal können wir solche Fehleinschätzungen nicht vermeiden.
c. Weitere Widersprüche entstehen erst durch eine irreführende Übersetzung und werden von dem Leser als solche verstanden, weil er auf Übersetzungen angewiesen ist.
d. Doch leider müssen wir auch feststellen, dass viele sogenannte Widersprüche nicht festgestellt werden, weil man etwa zu oberflächlich oder uninformiert die Bibel liest, sondern weil bewusst nach Unregelmäßigkeiten im Text gesucht wird. Gooding schreibt bzgl. einer behaupteten Diskrepanz zwischen 1Sam 16 und 17 (S. 56):
| Viele sogenannte Widersprüche entstehen, weil bewusst nach Unregelmäßigkeiten im Text gesucht wird |
"Mir scheint es, keiner hätte je gemeint, es handele sich hier um einen Widerspruch, wäre er nicht aus anderen Gründen überzeugt, dass hier zwei widersprüchliche Geschichten vorlägen, und folglich geneigt wäre, andere Beispiele von Widersprüchen zu finden."
a. Naturwissenschaftliche: die phänomenale Sprache, die modernen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen widerspricht. Meistens geht es hier um poetische Ausdrücke, die beschreibend, aber nicht erklärend sind. Sprechen wir nicht auch vom Sonnenaufgang und -untergang?
Es wäre ein ganz anderes Problem, wenn ein Text behaupten würde, die Sonne kreise um die Erde und ein anderer Text das genaue Gegenteil.
b. Historische: biblische Aussagen, denen durch archäologische Erkenntnisse oder außerbiblische Texte widersprochen wird. Zum Beispiel wird oft behauptet, dass die biblische Darstellung der Eroberung in Josua nicht stimmen kann, weil die Ausgrabungen der erwähnten Stätten dies nicht bestätigen. Doch ist die Deutung solcher Ausgrabungen subjektiv. John Bimson[5] schlägt vor, dass man eine ganze Ausgrabungsschicht (die durch die Vergleichung der Keramikfunde datiert wird) ein Jahrhundert später datieren sollte. In diesem Fall würden die biblischen Aussagen bestens mit den Ergebnissen der Archäologie zusammenpassen - außer bei Ai. Jedoch behauptet David Livingston wiederum, dass man am falschen Ort nach Ai gegraben habe[6] Und hinsichtlich der außerbiblischen Texte ist bekannt, dass diese häufig keinen Anspruch auf historische Zuverlässigkeit erheben können: Die assyrischen Könige haben z.B. manchmal ihre Errungenschaften übertrieben.
c. Prophetische: zukunftsbezogene Aussagen, die nicht in Erfüllung gingen. Hier geht es um die Frage, wie diese Texte zu deuten sind und welche Art und welchen Zeitpunkt der Erfüllung vorausgesagt wurde.
d. Moralische: biblisches Verhalten und göttliche Forderungen, die unseren Vorstellungen der Gerechtigkeit und Güte Gottes widersprechen, z.B. Jephtahs Opferung seiner Tochter, Gottes ähnliche Forderung bezüglich Isaak. Diese werden besser als 'moralische Schwierigkeiten' kategorisiert.
e. Logische: Die biblischen Angaben bei Zahlen widersprechen scheinbar der menschlichen Logik:
| Trotz der erstaunlich hohen Zahlen sind die Zahlenangaben in den fünf Büchern Mose schlüssig |
a. Bei widersprüchlichen theologischen Aussagen über Gott und über den Menschen in seiner Beschaffenheit und in seiner Beziehung zu Gott geht es oft um die fortschreitende Offenbarung, aber auch um unterschiedliche Akzentuierungen und Ausdrucksweisen.
