Bibel und Gemeinde 2003/3 Bibelstudien & Predigten

Karl-Heinz Vanheiden

Vanheiden

Karl-Heinz Vanheiden, Jg. 48, verh., 2 erw. Kinder, ist der Schriftleiter von „Bibel und Gemeinde“. Er ist im Reisedienst der Brüder-Gemeinden unterwegs und Studienleiter der Bibelschule Burgstädt.

Anschrift:
Friedrichsgrüner Str. 83, D-08269 Hammerbrücke.

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Jakobus der Gerechte - Geschichte der ersten christlichen Gemeinde in Jerusalem (VIII)

Die Struktur der Gemeinde

Ihre öffentlichen Versammlungen

Bis zum Kommen des Geistes waren die Jünger immer wieder in dem genannten Obersaal in Jerusalem zusammengekommen. Mit dem explosiven Wachstum der Gemeinde nach Pfingsten, wurde der Saal natürlich viel zu klein, um ihre Glieder alle zu fassen. Doch es gab einen Platz, der für ihre öffentlichen Versammlungen wie geschaffen war: der Tempel.

Die Tempelanlage in Jerusalem war zur Zeit des Neuen Testaments bei weitem die größte Anlage dieser Art in der ganzen damaligen Welt. Sie nahm einen Platz ein, der ungefähr 10% des Stadtgebietes entsprach. Die Umfassungsmauern waren mehr als anderthalb Kilometer lang. Ungefähr 200.000 Menschen konnten sich gleichzeitig auf dem Tempelplatz aufhalten.

Einige Male erwähnt Lukas, dass die Gläubigen sich tatsächlich im Vorhof des Tempels versammelten. Er sagt von der Anfangszeit der Gemeinde: "Täglich verharrten sie einmütig im Tempel." Das bedeutet gewiss, dass sie einen Teil des Tempelhofs als Versammlungsstätte benutzten. Es kann aber auch meinen, dass sie weiterhin an den Tempelgottesdiensten teilnahmen. Sie standen dabei, wenn das morgendliche und das abendliche Brandopfer dargebracht wurde, beteiligten sich am Gebet und empfingen den Segen des Priesters. Gerade weil sie durch den Glauben an ihren Messias und Herrn Jesus tatsächlich mit Gott Gemeinschaft bekommen hatten, war es ganz natürlich für sie, an den allgemein anerkannten Gottesdiensten teilzunehmen. Der Gedanke, sich von Israel und seinem Tempel zu trennen, war den ersten Gläubigen überhaupt nicht gekommen.[ 1 ]

Dann berichtet Lukas, dass Petrus in der Säulenhalle predigte, die Halle Salomos genannt wurde (Apg 3,11). Die Säulenhalle Salomos zählte zum Vorhof der Heiden und befand sich an der Ostseite des Tempelplatzes, gegenüber dem Ölberg. In dieser Halle hatte auch der Herr einige Monate vorher seine große Hirtenrede gehalten.[ 2 ]

Die öffentlichen Versammlungen waren vor allem zur Evangelisation geeignet, weil sich ja immer eine Menge Menschen auf dem Tempelplatz befanden. Es war für die Apostel aber auch möglich, dort die Gläubigen über ihren Herrn Jesus Christus zu belehrten, wie Lukas deutlich macht.[ 3 ] Das wiederum setzt voraus, dass die Gläubigen sich zu bestimmten Zeiten treffen mussten. Die Zeit des Morgen- oder Abendgebets war dafür gut geeignet.

Die Hauskreise

Neben den öffentlichen Versammlungen hatten vor allem die Hauskreise Bedeutung für die Gemeinde in Jerusalem. Von Anfang an trafen sich die Gläubigen täglich nicht nur im Tempel sondern auch in verschiedenen Häusern. Dort aßen sie miteinander und feierten das Mahl des Herrn[ 4 ] . So waren in vielen Häusern der Stadt Gläubige in jubelnder Freude beieinander. Im Tempel wäre eine Feier des Brotbrechens bei der riesigen Zahl der Gläubigen und dem öffentlichen Charakter der Versammlungen nicht möglich gewesen.

Später erfahren wir, dass die Apostel die jungen Christen, die man damals noch Nazoräer [ 5 ] nannte, sowohl im Tempel als auch in den Häusern kontinuierlich belehrten. Das setzt voraus, dass sich in bestimmten Häusern bestimmte Gruppen von Gläubigen trafen, denn wir können nicht annehmen, dass die Apostel in einigen tausend Familien Hausbesuche gemacht hätten. Zu ihrer Belehrung durch die Apostel kamen die Gläubigen zwar auch in den Tempel, das Wesentliche wird aber in den Hauskreisen geschehen sein. Dort konnte die Schulung intensiver und beständiger erfolgen. Lukas berichtet: Die Apostel "hörten nicht auf, jeden Tag ... in den Häusern zu lehren und Jesus als den Christus zu verkündigen" (Apg 5,42). Nach dem Verbot durch den Hohen Rat "hörten" sie damit "nicht auf". Daraus folgt natürlich, dass sie das schon vorher beständig getan hatten.

Einige Jahre nach der Verfolgung und Zerstreuung der Gemeinde, die durch den Tod des Stephanus entstanden war, kam es erneut zu Verhaftungen, Misshandlungen und sogar zu einer Hinrichtung. Diesmal wurde die Verfolgung durch den König ausgelöst.
Diesmal wurde die Verfolgung durch den König ausgelöst
Es war Herodes Agrippa, der Enkel Herodes des Großen. Er hatte von seinem Freund, dem Kaiser Caligula[ 6 ] ein großes Gebiet in und um Palästina geschenkt bekommen, dazu auch noch den Königstitel. Sein letztes Opfer war Petrus, der aber durch ein wunderbares Eingreifen Gottes aus dem Gefängnis befreit wurde. In diesem Zusammenhang berichtet die Apostelgeschichte drei bemerkenswerte Dinge:

1. Die Gemeinde betete anhaltend für ihn. Wörtlich: "Von der Gemeinde geschah ein anhaltendes Gebet für ihn zu Gott" (Apg 12,5). Das meint nicht, dass etwa nur ein Teil der Gemeinde für Petrus gebetet hätte, denn "von" deutet hier nicht auf eine Auswahl, sondern auf den Urheber des Gebets[ 7 ] . Die ganze Gemeinde wusste um das Anliegen und alle beteten um die Befreiung des Petrus. Aber sie kamen dazu nicht an einem Ort zusammen, sondern trafen sich in verschiedenen Hauskreisen.

