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Dann berichtet Lukas, dass Petrus in der Säulenhalle predigte, die Halle Salomos genannt wurde (Apg 3,11). Die Säulenhalle Salomos zählte zum Vorhof der Heiden und befand sich an der Ostseite des Tempelplatzes, gegenüber dem Ölberg. In dieser Halle hatte auch der Herr einige Monate vorher seine große Hirtenrede gehalten.[ 2 ]
Die öffentlichen Versammlungen waren vor allem zur Evangelisation geeignet, weil sich ja immer eine Menge Menschen auf dem Tempelplatz befanden. Es war für die Apostel aber auch möglich, dort die Gläubigen über ihren Herrn Jesus Christus zu belehrten, wie Lukas deutlich macht.[ 3 ] Das wiederum setzt voraus, dass die Gläubigen sich zu bestimmten Zeiten treffen mussten. Die Zeit des Morgen- oder Abendgebets war dafür gut geeignet.
Neben den öffentlichen Versammlungen hatten vor allem die Hauskreise Bedeutung für die Gemeinde in Jerusalem. Von Anfang an trafen sich die Gläubigen täglich nicht nur im Tempel sondern auch in verschiedenen Häusern. Dort aßen sie miteinander und feierten das Mahl des Herrn[ 4 ] . So waren in vielen Häusern der Stadt Gläubige in jubelnder Freude beieinander. Im Tempel wäre eine Feier des Brotbrechens bei der riesigen Zahl der Gläubigen und dem öffentlichen Charakter der Versammlungen nicht möglich gewesen.
Später erfahren wir, dass die Apostel die jungen Christen, die man damals noch Nazoräer [ 5 ] nannte, sowohl im Tempel als auch in den Häusern kontinuierlich belehrten. Das setzt voraus, dass sich in bestimmten Häusern bestimmte Gruppen von Gläubigen trafen, denn wir können nicht annehmen, dass die Apostel in einigen tausend Familien Hausbesuche gemacht hätten. Zu ihrer Belehrung durch die Apostel kamen die Gläubigen zwar auch in den Tempel, das Wesentliche wird aber in den Hauskreisen geschehen sein. Dort konnte die Schulung intensiver und beständiger erfolgen. Lukas berichtet: Die Apostel "hörten nicht auf, jeden Tag ... in den Häusern zu lehren und Jesus als den Christus zu verkündigen" (Apg 5,42). Nach dem Verbot durch den Hohen Rat "hörten" sie damit "nicht auf". Daraus folgt natürlich, dass sie das schon vorher beständig getan hatten.
Einige Jahre nach der Verfolgung und Zerstreuung der Gemeinde, die durch den Tod des Stephanus entstanden war, kam es erneut zu Verhaftungen, Misshandlungen und sogar zu einer Hinrichtung. Diesmal wurde die Verfolgung durch den König ausgelöst.
| Diesmal wurde die Verfolgung durch den König ausgelöst |
1. Die Gemeinde betete anhaltend für ihn. Wörtlich: "Von der Gemeinde geschah ein anhaltendes Gebet für ihn zu Gott" (Apg 12,5). Das meint nicht, dass etwa nur ein Teil der Gemeinde für Petrus gebetet hätte, denn "von" deutet hier nicht auf eine Auswahl, sondern auf den Urheber des Gebets[ 7 ] . Die ganze Gemeinde wusste um das Anliegen und alle beteten um die Befreiung des Petrus. Aber sie kamen dazu nicht an einem Ort zusammen, sondern trafen sich in verschiedenen Hauskreisen.
2. Als Petrus nach seiner wunderbaren Befreiung wieder zur Besinnung kam, fand er sich in der Nähe des Hauses "der Maria, der Mutter des Johannes mit dem Beinamen Markus, wo viele versammelt waren und beteten" (Apg 12,12). Es waren viele zusammengekommen, aber doch nur ein Teil der Gemeinde, denn alle hätten dort keinen Platz gehabt. Das große Haus der Maria besaß nach den Andeutungen des Lukas einen ummauerten Innenhof und war durch ein eigenes Torgebäude zugänglich.[ 8 ] Weil dieses Pförtnerhaus bei Nacht aber nicht besetzt war, musste eine der Sklavinnen hinausgehen und nach dem nächtlichen Störenfried schauen, der durch sein Klopfen die Gebete unterbrochen hatte.