Wenn ein Text z.B. sagt, dass niemand Gott je gesehen habe, ein anderer jedoch, dass besondere Menschen Gott wiederholt gesehen haben (vgl. 2Mo 33,20 und Joh 1,18 mit 2Mo 24,9-11, Ri 13,22 und Jes 6,1.5), wird dies manchmal als theologischer Widerspruch angesehen.
b. Bei geschichtlichen Widersprüchen handelt es sich um Details, die miteinander nicht zu vereinbaren sind. Wenn dies zwischen zwei parallelen Erzählungen wie zwischen Samuel oder Könige und Chronik auftritt, behauptet man, dass ein Geschichtsschreiber historisch zuverlässiger sei als der andere. Damit verwandt sind neutestamentliche Aussagen über die alttestamentliche Geschichte, deren Aussagen letzteren widersprechen.
Nur diese zweite Kategorie von sogenannten Widersprüchen besteht eigentlich aus Widersprüchen im Alten Testament; folglich werden wir nur diese weiter besprechen.
Wenn wir beim Bibellesen auf einen scheinbaren Widerspruch stoßen, oder wenn jemand einen Text erwähnt, von dem er behauptet, dass darin ein Widerspruch zu finden sei, wie sollen wir darauf reagieren, um dieses Problem zu lösen?
| Unsere intellektuelle Arbeit muss durch Gebet begleitet werden, denn es geht um einen geistlichen Kampf |
1. Solche Fragen dürfen wir nicht unterschlagen. Wenn sie unbeantwortet bleiben, können sie unser Vertrauen in die Schrift untergraben. Wenn sie gut beantwortet werden, unser Vertrauen jedoch stärken. Doch sollen wir von der Annahme der Integrität (Einheitlichkeit) und der Kohärenz (Verständlichkeit) des Textes ausgehen, statt dem Text von vornherein Ungereimtheiten zu unterstellen.
2. Hier geht es um einen geistlichen Kampf und eine geistige Arbeit. Da dem Feind des Glaubens daran liegt, das Schwert des Geistes stumpf zu machen, in dem die Schrift als unzuverlässig und folglich als unverbindlich betrachtet werden muss, sollte unsere intellektuelle Arbeit durch Gebet begleitet werden. Doch müssen wir uns auch mit den Aussagen des Textes intensiv beschäftigen und soweit wie möglich zu den besten Büchern und Hilfsmitteln greifen. Alte Bücher sind nicht zu verachten. Da die Bibelwissenschaft sich jedoch immer weiter entwickelt, können auch die neusten exegetischen Methoden und Veröffentlichungen neue Antworten liefern.
| Wir müssen ehrlich mit den Problemtexten umgehen |
3. Wir müssen ehrlich mit den Problemtexten umgehen. Es ist nicht genug, eine oder viele Lösungen vorzuschlagen, wenn sie alle gezwungen, gekünstelt und unwahrscheinlich wirken. Lindsell[9] hat z.B. vorgeschlagen, dass Petrus Jesus sechsmal verleugnet habe, um dadurch die voneinander abweichenden Berichte in den Evangelien zu harmonisieren. So etwas bringt die evangelikale Exegese in Verruf und überzeugt nur wenige. Wir müssen auch demütig sein und es zugeben, wenn wir keine gute Lösung finden können. Es kann sein, dass uns momentan die nötige Information fehlt, das Problem zu lösen. Justin sagte dem Juden Tryphon schon im zweiten Jahrhundert: "Ich bin schlechterdings überzeugt, dass keine Schriftstelle einer anderen widersprechen kann, und werde eher zugeben, dass ich das Gesagte nicht begreife."[10]
4. Es ist nicht notwendig, jeden sogenannten Widerspruch in der Bibel zu erklären, um an die Irrtumslosigkeit der Schrift glauben zu können. Dass es trotz ihrer Vielfalt an Formen und Autoren so wenige echte Problemstellen in der Bibel gibt, zeugt schon von ihrer göttlichen Herkunft. In den Worten der Chicago-Erklärung:
"Wir bejahen die Einheit und innere Übereinstimmung der Heiligen Schrift. Wir verwerfen die Ansicht, dass angebliche Fehler und Diskrepanzen, die noch nicht gelöst wurden, den Wahrheitsanspruch der Bibel hinfällig machen."[11]1. Versuchen Sie, beide betroffenen Texte unabhängig voneinander zu verstehen , d.h. die Deutung ihrer Aussagen und ihre jeweilige Funktion im Kontext. Nach 1Kö 7,13-14 war die Mutter von Hiram von Tyrus aus dem Stamm Naphtali. Nach 2Chr 2,13-14 hieß er aber Hiram-Abi und seine Mutter war eine Frau von den Töchtern Dan. Es ist möglich, dass Naphtali oder Dan den Wohnsitz statt die Stammeszugehörigkeit bezeichnen, oder dass die zwei Eltern der Mutter jeweils einem der beiden Stämme angehört haben. Weshalb aber die unterschiedlichen Herkunftsangaben? Nach Raymond Dillard[12] will der Verfasser von Chronik Hiram-Abi und seine Aufgabe beim Tempelbau mit Oholiab und seiner Aufgabe bei der Erstellung der Stiftshütte vergleichen. Oholiab selbst stammt aus Dan; so betont Chronik, dass auch Hiram-Abi aus Dan stammte.