2. Als Petrus nach seiner wunderbaren Befreiung wieder zur Besinnung kam, fand er sich in der Nähe des Hauses "der Maria, der Mutter des Johannes mit dem Beinamen Markus, wo viele versammelt waren und beteten" (Apg 12,12). Es waren viele zusammengekommen, aber doch nur ein Teil der Gemeinde, denn alle hätten dort keinen Platz gehabt. Das große Haus der Maria besaß nach den Andeutungen des Lukas einen ummauerten Innenhof und war durch ein eigenes Torgebäude zugänglich.[ 8 ] Weil dieses Pförtnerhaus bei Nacht aber nicht besetzt war, musste eine der Sklavinnen hinausgehen und nach dem nächtlichen Störenfried schauen, der durch sein Klopfen die Gebete unterbrochen hatte.
Kurz darauf hatten die Gläubigen ihre Gebetserhörung lebendig vor sich stehen
Kurz darauf hatten die Gläubigen ihre Gebetserhörung lebendig vor sich stehen.

3. Noch in der gleichen Nacht verabschiedete sich Petrus von den Christen, die im Elternhaus des Markus versammelt waren und verließ Jerusalem. Doch bevor er ging, gab er den Zurückbleibenden den Auftrag: "Berichtet dies Jakobus und den Brüdern!" (Apg 12,17). Es ist nicht ganz sicher, welche Brüder er damit meinte,[ 9 ] höchstwahrscheinlich aber andere verantwortliche Brüder der Gemeinde, oder wie Kapitel 21,18 die Ältesten. Das könnte darauf hindeuten, dass es nicht nur einen weiteren Hauskreis bei Jakobus gegeben hat, sondern noch einige mehr, die von einzelnen dieser Brüder geleitet wurden. In jedem Fall sollten wir davon ausgehen, dass in dieser Nacht nicht nur die Gläubigen im Haus der Maria um die Befreiung des Petrus gebetet hatten, sondern noch einige andere Gruppen. Dass Jakobus und andere Verantwortliche in dieser Nacht nicht für Petrus gebetet hätten, ist sehr unwahrscheinlich. Aber sie hatten sich anderswo versammelt und deshalb ließ Petrus ihnen die Mitteilung von seiner wunderbaren Befreiung zukommen.

Wir wissen nicht, in wie viel Hauskreise die Gemeinde Jerusalem aufgeteilt war, aber dass sie sich in Häusern versammelte, steht fest. Außerdem kennen wir neben dem Tempel zwei ihrer Versammlungsstätten in der Stadt: Da ist einmal der Obersaal, in dem der Herr mit seinen Jüngern das letzte Passa gefeiert hatte. Dieser Saal befand sich in einem Haus, dessen Herr ein Mann war und das offenbar keinen erwähnenswerten Hof hatte.[ 10 ] Die andere Versammlungsstätte ist das oben beschriebene Haus der Mutter von Markus, in dem sich viele versammeln konnten. Es muss aber noch einige mehr gegeben haben. Bestimmt haben auch die gläubigen Hellenisten, auf die wir weiter unten zu sprechen kommen, einen Hauskreis gehabt.

Dass sich die Christen der ersten beiden Jahrhunderte hauptsächlich in Häusern versammelten, ist bekannt. Das Neue Testament spricht öfter davon[ 11 ] und auch aus der Kirchengeschichte wissen wir um Hausgemeinden.
Praktisch entstanden alle Gemeinden zuerst als Hauskreise, wie es auch heute geschieht
Praktisch entstanden alle Gemeinden zuerst als Hauskreise, wie es auch heute geschieht. Manchmal haben sich Gemeinden fremde Räume gemietet wie die Schule des Tyrannus in Ephesus (Apg 19,9), oder sie haben Synagogen umfunktioniert, wie aus dem Jakobusbrief[ 12 ] hervorzugehen scheint. Erst seit dem 3. Jahrhundert haben die Christen in größerem Maßstab angefangen, eigene Häuser für ihre Versammlungen zu bauen, die sie dann Kirchen nannten, d.h. Gebäude, die dem Herrn gehören[ 13 ] .

Oft wird vergessen, dass sich in dieser Zeit größere Gemeinden an einem Ort in mehreren Hauskreisen versammelten, ja aufgrund ihrer Größe versammeln mussten. So war es auch in Rom, wo Paulus eine Gemeinde im Haus von Priska und Aquila (Röm 16,3.5) erwähnt. Es gab gleichzeitig eine Gemeinschaft im Zusammenhang mit Asynkritus, Phlegon, Hermes, Patrobas und Hermas (Röm 16,14), sowie eine Gruppe um Philologus und Julia, Nereus und seine Schwester und Olympas (Röm 16,15). Das sind wenigstens drei. Es könnte sein, dass Paulus bei einigen der anderen erwähnten Personen auch an Hauskreise denkt, z.B. bei Aristobul und Narzissus (Röm 16,10.11) und außerdem selbst einen regelmäßigen Hauskreis um sich versammelte (Apg 28,30f). Auch in Kolossä könnte es mehrere Hauskreise gegeben haben, nämlich den im Haus des Philemon (Phm 1,1f) und den im Haus der Nympha.[ 14 ]

Es passt also gut in den Rahmen des Neuen Testaments, und in den Rahmen des damaligen Judentums (wo jede Gruppe ihre eigene Synagoge hatte), wenn wir uns die Gemeinde in Jerusalem nicht als homogene große Gruppe, sondern als eine in mehrere Hauskreise aufgeteilte Gemeinschaft vorstellen. Dort trafen sich die Geschwister in der Anfangszeit täglich zum gemeinsamen Essen, zum Brotbrechen und zur Belehrung durch die Apostel. Gewöhnlich wird das abends, nach der Arbeit stattgefunden haben, wenn man in Israel die Hauptmahlzeit des Tages einzunehmen pflegte. Nur zu besonderen Gelegenheiten wurde die Gesamtgemeinde extra zusammengerufen, wie zum Beispiel bei der Entscheidung über die Versorgung der hellenistischen Witwen.

Apostel

Beim Lesen der ersten Kapitel der Apostelgeschichte entsteht zunächst der Eindruck, dass der Apostel Petrus selbstverständlich und unangefochten der Führer der ersten Christenheit gewesen ist. In einer Hinsicht stimmt das natürlich. Er ergriff die Initiative bei der Wahl des Matthias, er hielt die Pfingstpredigt, er war der Sprecher bei der Heilung des Lahmen und predigte anschließend dem Volk. Er ergriff das Wort als er zusammen mit Johannes vor dem Hohen Rat stand. Er hinterfragte Hananias und seine Frau als sie heuchlerisch einen Teil ihres Geldes spenden wollten und sprach die Worte, die ihnen den Tod brachten. Er war der Sprecher der Apostel nach ihrer erneuten Verhaftung. Er stellte sich später dem Zauberer Simon entgegen, er heilte den Äneas und erweckte die Dorkas vom Tod, er predigte im Haus des Kornelius. Andererseits aber hat Petrus nie eigenmächtig Entscheidungen getroffen.

