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| 1998-1 | Gemeinde & Mission |
Biblisch-therapeutische Seelsorge (BTS)
Versuch einer Bewertung aus biblischer Sicht
Roland Antholzer
Wir haben seit Jahrzehnten ein gefährliches Defizit in unsern Gemeinden. Es ist das Defizit an wirksamer seelsorgerlicher Hilfestellung. Zwar ist es uns in der Schrift geboten, die Last des andern zu tragen, doch weithin wird es nicht mehr praktiziert. Christen haben in diesem Bereich längst das Feld geräumt und den sog. Fachleuten überlassen. Ist es von ungefähr, daß fast zum selben Zeitpunkt verschiedene Hilfsangebote entwickelt worden sind, die diesem Mangel abhelfen sollen? Fast alle Schulungsangebote, die heute im deutschsprachigen Raum bestehen, wurden in der zweiten Hälfte der 80er Jahre gegründet. Defizite sind allerdings grundsätzlich gefährlich: Sie sind wie ein Vakuum, das ansaugt, was immer geeignet erscheint, der Not abzuhelfen. In dieses Vakuum strömen dann auch Gedanken und Ideologien ein, die der Gemeinde langfristig zum Schaden werden können. Der altböse Feind schläft nicht. Die Psychologie ist eine seiner wirksamsten Waffen.
Lassen Sie mich die Wirkungsweise der Psychologie bildhaft beschreiben. Stellen wir uns die christliche Landschaft als Meer vor. Auf der Oberfläche gibt es starken Wellengang. Seit den 60er Jahren wird ja die christliche Gemeinde von diversen Wellen überrollt, die insgesamt mehr Zerstörung gebracht haben als Segen. Solche Wellen bleiben in ihrer Urgewalt nicht unbemerkt. Anders sieht es dagegen mit untermeerischen Strömen aus wie etwa dem Golfstrom. Der Golfstrom nimmt völlig unbemerkt seinen
Weg tief unter der Meeresoberfläche. Und er hat immense Auswirkungen auf das Klima der Länder, in deren Nähe er kommt. Nun meine ich, daß die Psychologie in ihrer Wirkungsweise dem Golfstrom gleicht. Sie geschieht unbemerkt, unter der Oberfläche, aber sie hat eine gewaltige Auswirkung auf das Denken und damit auch auf den Glaubensvollzug der Christen.
Eigentlich entspricht die Formulierung des Leitthemas dieser Tagung "Seelsorge kontra Psychotherapie?" eher der Situation von damals. Damals wurde noch ein Gegeneinander wahrgenommen, eine KontraPosition. Heute würden viele Christen fragen: "Wieso Contra, wieso nicht beides zusammen?" Der Gedanke der Integration hat den der KontraPosition weitgehend verdrängt. Was vor 12 Jahren schon ansatzweise zu erkennen war, ist mittlerweile fast zur Norm geworden. Waren früher Begriffe wie "biblisch" und "therapeutisch" ein Gegensatzpaar, kann man heute von "biblisch-therapeutischer Seelsorge" sprechen, wobei unter "therapeutisch" explizit "psychotherapeutisch" verstanden wird.
Der integrative Ansatz biblisch-therapeutischer Seelsorge wird im übrigen nicht nur von der DGBTS vertreten, sondern auch von einer Reihe anderer Personen und Institutionen, so etwa von Reinhold Ruthe mit seinem "Magnus Felsenstein-Institut für angewandte therapeutische und beratende Seelsorge", oder von dem Verein "Biblische Seelsorge und Lebensberatung" am Flensunger Hof, von dem "Verein für Seelsorge und Lebensberatung" in Wiesbaden, der "Arbeitsgemeinschaft Therapeutische Seelsorge im Bund freier evangelischer Gemeinden" in Waldbröl oder vom "Deutschen EC-Verband" in Kassel, um nur einige zu nennen. Daneben gibt es mittlerweile eine Vielzahl von Beratungsstellen und niedergelassenen Einzelpersonen, die auf dieser Basis arbeiten.
Allerdings: Nicht alle, die einen integrativen Ansatz in der Seelsorge vertreten, arbeiten auch methodenplural, sprich: setzen verschiedene Methoden oder besser "Methodenversatzstücke" ein. So z.B. hat sich Reinhold Ruthe ausschließlich der Individialpsychologie von Alfred Adler verschrieben.
