1998-3 Buchbesprechungen

Buchbesprechungen


R. Hempelmann. Hg.Handbuch der evangelistisch-missionarischen Werke, Einrichtungen und Gemeinden. Stuttgart: Christliches Verlagshaus, 1997. 416 S. 48,- DM ISBN 3-7675-7763-1.

Diese Neuauflage des früher von Ingrid Reimer herausgegebenen Nachschlagewerkes informiert anhand von Selbstdarstellungen über Hunderte von evangelikalen Werken, die in Deutschland, Österreich und der Schweiz missionarisch aktiv sind. Der Bogen spannt sich von den klassischen Allianz- und Missionswerken über die evangelikalen Ausbildungsstätten, Werke, die sich um besondere Berufsgruppen bemühen bis hin zu Kommunitäten und Bruderschaften. Hinzugekommen sind viele Neugründungen aus dem charismatischen Bereich. Einführungsartikel über Evangelikalismus, Fundamentalismus und Charismatik informieren über die Grundlagen dieser Bewegungen. Die Einführung von Reinhard Hempelmann erläutert die äußerst diffizilen Auswahlkriterien. Da es sich um Selbstdarstellungen der Werke handelt, wird auf eine Bewertung verzichtet. Manche Angaben sind deshalb jedoch auch mit Vorsicht zu genießen. Insgesamt bietet dieses Nachschlagewerk aber eine gute Einführung in die erschlagende Vielfalt der überkonfessionellen Werke des Evangelikalismus. Ein Register erleichtert das Nachschlagen, grundlegende Texte aus den angeführten Bereichen des Evangelikalismus werden im Anhang abgedruckt. Das Buch ist durchweg auf dem neuesten Stand, bietet viel statistisches Material und dürfte für alle Mitarbeiter in der Gemeinde wichtig sein, die sich schnell und kompetent über bestimmte Organisationen informieren wollen.

Stephan Holthaus
D-Gießen


Jürgen-Burkhard Klautke. Gegen die Schöpfung: Homosexualität im Licht der Heiligen Schrift. Theologische Schriften. Evangelisch-Reformierte Medien: Neuhofen, 1998. 118 S. ISBN 3-901896-00-7 14,80 DM.

Es gibt eine Reihe guter Bücher, in denen Homosexuelle davon berichten, wie sie durch das Evangelium und die Hilfe anderer Christen von ihrer sexuellen Fehlorientierung frei wurden. Andere Bücher berichten über verschiedene Therapiemöglichkeiten und untersuchen die typische Vorgeschichte des Homosexuellen in Familie und Kindheit. Die biblisch-theologische Einordnung der Homosexualität und die exegetische Auseinandersetzung mit Befürwortern der Homosexualität ist in diesen Büchern meist jedoch recht schwach. Diese Lücke füllt das aus einer Idea-Dokumentation erwachsene Buch des Ethikdozenten an der Freien Theologischen Akademie in Giessen und der reformierten theologischen Hochschule in Kampen (Niederlande). Im ersten Kapitel zeichnet Klautke die zunehmend positive Beurteilung der Homosexualität im evangelischen, vor allem landeskirchlichen Bereich nach, die zu einer gründlichen Antwort zwingt. Im zweiten Kapitel wird die gesellschaftliche und politische Bewertung der Homosexualität von ihrer Ablehnung von der Antike bis in die jüngste Geschichte und ihre Freigabe und Förderung in der Gegenwart beschrieben. Auch diese Situation zwingt zu einer Antwort. Im dritten Kapitel untersucht Klautke zunächst gründlich alle Bibeltexte, die gegen Homosexualität sprechen. Dabei geht er besonders auf die Argumente der Theologen ein, die diese Texte entschärfen oder gar in ihr Gegenteil verkehren wollen - für viele Bibelleser sicher der wichtigste und hilfreichste Teil des Buches. Schließlich behandelt Klautke im vierten Kapitel humanwissenschaftliche, meist psychologische Theorien zum Entstehen der Homosexualität (Homosexualität sei angeboren oder durch die Umwelt geprägt). Klautke weist einerseits auf die wissenschaftliche Unhaltbarkeit bestimmter Sichtweisen hin, fragt aber zugleich, ob diese Sichtweisen mit der biblischen Offenbarung in Einklang stehen. Daß man von Homosexualität frei kommen kann, zeigen für ihn die Heilige Schrift, die Wissenschaft und die praktischen Beispiele.