| Kurz darauf hatten die Gläubigen ihre Gebetserhörung lebendig vor sich stehen |
3. Noch in der gleichen Nacht verabschiedete sich Petrus von den Christen, die im Elternhaus des Markus versammelt waren und verließ Jerusalem. Doch bevor er ging, gab er den Zurückbleibenden den Auftrag: "Berichtet dies Jakobus und den Brüdern!" (Apg 12,17). Es ist nicht ganz sicher, welche Brüder er damit meinte,[ 9 ] höchstwahrscheinlich aber andere verantwortliche Brüder der Gemeinde, oder wie Kapitel 21,18 die Ältesten. Das könnte darauf hindeuten, dass es nicht nur einen weiteren Hauskreis bei Jakobus gegeben hat, sondern noch einige mehr, die von einzelnen dieser Brüder geleitet wurden. In jedem Fall sollten wir davon ausgehen, dass in dieser Nacht nicht nur die Gläubigen im Haus der Maria um die Befreiung des Petrus gebetet hatten, sondern noch einige andere Gruppen. Dass Jakobus und andere Verantwortliche in dieser Nacht nicht für Petrus gebetet hätten, ist sehr unwahrscheinlich. Aber sie hatten sich anderswo versammelt und deshalb ließ Petrus ihnen die Mitteilung von seiner wunderbaren Befreiung zukommen.
Wir wissen nicht, in wie viel Hauskreise die Gemeinde Jerusalem aufgeteilt war, aber dass sie sich in Häusern versammelte, steht fest. Außerdem kennen wir neben dem Tempel zwei ihrer Versammlungsstätten in der Stadt: Da ist einmal der Obersaal, in dem der Herr mit seinen Jüngern das letzte Passa gefeiert hatte. Dieser Saal befand sich in einem Haus, dessen Herr ein Mann war und das offenbar keinen erwähnenswerten Hof hatte.[ 10 ] Die andere Versammlungsstätte ist das oben beschriebene Haus der Mutter von Markus, in dem sich viele versammeln konnten. Es muss aber noch einige mehr gegeben haben. Bestimmt haben auch die gläubigen Hellenisten, auf die wir weiter unten zu sprechen kommen, einen Hauskreis gehabt.
Dass sich die Christen der ersten beiden Jahrhunderte hauptsächlich in Häusern versammelten, ist bekannt. Das Neue Testament spricht öfter davon[ 11 ] und auch aus der Kirchengeschichte wissen wir um Hausgemeinden.
| Praktisch entstanden alle Gemeinden zuerst als Hauskreise, wie es auch heute geschieht |
Oft wird vergessen, dass sich in dieser Zeit größere Gemeinden an einem Ort in mehreren Hauskreisen versammelten, ja aufgrund ihrer Größe versammeln mussten. So war es auch in Rom, wo Paulus eine Gemeinde im Haus von Priska und Aquila (Röm 16,3.5) erwähnt. Es gab gleichzeitig eine Gemeinschaft im Zusammenhang mit Asynkritus, Phlegon, Hermes, Patrobas und Hermas (Röm 16,14), sowie eine Gruppe um Philologus und Julia, Nereus und seine Schwester und Olympas (Röm 16,15). Das sind wenigstens drei. Es könnte sein, dass Paulus bei einigen der anderen erwähnten Personen auch an Hauskreise denkt, z.B. bei Aristobul und Narzissus (Röm 16,10.11) und außerdem selbst einen regelmäßigen Hauskreis um sich versammelte (Apg 28,30f). Auch in Kolossä könnte es mehrere Hauskreise gegeben haben, nämlich den im Haus des Philemon (Phm 1,1f) und den im Haus der Nympha.[ 14 ]
Es passt also gut in den Rahmen des Neuen Testaments, und in den Rahmen des damaligen Judentums (wo jede Gruppe ihre eigene Synagoge hatte), wenn wir uns die Gemeinde in Jerusalem nicht als homogene große Gruppe, sondern als eine in mehrere Hauskreise aufgeteilte Gemeinschaft vorstellen. Dort trafen sich die Geschwister in der Anfangszeit täglich zum gemeinsamen Essen, zum Brotbrechen und zur Belehrung durch die Apostel. Gewöhnlich wird das abends, nach der Arbeit stattgefunden haben, wenn man in Israel die Hauptmahlzeit des Tages einzunehmen pflegte. Nur zu besonderen Gelegenheiten wurde die Gesamtgemeinde extra zusammengerufen, wie zum Beispiel bei der Entscheidung über die Versorgung der hellenistischen Witwen.
