Tatsächlich bedient sich die NLÜ weitgehend einer lebendigen, zeitgerechten Sprache, die ein hohes Maß an Verstehbarkeit gewährleistet. Manche Teile sind nach meinem Dafürhalten stilistisch hervorragend gelungen. Dazu zählen etwa der Galaterbrief und Psalm 68, deren Lektüre mir besondere Freude bereitete (u.a. weiter 1Kor 1,17 ["Und dies nicht mit geschliffenen Reden, welche die Zuhörer beeindrucken"], Eph 6,10ff, Phil 3,1.7). Tatsächlich weist die NLÜ auch insofern ein hohes Maß an Treue zum Originalinhalt auf, als mir bei meiner Durchsicht nichts theologisch Bedenkliches begegnet ist: Nach meiner Beobachtung stellen sich gewählte Textdeutung und Formulierung - wie auf Grund der amerikanischen Vorlage und des theologischen Engagements des Verlags zu erwarten - in keinem Fall in den Dienst irgendeiner Sonderlehre moderner oder herkömmlicher Ausprägung.
Andererseits darf eine Reihe von Aspekten nicht verschwiegen werden, die die Qualität der NLÜ (in der gegenwärtigen Form) um einiges schmälern:
Die Verstehbarkeit kann zwar in weiten Teilen als vorbildlich bezeichnet werden. Doch trifft man immer wieder auf Passagen, die gerade in diesem Bereich zu wünschen übrig lassen, sei es im Blick auf die Wortwahl oder auf die Gestaltung der Textstruktur (verstehbarkeitsfördernde Verknüpfung von Sätzen und Absätzen [Textkohärenz]). Röm 9,11 ("Doch [? - ein Gegensatz ist im Kontext nicht ersichtlich] schon vor der Geburt … sprach Gott zu Rebekka.") und Kol 4,6 ("Redet freundlich und klar mit ihnen, damit [? - das Folgende kann schwerlich Ziel/Zweck des Vorausgehenden sein] ihr wisst, wie ihr jedem Einzelnen am besten antworten sollt.") sind zwei von einer recht großen Zahl von Beispielen, auf die ich gestoßen bin.
Während die Treue der NLÜ zum Originalinhalt im Großen und Ganzen in Ordnung ist, stößt man immer wieder auf Problematisches, besonders wenn man sich den Details zuwendet. An zu vielen Stellen vermisst der Sachkundige die eigentlich zu erwartende exegetische Sorgfalt. Eine gründliche Beschäftigung mit den Deutungsmöglichkeiten der Grundtextpassage scheint recht häufig zu fehlen. Wieder zwei von recht vielen mir aufgefallenen Beispielen: Ps 66,5 ("an seinem Volk" statt "an den Menschen[kindern]") und Phil 3,8 ("Ich habe alles andere verloren [statt: aufgegeben]"). Hängt dieser Mangel vielleicht damit zusammen, dass bei der Entstehung der NLÜ die amerikanische Vorlage eine größere Rolle spielte als der hebräische und griechische Grundtext? Auf jeden Fall tun Leser der NLÜ gut daran, diese Übersetzung durch bewährte zu ergänzen.
Fazit: Die NLÜ weist ein hohes Maß an Verstehbarkeit und Treue zum Originalinhalt (theologisch unbedenklich) auf. Gleichzeitig ist sie in beiden Bereichen, vor allem aber im letzteren, an recht vielen Stellen verbesserungsbedürftig und sollte daher durch bewährte Übersetzungen ergänzt werden.