Thomas Schirrmacher
D-Bonn


Hg. Eberhard Hahn u.a. Dein Wort ist die Wahrheit: Festschrift für Gerhard Maier: Beiträge zu einer schriftgemäßen Theologie. Wuppertal: Brockhaus 1997. 366 S. 48,- DM. ISBN 3-417-29424-X.

Gerhard Maier wird sich über die vorliegende Festschrift zu seinem 60. Geburtstag gefreut haben. Zeigen die Beiträge der verschiedenen Autoren doch sehr deutlich, wie fruchtbar seine Arbeit im Bengel-Haus in Tübingen war. Ein großer Teil der Autoren ist entweder z. Zt. Mitarbeiter dort oder war es in der Vergangenheit. Weiter zeigt sich in fast allen Beiträgen, wie befreiend für die evangelikale theologische Arbeit Gerhard Maiers Buch Das Ende der historisch-kritischen Methode (1974) gewirkt hat und wie aufbauend sein Entwurf Biblische Hermeneutik (1990) war. So beschäftigen sich die meisten der 23 Beiträge des Aufsatzbandes mit der Hermeneutik, d.h. der Lehre vom Verstehen der Heiligen Schrift. Das tun sie in einer großen Breite ausgehend von Grundsatzfragen, über exegetische Entscheidungen bis hin zur evangelistischen Predigt.

ROLF HILLE zeigt in seinem Beitrag "Was ist schriftgemäß?" die Ausrichtung der gesamten Festschrift an: "Mit diesem Aufsatzband wollen wir [...] die Frage nach dem Wesen der Offenbarung und damit auch nach der Wahrheit der Schrift aufnehmen [...]. Uns leitet dabei die Gewißheit, daß die Frage: 'Was ist schriftgemäß?' nicht nur des Fragens würdig ist, sondern daß sie sich auch theologisch überzeugend beantworten läßt" (17). Hilles anschließende Entfaltung einer Hermeneutik in Thesen, die sich inhaltlich an G. Maier orientieren, kann als Einleitung zum ganzen Band angesehen werden. Das Frage nach Schriftgemäßheit wird in ihrer Bedeutung dargestellt und ansatzweise einer Lösung zugeführt, um dann die Auswirkungen für die Bereiche der Theologie anzudeuten. Hille betont die Notwendigkeit einer Hermeneutik für das Verstehen der Schrift, macht aber ausreichend deutlich, daß eine solche an der Schrift selbst gewonnen werden muß, so daß die Schrift sich auch hier selbst auslegt. Hervorzuheben ist, daß er in der Konsequenz feststellt, daß Gott im Sinne einer Verbalinspiration "auch in der schriftlichen Formulierung der Offenbarungsinhalte, ihrer Sammlung, Überlieferung bis hin zu der Übersetzung aramäischer Texte ins Griechische" gehandelt hat, so daß für den Menschen allein eine Haltung "ehrfürchtiger Demut" für den Umgang mit dem geschriebenen Wort angemessen ist (33-35). GERHARD DIEKMEYER macht in seinem Aufsatz "Staunend Gott in seinem Wort verstehen lernen" von H. Cremers Ansatz her darauf aufmerksam, daß Hermeneutik dem Schriftstudium nicht vorlaufen kann, sondern nur im Hören auf das Wort gewonnen wird. Howard Marshall fragt "Is the doctrine of the claritas scripturae still relevant today?"