Beim Lesen der ersten Kapitel der Apostelgeschichte entsteht zunächst der Eindruck, dass der Apostel Petrus selbstverständlich und unangefochten der Führer der ersten Christenheit gewesen ist. In einer Hinsicht stimmt das natürlich. Er ergriff die Initiative bei der Wahl des Matthias, er hielt die Pfingstpredigt, er war der Sprecher bei der Heilung des Lahmen und predigte anschließend dem Volk. Er ergriff das Wort als er zusammen mit Johannes vor dem Hohen Rat stand. Er hinterfragte Hananias und seine Frau als sie heuchlerisch einen Teil ihres Geldes spenden wollten und sprach die Worte, die ihnen den Tod brachten. Er war der Sprecher der Apostel nach ihrer erneuten Verhaftung. Er stellte sich später dem Zauberer Simon entgegen, er heilte den Äneas und erweckte die Dorkas vom Tod, er predigte im Haus des Kornelius. Andererseits aber hat Petrus nie eigenmächtig Entscheidungen getroffen.
In allem, was sie taten, stimmten sich die Apostel miteinander ab.
| In allem, was sie taten, stimmten sich die Apostel miteinander ab |
Petrus war in den Augen seiner Mitgeschwister keineswegs der große Führer, dessen Wort man bedingungslos befolgte. Bei einer Gelegenheit musste Petrus sich von seinen jüdischen Brüdern sogar schwere Vorwürfe gefallen lassen,
| Bei einer Gelegenheit musste Petrus sich von seinen jüdischen Brüdern, die an Jesus glaubten, schwere Vorwürfe gefallen lassen |
Ihre eigentliche Verantwortung sahen die Apostel im Gebet, in der Weitergabe des Evangeliums und in der Belehrung der Gläubigen. Gelegentlich riefen sie die Gesamtgemeinde zu besonderen Entscheidungen zusammen.
Auch über die erste Verfolgungswelle im Jahr 33 n.Chr. hinaus blieben die Apostel in der Stadt. In den darauffolgenden neun Jahren festigten sie die Gläubigen und verkündigten das Evangelium in Judäa, Galiläa und Samaria. Doch von diesen Einsätzen kehren sie regelmäßig in die Stadt zurück. Erst nachdem die zweite Verfolgungswelle über die Gemeinde hereingebrochen war und den Tod von Jakobus, dem Bruders des Johannes, mit sich gebracht hatte, verließ wenigstens einer von ihnen die Stadt für längere Zeit.
Wann die anderen Apostel sich von Jerusalem trennten, um anderswo in der Welt das Evangelium zu verkündigen, erwähnt Lukas nicht[ 15 ] . Auch wohin sie gingen, wird nur von einigen gesagt. Eusebius berichtet in seiner Kirchengeschichte über die Wirksamkeit der Apostel:
In der alten Kirche wurden einige Legenden über die Zerstreuung der Zwölf in die zur Missionierung verteilten Länder des Erdkreises erzählt. Deren Wahrheitsgehalt ist aber sehr umstritten. Trotzdem kann kein Zweifel darüber bestehen, dass die Apostel den Auftrag ihres Herrn, der weit über Jerusalem hinaus reichte, ausführten. Erst zur Zeit des so genannten Apostelkonzils finden wir einige von ihnen wieder in der Stadt.