| Komprimierte Information |
Der Untertitel macht deutlich, was die Verfasser mit diesem Buch beabsichtigen: Die menschliche Arbeitszeit soll im Licht christlicher Ethik beleuchtet werden. Angesichts der Beobachtung, dass bis vor Kurzem noch allgemein akzeptierte, ja sogar tariflich vereinbarte Grenzen der Arbeitszeit überschritten werden, sei es von Arbeitgebern, sei es von Arbeitnehmern, setzen sich die Schreiber in sechs Artikeln mit den Grenzen, bzw. dem Überschreiten solcher Grenzen bei der Tages-, der Wochen- und der Lebensarbeitszeit auseinander. Im Blick auf die Tagesarbeitszeit werden dem Leser verschiedene Arbeitszeitmodelle vorgestellt (Gleitzeit-, Teilzeit-, Schichtarbeit, Job-Sharing u.a.) und in ihrem Für und Wider bewertet. Der ausführlichste Artikel beschäftigt sich mit den Grenzen der Wochenarbeitszeit. Hier werden wesentliche Aspekte der neueren Diskussion rund um die Sonntagsarbeit vorgestellt. Die Verfasser referieren die gesetzlichen Grundlagen der Sonntagsarbeit in Deutschland, vergleichen die Ausdehnung der Sonntagsarbeit in unserem Land mit derjenigen in anderen Ländern der EU und konfrontieren sich relativ ausführlich mit der Frage, ob die Sonntagsarbeit aus wirtschaftlichen Gründen erforderlich sei (S. 39ff). Überzeugend zeigen sie auf, dass für die Verwischung der Grenzen zwischen Alltag und Sonntag (Ausdehnung bzw. generelle Freigabe der sonntäglichen Ladenöffnungszeiten) keineswegs ökonomische Gründe sprechen, sondern dass dafür der sich ausbreitende Individualismus verantwortlich ist.
Nachdem zu Fragen des persönlichen Zeitmanagements (Gefahr der Zeitvergeudung) wie auch auf das Problem der Arbeitssucht (workaholic) eingegangen wird, wird der Leser im letzten Artikel auch auf Grenzerfahrungen bei der Lebensarbeitszeit aufmerksam gemacht. Es werden vorsichtig Hilfen zur Verarbeitung von Situationen wie Kündigung, Altersteilzeitarbeit und Pensionierung angeboten.
Die in diesem Buch gebündelten Artikel - sie gehen auf Vorträge zurück, die auf einer von der Studiengemeinschaft Wort & Wissen sowie von der Gesellschaft zur Förderung von Wirtschaftswissenschaften und Ethik e.V. verantworteten Wirtschaftsfachtagung gehalten wurden - bieten außerordentlich viel und sehr komprimiert vorgetragene Informationen. Die ökonomische Kompetenz der Verfasser (siehe die biographischen Daten auf S. 153-155) wird überall deutlich. Kritische Anfragen hat der Rezensent lediglich zu einigen vorgetragenen Weisen der Bibelauslegung. Dazu nur ein Beispiel: Wenn Nathanael als ein Mann gedeutet wird, der "verbittert" und "negativistisch" war und "von Christus trotz der Bitterkeit ganz besonders aufgewertet wird" (S. 104), entspricht eine derartige Interpretation einer heute in evangelikalen Kreisen verbreiteten Verpsychologisierung des Wortes Gottes unter dem Aspekt der Lebenshilfe. Es hat aber nur sehr peripher etwas mit dem zu tun, was uns im ersten Kapitel des Johannesevangeliums berichtet wird.
Das, was theologisch zum Sonntag bzw. zur Sonntagsheiligung ausgeführt wird, ist brauchbar (S. 56-62), wenn auch sicher ergänzungsfähig. Schade, dass als Konsequenz für die Sonntagsruhe lediglich "Handlungsempfehlungen" (S. 63) gegeben werden. Warum so vorsichtig? Sollten Christen hier nicht deutlicher auftreten? Alles in allem ist das Buch jedoch lesenswert.

| Alles hängt von den Fakten ab |
In diesem Buch kommen der Literaturwissenschaftler, Historiker und Papyrologe Carsten Peter Thiede und der Theologe Gerd Lüdemann zu Wort. Thiede ist Verfechter der körperlichen Auferstehung Jesu, Lüdemann hingegen vertritt die Auffassung, Jesus sei niemals vom Tod auferstanden und lehnt folglich die Historizität der neutestamentlichen Schriften ab. Beide stellen ihre Sichtweise in einem ersten Aufsatz dar, wobei keiner der beiden die Darstellung des anderen zuvor gelesen hat. In einer zweiten Runde gehen sie dann kritisch auf die Position ihres Kontrahenten ein. Diese Replik fällt kürzer aus als die beiden Einstiegstexte. In einer dritten Runde, nachdem sie wiederum die Antwort ihres Diskussionspartners gelesen haben, formulieren sie ein möglichst knappes Schlusswort.