Etwas unklar bleibt im Gesamtüberblick, wo das "hermeneutische Problem" gesehen wird, dem man mit der Forderung nach "Schriftgemäßheit" begegnen will. Liegt es in der "Indirektheit der Kommunikation" Gottes, so daß man vom Buchstaben auf den "geronnenen Lebensvorgang" schließen muß (HILLE, 30) oder ist im ganzen klar verständlich, was die biblischen Texte sagen, nur die Übertragung auf uns heutige ist schwierig (MARSHALL, 93) oder trifft eher RAINER RIESNER den Kern, wenn er feststellt, daß selbst "gläubige Exegeten" dazu neigen, "die Aussagen der Schrift dem jeweils herrschenden frommen oder theologischen Gemeingeist zu unterwerfen" (126)? Im besten Fall kommen in der Vielstimmigkeit die Facetten des in der Summe nicht einfach mit Methoden zu lösenden Problems zum Ausdruck. Allerdings spiegelt diese Unklarheit auch die wesentliche Schwierigkeit der ganzen Hermeneutikdiskussion wieder.

Interessant ist der Aufsatzband auch deswegen, weil er Beiträge zu einer Reihe von Fragen enthält, die in dieser Zeitschrift mit z.T. anderen Ergebnissen diskutiert wurden. Mehrere Autoren lassen durchblicken, daß es ihres Erachtens eine Gefahr gibt, auf zwei Seiten vom Pferd zu fallen. Auf der einen stürzt man in den Abgrund der alles in Frage stellenden und zersetzenden Bibelkritik, auf der anderen Seite verfällt man - in der Absicht die Autorität der Bibel zu schützen - in ein Mehr- und Besserwissenwollen als die Schrift selber. Der Heiligen Schrift wollen alle Autoren des Aufsatzbandes mit ihren Beiträgen zu einer schriftgemäßen Theologie treu bleiben. Darum an diesem kritischen Seitenhieb keine Differenz zu bibeltreuer Theologie festgemacht werden. Schriftgemäßheit muß auch bedeuten, daß kontroverse Antworten, die aufgrund des Schriftstudiums gewonnen wurden, nicht in Konkurrenz zum eigentlichen Anliegen Gottes mit der Heiligen Schrift treten. Das geschieht aber auch dann, wenn Ansichten mit der Schrift begründet werden, die sich mit ihr nicht begründen lassen. Gottes Wort würde mißbraucht, wenn es menschlichen Meinungen einen quasi göttlichen Anstrich verleihen soll.

In seinem Beitrag "Wenn sich pneumatische Exegese beim Geist widerspricht" diskutiert RAINER RIESNER das Problem exemplarisch am Streit um das Fortbestehen oder Aufhören der Zungenrede. Insgesamt will er deutlich machen, daß auch jede geistgeleitete Exegese mit philologischer Methode nach dem genauen Sinn des jeweiligen Schriftwortes suchen muß. Er zeigt auf, daß die z.B. von W. Nestvogel vertretene Ansicht vom Ende der Zungenrede mit Abschluß des Kanons sich auf einige Argumente stützen kann, sich aber nicht zwingend aus der Heiligen Schrift ergibt. Auch Exegese von evangelikaler Seite, die sich als vom Geist geleitet ansehe, führe nicht immer zu übereinstimmenden Ergebnissen. Immer wieder brachte ein erkenntnisleitendes subjektives Interesse die Ausleger auf eine falsche Spur, was Riesner auch bei Nestvogel gegeben sieht. "Nicht nur böswillige Kritiker, sondern auch übereifrige Verteidiger" hätten dem Ansehen der Bibel schon geschadet (131). Das von Riesner aufgezeigte Problem ist ernstzunehmen. Ob er es aber angemessen löst? Sein Ergebnis erscheint am Ende leider als Mehrheitsentscheidung (5:1 Exegeten gegen Nestvogel) und weniger als Frucht genauer Exegese.