In allem, was sie taten, stimmten sich die Apostel miteinander ab.
In allem, was sie taten, stimmten sich die Apostel miteinander ab
Als Petrus die Pfingstpredigt hielt, standen die anderen elf geschlossen hinter ihm. Als die Leute dann ins Fragen kamen, antworteten alle Apostel. Alle belehrten die Gläubigen und predigten in der Öffentlichkeit. Durch alle Apostel geschahen Wunder und Zeichen. Gemeinsam verwalteten sie die Gelder, die der Gemeinde gespendet wurden und sorgten dafür, dass die Bedürftigen das Nötige bekamen. Manchmal trafen sie sich zu internen Beratungen. Als sie "gehört hatten, dass Samaria das Wort Gottes angenommen habe, sandten sie Petrus und Johannes zu ihnen" (Apg 8,14). Gerade diese Bemerkung macht deutlich, dass die Apostel die Verantwortung gemeinsam trugen. Nicht Petrus entschied: "Ich muss mit Johannes nach Samaria gehen und dort nach dem Rechten sehen!", sondern die Apostel delegierten beide dorthin. Die Apostel sorgten gemeinsam dafür, dass die notwendigen Dienste ordnungsgemäß ausgeführt wurden und beauftragten Einzelne mit besonderen Aufgaben.

Petrus war in den Augen seiner Mitgeschwister keineswegs der große Führer, dessen Wort man bedingungslos befolgte. Bei einer Gelegenheit musste Petrus sich von seinen jüdischen Brüdern sogar schwere Vorwürfe gefallen lassen,
Bei einer Gelegenheit musste Petrus sich von seinen jüdischen Brüdern, die an Jesus glaubten, schwere Vorwürfe gefallen lassen
weil er bei einem Nichtjuden eingekehrt war. Außerdem ging die Führung der Gemeinde Jerusalem immer mehr auf Jakobus, den Bruder des Herrn, über. Doch Petrus kämpfte nicht um ein Amt. Es ging ihm schon lange nicht mehr um den ersten Platz. Das hatte er von seinem Herrn gelernt. Von ihm wollte er sich führen lassen und ordnete sich gerade darum vorbildlich in die Schar der Apostel ein.

Ihre eigentliche Verantwortung sahen die Apostel im Gebet, in der Weitergabe des Evangeliums und in der Belehrung der Gläubigen. Gelegentlich riefen sie die Gesamtgemeinde zu besonderen Entscheidungen zusammen.

Auch über die erste Verfolgungswelle im Jahr 33 n.Chr. hinaus blieben die Apostel in der Stadt. In den darauffolgenden neun Jahren festigten sie die Gläubigen und verkündigten das Evangelium in Judäa, Galiläa und Samaria. Doch von diesen Einsätzen kehren sie regelmäßig in die Stadt zurück. Erst nachdem die zweite Verfolgungswelle über die Gemeinde hereingebrochen war und den Tod von Jakobus, dem Bruders des Johannes, mit sich gebracht hatte, verließ wenigstens einer von ihnen die Stadt für längere Zeit.

Wann die anderen Apostel sich von Jerusalem trennten, um anderswo in der Welt das Evangelium zu verkündigen, erwähnt Lukas nicht[ 15 ] . Auch wohin sie gingen, wird nur von einigen gesagt. Eusebius berichtet in seiner Kirchengeschichte über die Wirksamkeit der Apostel:

In der alten Kirche wurden einige Legenden über die Zerstreuung der Zwölf in die zur Missionierung verteilten Länder des Erdkreises erzählt. Deren Wahrheitsgehalt ist aber sehr umstritten. Trotzdem kann kein Zweifel darüber bestehen, dass die Apostel den Auftrag ihres Herrn, der weit über Jerusalem hinaus reichte, ausführten. Erst zur Zeit des so genannten Apostelkonzils finden wir einige von ihnen wieder in der Stadt.

Älteste

Wenn die Apostel Jerusalem für längere Zeit verlassen wollten, mussten sie sicher sein, dass die Gemeinde während ihrer Abwesenheit geistlich versorgt wurde. Dazu hatten sie nach dem Vorbild des Alten Testaments und der Synagoge Älteste eingesetzt. Wie sie diese auswählten und einsetzten, teilt Lukas zwar nicht mit, doch werden wir nicht fehl gehen, wenn wir uns das ähnlich wie die Bestimmung der sieben Brüder vorstellen, die in Jerusalem die Tische bedienen sollten. Es mussten Männer sein, die einen vorbildlichen Lebenswandel führten, einen guten Ruf in der Öffentlichkeit besaßen, sich im Glauben bewährt hatten und so imstande waren, die geistliche und seelsorgerliche Verantwortung für die Gemeinde zu tragen und die Gläubigen im Sinn ihres Herrn zu unterrichten.[ 17 ] Bis Männer mit solchen Eigenschaften zu erkennen waren, musste freilich einige Zeit vergehen, obwohl andererseits neben den Aposteln natürlich auch bald "führende Männer unter den Brüdern" (Apg 15,22) in Erscheinung traten, die genauso wie die Sieben das Vertrauen der ganzen Gemeinde besaßen und zu besonderen Diensten ausgesandt werden konnten. Die Einsetzung der Ältesten müssen wir uns so wie die Einsetzung der Sieben vorstellen. Die Apostel haben vor der Gemeinde für sie gebetet und ihnen als Zeichen, dass sie sich mit ihnen und ihrem Dienst eins machten, die Hände aufgelegt.[ 18 ]

In der Apostelgeschichte werden Älteste direkt erst ab Kapitel 11 erwähnt und zwar im Zusammenhang mit einer Hilfssendung, die von den Christen in Antiochien organisiert worden war. "Sie beschlossen aber, dass ... jeder von ihnen zur Hilfeleistung den Brüdern, die in Judäa wohnten, etwas senden sollte; das taten sie auch, indem sie es durch die Hand des Barnabas und Saulus an die Ältesten sandten" (Apg 11,29f).

Das muss um das Jahr 46 n.Chr. herum geschehen sein. Natürlich galt die Hilfesendung nicht nur den Geschwistern in Jerusalem, sondern den Christen in ganz Judäa. Überall waren ja Gemeinden entstanden und vermutlich inzwischen auch Älteste eingesetzt worden. Es ist aber gut denkbar, dass die Aktion doch von den Ältesten der Gemeinde Jerusalem koordiniert wurde, denn Lukas erwähnt, dass Barnabas und Saulus nach Vollendung ihres Dienstes von Jerusalem aus zurückkehrten.

