Bibel und Gemeinde 2003/2 Kritik der Bibelkritik

Michael Kotsch

Kotsch

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Michael Kotsch, Jg. 1965, verh., drei Kinder, Studium an der FETA Basel, ist seit 1995 Lehrer an der Bibelschule Brake

Anschrift:
Detmolder Str. 40, D-32805 Bad Meinberg. Michal.Kotsch @gmx.de

Der erste Teil dieses Aufsatzes befindet sich in Heft 2002-4.

Folgende vom Verfasser verwendete Abkürzungen beziehen sich auf Veröffentlichungen, die bereits im ersten Teil besprochen wurden:
NA: “Nicht auf der Schrift, sondern unter ihr”
GL: “Gemeinsame Liebe”.
CA: Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Bibel

Wie Chrischona, Liebenzell und Tabor mit Bibeltreue umgehen (II.)

Vollkommenheit der Bibel bedeutet nach Hempelmann nicht mehr absolute sachliche Richtigkeit (GL 50) sondern "vollkommen ausreichend für die Absicht Gottes" (GL 93f, 102, NA103). Unfehlbar sei die Bibel, weil sie unfehlbar den Weg zum Heil zeigt (NA 104). Die Bibel sei vor allem die Wiedergabe eigener Erfahrungen mit Gott (NA 98). Die Unterscheidung zwischen wahren und richtigen Aussagen in der Bibel sei äußerst problematisch (NA 83). Bei manchen biblischen Aussagen komme es auf die Richtigkeit an, bei anderen weniger (NA 105, 107). Sicher wären manche Schüler froh diese Unterscheidung auch bei ihren Aufgaben treffen zu können.

Hempelmann geht von Irrtümern aus, nennt sie nur anders. Nach der heute verbreiteten Definition von Wahrheit wären die Berichte falsch, nach dem imaginären hebräisch-griechischen Denken müssen sie jedoch nicht als Irrtümer bezeichnet werden. Aussagen der Bibel werden nur deshalb nicht falsch genannt, weil Gott sie in diesem Zustand haben wollte (NA 92f).

Die von Theologen getroffene Aussage: "Die Bibel ist Gottes Wort", ist nach Hempelmann schon Bibelkritik (NA 74). Dieser Auffassung folgen weder die Theologen der Kirchengeschichte noch entspricht das dem bisherigen Verständnis von Bibelkritik.

Diffamierung der Gegner

Problematisch in Hs Auseinandersetzung mit den Vertretern der CE ist auch seine pauschale und polemische Verurteilung theologisch Andersdenkender. Wer die Bibel nicht als Menschenwort in seiner Interpretation akzeptiert, vertrete Irrlehren wie ein Mormone oder ein Muslim (NA 20, 101; GL 92). Fundamentalisten sind für Hempelmann sektiererisch (NA 110). Wer anderen Christen Bibeltreue abspricht wird zum Pharisäer erklärt (NA 21). Wer die Evangelien zu harmonisieren versucht, eine Schöpfung in sechs Tagen annimmt (NA 69f) oder den ganzen Pentateuch Mose zuschreibt ergeht es ebenso (NA 22f, 35, 41). Solche Fundamentalisten seien Bibelkritiker, weil sie offenbarungsfremdes Gedankengut an die Bibel herantrügen (NA 46,110).

Der Fundamentalismus steht nach Hempelmann der Bibel entgegen, hat die falsche theologische Perspektive und ein falsches Gottesbild (GL 96). Wer alle biblischen Probleme lösen will betreibt Bibelkritik und versucht Menschlichkeit der Schrift zu beseitigen, kämpft gegen Gott. Das ist ein "Einfallstor des Teufels" (NA 108). Christen, die eine vollkommene Bibel erwarten, irren und gehen an dem wahren Wesen des Wortes Gottes vorbei (NA 90).