CLAUS-DIETER STOLL zeigt in seinem Aufsatz "Umstrittene Verfasserschaft am Beispiel des Jesaja-Buches", daß es letztlich die "persönliche Vorentscheidung und Einstellung des jeweiligen Betrachters" (187) ist, die die Argumente aus dem Jesaja-Text entweder für die Autorenschaft des einen Jesaja ben Amoz oder für die Annahme zweier oder noch mehr Jesajas ins Feld führt. Das Jesaja-Buch selbst ließe es "durchaus zu[, daß man] zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen kann". Um zu diesem Ergebnis zu kommen, hat Stoll fast alle Argumente für und gegen die einheitliche Verfasserschaft aufgelistet und bewertet. Ein wirklich guter Überblick. Es gibt eben etliche Hinweise, die Ausleger zu der in Deutschland gängigen Meinung eines Deutero-, Trito- oder einer Jesaja-Schule geführt haben. Keiner dieser Hinweise kann aber als Beweis gelten. Nur genausowenig beweisen nach Stolls Ansicht die anderen Hinweise eine einheitliche Verfasserschaft. Die argumentative Basis für die Einheit ist jedoch entgegen der Meinung in der derzeitigen alttestamentlichen Wissenschaft ausgesprochen stark. Und der Eindruck, den die ganze Bibel vermittelt, ist sowieso eindeutig. Stolls Folgerung, die Entscheidung über die Einheit in das Belieben des Auslegers zu stellen, befriedigt allerdings dann doch nicht angesichts des von ihm gesammelten Materials. Besonders weil es seine Schlußfolgerung ist. Man bleibt am Ende brennend interessiert, wie mit einer eventuellen Entscheidung für mehrere Jesajas das Jesajabuch schriftgemäß ausgelegt werden kann. Ist dann jede Argumentation aufgrund der einmal getroffenen Entscheidung berechtigt? Soll z.B. eine Predigt über einen Jesajaabschnitt vom historischen Hintergrund einfach absehen?

In dieser Hinsicht ist RALF ALBRECHTs Artikel "Das Ende der neueren Urkundenhypothese - Zur Einheit der Schöpfungsgeschichte der Genesis" vollständig. Auch er sammelt die Argumente, die zu der Rede von den zwei Schöpfungsberichten in 1Mo 1-3 geführt haben, zeigt ihre schwache Basis und gibt eine gute Erklärung für den Aufbau der Schöpfungsgeschichte mit ihren Doppelungen und unterschiedlichen Betonungen. Er ist sich dabei bewußt, daß die "Art der Auslegung [...] Auswirkungen" hat bis in die "systematische Theologie hinein" (146) und somit nicht in das freie Belieben des Auslegers gestellt sein kann.

Eine hilfreiche Einführung in "Die Hermeneutik des Hebräerbriefes" gibt SØREN RUAGAR. Er betont, daß die gerade das Schriftverständnis des Briefes ein Schlüssel zu seinen Schwierigkeiten darstellt. OTTO BETZ beweist in seinem Aufsatz "Die Septuaginta: Das Verhältnis von Übersetzung und Deutung", daß diese alte griechische Übersetzung des Alten Testamentes sowohl im Urteil alter Zeugen als auch nach heutigen Mäßstäben eine gute Leistung darstellt.

Im stärker praktischen Teil der Festschrift finden sich Aufsätze wie der von WOLFGANG BECKER "Die Autorität der Heiligen Schrift in der evangelistischen Verkündigung", der zeigt, daß evangelistische Predigt ohne das Vertrauen in die Wahrheit der Heiligen Schrift unmöglich ist und mit dem Wachsen der Kritik an der Schrift die Evangelisation in der Kirche ihre Berechtigung und Grundlage verliert. ROLF SCHEFFBUCH gibt Einblick in seine kirchenleitende Tätigkeit in der Württemberbigschen Kirche. Dabei diskutiert er "Schriftgemäße Möglichkeiten und Grenzen des kirchlichen Leitungsamtes". So will der Artikel keine steile Lehre entfalten, wie man nun richtig leitet, sondern Verantwortliche in der Kirche ermutigen und überzeugen, ihre Arbeit im Vertrauen auf Christus zu tun. Das kann ihm wohl gelingen.