Wenn die Apostel Jerusalem für längere Zeit verlassen wollten, mussten sie sicher sein, dass die Gemeinde während ihrer Abwesenheit geistlich versorgt wurde. Dazu hatten sie nach dem Vorbild des Alten Testaments und der Synagoge Älteste eingesetzt. Wie sie diese auswählten und einsetzten, teilt Lukas zwar nicht mit, doch werden wir nicht fehl gehen, wenn wir uns das ähnlich wie die Bestimmung der sieben Brüder vorstellen, die in Jerusalem die Tische bedienen sollten. Es mussten Männer sein, die einen vorbildlichen Lebenswandel führten, einen guten Ruf in der Öffentlichkeit besaßen, sich im Glauben bewährt hatten und so imstande waren, die geistliche und seelsorgerliche Verantwortung für die Gemeinde zu tragen und die Gläubigen im Sinn ihres Herrn zu unterrichten.[ 17 ] Bis Männer mit solchen Eigenschaften zu erkennen waren, musste freilich einige Zeit vergehen, obwohl andererseits neben den Aposteln natürlich auch bald "führende Männer unter den Brüdern" (Apg 15,22) in Erscheinung traten, die genauso wie die Sieben das Vertrauen der ganzen Gemeinde besaßen und zu besonderen Diensten ausgesandt werden konnten. Die Einsetzung der Ältesten müssen wir uns so wie die Einsetzung der Sieben vorstellen. Die Apostel haben vor der Gemeinde für sie gebetet und ihnen als Zeichen, dass sie sich mit ihnen und ihrem Dienst eins machten, die Hände aufgelegt.[ 18 ]
In der Apostelgeschichte werden Älteste direkt erst ab Kapitel 11 erwähnt und zwar im Zusammenhang mit einer Hilfssendung, die von den Christen in Antiochien organisiert worden war. "Sie beschlossen aber, dass ... jeder von ihnen zur Hilfeleistung den Brüdern, die in Judäa wohnten, etwas senden sollte; das taten sie auch, indem sie es durch die Hand des Barnabas und Saulus an die Ältesten sandten" (Apg 11,29f).
Das muss um das Jahr 46 n.Chr. herum geschehen sein. Natürlich galt die Hilfesendung nicht nur den Geschwistern in Jerusalem, sondern den Christen in ganz Judäa. Überall waren ja Gemeinden entstanden und vermutlich inzwischen auch Älteste eingesetzt worden. Es ist aber gut denkbar, dass die Aktion doch von den Ältesten der Gemeinde Jerusalem koordiniert wurde, denn Lukas erwähnt, dass Barnabas und Saulus nach Vollendung ihres Dienstes von Jerusalem aus zurückkehrten.
Um diese Zeit muss es aber praktisch in allen Gemeinden, die älter als ein paar Monate waren, Älteste gegeben haben,
| Um diese Zeit muss es praktisch in allen Gemeinden, die älter als ein paar Monate waren, Älteste gegeben haben |
Der zweite direkte Hinweis auf Älteste in der Jerusalemer Gemeinde kommt ebenfalls aus Antiochien:
Darin wird deutlich, dass es neben den Aposteln längst Älteste in Jerusalem gegeben hat, die sogar Autorität über die
| Neben den Aposteln hat es längst Älteste in Jerusalem gegeben, die sogar Autorität über die örtliche Gemeinde hinaus besaßen |
Das letzte Mal erwähnt Lukas die Ältesten von Jerusalem als Paulus acht Jahre später zusammen mit ihm die Stadt besuchte. Sie wurden von Jakobus eingeladen, der dazu auch "alle Ältesten" gebeten hatte. Als Paulus die Ältesten
Dieser Rat, den Juden öffentlich zu beweisen, dass er sich an die Vorschriften des Gesetzes hielt, erwies sich für Paulus allerdings als verhängnisvoll. Er wurde von Diasporajuden aus Asien erkannt und geriet in größte Gefahr, von seinen Landsleuten gelyncht zu werden. Er konnte nur mit äußerster Mühe von Soldaten der römischen Garnison gerettet werden.
Im Zusammenhang mit der ersten Erwähnung von Ältesten in Jerusalem treffen wir auch auf die Bezeichnung "Propheten". Propheten sind Menschen, die im Auftrag
| Propheten sind Menschen, die im Auftrag Gottes göttliche Botschaft weitergeben. Man könnte sie auch als „Sprecher Gottes“ bezeichnen |
Die Propheten bildeten aber keinen eigenen Stand in der Gemeinde, sondern bestimmte Geschwister[ 26 ] waren von Gott mit dieser Gabe beschenkt und dienten den Gläubigen innerhalb und außerhalb der Gemeinde damit im Rahmen ihrer sonstigen Aufgaben. Drei von ihnen werden namentlich erwähnt: Agabus, der sowohl die Hungersnot im Römischen Reich als auch die Gefangenschaft des Paulus voraussagte,[ 27 ] dann Judas und Silas, führende Männer unter den Brüdern, die bei spätere Gelegenheit die Gläubigen in Antiochien sehr ermutigten.[ 28 ] Wahrscheinlich gehörten die meisten von ihnen zu den Ältesten, wie es auch später in Antiochien der Fall war.