Thiede eröffnet mit seinem Aufsatz Die Auferstehung ist eine historische Tatsache den Schlagabtausch. Er stellt die hervorragende Quellenlage zur Auferstehung Jesu heraus. In diesem Zusammenhang sind die vier Evangelien, das 15. Kapitel des 1. Korintherbriefes und der angefügte Schluss des Markusevangeliums zu nennen. Als Argument gegen diese Quellen steht der Vorwurf, sie seien von Anhängern verfasst worden und deshalb nur von eingeschränktem Wert. Thiede hält diesem Vorwurf entgegen, dass auch eine gegnerische Darstellung nicht neutral sei. Neutralität in der Geschichtsschreibung sei eine Fiktion. Männer wie Paulus wüssten sehr wohl zwischen Mythen und Tatsachen zu unterscheiden. Paulus z.B. weist Fabeln eindeutig zurück. Er nennt den Christen in Korinth nur Männer als Zeugen der Auferstehung. Die Evangelisten berichten aber, dass Frauen die ersten Zeugen der Auferstehung gewesen sind. Paulus streitet aber in der o.g. Textstelle die Zeugenschaft der Frauen nicht ab. Die Unterschiede in den Berichten zeigen laut Thiede jedoch, dass sie echt und nicht etwa harmonisiert sind. Kein Ereignis der Antike ist so gut bezeugt, wie die in den Evangelien beschriebenen, namentlich das Faktum der Auferstehung. Über Alexander den Großen wurde erst 450 Jahre nach dessen Tod von einem römischen Offizier berichtet. Dennoch bestehe kein Zweifel an seiner Historizität. Hier und an anderen Stellen bringt Thiede die Kenntnisse der Literaturwissenschaft ein. Er betont, dass der jüdische Auferstehungsglaube nicht mythisch sondern physisch zu verstehen sei; es ging um Knochen und Leiber. Paulus, ein durch und durch gelehrter Jude, hätte sich nie mit einer Vision zufrieden gegeben. Und wieso sollten sich die Jünger verfolgen lassen, wenn die Auferstehung Jesu nicht der Realität entsprochen hätte?
Gerd Lüdemann stellt seinen Aufsatz unter die Überschrift: Der auferstandene Christus: die Leiche im Keller der Kirche. Er sieht einen klaren Widerspruch darin, dass die Auferstehung zwar gepredigt, gleichzeitig jedoch ihre Historizität bezweifelt werde. Dann geht es ihm um die Frage, ob die biblischen Autoren überhaupt ein Interesse an der geschichtlichen Zuverlässigkeit ihrer Aussagen hatten. Aus der Einleitung des Lukas schlussfolgert Lüdemann, dass keiner vor Lukas seine Berichte schriftlich verfasst habe. Aber wieso sollen die Augenzeugen, die Lukas befragt hat, nicht zuverlässig gewesen sein? Auch die These, dass die ersten Schriften über Jesus unter den Christen kein Ansehen genossen hätten, bleibt ohne Begründung.
Lüdemann sieht in den Evangelien viele Widersprüche. So waren laut Lüdemann im Garten Gethsemane keine Zeugen anwesend. - "Doch, die Jünger!", würde ich kontern. - "Die jedoch schliefen", so hat es Lüdemann im abgedruckten Bibeltext fett markiert. Er setzt dabei voraus, dass die Jünger vom ersten Moment an im tiefsten Schlaf lagen und unmöglich wenigstens Bruchstücke des Gebetes gehört haben konnten, oder dass sie vielleicht später von Jesus selbst über die Ereignisse unterrichtet worden wären. Der Text habe einen erbaulichen Wert, sei aber geschichtlich ohne Ertrag, er entspringe der Lektüre von Psalmen. Ähnlich interpretiert er andere neutestamentliche Stellen. Lüdemann bleibt bei seinem Aussage, dass die Zeugnisse der Evangelisten und Apostel historisch unzuverlässig seien. Er schließt seinen Aufsatz damit, dass die Ergebnisse seiner Analyse im Widerspruch zum christlichen Bekenntnis stünden. Seien sie richtig, erlauben sie keinem mehr, "sich mit ehrlichem Gewissen Christ zu nennen" (S. 78).
Auffallend ist, dass viele Schlussfolgerungen Lüdemanns der Willkür entspringen, was ihm Thiede auch in seiner Antwort auf den ersten Aufsatz zum Vorwurf macht. Hypothesen der historisch- kritischen Theologie setze er wissenschaftlichen Erkenntnissen gleich. Auch in seiner Antwort auf Thiedes ersten Aufsatz bleibt Lüdemann diesem Kurs treu. Das historische Wissen des Paulus über Jesus sei gering, er scheide somit als Zeuge aus.