Was als eine Art Rechtfertigung für die Konzeption des Bengel-Hauses in Tübingen gedacht war, gerät dem dortigen Studienassistenten MARTIN HOLLAND zum Eigentor. Wenn er Antwort geben will auf die Frage "Was nützt dem Gemeindepfarrer eine wissenschaftliche Ausbildung?", dann wird es z.T. kurios. 5 bis 7 Jahre seiner Lebenszeit an einer theologischen Fakultät zu verbringen, um zu lernen, daß "alle(r) Ergebnisse jeder wissenschaftlichen Theologie" realtiv sind, dann vielleicht noch sein eigenes Image aufzupolieren, damit der angehende Pfarrer keine "Minderwertigkeitskomplexe" gegenüber seinen klugen Zeitgenossen bekommt, kann wohl kaum zur Begründung für ein wissenschaftliches Studium dienen. Von der derzeitigen wissenschaftlichen Theologie Erkenntnis der geistigen Strömungen und Anleitung zur Selbstkritik zu lernen, führt Holland dann gleich selbst ad absurdum. Zum praktischen Nutzen vermag er auch so recht nichts zu sagen. So bleibt allein das gründliche Lernen der biblischen Sprachen auf der Positivliste des wissenschaftlichen Universitätsstudiums. Nur springt ihm hier ROLF SCHEFFBUCH mit seinem oben erwähnten Aufsatz in die Seite: "Es gehört zu den Abstrusitäten der heutigen Lage, daß selbst solche Theologen die 'Schrift meistern' wollen, welche Mühe haben, auch nur einen Satz im griechischem Urtext richtig zu lesen, geschweige denn richtig zu übersetzen" (251). Es wäre ehrlicher gewesen, klar auszusprechen, daß Gemeinde und Pfarrer vom Theologiestudium im gegenwärtigen Zuschnitt herzlich wenig Nutzen haben. Aber das Bengel-Haus betreibt - Gott sei Dank - sowohl Schadensbegrenzung als auch - wie der Aufsatzband beweist - selber hilfreiche wissenschaftliche Theologie.

Damit ist der Reichtum dieses Aufsatzbandes lange noch nicht dargestellt. Auch der an Pietismusgeschichte Interessierte kann auf seine Kosten kommen, z.B. in EBERHARD HAHNs Beitrag "J. Ch. K. von Hofmanns Programm theologischer Erneuerung" oder mit dem Aufsatz "'Schriftgemäßheit' in der pietistischen Hermeneutik Johann Jacob Rambachs" von HELGE STADELMANN. Man hat also mit diesem Buch eine gute Möglichkeit einen Überblick über einen großen Teil der theologischen Diskussion auf der Grundlage der Treue zur Schrift bekommen. Nur wenige Artikel erfordern grundlegende Kenntnisse in Griechisch und Hebräisch. Zwei Artikel sind in englischer Sprache. So kann der Titel auch für theologisch Interessierte in der Gemeinde eine willkommene Herausforderung sein.

Thomas Jeising
D-Homberg


Josh McDowell/ Bob Hostetler. Glaube ohne Werte: Jugend am Abgrund? Bielefeld: CLV, 1997. 352 S.

Dieses Buch sollten alle Eltern mit Kindern im Jugendalter und alle Mitarbeiter in der Jugendarbeit lesen. Anhand einer 1994 vorgenommenen empirischen Untersuchung unter 3700 Jugendlichen aus 12 Denominationen in den USA belegen die Autoren, wie stark auch evangelikale Jugendkreise in Amerika mittlerweile von den moralischen Überzeugungen des Zeitgeistes beeinflußt sind. Sowohl auf sexuellem wie auch auf allgemeinem moralischem Gebiet muß man von einer Erosion des biblischen Ethos sprechen. Aggression, sexuelle Freizügigkeit, Drogen und Beziehungsstörungen werden beschrieben. Die Gründe dafür sehen die Autoren in bestimmten Medien, dem Verfall der Familie, dem Hang zur Lustbefriedigung und dem Fehlen von Vorbildern. Was fehlt sind allgemeingültige Wertmaßstäbe. Die christliche Jugend steht am Rande einer moralischen Katastrophe.