Auf jeden Fall zählten sie zu den Personen, auf deren Wort man hörte. Ihr Dienst vollzog sich hauptsächlich in der Gemeinde, war aber nicht ausschließlich auf den Ort beschränkt.[ 29 ]
Die Juden glaubten damals, dass der Geist der Prophetie sich mit dem letzten Schriftpropheten aus Israel zurückgezogen habe. Allerdings würde das kommende messianische Zeitalter den Geist Gottes erneut hervortreten lassen und auch die Prophetie neu beleben. Und genau das war zu Pfingsten in der Gemeinde Wirklichkeit geworden.
Einer der größten Fehler, die sich mit dem Begriff "Urgemeinde" verbinden, ist die Vorstellung von einer in jeder Hinsicht vollkommenen Gemeinde. Man denkt, damals wäre die Gemeinde herrlich und makellos gewesen, fast so wie die ersten Menschen vor dem Sündenfall. Doch schon ein kurzer Blick in die Apostelgeschichte belehrt eines Besseren und ein gründlicheres Studium macht unmissverständlich klar, dass erlöste Sünder und in Christus Geheiligte nicht automatisch zu fehlerlos perfekten Menschen werden. Auch in der sogenannten Urgemeinde gab es Heuchelei, Geldgier, Missverständnisse, Streit, Neid, Eigenmächtigkeit. Natürlich waren das nicht die vorherrschenden Elemente, aber sie waren neben herzlicher Gemeinschaft, Liebe, Opfer, Glauben, Hingabe eben auch vorhanden. Die Heilige Schrift vertuscht die Schwächen ihrer "Helden" nicht, stellt sie freilich auch nicht groß heraus, sondern belässt sie an dem Platz, wo sie hingehören. Gerade das ist eines der Geheimnisse der Schrift, dass sie uns Menschen von Fleisch und Blut vorstellt, die auch als Erlöste noch mit Problemen zu kämpfen haben, aber dennoch mehr als Überwinder werden, die schwach sind, aber dennoch stark in ihrem Herrn.
Dass die Gemeinde Jesu in dieser Welt nicht überall auf ungeteilte Zustimmung stößt, ist von ihrem Grundcharakter her auch nicht zu erwarten. Der Herr hatte das seinen Jüngern wiederholt deutlich gemacht:
Ein wenig später kündigte er ihnen an:
Schon durch ihre bloße Existenz in dieser Welt erregt die Gemeinde Anstoß. So natürlich auch die Gemeinde in Jerusalem.
Anfangs wuchs die Gemeinde sehr stark, weil der Herr ihr täglich Menschen zuführte. Die Gläubigen wurden vor allem vom einfachen Volk hoch geachtet und auf eine Stufe mit den Pharisäern und Essenern gestellt. Es konnte aber nicht ausbleiben, dass eine so auffällige Bewegung mit der religiösen Führung in Konflikt geriet.
Als Petrus und Johannes eines Nachmittags zum Gebet in den Tempel gingen, kam es zum ersten Zusammenstoß. Auf dem Weg hatten sie einen gelähmten Mann geheilt, der daraufhin sogleich mit in den Tempel kam, dort voller Freude herum hüpfte und Gott lobte. Das fiel natürlich auf, denn im Tempelareal war selbst die Höhe der Treppenstufen so gewählt, dass man gemessenen Schrittes hinaufsteigen konnte.
| Im Tempelareal war selbst die Höhe der Treppenstufen so gewählt, dass man gemessenen Schrittes hinaufsteigen konnte |
Während sie in dieser Weise zum Volk redeten wurde es Abend und die priesterliche Wachmannschaft kam, um die schweren Tempeltore zu schließen. Durch die Menge verunsichert, machten sie dem Tempelhauptmann Meldung über den Volksauflauf und die Redner in der Nähe des Tores. Der Tempelhauptmann war nach dem Hohenpriester der zweitmächtigste Mann im Tempel und mit allen Vollmachten zur Aufrechterhaltung der Ordnung ausgestattet. Er wurde von einigen Sadduzäern begleitet, die sich sehr darüber aufregten, dass die Apostel in Jesus die Auferstehung aus den Toten verkündigten, an die sie grundsätzlich nicht glauben wollten. Der Hauptmann, der auch zu den Sadduzäern gehörte, ließ die beiden Apostel und den Geheilten[ 31 ] sofort verhaften und unter verschärften Bedingungen festsetzen.