Die unterschiedlichen Funktionen erklären die unterschiedlichen Personenangaben. Um beide betreffenden Texte samt ihrer Funktion zu verstehen, können folgende Schritte hilfreich bzw. nötig sein:
a. Vergleichen Sie verschiedene Übersetzungen oder, wenn möglich, lesen Sie den Urtext. Manche 'Widersprüche' verschwinden, wenn man den eigentlichen Wortlaut erkennt. Manchmal wird z.B. behauptet, dass 1Mo 1 und 2 zwei widersprüchliche Schöpfungsberichte darstellten. Doch übersetzt die New International Version die Verben in 2,8.18 als vorzeitige Handlungen, d.h. "hatte gepflanzt ... hatte geformt". Auch bezeichnen die Ausdrücke "das Gesträuch des Feldes ... das Kraut des Feldes" in 2,5 nicht die Pflanzen von 1,12, sondern evtl. die von 3,18 ("Dornen und Disteln ... Kraut des Feldes"). In jedem Fall geht es hier nicht um eine zusätzliche Schöpfung im Garten oder um einen widersprüchlichen Schöpfungsbericht, sondern um eine detailliertere Beschreibung des sechsten Schöpfungstages mit dem Menschen im Mittelpunkt.
b. Seien Sie sicher, dass Sie die Bedeutung wichtiger Begriffe richtig verstehen . In 1Sam 15 lesen wir in V. 11 und 35, dass Gott es reute, dass er Saul zum König gemacht hatte. In V. 29 aber sagt Samuel von Gott: "Denn nicht ein Mensch ist er, dass ihn etwas gereuen könnte." Also ein 'Widerspruch' innerhalb eines Kapitels? Das Wort 'Reue'[13] aber umfasst zwei Aspekte:
c. Identifizieren Sie die literarische Form der betreffenden Texte und machen Sie sich vertraut mit den wichtigsten Eigenschaften dieser Form oder Gattung. Oft wird behauptet, dass Sprüche 26,4-5 sich widersprechen: "Antworte dem Toren nicht nach seiner Narrheit, damit nicht auch du ihm gleich wirst! Antworte dem Toren nach seiner Narrheit, damit er nicht weise bleibt in seinen Augen!" In der biblischen Weisheit gibt es Sprichwörter, die in unterschiedlichen Situationen angewendet werden können und entsprechend Unterschiedliches aussagen. Der Weise weiß, wie man mit solchen Sprüchen richtig umgeht, der Tor aber nicht, denn sie sind in seinem Mund wie die schlaffhängenden Glieder eines Lahmen (V. 7). In dem Abschnitt 26,1-12 geht es um den richtigen Umgang mit einem Toren: Man soll den Toren nicht ehren (V. 1-3 u. 8); man soll ihm keine wichtige Botschaft anvertrauen (V. 6-7, 9-10); man soll ihn als hoffnungslos aufgeben (V. 11-12). So muss man entscheiden, wie ihm in einer spezifischen Situation zu antworten ist (V. 4-5): "gemäß seiner Narrheit", damit sein Mangel an Logik bloßgestellt wird oder "nicht gemäß seiner Narrheit", damit er sich nicht darin bestätigt fühlt.