Zielgruppe des Buches sind die Eltern der Jugendlichen. Ihnen werden sehr praktische und aus dem Alltag gegriffene Tips vermittelt, wie sie ihren Kindern Werte wie Keuschheit, Ehrlichkeit, Liebe, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit, Achtung und Selbstbeherrschung vermitteln können. Immer wieder wird deutlich gemacht, das Regeln und Gebote nur dann erfolgreich sein können, wenn vorher eine enge Beziehung zum Kind aufgebaut worden ist. Die Schwäche des Buches liegt in seinem Hang zur Moralisierung. Selbst der Konsum des Fernsehsenders "MTV" wird schon als moralisches Vergehen deklariert, was sicher zu diskutieren wäre. Problematischer ist jedoch, daß immer wieder wird an die Vernunft und Einsicht der Kinder appelliert und behauptet wird, Gottes Gebote seien "vernünftigF" und für jeden Menschen logisch nachvollziehbar. Durch diese Argumentation kann man zwar dieses Buch auch Nichtchristen empfehlen, die moralischen Appelle überfordern jedoch den Menschen. Wahre Heiligung geschieht aus der Kraft des Heiligen Geistes, nicht aus der ständigen Aufforderung, ein besserer Mensch zu werden. Trotz dieser Schwäche gibt es jedoch kein Buch, das die Herausforderungen der Jugend heute so konkret unter die Lupe nimmt, wie Glaube ohne Werte. In den USA entstand daraus eine ganze Bewegung, die mittlerweile viele Bücher und Videos zu den angeschnittenen Themen veröffentlicht hat. Das Buch ist allgemeinverständlich geschrieben. In den Sachtext sind Erzählungen hineingeschoben worden, die die Lektüre entspannen und untermalen. Das Buch rüttelt auf und erinnert an die große Verantwortung, die Eltern ihren Kindern gegenüber haben. Es wäre zu wünschen, daß auch für die deutsche Situation eine ähnliche Studie in Auftrag gegeben würde.

Stephan Holthaus
D-Gießen


Johannes Albrecht Schröter. Die Katholisch-apostolischen Gemeinden in Deutschland und der "Fall Geyer". Marburg: Tectum, 1997. 610 S. 49,80 DM ISBN 3-89608-814-9.

Vorliegende Hallenser Dissertation beschreibt erstmals umfassend die Frühgeschichte und Ausbreitung der Katholisch-Apostolischen Bewegung, einer ökumenischen Sondergruppe, die seit 1836 besonders in England und Deutschland erheblichen Einfluß ausübte und eine ganze Reihe von bekannten Persönlichkeiten für ihre Sache gewinnen konnte. Im Jahre 1900 hatte diese Gemeinderichtung immerhin fast 100.000 Mitglieder und war damit die fünftgrößte Konfession in Deutschland. Ihr Ursprung geht auf die Prophetiekonferenzen in Albury, England, zurück. Hauptinitiatoren waren Henry Drummond und Edward Irving, dessen Einfluß jedoch gering blieb. Hauptkennzeichen waren die Einsetzung von 12 Aposteln über die ganze Welt, die Wiederentdeckung der Geistesgaben (besonders der Prophetie und des Zungenredens), die Einheit der Kirche Christi und die Vorbereitung auf die baldige Wiederkunft Jesu (vor der Trübsalszeit). Da die Bewegung nach dem Tod des letzten Apostels 1901 keine neuen Apostel einzusetzte, schrumpfte sie im 20. Jahrhundert stark zusammen und ist heute nur noch eine Randerscheinung der Konfessionskunde.

Schröters Arbeit zeichnet in erster Linie die deutsche Entwicklung nach, gibt hervorragende Informationen über die wichtigsten Anhänger (H.W.J. Thiersch, A. Roßteuscher, F.W.H. Wagener, M. von Pochhammer, L. Albrecht), die Ausbreitung in den verschiedenen Ländern, die Reisen der Apostel und die Abspaltung von Heinrich Geyer, einem der führenden "Propheten" der Bewegung. Aus dieser Abspaltung heraus entstand eine weitere Gruppe, aus der die heutige Neuapostolische Kirche hervorgegangen ist, die allerdings nur noch wenig mit der katholisch-apostolischen Bewegung gemeinsam hat. Das Buch stellt eine hervorragende Forschungsarbeit dar. Der Autor hat entlegenste Quellen entdeckt, gibt besonders in seinen Endnoten (234 Seiten!) eine Fülle von Detailinformationen über Personen, läßt auch die Reaktionen der Landeskirchen zu Wort kommen und präsentiert eine Auswahl der wichtigsten Quellen der Bewegung. Die Arbeit ist sachlich geschrieben, es fehlt jedoch eine kritische Würdigung der problematischen Seiten der Bewegung. Wer sich aber über eine der größten "Endzeitbewegungen" des 19. Jahrhunderts informieren will, der greife zu diesem Buch.