Um diese Zeit muss es aber praktisch in allen Gemeinden, die älter als ein paar Monate waren, Älteste gegeben haben,
Um diese Zeit muss es praktisch in allen Gemeinden, die älter als ein paar Monate waren, Älteste gegeben haben
denn Jakobus setzte das in dem Brief voraus, den er in dieser Zeit an judenchristliche Gemeinden in aller Welt schrieb: "Ist jemand krank unter euch? Er rufe die Ältesten der Gemeinde zu sich, und sie mögen über ihm beten und ihn mit Öl salben[ 19 ] im Namen des Herrn".[ 20 ] Daraus können wir drei Schlüsse ziehen:

Die hohe Zeit der spektakulären Heilungen durch die Apostel war offenbar vorbei.[ 21 ] Es mussten nun gewisse Ordnungen eingeführt werden, die das Verhalten der Gläubigen im Krankheitsfall regelten, denn es war abzusehen, dass die Apostel nicht ständig zur Verfügung stehen würden. Älteste aber würde die Gemeinde immer haben. Die Gemeinde Jerusalem war darüber belehrt worden, dass kranke Gläubige die Ältesten an ihr Lager rufen sollten, denn wenn Jakobus diese Praxis auswärtigen Gemeinden empfahl, musste sie auch in seiner Heimatgemeinde üblich gewesen sein. Es ist undenkbar, dass Jakobus etwas empfahl, von dem er nicht wusste, dass sein Herr das so wollte. Wenn kranke Gläubige die Ältesten rufen sollten, setzt das voraus, dass sie genau wussten, wen sie da ansprechen mussten. Diese Brüder mussten ihnen namentlich als Älteste bekannt gewesen sein.[ 22 ] In jedem anderen Fall hätte Jakobus eine solche Praxis nicht empfehlen können.

Der zweite direkte Hinweis auf Älteste in der Jerusalemer Gemeinde kommt ebenfalls aus Antiochien:

Darin wird deutlich, dass es neben den Aposteln längst Älteste in Jerusalem gegeben hat, die sogar Autorität über die
Neben den Aposteln hat es längst Älteste in Jerusalem gegeben, die sogar Autorität über die örtliche Gemeinde hinaus besaßen
örtliche Gemeinde hinaus besaßen, denn sie werden neben den Aposteln ausdrücklich als Schlichter im Streitfall der Gemeinde Antiochien angerufen. Es hätte ja genügt, nur die Apostel zu fragen. Die ständige ausdrückliche Erwähnung der Ältesten von Jerusalem in diesem Zusammenhang muss als Hinweis auf ihre Autorität[ 23 ] verstanden werden. Der Brief mit dem gefundenen Kompromiss ging dann auch im Namen der Ältesten an die Gemeinde in Antiochien und die anderen heidenchristlichen Gemeinden.[ 24 ]

Das letzte Mal erwähnt Lukas die Ältesten von Jerusalem als Paulus acht Jahre später zusammen mit ihm die Stadt besuchte. Sie wurden von Jakobus eingeladen, der dazu auch "alle Ältesten" gebeten hatte. Als Paulus die Ältesten

Dieser Rat, den Juden öffentlich zu beweisen, dass er sich an die Vorschriften des Gesetzes hielt, erwies sich für Paulus allerdings als verhängnisvoll. Er wurde von Diasporajuden aus Asien erkannt und geriet in größte Gefahr, von seinen Landsleuten gelyncht zu werden. Er konnte nur mit äußerster Mühe von Soldaten der römischen Garnison gerettet werden.

Propheten

Im Zusammenhang mit der ersten Erwähnung von Ältesten in Jerusalem treffen wir auch auf die Bezeichnung "Propheten". Propheten sind Menschen, die im Auftrag
Propheten sind Menschen, die im Auftrag Gottes göttliche Botschaft weitergeben. Man könnte sie auch als „Sprecher Gottes“ bezeichnen
Gottes göttliche Botschaft weitergeben. Ob sich diese Botschaft auf die Vergangenheit, die Gegenwart oder die Zukunft bezieht, ist dabei zweitrangig. Wichtig ist, dass die Propheten ihre Botschaft wirklich von Gott empfangen hatten. Man könnte sie deshalb auch als "Sprecher Gottes" bezeichnen. Als solche waren sie der Gemeinde gut bekannt.

Die Propheten bildeten aber keinen eigenen Stand in der Gemeinde, sondern bestimmte Geschwister[ 26 ] waren von Gott mit dieser Gabe beschenkt und dienten den Gläubigen innerhalb und außerhalb der Gemeinde damit im Rahmen ihrer sonstigen Aufgaben. Drei von ihnen werden namentlich erwähnt: Agabus, der sowohl die Hungersnot im Römischen Reich als auch die Gefangenschaft des Paulus voraussagte,[ 27 ] dann Judas und Silas, führende Männer unter den Brüdern, die bei spätere Gelegenheit die Gläubigen in Antiochien sehr ermutigten.[ 28 ] Wahrscheinlich gehörten die meisten von ihnen zu den Ältesten, wie es auch später in Antiochien der Fall war.

Auf jeden Fall zählten sie zu den Personen, auf deren Wort man hörte. Ihr Dienst vollzog sich hauptsächlich in der Gemeinde, war aber nicht ausschließlich auf den Ort beschränkt.[ 29 ]

Die Juden glaubten damals, dass der Geist der Prophetie sich mit dem letzten Schriftpropheten aus Israel zurückgezogen habe. Allerdings würde das kommende messianische Zeitalter den Geist Gottes erneut hervortreten lassen und auch die Prophetie neu beleben. Und genau das war zu Pfingsten in der Gemeinde Wirklichkeit geworden.

Äußere und innere Konflikte

Einer der größten Fehler, die sich mit dem Begriff "Urgemeinde" verbinden, ist die Vorstellung von einer in jeder Hinsicht vollkommenen Gemeinde. Man denkt, damals wäre die Gemeinde herrlich und makellos gewesen, fast so wie die ersten Menschen vor dem Sündenfall. Doch schon ein kurzer Blick in die Apostelgeschichte belehrt eines Besseren und ein gründlicheres Studium macht unmissverständlich klar, dass erlöste Sünder und in Christus Geheiligte nicht automatisch zu fehlerlos perfekten Menschen werden. Auch in der sogenannten Urgemeinde gab es Heuchelei, Geldgier, Missverständnisse, Streit, Neid, Eigenmächtigkeit. Natürlich waren das nicht die vorherrschenden Elemente, aber sie waren neben herzlicher Gemeinschaft, Liebe, Opfer, Glauben, Hingabe eben auch vorhanden. Die Heilige Schrift vertuscht die Schwächen ihrer "Helden" nicht, stellt sie freilich auch nicht groß heraus, sondern belässt sie an dem Platz, wo sie hingehören. Gerade das ist eines der Geheimnisse der Schrift, dass sie uns Menschen von Fleisch und Blut vorstellt, die auch als Erlöste noch mit Problemen zu kämpfen haben, aber dennoch mehr als Überwinder werden, die schwach sind, aber dennoch stark in ihrem Herrn.

Dass die Gemeinde Jesu in dieser Welt nicht überall auf ungeteilte Zustimmung stößt, ist von ihrem Grundcharakter her auch nicht zu erwarten. Der Herr hatte das seinen Jüngern wiederholt deutlich gemacht:

Ein wenig später kündigte er ihnen an:

Schon durch ihre bloße Existenz in dieser Welt erregt die Gemeinde Anstoß. So natürlich auch die Gemeinde in Jerusalem.