In seinem dritten Aufsatz reagiert Lüdemann auf die Erwiderung Thiedes. Er argumentiert u.a. mit der Quellenscheidung des Pentateuch und bringt seine Sicht auf den Punkt: "Solche Fiktion ist nur möglich, weil wir es mit einer Kultur zu tun haben, die noch kein intellektuelles Wahrheitsbewusstsein ausgebildet hatte." (S. 130) Thiede dagegen nimmt den antiken Verfasser ernst und erklärt viele Widersprüche, die Lüdemann sieht. Er geht davon aus, dass der Glaube an die Auferstehung Jesu deshalb Fuß fassen konnte, weil klare historische Fakten gegeben waren. Es sei nicht überzeugend, dass alttestamentliche Motive allein die Grundlage vieler Berichte des Neuen Testamentes bildeten und diese infolgedessen allein zur Erbauung geschrieben worden seien. Er zeigt an mehreren Stellen auch die Willkür der Interpretation Lüdemanns auf. Lüdemann sieht ein enthusiastisches Erlebnis nach dem Tod Jesu als Anfang des Glaubens. Wie stark muss dieser Enthusiasmus gewesen sein, dass er viele Christen Verfolgung aushalten ließ und dass der Auferstehungsglaube bis heute nicht verschwunden ist!
Beide Autoren stimmen darin überein, dass die historischen Fakten die Grundlage dafür liefern müssen, ob der auferstandene Jesus gepredigt werden kann oder nicht.
Der Wert dieses Buches besteht nicht darin, dass es neue Fakten ans Tageslicht treten ließe. Vielmehr werden zwei Sichtweisen mit ihren jeweiligen Argumenten gegenüber gestellt. Der Leser bekommt einen Einblick in die Argumentation beider Positionen und speziell der evangelikale Leser erhält exemplarisch Einblicke in die Arbeitsweise der historisch-kritischen Theologie.

| Archäologie tiefgründig |
Das Aufkommen der sog. "biblischen Archäologie" war anfänglich mit einer geradezu euphorischen Phase verbunden: Die Ausgräber stießen sowohl in Ägypten wie im Zweistromland auf beeindruckende materielle Spuren jener vergangenen Kulturen, die zum Teil mit der Bibel in Verbindung standen. Welch eine Aufregung, als Leonhard Woolley bei seinen Grabungen auf deutliche Anzeichen einer gewaltigen Flutkatastrophe stieß: ("Ur und die Sintflut"). "Wir haben die Sintflut gefunden!", so telegraphierte er aufgeregt nach London. Georg Smith entzifferte das berühmte "Gilgamesch-Epos" mit einer außerbiblischen Parallele zur Sintflutgeschichte.
Dieser frühen Phase der biblischen Archäologie mit den beeindruckenden Leistungen haben wir viel zu verdanken. Besonders das Daniel-Buch - das noch heute von der historischen Kritik wohl am heftigsten angefochtene Buch der Bibel - erhielt durch die archäologische Forschung plötzlich eine unerwartete Bestätigung: Man fand Keilschrifttexte, die die Historizität des in Dan 5 erwähnten Belsazar belegten, während die kritische Forschung es bis 1850 für sicher hielt, dass Belsazar lediglich als eine "mythische Gestalt" anzusehen sei.
Leider hielt diese euphorische Phase der biblischen Archäologie nicht an. Zwar gab es bis kurz nach dem 2. Weltkrieg noch immer optimistisch stimmende Resultate. Doch es offenbarten sich bald auch Probleme, die zu Zweifel und Skepsis Anlass gaben:
Relativ harmlos war noch die unterschiedliche Datierung des Auszuges der Israeliten aus Ägypten. Da gab es einerseits die sog. "Frühdatierung", die mit einem Exodus im 15. Jh. rechnete, im Gegensatz zur "Spätdatierung", die sich für einen Auszug im 13. Jh. entschied. Für jene sprach die biblische Zahlenangabe in 1Kö 6,1ff., für diese der historisch-archäologische Befund - in Variationen vertreten von Autoritäten wie William Foxwell Albright, Georg Mendenhall und auch dem angesehen Liverpooler Ägyptologen Kenneth Anderson Kitchen.
Mit dem Fortgang der archäologischen Erschließung vermehrten sich aber die Probleme. Es zeigte sich, dass der Spaten der Archäologen auch Befunde hervorbrachte, die geeignet waren, die bibelgläubige Öffentlichkeit zu irritieren.