Stephan Holthaus
D-Gießen


John Stott & Stephen Motyer. Ihre Worte verändern die Welt -- Das Neue Testament und seine Verfasser. Marburg: Verlag der Franke-Buchhandlung, 1997. 159 S. DM 29,80. ISBN 3-86122-301-5.

In diesem Buch beschäftigt sich John Stott mit der Beziehung zwischen Gott als Quelle der Bibel und den menschlichen Autoren. Stott kommt zu dem Schluß, daß der Heilige Geist die Verfasser durch Erziehung, Erfahrung und die persönliche Entwicklung vorbereitete, damit jeder beim Prozeß der Inspiration einen einzigartigen Beitrag zur wahren Botschaft des NT schreiben konnte (S. 7). Stephen Motyer schrieb die ergänzenden Kapitel über Markus und Matthäus und überarbeitete die Vorlage von Stott, die schon 1951 erschienen war.

Markus, Matthäus, Lukas, Johannes, Paulus, Jakobus und Petrus werden in einzelnen Kapiteln als Personen und Schriftsteller beschrieben und die wichtigsten Themen ihrer Schriften erläutert. Hebräerbrief und Offenbarung werden in separaten Kapiteln behandelt, Judas wird leider ausgelassen. Ungefähr 20% des Stoffes wird dazu gewidmet, die Person und das Leben der Autoren zu beschreiben. Die meisten haben eine revolutionäre Bekehrung und Hinwendung zu Jesus erlebt, wie der reiche Zöllner Matthäus, der hochgebildete Arzt Lukas, der hitzige "Donnerssohn" Johannes und der eifrige Christengegner Paulus. Stott und Motyer führen Argumente an, daß sowohl Lukas und Markus als auch Matthäus (und vielleicht sogar Paulus) entweder reich waren, oder aus wohlhabenden Familien stammen. Alle Autoren waren bereit, in die Nachfolge Jesu zu treten und vieles für Ihn zu opfern. Über 30 hilfreiche und interessante Sonderthemen werden in Textkästen neben dem korrespondierenden biblischen Buch präsentiert. Auf die Frage "War Markus der Jüngling, der 'nackt davonfloh'?" werden kreative und glaubwürdige Hinweise gegeben (Seite 17). Zitate, Personen, Ereignisse, Verordnungen und Riten aus dem AT, die im Hebräerbrief vorkommen, werden zusammenfassend dargestellt (S. 109). In Verbindung mit dem Jakobusbrief werden 20 Lehrpunkte über das geistliche Leben aufgestellt, die Jakobus offensichtlich auf ähnliche Worte von Jesus aufbaute (S. 125). Die Sonderthemen und die ca. 20 Bilder wirken als Abwechslung vom relativ kleingedruckten Text.

Es geht in diesem Buch um grundlegendes, einleitendes Wissen des NT, aber nicht um allgemein Bekanntes. Pastoren und Studenten werden erfrischende Hilfe finden. Die lebhaften und unterhaltsamen Lektüre sind aber auch für Laien geeignet, die ihr NT besser kennenlernen wollen.

James Anderson
D-Reiskirchen


Stephen Travis. Das Alte Testament Lesen und Verstehen. Gießen: Brunnen Verlag, 1995. 64 S., DM 11,80. ISBN 3-7655-6071-5.