Ärger und Verdruss

Anfangs wuchs die Gemeinde sehr stark, weil der Herr ihr täglich Menschen zuführte. Die Gläubigen wurden vor allem vom einfachen Volk hoch geachtet und auf eine Stufe mit den Pharisäern und Essenern gestellt. Es konnte aber nicht ausbleiben, dass eine so auffällige Bewegung mit der religiösen Führung in Konflikt geriet.

Als Petrus und Johannes eines Nachmittags zum Gebet in den Tempel gingen, kam es zum ersten Zusammenstoß. Auf dem Weg hatten sie einen gelähmten Mann geheilt, der daraufhin sogleich mit in den Tempel kam, dort voller Freude herum hüpfte und Gott lobte. Das fiel natürlich auf, denn im Tempelareal war selbst die Höhe der Treppenstufen so gewählt, dass man gemessenen Schrittes hinaufsteigen konnte.
Im Tempelareal war selbst die Höhe der Treppenstufen so gewählt, dass man gemessenen Schrittes hinaufsteigen konnte
Die Apostel nutzen die so ausgelöste Aufmerksamkeit der Menge und erklärten, dass der Kranke im Namen des auferstandenen Jesus geheilt worden war. Petrus erinnerte ihre Zuhörer dabei deutlich an die Schuld, die sie unwissend auf sich geladen hatten, als sie im Prozess vor dem römischen Gouverneur den Mörder Barabbas anstelle von Jesus wählten und den Sohn Gottes damit zum Tod verurteilten. Beide Apostel ermahnten die Menge, ihr Leben zu ändern und aufrichtig zu Gott umzukehren.

Während sie in dieser Weise zum Volk redeten wurde es Abend und die priesterliche Wachmannschaft kam, um die schweren Tempeltore zu schließen. Durch die Menge verunsichert, machten sie dem Tempelhauptmann Meldung über den Volksauflauf und die Redner in der Nähe des Tores. Der Tempelhauptmann war nach dem Hohenpriester der zweitmächtigste Mann im Tempel und mit allen Vollmachten zur Aufrechterhaltung der Ordnung ausgestattet. Er wurde von einigen Sadduzäern begleitet, die sich sehr darüber aufregten, dass die Apostel in Jesus die Auferstehung aus den Toten verkündigten, an die sie grundsätzlich nicht glauben wollten. Der Hauptmann, der auch zu den Sadduzäern gehörte, ließ die beiden Apostel und den Geheilten[ 31 ] sofort verhaften und unter verschärften Bedingungen festsetzen.

Am nächsten Morgen wurde der Hohe Rat zusammengerufen, um über die Verhafteten Gericht zu halten. Der Hohe Rat, das Synedrium, war zu jener Zeit der oberste Gerichtshof Israels. Er bestand aus drei Gruppen:

Die Obersten, das meint den amtierenden Hohenpriester und seine Vorgänger, soweit sie noch am Leben waren, und die anderen Angehörigen der hohenpriesterlichen Familie. Die Ältesten, das waren von allen geachtete Männer aus den führenden Familien, die sich genau im Gesetz auskannten, hauptsächliche Laien aber auch Priester. Die Schriftgelehrten, das waren hauptsächlich Pharisäer.

Zum Hohen Rat gehörten 70 Personen und der amtierende Hohepriester. Zur Beschlussfassung genügte allerdings die Anwesenheit von 23 Personen. Er tagte gewöhnlich in der "Halle der Quadersteine" im Tempel. Die Versammlungen fanden wahrscheinlich zweimal in der Woche statt, aber niemals nachts, am Sabbat, an Festtagen oder den entsprechenden Vorabenden. Die Sitzordnung war ähnlich wie in einem Theater in Halbkreisen angeordnet. Vorn in der Mitte befand sich der Platz des Hohenpriesters. Alle trugen Talare, den jeweiligen Angeklagten aber wurden Trauergewänder angezogen.

Dieses Gremium, vor dem die Apostel sich verantworten sollten,
Dieses Gremium, vor dem die Apostel sich verantworten sollten, setzte sich aus den reichsten, mächtigsten und gebildetesten Männern Israels zusammen
setzte sich aus den reichsten, mächtigsten und gebildetesten Männern Israels zusammen. Es war das gleiche Gericht, das ihren Herrn wenige Wochen vorher zum Tod verurteilt hatte. Und seine Mitglieder waren aufgebracht und empört darüber, dass die Apostel das Volk lehrten. Sie ärgerten sich, dass diese ungebildeten Leute mit dem fürchterlichen galiläischen Dialekt in Jesus die Auferstehung aus den Toten verkündigten und hofften, sie einschüchtern zu können.

Doch Petrus antwortet überraschend klar und nicht ohne Ironie sinngemäß: "Stehen wir hier vor Gericht, weil wir einem kranken Menschen geholfen haben?" Und dann sagte er, in welcher Kraft und in welchem Namen sie den mehr als vierzig Jahre alten Gelähmten, der jetzt neben ihnen stand, geheilt hatten. Die Apostel erlebten hier zum ersten Mal, was Jesus ihnen versprochen hatte: "Wenn sie euch aber überliefern, so seid nicht besorgt, wie oder was ihr reden sollt; denn es wird euch in jener Stunde gegeben werden, was ihr reden sollt. Denn nicht ihr seid die Redenden, sondern der Geist eures Vaters, der in euch redet" (Mt 10,19f).

Dem Hohen Rat blieb nichts weiter übrig, als den Aposteln unter Strafandrohung zu verbieten, "in diesem Namen zu irgend einem Menschen" zu reden. Das konnten diese aber nicht hinnehmen. Sie sagen den mächtigsten Männern ihres Volkes ins Gesicht, dass sie es sich doch selbst überlegen könnten, ob es richtiger wäre auf sie oder auf Gott zu hören. Sie könnten nicht von dem schweigen, was sie gesehen und gehört hatten. Der Rat reagierte hilflos mit noch schärferen Strafandrohungen, musste die Angeklagten aber frei lassen. Fortan würde er ein scharfes Auge auf die Vertreter dieser neuen Sekte haben.

Auf freien Fuß gesetzt suchten die beiden Apostel sogleich die "Ihren" auf. Der Ausdruck meint aber nicht (nur) ihre Angehörigen, sondern ganz offensichtlich die Gläubigen, die in einem Haus[ 32 ] versammelt waren - wahrscheinlich um für sie zu beten. Ihnen berichteten die Apostel vom Verlauf und dem unerfreulichen Ergebnis der Verhandlung. Die Geschwister reagierten auf das Redeverbot und die Drohung der Regierung aber nicht mit Lagebesprechung und Diskussion, sondern mit einem bemerkenswerten Gebet, das sie in völliger Übereinstimmung an ihren Gott richteten, den "Herrscher", der "den Himmel und die Erde und das Meer gemacht" hat "und alles, was in ihnen ist".