Ähnlich äußert sich Dieterich in seinen Büchern. Die großen Schulen der Psychotherapie sind für ihn so etwas wie ein Steinbruch, aus dem man sich die schönsten und brauchbarsten Stücke herausbricht. Bei der Auswahl der diversen psychotherapeutischen Methoden, die für ihn so etwas wie "Handwerkszeug" darstellen, und bei der Entscheidung, wann die Bibel zum Einsatz kommen soll, kommt schließlich der Hl. Geist ins Spiel: "So wie zur angemessenen Wahrheitsfindung aus der Bibel die Leitung des Heiligen Geistes hinzugehört, benötigt der biblisch-therapeutische Seelsorger diese Leitung bei der Auswahl des für den jeweiligen Seelsorgefall entsprechenden therapeutischen Handwerkszeugs."
Und: "Die Methode in der BTS gibt es also nicht - häufig wechseln sogar die Vorgehensweisen innerhalb weniger Minuten. Und wie schon weiter oben ausgeführt, es ist der Hl. Geist, der um permanente Leitung zur Auswahl und Änderung der Methoden (die der Seelsorger natürlich erlernt haben muß) gebeten wird."[ 2 ]
Wenn wir das von der Bundesregierung in Auftrag gegebene Gutachten zur Wirksamkeit der Psychotherapien durch die Psychologen Hans Grawe und Hans H. Strupp zugrunde legen, kommen wir wie diese beiden Forscher auch zu einem vernichtenden Ergebnis: Von den mittlerweile mehrere Hundert Psychotherapien sind es nur drei(!), deren Wirksamkeit überhaupt schon wissenschaftlich untersucht wurde: die Psychoanalyse, die Verhaltenstherapie (einschließlich der kognitiven Ansätze wie z. B. die Rational-emotive Therapie von Ellis) und die Nondirektive Gesprächspsychotherapie nach Rogers. Bei der Psychoanalyse konnte bisher überhaupt keine spezifische Wirksamkeit nachgewiesen werden. Etwas besser steht es bei der Gesprächspsychotherapie und am besten ist die Wirksamkeit der verhaltenstherapeutischen Methoden belegt.
Letzteres erklärt sich von daher, weil die Verhaltenstherapie die einzige Therapieform ist, die sich auf die Anwendung wissenschaftlich abgesicherter Ergebnisse gründet. Hier wurden psychologische Forschungsergebnisse über die verschiedenen Formen der Konditionierung und über den Ablauf von Lernvorgängen konsequent in therapeutische Methoden umgesetzt. Darin liegt letztlich die Überlegenheit der Verhaltenstherapie gegenüber andern Methoden begründet.
Alle andern Therapieformen sind mehr oder weniger Erfindungen, die in den Köpfen ihrer Begründer entstanden sind und mehr ideologisch begründet sind als wissenschaftlich. Ähnlich hat es der heute populärste Psychotherapie-Begründer Albert Ellis gesagt. Ellis wird heute etwa dieselbe Bedeutung zugeschrieben wie seinerzeit Sigmund Freud und Carl Rogers. Er hat eine kognitive Verhaltenstherapie, die sog. "Rational-emotive Therapie", entwickelt. In einem Interview, das er anläßlich eines Psychotherapie-Kongresses gab, machte er sich über sämtliche Therapiebegründer lustig, ausgenommen natürlich sich selbst. Er kam dabei zu dem Resümee: "Fast alle Therapien tun das Gleiche. Sie haben nicht die leiseste Ahnung über die tatsächliche Störung der Menschen, geschweige denn, wie sie diese beseitigen sollen. Dafür halten sie sich an den absoluten Blödsinn über das Unbewußte." ... "Freud war ein großer Erfinder, Erickson ebenfalls und Fritz Perls war auch ein großer Erfinder.
| Sie taten einfach zufällig Dinge, die teilweise funktionierten |
Anzumerken wäre, daß Ellis von den Vertretern des Integrationsansatzes besonders favorisiert wird, weil es ja auch in der Seelsorge um eine Veränderung des Denkens geht.
Bei BTS spricht man von einem "weisheitlichen Ansatz". Hier müßten wir uns der Wissenschaftstheorie zuwenden, worauf ich allerdings aus Platzgründen verzichten muß.[ 4 ] Aber abgesehen von der Tatsache, daß es schlicht keine objektive und wertfreie Wissenschaft gibt, möchte ich doch zu bedenken geben: Man wird bei empirischer Wissenschaft keineswegs nur zutage fördern, was Gott dem Menschen "beigelegt" hat, denn wir haben es ja doch mit dem gefallenen Menschen zu tun. Der gefallene Mensch wird mit Sicherheit anders funktionieren und reagieren als Adam vor dem Fall.