Am nächsten Morgen wurde der Hohe Rat zusammengerufen, um über die Verhafteten Gericht zu halten. Der Hohe Rat, das Synedrium, war zu jener Zeit der oberste Gerichtshof Israels. Er bestand aus drei Gruppen:
Die Obersten, das meint den amtierenden Hohenpriester und seine Vorgänger, soweit sie noch am Leben waren, und die anderen Angehörigen der hohenpriesterlichen Familie. Die Ältesten, das waren von allen geachtete Männer aus den führenden Familien, die sich genau im Gesetz auskannten, hauptsächliche Laien aber auch Priester. Die Schriftgelehrten, das waren hauptsächlich Pharisäer.Zum Hohen Rat gehörten 70 Personen und der amtierende Hohepriester. Zur Beschlussfassung genügte allerdings die Anwesenheit von 23 Personen. Er tagte gewöhnlich in der "Halle der Quadersteine" im Tempel. Die Versammlungen fanden wahrscheinlich zweimal in der Woche statt, aber niemals nachts, am Sabbat, an Festtagen oder den entsprechenden Vorabenden. Die Sitzordnung war ähnlich wie in einem Theater in Halbkreisen angeordnet. Vorn in der Mitte befand sich der Platz des Hohenpriesters. Alle trugen Talare, den jeweiligen Angeklagten aber wurden Trauergewänder angezogen.
Dieses Gremium, vor dem die Apostel sich verantworten sollten,
| Dieses Gremium, vor dem die Apostel sich verantworten sollten, setzte sich aus den reichsten, mächtigsten und gebildetesten Männern Israels zusammen |
Doch Petrus antwortet überraschend klar und nicht ohne Ironie sinngemäß: "Stehen wir hier vor Gericht, weil wir einem kranken Menschen geholfen haben?" Und dann sagte er, in welcher Kraft und in welchem Namen sie den mehr als vierzig Jahre alten Gelähmten, der jetzt neben ihnen stand, geheilt hatten. Die Apostel erlebten hier zum ersten Mal, was Jesus ihnen versprochen hatte: "Wenn sie euch aber überliefern, so seid nicht besorgt, wie oder was ihr reden sollt; denn es wird euch in jener Stunde gegeben werden, was ihr reden sollt. Denn nicht ihr seid die Redenden, sondern der Geist eures Vaters, der in euch redet" (Mt 10,19f).
Dem Hohen Rat blieb nichts weiter übrig, als den Aposteln unter Strafandrohung zu verbieten, "in diesem Namen zu irgend einem Menschen" zu reden. Das konnten diese aber nicht hinnehmen. Sie sagen den mächtigsten Männern ihres Volkes ins Gesicht, dass sie es sich doch selbst überlegen könnten, ob es richtiger wäre auf sie oder auf Gott zu hören. Sie könnten nicht von dem schweigen, was sie gesehen und gehört hatten. Der Rat reagierte hilflos mit noch schärferen Strafandrohungen, musste die Angeklagten aber frei lassen. Fortan würde er ein scharfes Auge auf die Vertreter dieser neuen Sekte haben.
Auf freien Fuß gesetzt suchten die beiden Apostel sogleich die "Ihren" auf. Der Ausdruck meint aber nicht (nur) ihre Angehörigen, sondern ganz offensichtlich die Gläubigen, die in einem Haus[ 32 ] versammelt waren - wahrscheinlich um für sie zu beten. Ihnen berichteten die Apostel vom Verlauf und dem unerfreulichen Ergebnis der Verhandlung. Die Geschwister reagierten auf das Redeverbot und die Drohung der Regierung aber nicht mit Lagebesprechung und Diskussion, sondern mit einem bemerkenswerten Gebet, das sie in völliger Übereinstimmung an ihren Gott richteten, den "Herrscher", der "den Himmel und die Erde und das Meer gemacht" hat "und alles, was in ihnen ist".