Lukas gibt wahrscheinlich nur den Hauptinhalt davon wieder, aber der ist bemerkenswert. Zunächst fällt die ausführliche Anrede auf. Sie preisen Gott als den souveränen Schöpfer, gegen dessen Macht die Mächtigsten dieser Welt unbedeutend werden. Gott ist aber nicht nur eine stumme Schöpfermacht, er hat geredet. Er tat es im "Heiligen Geist durch den Mund unseres Vaters, deines Knechtes David". Es fällt auf, wie die Gläubigen in ihrem Gebet die Schrift gebrauchten. Sie zitierten nicht nur Psalm 2, sondern beteten ähnlich wie Hiskia in einer vergleichbaren Lage[ 33 ]. Konkret baten sie Gott um Freimut in der Verkündigung des Wortes und um göttliche Beglaubigung der Botschaft durch weitere Machttaten. "Und als sie gebetet hatten, bewegte sich die Stätte, wo sie versammelt waren." Vielleicht war das eine Art Erdbeben, auf jeden Fall ein sichtbarer Ausdruck der Gegenwart Gottes. "Und sie wurden alle mit dem Heiligen Geist erfüllt und redeten das Wort Gottes mit Freimütigkeit." Das war also nicht nur ein Vorrecht der Apostel; alle dort versammelten Gläubigen werden (erneut) mit dem Geist erfüllt. Und alle nehmen am Weitersagen der Botschaft teil.
Unter dem gläubigen Beten wird das Redeverbot zum Durchbruch eines neuen, breiten Stroms der Verkündigung
Unter dem gläubigen Beten wird das Redeverbot zum Durchbruch eines neuen, breiten Stroms der Verkündigung.

Lukas gibt uns nur wenig Hinweise darauf, wie wir uns den Ablauf dieses Gemeindegebets vorzustellen haben. Dass die ganze Gruppe im Chor gesprochen habe, ist kaum vorstellbar. Man müsste in diesem Fall annehmen, dass das Gebet vorher für alle aufgeschrieben worden wäre oder dass alle es auswendig gelernt hätten. Das hätte aber in keiner Weise der Situation entsprochen, denn der Text sagt, dass sie, (gleich) als sie die Nachricht hörten, zu Gott beteten. Außerdem hätte dann Lukas den Plural von "Stimme" verwenden müssen: "Sie erhoben ihre Stimmen"[ 34 ] und sich auch den Hinweis auf das "einmütige" Gebet sparen können, denn einstimmig ist immer auch einmütig. Am einfachsten ist es, wenn wir von der Annahme ausgehen, dass mehrere der Anwesenden gebetet haben ("sie ... sprachen"), alle Gebete aber dasselbe Anliegen bewegten ("erhoben einmütig ihre Stimme") und von allen durch "Amen" bestätigt wurden. Dabei kann man sich vorstellen, dass einer der Beter Psalm 2 zitierte und gleich auf die Situation anwandte und dass andere an die Situation des Hiskia erinnert wurden und in dem gleichen Sinn beteten, wie dieser.

Lukas zeigt dann in seinem zweiten zusammenfassenden Bericht, wie das Gemeindeleben sich entwickelte und wie das Leben im Heiligen Geist praktisch aussieht. Er nutzt die Gelegenheit, Barnabas vorzustellen, der später eine wichtige Rolle in der Gemeinde und darüber hinaus spielen sollte.

Selbstsucht und Heuchelei

Die nächste Szene aus dem Leben der Gemeinde Jerusalem wird durch die uneigennützige Handlungsweise des Josef Barnabas eingeleitet. Dieser von der Insel Zypern stammende Levit hatte offenbar in seiner Heimat Grund und Boden besessen. Es ist aber auch möglich, dass das Grundstück seiner Frau gehörte, denn ein Levit durfte nach dem Gesetz[ 35 ] keinen Landbesitz haben. Jedenfalls verkaufte Barnabas sein Grundstück und "legte" das Geld "zu den Füßen der Apostel nieder", das heißt, er stellte es dem Fond für die Armen, der von den Aposteln verwaltet wurde, zur Verfügung.

Die anschließende Begebenheit macht einerseits deutlich, dass die Urgemeinde keinesfalls idealisiert wird, andererseits aber lässt sie ein kleines Stück Gemeindealltag sichtbar werden.

Der Gemeindealltag

Es hat den Anschein, als ob wenigstens in einem der Häuser[ 36 ] , in denen die Gläubigen sich versammelten, den ganzen Tag über Geschwister anwesend waren. Manche von ihnen waren vielleicht nur eine Zeit dabei, gingen dann wieder nach Hause, wenn sie andere Dinge zu erledigen hatten. Andere kamen später, wie die Frau des Ananias, die mindestens[ 37 ] drei Stunden nach der ersten Begebenheit eintraf und immer noch viele vorfand. Es werden junge Männer erwähnt, die sofort praktisch tätig werden konnten, als es erforderlich war, und die Apostel, die das Evangelium erklärten und die Gläubigen belehrten. Man konnte sie fragen und miteinander beten. Gewiss wurden auch Psalmen gesungen und neue Lieder gemeinsam gelernt. Keiner behauptete, von den anderen vernachlässigt zu werden. Sie alle waren ein Herz und eine Seele (Apg 4,32).

In diesem Zusammenhang gebraucht Lukas das erste Mal den Begriff "Gemeinde"" (ekklesia). Das Wort müssen wir hier im israelitischen Raum vom Alten Testament her hören. "Ekklesia" ist "Kahal Jahwe", das versammelte Volk Gottes. Der Gemeinde wird damals immer mehr bewusst, innerhalb des ablehnenden Israel das eigentliche Volk Gottes zu sein.[ 38 ]

Der Schock

Im Gegensatz zu dem vorbildlichen Verhalten des Barnabas wird anschließend die Handlungsweise von Ananias und Saphira geschildert. Das Ehepaar, das sich zu seinem Tun verabredet hatte, wollte als aufopfernde Spender vor den
Im frommen Kreis gibt das fromme Verhalten Ansehen und Ehre
Aposteln und der Gemeinde dastehen, denn im frommen Kreis gibt das fromme Verhalten Ansehen und Ehre.[ 39 ] Indem sie es öffentlich den "Aposteln zu Füßen legten", dokumentierten sie, dass sie wie die anderen den ganzen Kaufpreis opfern wollten. Dennoch wollten sie nicht wirklich alles hingeben. Selbstverständlich hätten beide den Erlös aus dem Verkauf ihres Ackers ganz oder teilweise behalten dürfen, niemand hätte sie deshalb gerügt. Aber so machten sie sich praktisch der Unterschlagung schuldig. Sie "beraubten Gott", wie es Maleachi sagt.[ 40 ]