Und selbst da, wo die Psychologie Zusammenhänge über das menschliche Erleben und Verhalten offenlegt, deren Kenntnis eine Einflußnahme auf den Menschen ermöglichen, heißt das noch lange nicht, daß eine solche Einflußnahme auch ethisch vertretbar oder gar von Gott sanktioniert wäre. Die Möglichkeit der Genmanipulation liegt auch in der Schöpfung drin - aber ist sie deswegen schon gut? Dasselbe gilt für die Atomspaltung. Auch sie beruht auf schöpfungsmäßig vorgegebenen physikalischen Zusammenhängen, und doch wären wir ja heilfroh, wenn der Mensch dabei geblieben wäre, Holz zu spalten! Wissenschaft und Ethik stehen nun mal in einem untrennbaren Zusammenhang. Die ethische Entscheidung kann mir aber durch die Wissenschaft nie abgenommen werden.
Man nimmt ganz selbstverständlich an, daß Zusammenhänge über menschliches Verhalten, die durch wissenschaftliche Forschung "entdeckt" wurden, unbedingt auch nutzbar gemacht werden müssen. Wer sich dieser Nutzung verschließt, mißachtet Gottes Ordnung! Ähnlich apodiktisch hat es Dieterich in dem Artikel "Pro und Contra Psychotherapie" in Neues Leben formuliert, in dem er die Pro-Seite vertrat und ich die Contra-Seite. Er schrieb dort: "Wer Christen moderne psychologische oder psychotherapeutische Hilfen vorenthält, macht sich an ihnen schuldig. Und zwar genauso, wie wenn man aus `Glaubensgründen' vor der Einnahme von notwendiger Medizin warnen würde. Solche Ratschläge verleugnen die Schöpfungsordnungen Gottes." [ 5 ]
| Ist eine ethische Prüfung nicht mehr erforderliche wenn die Sache nur wissenschaftlich begründet ist? |
Die Möglichkeit, daß man auch vor einem Medikament warnen müßte, dessen Wirksamkeit wissenschaftlich nachgewiesen ist, wird von Dieterich erst gar nicht eingeräumt. Als müßte nicht jeder, der ein Medikament nimmt, gründlich prüfen, ob er bereit ist, die z. T. gravierenden Nebenwirkungen um einer zumindest fraglichen Wirkung willen in Kauf zu nehmen. Immer wieder klingt durch, daß eine ethische Prüfung und Entscheidung "im Angesicht Gottes" dann nicht mehr erforderlich ist, wenn die Sache nur wissenschaftlich begründet ist.
Dem weisheitlichen Ansatz liegt m.E. die unreflektierte Vorstellung von einer natürlichen Offenbarung zugrunde. Wenn man meint, daß Wissenschaft uns Kenntnisse vermitteln kann, die eine über die Aussagen der Bibel hinausgehende Offenbarung Gottes darstellen, dann unterliegt man offensichtlich einem Mißverständnis darüber, was Offenbarung ist. In biblischer Sicht ist Offenbarung per definitionem der menschlichen Untersuchung oder Erkenntnis unzugänglich. Offenbarung liegt nur da vor, wo Gott von sich aus dem Menschen ein Wissen zugänglich macht, das ihm sonst verschlossen und mit Hilfe seiner Möglichkeiten auch nicht zu erlangen wäre.
Ich glaube, daß die These, der Überbau lasse sich problemlos von der Methode ablösen, falsch ist. Ja es ist bereits schon sehr fragwürdig, ob es sich bei der Ideologie, die hinter der Methode steht, überhaupt um einen "Überbau" handelt oder nicht doch um die Grundlage, das Fundament. Die Rede vom Überbau soll suggerieren, als handle es sich um so etwas wie ein später aufgesetztes Dach, das man leicht wieder entfernen und durch ein anderes Dach ersetzen könnte.