Lukas gibt wahrscheinlich nur den Hauptinhalt davon wieder, aber der ist bemerkenswert. Zunächst fällt die ausführliche Anrede auf. Sie preisen Gott als den souveränen Schöpfer, gegen dessen Macht die Mächtigsten dieser Welt unbedeutend werden. Gott ist aber nicht nur eine stumme Schöpfermacht, er hat geredet. Er tat es im "Heiligen Geist durch den Mund unseres Vaters, deines Knechtes David". Es fällt auf, wie die Gläubigen in ihrem Gebet die Schrift gebrauchten. Sie zitierten nicht nur Psalm 2, sondern beteten ähnlich wie Hiskia in einer vergleichbaren Lage[ 33 ]. Konkret baten sie Gott um Freimut in der Verkündigung des Wortes und um göttliche Beglaubigung der Botschaft durch weitere Machttaten. "Und als sie gebetet hatten, bewegte sich die Stätte, wo sie versammelt waren." Vielleicht war das eine Art Erdbeben, auf jeden Fall ein sichtbarer Ausdruck der Gegenwart Gottes. "Und sie wurden alle mit dem Heiligen Geist erfüllt und redeten das Wort Gottes mit Freimütigkeit." Das war also nicht nur ein Vorrecht der Apostel; alle dort versammelten Gläubigen werden (erneut) mit dem Geist erfüllt. Und alle nehmen am Weitersagen der Botschaft teil.
| Unter dem gläubigen Beten wird das Redeverbot zum Durchbruch eines neuen, breiten Stroms der Verkündigung |
Lukas gibt uns nur wenig Hinweise darauf, wie wir uns den Ablauf dieses Gemeindegebets vorzustellen haben. Dass die ganze Gruppe im Chor gesprochen habe, ist kaum vorstellbar. Man müsste in diesem Fall annehmen, dass das Gebet vorher für alle aufgeschrieben worden wäre oder dass alle es auswendig gelernt hätten. Das hätte aber in keiner Weise der Situation entsprochen, denn der Text sagt, dass sie, (gleich) als sie die Nachricht hörten, zu Gott beteten. Außerdem hätte dann Lukas den Plural von "Stimme" verwenden müssen: "Sie erhoben ihre Stimmen"[ 34 ] und sich auch den Hinweis auf das "einmütige" Gebet sparen können, denn einstimmig ist immer auch einmütig. Am einfachsten ist es, wenn wir von der Annahme ausgehen, dass mehrere der Anwesenden gebetet haben ("sie ... sprachen"), alle Gebete aber dasselbe Anliegen bewegten ("erhoben einmütig ihre Stimme") und von allen durch "Amen" bestätigt wurden. Dabei kann man sich vorstellen, dass einer der Beter Psalm 2 zitierte und gleich auf die Situation anwandte und dass andere an die Situation des Hiskia erinnert wurden und in dem gleichen Sinn beteten, wie dieser.
Lukas zeigt dann in seinem zweiten zusammenfassenden Bericht, wie das Gemeindeleben sich entwickelte und wie das Leben im Heiligen Geist praktisch aussieht. Er nutzt die Gelegenheit, Barnabas vorzustellen, der später eine wichtige Rolle in der Gemeinde und darüber hinaus spielen sollte.
Die nächste Szene aus dem Leben der Gemeinde Jerusalem wird durch die uneigennützige Handlungsweise des Josef Barnabas eingeleitet. Dieser von der Insel Zypern stammende Levit hatte offenbar in seiner Heimat Grund und Boden besessen. Es ist aber auch möglich, dass das Grundstück seiner Frau gehörte, denn ein Levit durfte nach dem Gesetz[ 35 ] keinen Landbesitz haben. Jedenfalls verkaufte Barnabas sein Grundstück und "legte" das Geld "zu den Füßen der Apostel nieder", das heißt, er stellte es dem Fond für die Armen, der von den Aposteln verwaltet wurde, zur Verfügung.
Die anschließende Begebenheit macht einerseits deutlich, dass die Urgemeinde keinesfalls idealisiert wird, andererseits aber lässt sie ein kleines Stück Gemeindealltag sichtbar werden.