Ausgräber, die beispielsweise nach dem verblichenen Glanz der salomonischen Zeit suchten, stießen lediglich auf dürftige Reste einer ärmlichen Bevölkerung, die man schwerlich mit der in der Bibel geschilderten "Herrlichkeitszeit" (vgl. 1Kö 4,20ff.) in Übereinstimmung bringen konnte. Die historische Kritik - genauer: die von ihr gespeiste Journalistik - nutzte diesen Kenntnisstand und sprach mit offenbarer Häme von der "Abrissbirne", mit der es nun gegen die alttestamentlichen Darstellungen ginge. So zuletzt in einem gotteslästerlichen Artikel in dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" (52/2002).
Hier nun liegt die große Bedeutung des vorliegenden Buches.
In erster Linie geht es darin um saubere wissenschaftliche Arbeit, vor allem in den Fragen der Chronologie. Die Autoren - an Vorschläge aus der älteren Forschungsgeschichte anknüpfend - sprechen sich mit starken wissenschaftlichen Argumenten dafür aus, dass das chronologische Gerüst Ägyptens - und davon sind alle Zahlen in Palästina abhängig! - einer Revision bedarf.
Besonders der Ägyptologe David Rohl - bekannt durch sein Buch: "Pharaonen und Propheten" (Dromer, Knaur, 1996) tritt für einen zeitlichen Versatz von mehr als 300 Jahren ein. Rohl ist übrigens Mitautor in dem vorliegenden Buch von van der Veen und Zerbst.
Hochinteressant zu welchen Ergebnissen diese revidierte Chronologie nun führt. Als Beispiel sei Jericho genannt. Der Bibelleser weiß, dass die Mauern der Stadt einstürzten (Jos 6,20). Die berechtigte Frage lautet: Welche Ergebnisse erbrachte die bisherige archäologische Arbeit in Jericho?
Schon um 1907 nahm der deutsche Forscher Ernst Sellin (1867-1946) Grabungen auf dem Tell es-Sultan, dem mutmaßlichen Ort des alten Jericho, auf. Sellin gilt als ein Pionier der deutschen Archäologenarbeit in Palästina und grub auch in Thaanach und Sichem. Später dann, in den dreißiger Jahren ist es der Name des Briten John Garstang.
Die Albright-Schülerin Kathleen Kenyon gelangte bei ihren Grabungen (1952-1956) zu Befunden, die in keiner Weise dem von der Bibel her zu erwartenden Bild entsprachen. Nach ihren Befunden ging Jericho durch mehrere Phasen wiederholter Zerstörung und Neuaufbau (vgl. dazu auch Jos 6,26; 1Kön 16,34) Während der Hyksoszeit blühte die Stadt erneut auf, fand aber dann um 1560 ein gewaltsames Ende. Von der Stadt, die man aus der Josuazeit zu erwarten hätte, fand man so gut wie nichts.
Untersucht man die gleiche Stelle unter dem Gesichtspunkt der revidierten Chronologie, dann führt dies allerdings zu einem sehr interessanten Ergebnis: Die Stadt wurde offenbar zerstört durch eine gewaltige Feuersbrunst in Verbindung mit einem Erdbeben. Man fand mit Getreide gefüllte Vorratskrüge - Hinweis auf eine Zerstörung der Stadt während der Erntezeit - durchaus in Übereinstimmung mit Jos 6, 24: "Die Stadt aber und alles was darin war, verbrannten sie mit Feuer."
Auch an anderen Stellen führt die revidierte Chronologie zu erstaunlichen Schlussfolgerungen: Zum Beispiel der berühmte Tontafelfund von Tell El-Amarna, wohl die diplomatische Korrespondenz des Pharaos Amenophis IV. Echnaton mit den kanaanäischen Städtekönigen. Darin wird der Pharao um Hilfe gerufen, er möge Soldaten senden, sonst gingen seine Städte an die "Habiru" verloren.
Habiru? Schon frühere Forscher sahen darin das Volk Israel. So sprach sich etwa der Leipziger Alttestamentler Hans Bardke (in engem Anschluss an den Göttinger Orientalisten Burger) für die Hebräer/Habiru-Indentität aus.
Jetzt, unter den Möglichkeiten des neuen chronologischen Ansatzes, werden die Gründe dafür noch stärker. Warten wir ab, was die weitere Forschung noch erbringen wird!