Die Methode der Gesprächspsychotherapie zeigt aber meiner Meinung nach deutlich auf, wie eng die Philosophie des Begründers Rogers mit seiner Methode verwoben ist. Ohne die Vorstellung, daß der Mensch das Gute in sich selbst trägt und unter günstigen Bedingungen fruchtbar machen kann, würde man auf diese Methode kaum kommen. Es mag ja sein, daß Rogers seine Persönlichkeitstheorie erst nach seiner Methode kreiert hat, doch ist sein humanistisches Menschenbild schon vorher in seinem Kopf gewesen und hat mit Sicherheit bereits bei der Entwicklung der Methode Pate gestanden. Er hat selbst auf den Einfluß seiner Biografie verwiesen und gemeint, daß seine Therapie nicht unabhängig von seiner humanistischen Weltanschauung gesehen werden könne.
Hinter dieser Therapieform steht ganz eindeutig das humanistische Grundpostulat: "Der Mensch ist von Natur aus gut!" Es kennzeichnet das im Gegensatz zu Freud sehr optimistische Menschenbild von Rogers. Nicht selbstsüchtige Motive treiben den Menschen an, sondern der angeborene Drang zur Selbstverwirklichung oder die Tendenz, seine inhärenten bzw. angeborenen Möglichkeiten zu aktualisieren. Der Mensch wird mit einem "blueprint" geboren, d. h. mit einer inneren Skizze oder einem Schema, das nichts in sich birgt, was notwendigerweise zum Konflikt mit der Umwelt führen müßte. Zur neurotischen Entwicklung kommt es deshalb, weil dem Menschen nicht ausreichend "positive Wertschätzung" vermittelt wird, und weil die Umwelt der Verwirklichung seiner Möglichkeiten Widerstände entgegensetzt.
Aus dieser Persönlichkeitstheorie erklärt sich die Forderung an den Therapeuten, auf jegliche Direktiven (Vorschläge, Ratschläge) in der Therapie zu verzichten, da jedes Individuum die beste Lösung für seine Probleme in sich selbst finden könne. Auch das Gewicht, das der Vermittlung von positiver Wertschätzung und einer möglichst entspannten und angstfreien Atmosphäre gegeben wird, läßt sich hier einordnen. Das therapeutische Vorgehen der Gesprächspsychotherapie bekommt also nur Sinn, wenn man ihre anthropologischen Voraussetzungen mit einbezieht. Kein Mensch käme doch sonst auf die völlig abwegige Idee, man dürfe einem Menschen, der durch seinen sündigen Lebensstil sein eigenes Leben und das anderer zerstört, keine Richtung weisen. Wir sehen also, daß die humanistische Weltanschauung eines Rogers nicht nachträglich übergestülpt wurde, sondern in die Entwicklung dieser Therapie eingegangen ist und sie durchdringt. Wollte man diese Therapie von ihren widerbiblischen Inhalten reinigen, müßte man zuerst auf die Verbalisierungstechnik verzichten, durch die der Ratsuchende massiv manipuliert wird. Damit hätte man das einzige Eigenständige an dieser Methode entfernt.
Wollte man also die Gesprächspsychotherapie von ihrem humanistischen Geist säubern, bliebe von der eigentlichen Methode nicht mehr Brauchbares übrig als das, was der biblisch orientierte Seelsorger ohnehin täte und was er zudem nicht aus seinem natürlichen Wesen, sondern nur in Christus verwirklichen könnte.
Dasselbe ließe sich ohne Mühe auch für die andern Psychotherapieverfahren zeigen.
| Die Behauptung der Wertneutralität psychotherapeutischer Methoden auf steht tönernen Füßen. |
Fortsetzung im nächsten Heft
[ 1 ] Minirth & Meier: Counseling and the Nature of Man. Aus: Hunt, D.: Rückkehr zum biblischen Christentum. S. 151.
[ 2 ] Dieterich, Michael: Psychotherapie - Seelsorge - Biblisch-therapeutische Seelsorge. Neuhausen-Stuttgart 1987, S. 52.
[ 3 ] M.E.G.a.Phon. Informationsblatt/Newsletter der Milton Erickson Gesellschaft für Klinische Hypnose e.V., Nr. 19, 1994, S. 8-9.
[ 4 ] Siehe dazu: Antholzer, Roland & Thomas Schirrmacher: Psychotherapie - der fatale Irrtum. Berneck 1997, S. 157-161.
[ 5 ] Dieterich, Michael: Pro & Contra. Darf Seelsorge Methoden der Psychotherapie an wenden? Neues Leben, Nr. 6, 1996, S. 47.
[ 6 ]
Dieterich, Michael: Psychotherapie contra Seelsorge. Neuhausen-Stuttgart 1984, S. 160
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