Es hat den Anschein, als ob wenigstens in einem der Häuser[ 36 ] , in denen die Gläubigen sich versammelten, den ganzen Tag über Geschwister anwesend waren. Manche von ihnen waren vielleicht nur eine Zeit dabei, gingen dann wieder nach Hause, wenn sie andere Dinge zu erledigen hatten. Andere kamen später, wie die Frau des Ananias, die mindestens[ 37 ] drei Stunden nach der ersten Begebenheit eintraf und immer noch viele vorfand. Es werden junge Männer erwähnt, die sofort praktisch tätig werden konnten, als es erforderlich war, und die Apostel, die das Evangelium erklärten und die Gläubigen belehrten. Man konnte sie fragen und miteinander beten. Gewiss wurden auch Psalmen gesungen und neue Lieder gemeinsam gelernt. Keiner behauptete, von den anderen vernachlässigt zu werden. Sie alle waren ein Herz und eine Seele (Apg 4,32).
In diesem Zusammenhang gebraucht Lukas das erste Mal den Begriff "Gemeinde"" (ekklesia). Das Wort müssen wir hier im israelitischen Raum vom Alten Testament her hören. "Ekklesia" ist "Kahal Jahwe", das versammelte Volk Gottes. Der Gemeinde wird damals immer mehr bewusst, innerhalb des ablehnenden Israel das eigentliche Volk Gottes zu sein.[ 38 ]
Im Gegensatz zu dem vorbildlichen Verhalten des Barnabas wird anschließend die Handlungsweise von Ananias und Saphira geschildert. Das Ehepaar, das sich zu seinem Tun verabredet hatte, wollte als aufopfernde Spender vor den
| Im frommen Kreis gibt das fromme Verhalten Ansehen und Ehre |
Als Ananias den verabredeten Betrag in die Versammlung brachte, erfuhr er, was bedeutet, dass kein Geschöpf vor Gott unsichtbar ist, "sondern alles bloß und aufgedeckt vor den Augen dessen, mit dem wir es zu tun haben" (Hebr 4,13). Als Petrus ihn fragte, warum er Gott[ 41 ] versuchen und belügen würde, begriff er, dass der Apostel auf übernatürliche Weise Einblick in sein Herz bekommen hatte und erschrak so tief, dass er wie vom Blitz getroffen zu Boden stürzte. Die anwesenden Gläubigen konnten nur noch seinen Tod feststellen und fassungslos als Gericht Gottes zur Kenntnis nehmen. Die Strafe für Ananias fiel so schwer aus, weil er ähnlich gehandelt hatte wie einst Achan[ 42 ] bei der Eroberung des Landes Kanaan und ebenfalls als abschreckendes Beispiel dienen sollte. Gott wollte an ihm ein Exempel statuieren, um die Wirklichkeit der Gegenwart des Heiligen Geistes in der Gemeinde zu verdeutlichen. Die frühe Christenheit erlebte einige Male, wie solch ein Gericht Gottes unmittelbar auf sündige Taten folgte.[ 43 ]
Die ganze Gemeinde war über das offensichtliche Eingreifen Gottes so erschüttert dass sie für ein sofortiges Begräbnis sorgte, wie es einem von Gott gerichteten Sünder zukam. Ohne irgendwelche Zeremonien oder Trauerkundgebungen wurde der Leichnam des Ananias aus der Stadt gebracht und bestattet. Nicht einmal der Ehefrau wurde Bescheid gegeben.
Als diese dann nichtsahnend in die Versammlung kam, wagte niemand, sie über ihr Witwenlos aufzuklären. Statt dessen wurde sie von Petrus gefragt, ob sie wirklich die Summe, die durch Ananias überbracht worden war, für ihr Grundstück erhalten hatten. Die Frau bekam damit die Chance zur Umkehr, die sie aber nicht nutzte. Sie konnte ihren Mann unter den Anwesenden nicht entdecken und blieb bei der verabredeten Lüge.
Sie verstanden, dass es gefährlich ist auszuprobieren, wie lange Gott sich ausnutzen und herausfordern lässt, oder wie weit man ungestraft gehen kann.
Das Ergebnis dieses Geschehens veranlasste Lukas, einen weiteren zusammenfassenden Bericht über die Wirkungen, die von der Gemeinde ausgingen, einzufügen. Anschließend richtet sich sein Blick wieder auf die Reaktion der Obrigkeit.
Über der Pause nach dem ersten Zusammenstoß mit dem Hohen Rat lag immer noch die Drohung des Redeverbots. Es war nicht zu erwarten, dass die führenden Priester sich mit der dauernden Übertretung ihrer Befehle abfanden.
| Gott sorgte rasch dafür, dass die Gemeinde nicht führerlos blieb |
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