Als Ananias den verabredeten Betrag in die Versammlung brachte, erfuhr er, was bedeutet, dass kein Geschöpf vor Gott unsichtbar ist, "sondern alles bloß und aufgedeckt vor den Augen dessen, mit dem wir es zu tun haben" (Hebr 4,13). Als Petrus ihn fragte, warum er Gott[ 41 ] versuchen und belügen würde, begriff er, dass der Apostel auf übernatürliche Weise Einblick in sein Herz bekommen hatte und erschrak so tief, dass er wie vom Blitz getroffen zu Boden stürzte. Die anwesenden Gläubigen konnten nur noch seinen Tod feststellen und fassungslos als Gericht Gottes zur Kenntnis nehmen. Die Strafe für Ananias fiel so schwer aus, weil er ähnlich gehandelt hatte wie einst Achan[ 42 ] bei der Eroberung des Landes Kanaan und ebenfalls als abschreckendes Beispiel dienen sollte. Gott wollte an ihm ein Exempel statuieren, um die Wirklichkeit der Gegenwart des Heiligen Geistes in der Gemeinde zu verdeutlichen. Die frühe Christenheit erlebte einige Male, wie solch ein Gericht Gottes unmittelbar auf sündige Taten folgte.[ 43 ]

Die ganze Gemeinde war über das offensichtliche Eingreifen Gottes so erschüttert dass sie für ein sofortiges Begräbnis sorgte, wie es einem von Gott gerichteten Sünder zukam. Ohne irgendwelche Zeremonien oder Trauerkundgebungen wurde der Leichnam des Ananias aus der Stadt gebracht und bestattet. Nicht einmal der Ehefrau wurde Bescheid gegeben.

Als diese dann nichtsahnend in die Versammlung kam, wagte niemand, sie über ihr Witwenlos aufzuklären. Statt dessen wurde sie von Petrus gefragt, ob sie wirklich die Summe, die durch Ananias überbracht worden war, für ihr Grundstück erhalten hatten. Die Frau bekam damit die Chance zur Umkehr, die sie aber nicht nutzte. Sie konnte ihren Mann unter den Anwesenden nicht entdecken und blieb bei der verabredeten Lüge.

Sie verstanden, dass es gefährlich ist auszuprobieren, wie lange Gott sich ausnutzen und herausfordern lässt, oder wie weit man ungestraft gehen kann.

Das Ergebnis dieses Geschehens veranlasste Lukas, einen weiteren zusammenfassenden Bericht über die Wirkungen, die von der Gemeinde ausgingen, einzufügen. Anschließend richtet sich sein Blick wieder auf die Reaktion der Obrigkeit.

Neid und Eifer

Über der Pause nach dem ersten Zusammenstoß mit dem Hohen Rat lag immer noch die Drohung des Redeverbots. Es war nicht zu erwarten, dass die führenden Priester sich mit der dauernden Übertretung ihrer Befehle abfanden.
Gott sorgte rasch dafür, dass die Gemeinde nicht führerlos blieb
Deshalb verhafteten sie auf einen Schlag alle zwölf Apostel und ließen sie in das öffentliche Gefängnis schaffen. Von religiösem Eifer[ 44 ] erfüllt, ergriff der Hohepriester zusammen mit der sadduzäischen Tempelaristokratie die Initiative und versuchte, die Köpfe der neuen Bewegung in seine Gewalt zu bringen. Jetzt hätte er die früheren Drohungen[ 45 ] wahr machen können, doch Gott sorgte rasch dafür, dass die Gemeinde nicht führerlos blieb.

(Fortsetzung folgt)