2. Stellen Sie fest, worin genau der 'Widerspruch' besteht. Entscheiden Sie, um welche Art von Widerspruch es hier geht und überlegen Sie dessen Tragweite. Beschränkt sich der 'Widerspruch' auf ein einziges Wort, oder geht es um die unterschiedlichen Ausrichtungen der beiden Texte als Ganzes betrachtet? Die Antworten auf diese Fragen helfen uns zu entscheiden, wo die Lösung zu suchen ist.
3. Wenn die betreffenden Texte keine historischen Berichte sind, überlegen Sie, ob die Unterschiede kontext- oder situationsbedingt sind, oder ob sie sich durch die fortschreitende Offenbarung in der Bibel erklären lassen. Einige vermeintliche Widersprüche in den Gesetzessammlungen sind dadurch zu erklären, dass die Gesetzgebung in 2.-4Mo vorwiegend an das Volk während der Wüstenzeit gerichtet ist, aber in 5Mo die Sesshaftigkeit des Volkes im Lande vorausgesetzt wird (vgl. dazu 2Mo 20,24; 24,4; 3Mo 17,5; 5Mo 12).
| In der biblischen Weisheit gibt es Sprichwörter, die in unterschiedlichen Situationen angewendet werden können und entsprechend Unterschiedliches aussagen |
4. Bei historischen Texten , besonders innerhalb eines biblischen Buches, aber auch zwischen zwei Büchern, lesen Sie den Text auch wie eine Erzählung und nicht nur als einen historischen Bericht. Manch ein für einen historischen Bericht scheinbar unwichtiges Detail fügt der Entwicklung einer Erzählung aber etwas Wesentliches hinzu. Diese eher neue methodische Ansicht bietet viel Hilfe bei der Erklärung textlicher Ungereimtheiten. Was man früher als literarisches Ungeschick angesehen hat, erweist sich als hochentwickeltes literarisches Mittel von fähigen Autoren.[14]
Nehmen wir wieder 1Mo 2 als Beispiel. Wie wir schon oben gesehen haben, sollte 1Mo 2 nicht als ein zweiter vom Kapitel 1 abweichender Schöpfungsbericht verstanden werden. 1Mo 2,5: "Gott, der HERR, hatte es noch nicht auf die Erde regnen lassen, und noch gab es keinen Menschen, den Erboden zu bebauen", enthält weder widersprüchliche Details über die Entstehung von Pflanzen noch solche, die nur für Klimatologen bzw. Agrarwissenschaftler von Interesse sind, sondern erklären, weshalb es trotz der Erschaffung der Pflanzenwelt am dritten Schöpfungstag noch kein Gesträuch des Feldes oder Kraut des Feldes auf Erden gab, wie V. 5a berichtet. Sie waren auf Regen, bzw. Bebauung angewiesen. Dieser Hinweis auf die notwendige Bebauung führt zu Gottes Auftrag an den Menschen (V. 15), den Garten zu bebauen und zu bewahren. Das wiederum führt evtl. zur notwendigen Hilfe für den Mann, nämlich der Frau (V. 18). Kein Detail ist in diesem Bericht überflüssig.