In diesem Büchlein der Reihe "Basic Line" des Brunnen Verlags wirbt Stephen Travis um Interesse für das Lesen des Alten Testaments. Die Aktualität und der ansprechende Charakter des AT werden anziehend und reizvoll präsentiert. Sowohl die Wichtigkeit des AT für das Verständnis des NT als auch die einheitliche Natur des AT und NT werden deutlich erklärt. Ein geschichtlicher Überblick des AT wird durch Karten, Bilder und biographische Portraits (Abraham, Mose, Rut, David) ergänzt. Der Autor zeigt, wie das AT grundlegende Existenzfragen von Menschen beantwortet. Erfahrungen von persönlichem Gewinn beim Lesen des AT werden zeugnishaft berichtet, so von Terry Anderson, der als Geisel im Libanon innerhalb von drei Jahren "die Bibel mehr als fünfzig Mal" durchlas (S. 13). Gott schuf das Weltall mit dem Menschen als Höhepunkt; der Mensch soll über die Welt "herrschen" in dem Sinn, daß er an Gottes Fürsorge "für die gesamte Menschheit wie für die Natur" teilnimmt (S. 14). Travis erläutert die Zehn Geboten einsichtsvoll als Regeln, die das Leben bewahren und entfalten lassen (S. 27). Verhängnisvoll sind allerdings einige Aussagen, bezüglich der Offenbarungen Gottes und der Lehre von der Inspiration der Schriften des AT. Die Bücher des AT werden überwiegend als Menschenwort beschrieben. (a) Im Kapitel über die AT-Propheten vergleicht Travis Propheten im 20. Jahrhundert mit den Propheten in Israel. Er meint, wir vermuten bei einem aktuellen Propheten, "daß in dem, was er sagt, ein Funken Wahrheit steckt. Solche Propheten gab es in Israel." (S. 36) Waren aber die prophetischen Bücher des AT nicht mit Wahrheit durchdrungen? (b) Die Weisheitsbücher sind "Gedanken von weisen Menschen ... wie es im Leben zugeht" (S. 44). Aber woher kommt die Weisheit dieser Menschen? (c) Die Psalmen stellen "Israels Antwort an Gott" dar und "was Gott den Menschen damals bedeutete." (S. 46). Sind die Psalmen aber nicht gleichzeitig die vom Heiligen Geist inspirierten Antworten von Menschen an Gott? (d) In der Behandlung des Themas "Wie redet Gott?" schreibt Travis, daß Gott nicht anders zu den Verfassern des AT redete als er zu Menschen heute redet. Er schlägt vor, daß solche Worte wie "Gott sprach zu Abraham ..." nicht mehr ausdrucken, als "die Vielfalt an Erfahrungen ... die Menschen, die an Gott glauben, auch heute machen." (Seite 51). Haben Abraham, Mose, Josua, usw. sich nur eingebildet, daß Gott mit ihnen durch besondere Offenbarungen redete? Bedeutet "Gott sprach zu ...." nur eine Leitung von Gott, die Christen auch heute von Gott bekommen? Sicherlich ist das AT Menschenwort. Aber es ist auch gleichzeitig und hauptsächlich inspiriertes Gotteswort. Gerade deshalb ist es immer zuverlässig und aktuell in bezug auf die Existenzfragen der Erfahrungswelt von Menschen.

Bibelkritische Elemente kommen auch vor: (a) Travis meint, Jesaja "40-55 stammen vermutlich nicht von Jesaja selbst ...." (S. 41). Aber in Johannes 12,37-41 wird Jesaja von Jesus zweimal namentlich zitiert, einmal aus Jesaja 6,9-10 und einmal aus Jesaja 53,1 (innerhalb Kap. 40-55). Travis schreibt: " In Jesaja 40-55 (speziell Kapitel 53) wird Israel als Knecht Gottes dargestellt." Jesus aber bestimmte sich selbst als die Erfüllung von Jesaja 53,1 (Joh. 12,37-38). (b) Auf den Seiten 54-55 heißt es: "Die Erzählung von Jona und dem 'Walfisch' war vielleicht nicht so sehr als historischer Bericht gedacht. Sie ist eher eine Geschichte, die durch Humor und Ironie die Liebe Gottes selbst zu Israels Feinden hervorheben will." Jesus aber verstand die Erzählung als historischen Bericht, genauso wie der historische Bericht des Besuchs der Königin von Saba in Jerusalem, um Salomo zu hören. Die Menschen von Ninive und die Königin von Saba werden die Generation verdammen, die Jesus ablehnt, weil die Predigt von Jesus deutlicher war als die Predigt von Jona in Ninive und weil die Weisheit von Jesus größer war als die Weisheit von Salomo in Jersualem (Mt. 12,39-41, vgl. Jon 3,4; 1Kö 10,1-13).

Es ist enttäuschend, daß ein solch interessantes und in vielerlei Hinsichten hilfreiches Büchlein durch grundlegende Fehler in der Schrifthaltung nicht empfohlen werden kann.

James Anderson
D-Reiskirchen


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