Fußnoten

[ 1 ] Apg 2,46. Apg 3,1: "Petrus aber und Johannes gingen um die Stunde des Gebets, die neunte, zusammen hinauf in den Tempel." Apg 22,17: "Es geschah mir aber, als ich nach Jerusalem zurückgekehrt war und im Tempel betete, dass ich in Verzückung geriet." Paulus war sogar bereit, ein Opfer im Tempel zu bringen - Apg 21,26.
[ 2 ] Joh 10,22-30.
[ 3 ] Apg 5,12: ...und sie waren alle einmütig in der Säulenhalle Salomos. Apg 5,42: und sie hörten nicht auf, jeden Tag im Tempel und in den Häusern zu lehren und Jesus als den Christus zu verkündigen.
[ 4 ] Apg 2,46: Täglich verharrten sie einmütig im Tempel und brachen zu Hause das Brot, nahmen Speise mit Jubel und Schlichtheit des Herzens.
[ 5 ] Das geht aus Apg 24,5 hervor: "Denn wir haben diesen Mann als eine Pest befunden und als einen, der unter allen Juden, die auf dem Erdkreis sind, Aufruhr erregt, und als einen Anführer der Sekte der Nazoräer." Später im Ausland nannte man sie "die des Weges sind", vgl. Apg 9,2; 19,9.23; 24,14.22.
[ 6 ] Regierte von 37-41 n.Chr. Kaiser Claudius, er regierte von 41-54 n.Chr., übergab ihm zusätzlich die Gebiete Judäa und Samaria.
[ 7 ] hypo mit Genitiv weist im Griechischen auf den Ursprung oder den Urheber einer Sache.
[ 8 ] Dass Lukas hier bewusst einen weiteren Versammlungsort der Jerusalemer Gemeinde einführt, zeigt nicht nur die relativ genaue Beschreibung des Äußeren, ein Haus mit eigenem Torgebäude (pylo:n) sondern auch die ausdrückliche Nennung der Besitzerin, Maria, der Mutter des Johannes Markus.
[ 9 ] Es ist unwahrscheinlich, dass damit die Brüder des Herrn gemeint wären, wie Pixner [46] meint, denn dann hätte Lukas ein persönliches Fürwort gebraucht, wie auch sonst, wenn er sie meint.
[ 10 ] Vgl. Lk 22,10-12.
[ 11 ] Apg 20,7-9.20; 28,30f; Kol 4,15, Phim 1,2; Röm 16,3-5.
[ 12 ] Siehe Jak 1,2. Es kann aber auch sein, dass die Christen größere Räume in Privathäusern einfach Synagogen genannt haben, denn das heißt ja weiter nichts als Versammlung(sraum).
[ 13 ] Kirche kommt aus dem Griechischen kyriake, was wörtlich "dem Herrn gehörig" bedeutet oder einfach "Haus des Herrn".
[ 14 ] Die meisten Ausleger sind allerdings der Meinung, dass der Hauskreis der Nympha nach Laodicea gehörte Kol 4,15: "Grüßt die Brüder in Laodizea und Nympha und die Gemeinde in ihrem Haus!" Dann wäre aber auch merkwürdig, dass die Brüder neben der Gemeinde erwähnt werden. Aus dem Grund nehmen einige an, dass es sich bei der Gemeinde in Nymphas (oder eines Nymphos - die Textüberlieferung ist an dieser Stelle nicht eindeutig) Haus um eine Gemeinde in einer dritten Stadt in der Nähe gehandelt habe, vielleicht in Hierapolis.
[ 15 ] Das kann natürlich auch schon vorher, vor Petrus, gewesen sein.
[ 16 ] Eusebius 3,1,1-2.
[ 17 ] Apg 6,3: So seht euch nun um, Brüder, nach sieben Männern unter euch, von Zeugnis, voll Geist und Weisheit, die wir über diese Aufgabe setzen wollen.
[ 18 ] Apg 6,6: Diese stellten sie vor die Apostel; und als sie gebetet hatten, legten sie ihnen die Hände auf.
[ 19 ] Das Salben mit Öl sollte man sich nicht im Sinn einer "letzten Ölung" oder einer Gesundbeterei vorstellen. Die griechischen Begriffe, die Jakobus verwendet, weisen eher darauf hin, dass es sich um eine Art erste medizinische Hilfe handelte (aleifô = salben, einreiben - nicht chriô; elaion = das medizinische Öl wie beim barmherzigen Samariter Lk 10,34 also nicht das chrisma, wovon auch Christus abgeleitet ist), und der Zusammenhang zeigt, dass es sich eher um ein geistlich-seelsorgerliches Anliegen handelte, als um eine Weihe zum Dienst. Die Krankheit wurde so eine Chance, das Leben vor dem Herrn neu zu ordnen.
[ 20 ] Jak 5,14. Jakobus hat den Brief wahrscheinlich zwischen 45 und 49 n.Chr. geschrieben.
[ 21 ] Lukas berichtet davon hauptsächlich aus den ersten drei Jahren der Gemeinde in den Kapiteln 4+5. Nur in Kapitel 9 werden noch zwei Wunder von Petrus berichtet, die wohl in die Zeit nach der ersten Verfolgung einzuordnen sind.
[ 22 ] In manchen Gemeinden wird die Ansicht vertreten, dass Älteste nicht benannt werden dürften. Das hängt mit zwei Ansichten Darbys zusammen, der einerseits glaubte, dass nur Apostel Älteste einsetzen konnten. Weil es heute keine Apostel mehr gibt, könnte es demnach kein Ältesten mehr geben, nur noch "Ältestendienste", die irgend jemand im Verborgenen tut. Andererseits meinte Darby, dass bereits die Gemeinden zur Zeit des Paulus in Verfall gerieten. Deshalb hätte Gott es nicht zugelassen, dass irgend eine äußere Struktur der Gemeinde beibehalten werden konnte. Man nennt diese Ansicht "Verfallstheorie". Doch diese Theorie hat im Neuen Testament selbst keine Anhaltspunkte. Man könnte sie allenfalls aus historischen Aussagen der Bibel folgern. Doch diese Ableitung ist durchaus nicht zwingend. Überall im Neuen Testament wird vorausgesetzt, dass man die Ältesten kennt, z.B. Apg 11,30; 14,23; 20,17; 21,18; 1Tim 5,17 und natürlich Jak 5,14. Und weil Paulus die Anweisungen über die Ältesten gegen Ende seines Lebens schreibt, sollte man eher annehmen, dass ihm daran gelegen war, dass die Gemeinden immer bekannte und benannte Älteste haben sollten, die allerdings die nötige geistlich-moralische Qualifikation aufweisen müssen.
[ 23 ] Dass Älteste über ihre örtliche Gemeinde hinaus Autorität besitzen, ist nicht die Regel und entspricht auch nicht ihrem normalen Auftrag. Denkbar ist es aber, wenn Einzelpersonen große persönliche Autorität besitzen (2Jo 1; 3Jo 1), die dann auch von Auswärtigen anerkannt wird. Im Fall von Jerusalem besaß entweder die ganze Ältestenschaft diese Autorität oder die Ältesten waren nur deshalb angerufen worden, weil das Problem in ihrer Gemeinde seinen Ursprung hatte und die Ältesten die Sache deshalb klären mussten. Trotzdem ist auffällig, welch großes Vertrauen die Gläubigen in Antiochien dann in die Jerusalemer Ältesten setzten, denn sie konnten ja nicht wissen, ob die Gesetzeslehrer nicht doch von ihnen geschickt worden waren. Und diese Lehrer hatten ja behaupteten, sie kämen von Jakobus.
[ 24 ] Apg 15,1f.4.6.22f; 16,4.
[ 25 ] Apg 21,18-24.
[ 26 ] Auch Schwestern konnten diesen Dienst ausüben, vgl. Apg 21,9.
[ 27 ] Apg 11,27f; 21,10ff.
[ 28 ] Apg 15,22.30ff.
[ 29 ] Vgl. Apg 11,27; 15,32; 21,10.
[ 30 ] Joh 15,19-20; 16,2.
[ 31 ] Das geht aus Apg 4,14 hervor.
[ 32 ] Es ist schwierig, sich vorzustellen, dass "die Stätte, wo sie versammelt waren" (V. 31) in diesem Zusammenhang einen Teil des Tempels meint (obwohl auch der Tempel so bezeichnet werden kann). Wahrscheinlich waren die Gläubigen in einem Haus wie auch in Apg 2,2 und 12,12.
[ 33 ] Jes 37,16-20.
[ 34 ] Wie etwa in Offenbarung 11,15, wo man durchaus an ein Sprechen im Chor denken kann.
[ 35 ] Siehe 4Mo 18,20.24, vgl. aber Jer 1,1; 32,6-15. Höchstwahrscheinlich wurden diese Einschränkungen für die Leviten später nicht mehr befolgt.
[ 36 ] Es kann sich hier nicht um die Säulenhalle Salomos handeln, denn das vorausgesetzte Gebäude hat eine Tür (Apg 5,9).
[ 37 ] Die drei Stunden können sich auf den Tod des Ananias oder das danach erfolgte Begräbnis beziehen.
[ 38 ] W. de Boor, Apg S. 113.
[ 39 ] W. de Boor Apg S. 110.
[ 40 ] Mal 3,8.
[ 41 ] Dass Petrus Gott und den Heiligen Geist in V. 3+4 synonym verwendet, ist ein deutliches Indiz für die Göttlichkeit des Heiligen Geistes.
[ 42 ] Jos 7. Vergleiche auch 4Mo 15,32-36; 16,1-35.
[ 43 ] 1Kor 5,1-11; 11,27-32.
[ 44 ] Das griechische Wort ze:los bedeutet Eifer (auch in der Verfolgung) oder Eifersucht bzw. Neid, was dann durch das starke Wachstum der Gemeinde hervorgerufen worden wäre - wie in Apg 13,45.
[ 45 ] Apg 4,18: Und als sie sie gerufen hatten, geboten sie ihnen, sich überhaupt nicht in dem Namen Jesu zu äußern noch zu lehren. 4,21: Sie aber bedrohten sie noch mehr und entließen sie.
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