| 1.Mose 2 muss nicht als ein zweiter vom Kapitel 1 abweichender Schöpfungsbericht verstanden werden |
5. Wenn es um abweichende Zahlenangaben geht (oder um ein einzelnes Wort), bietet sich oft eine textkritische Lösung an. Auch wenn wir nicht sicher sind, wann ein alphanumerisches System[15] eingeführt wurde, entstanden aus dem Kopieren von Zahlen viele textkritische Fehler. Nach 2Kö 24,8 war Jojachin achtzehn Jahre alt, als er König von Juda wurde. Nach 2Chr 36,9 war er nur acht Jahre alt. Wahrscheinlich ist das Zeichen für 'zehn' in der Chronikstelle unscharf oder verwischt gewesen und wurde beim Kopieren übersehen. Hier lesen auch einige hebräische und griechische Manuskripte 'achtzehn'. Auch hinsichtlich des schwierigen Problems der Chronologie des geteilten Königreichs gibt es eine Fülle an abweichenden hebräischen und griechischen Lesarten, die Teillösungen ermöglichen.
Doch können nicht alle chronologischen Probleme textkritisch behoben werden. Edwin Thiele konnte zeigen, dass die Annahme von Mitregentenschaften unter den Königen Israels und Judas viele weitere Probleme klärt. So löst sich der scheinbare Widerspruch zwischen 2Kö 1,17: "Und Joram [Sohn Ahabs] wurde König an Ahasjas Stelle im zweiten Jahr Jorams, des Sohnes Joschafats, des Königs von Juda" und 2Kö 3,1 "Und Joram, der Sohn Ahabs, wurde König über Israel in Samaria, im achzehnten Jahr Joschafats, des Königs von Juda".
6. Wenn wir mit parallelen aber scheinbar voneinander abweichenden Erzählungen (evtl. auch bei einzelnen parallelen Beschreibungen und Angaben) zu tun haben, sollten wir versuchen, diese miteinander zu harmonisieren. Entweder muss der Text nach guten textkritischen Prinzipien geändert werden oder er muss so gedeutet oder verstanden werden, dass kein gedanklicher Widerspruch mehr besteht. Dabei sollte man zunächst überlegen, ob das Hauptproblem eher bei einer Textaussage liegt oder bei beiden gleichzeitig.
Wenn sich keine textkritische Lösung anbietet, muss versucht werden, zwei scheinbar widersprüchliche Aussagen oder eine unwahrscheinliche Aussage als historisch zuverlässig zu erweisen. So verfahren wir auch mit widersprüchlichen Aussagen unserer Kinder, wenn wir überzeugt sind, dass beide die Situation ehrlich und wahrheitsgemäß schildern! Wie bei einem Kriminalroman suchen wir nach Hinweisen im Text für eine mögliche Erklärung.[16]
Die Neigung zum Harmonisieren fängt schon innerhalb des Alten Testaments an.[17] Zum Beispiel lesen wir in 1Sam 17, dass David den Goliath umgebracht hat. Doch in 2Sam 21,19 heißt es: "Und Elhanan, der Sohn des Jaare-Oregim, der Bethlehemiter, erschlug Goliath, den Gatiter". 1Chr 20,5 harmonisiert diesen scheinbaren Widerspruch: "Und Elhanan, der Sohn Jairs, erschlug Lachmi, den Bruder Goliats, den Gatiter". In der LXX (B) und Peschitta von 1Chr 29,22, fehlt der Ausdruck "zum zweitenmal", den vermutlich ein Schreiber dem Masoretischen Text hinzugefügt hat, um den Text mit 1Chr23,1 zu harmonisieren. Viele abweichende Lesearten spiegeln den Versuch wider, Unstimmigkeiten im Text zu glätten bzw. zu harmonisieren. Ähnliches findet man auch bei Josephus.
| Auf den ersten Blick voneinander abweichende Angaben können durchaus miteinander vereinbar sein |
Beim Harmonisieren gibt es eine Reihe von Prinzipien, auf die zurückgegriffen werden kann: Unchronologische Anordnung der Begebenheiten, unterschiedliche Namen oder Schreibarten, auf- oder abgerundete Zahlen, unvollständige Beschreibungen, unterschiedliche Zitate aus der gleichen Rede und voneinander abweichende Angaben können durchaus miteinander vereinbar sein.
(Der zweite Teil dieses Aufsatzes erscheint in der nächsten Nummer.)