"Biblische Archäologie am Scheideweg" ist ein wissenschaftliches Buch. Es dringt sehr tief in Geschichtszusammenhänge mit starkem Bezug zu Bibel vor. Ein Leser, der das nötige Maß an Zeit, Kraft und Interesse zur Sache aufbringt, wird durch den gebotenen Faktenreichtum voll entschädigt. Wohltuend die Sachlichkeit, mit der die Autoren auch unbequeme Thesen ernst nehmen und referieren. Unsere Zeit heute braucht - auch bei ganz anderen Themenkreisen! - solch weiterführende Forschung.

| Ausgezeichnete Studie |
Mit gewohnter Gründlichkeit untersucht der langjährige Lehrer der Schweizer Bibelschule Emmaus ein für den Glauben und die Praxis der Gemeinde entscheidendes Thema. Nach einer Aufzählung der verschiedenen Bezeichnungen des Abendmahls untersucht Kuen zunächst die biblischen Texte (Einsetzung des Abendmahls durch Jesus in den ersten drei Evangelien, das Abendmahl in den Johannesschriften und die Abendmahlspraxis der Urgemeinde in der Apostelgeschichte und im 1. Korintherbrief, S. 25-65). Der zweite Abschnitt gilt der Bedeutung des Abendmahls. Der Autor stellt elf verschiedene Deutungen dar, die bis heute - zumeist in Kombinationen - vertreten werden. Einerseits zeigt sich die konfessionelle Gebundenheit einzelner Deutungen, andererseits wird die Bedeutung der Bibelauslegung und die jeweilige Lehre über Wesen und Auftrag der Gemeinde für das Abendmahlsverständnis deutlich. Die einzelnen Positionen werden vom biblischen Befund her beleuchtet. Der dritte Abschnitt ist der Deutung und Bedeutung des Abendmahls in der Kirchengeschichte gewidmet (S. 193-237).
Kuen bietet eine detaillierte Übersicht über die Entwicklung in der Kirchengeschichte sowie die Faktoren, die diese Entwicklung bestimmt haben, und fordert - neben der hilfreichen Orientierung - damit seine Leser auf, begründet zu eigenen Positionen zu gelangen.
Der folgende Abschnitt geht verschiedenen Fragen bezüglich der Teilnahme am Abendmahl nach (239-95). Wer kann und soll unter welchen Umständen teilnehmen? Sollen Kinder zum Abendmahl zugelassen werden? Welche Bedeutung hat das Abendmahl in der gegenwärtigen Ökumenischen Bewegung mit ihrem Bestreben nach Abendmahlsgemeinschaft zwischen verschiedenen Kirchen? Wie ist dieses Bestreben einzuordnen?
Neben den wichtigen Frage nach der biblischen, historischen und gegenwärtigen Deutung und Bedeutung des Abendmahls widmet sich Kuen im letzten Abschnitt (S. 297-315) auch den Fragen nach der biblischen und lebendigen Gestaltung der Mahlfeiern in der Gemeinde. Wann und in welchem Rahmen soll Abendmahl gefeiert werden? Wer soll leiten und Brot und Wein verteilen? Daneben geht es um Fragen zu den Elementen (Gesäuertes oder ungesäuertes Brot? Wein oder Traubensaft? Ist die Reihenfolge unabänderlich? Gemeinsamer Kelch oder Einzelbecher?). Ferner geht es um die innere Einstellung der Teilnehmer, den erforderlichen zeitlichen Rahmen für eine Abendmahlsfeier und Fragen wie "Muss man das [Geld]Opfer in Verbindung mit dem Abendmahl bringen"? und "Soll man das Abendmahl zu einem Kranken bringen". Dieser praktische Abschnitt endet mit einem hilfreichen Vorschlag zum Ablauf einer Abendmahlsfeier.
Kuens Band ist die beste deutschsprachige Studie, die es zu diesem Thema gibt. Sie ist zum richtigen Zeitpunkt erschienen, nämlich in einer Zeit in der viele (Brüder)Gemeinden in unserem Land mit der Mahlfeier in Theorie und/oder Praxis ihre Not haben und ihre zentrale Bedeutung für den Einzelnen und die versammelte Gemeinde der nächsten Generation vermittelt werden muss. Dazu ist Kuens Band eine hilfreiche und anregende Pflichtlektüre für alle Älteste und interessierte Gemeindemitglieder!
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