Hempelmanns Forderung, andere zu akzeptieren, die mit bibeltreuer Motivation arbeiten (GL 16, 36) gilt für allem für sich selber, seinen Gegnern spricht er das offensichtlich ab. Eta Linnemanns Arbeiten sind für ihn keiner Diskussion würdig, weil sie eine skurrile Position verträte, die er nicht biblisch-exegetisch sondern durch theologische Überlegungen ablehnt (NA 104; GL 58).

Seine Gegner sind darüber hinaus STH und Bibelbund, die sich gegen seine Interpretation der Niedrigkeitsgestalt der Schrift wenden (GL 30). Fundamentalisten wirft er vor, biblische Aussagen über wiederkäuende Hasen auf eine Stufe mit heilsnotwendigen Aussagen der Bibel zu stellen (GL 52f).

Mangelnde Demut oder falsche Überheblichkeit kennzeichnet nach Hempelmann jeden, der von der Irrtumslosigkeit der Bibel spricht.
Mangelnde Demut oder falsche Überheblichkeit kennzeichnet nach Hempelmann jeden, der von der Irrtumslosigkeit der Bibel spricht
Nach Hempelmann entspricht nur die Hermeneutik der Demut dem Gott der Liebe (GL 101). An Bibeltreue sei sie nicht zu überbieten (GL 17). Wer die Niedrigkeit Jesu nicht verstanden hat, wie Hempelmann sie versteht, hat die Bibel noch nicht begriffen (NA 101, 104; GL 95).

Zur Rolle des Verstandes

Die historisch-kritische Theologie als klassischer Gegner der Evangelikalen wird von Hempelmann akzeptiert, solange sie nicht ideologisch geprägt oder offenbarungsfeindlich ausgerichtet ist (NA 43, 51). Die Radikalität oder die Glaubensschädigung dieser Theologie hingegen stellen für ihn keinen Grund dar, sich gegen historisch-kritische Bibelauslegung zu stellen.

Trotz des gelegentlichen Hinweises auf die Begrenztheit menschlichen Erkenntnisvermögens, insbesondere den Vertretern der CE gegenüber, erstaunt es immer wieder wie vorbehaltlos Hempelmann 'wissenschaftlich' historisch-theologischen Erkenntnissen gegenübersteht (NA 28f, 30, 33f, 43-52, 56, 59). Zwar weist er auf die ideologischen Beweggründe mancher Bibelkritiker hin (NA 22f, 52ff), scheint aber zu vergessen, das sowohl aus biblischer wie auch aus erkenntnistheoretischer Sicht jedes 'wissenschaftliche' Arbeiten ideologisch weltanschaulich bestimmt ist. Deshalb sollte auch scheinbar neutralen wissenschaftlich-theologischen Erkenntnissen von bibeltreuen Christen eine gewisse Skepsis entgegengebracht werden. Die Denk- und Willensfreiheit des Menschen wird von Hempelmann möglicherweise auch etwas zu hoch eingeschätzt (NA 96-103).

Angesichts seiner generellen Skepsis menschlichem Denken und Wahrnehmen gegenüber (NA 40, 82; GL 50), verwundert es welch großes Vertrauen Hempelmann der momentanen wissenschaftlichen Forschung entgegenbringt, die er sogar als Korrektiv und Leitbild bibeltreuen theologischen Arbeitens sieht (NA 28f, 30, 33f, 43-52, 56, 59f, 74f; GL 53, 57). Wissenschaft ist für Hempelmann ein 'Ehrentitel' (NA 47). Er scheint Bedenken davor zu haben, in ein "unwissenschaftliches Ghetto abgeschoben" zu werden (NA 44).

Für Hempelmann ist es wichtig, eigene theologische Positionen intellektuell vor dem Hintergrund aktuell wissenschaftlicher Ergebnisse begründen zu können (NA 28f, 30, 33f, 43-52; GL 53). Unverständlicher Weise wirft er aber Vertretern der CE, die dasselbe versuchen, heidnisches Denken, Rationalismus und mangelnde Sachgemäßheit in der Exegese vor (GL 76).

Hs Vorwurf an die CE, nicht klar zu definieren, wann sie von einem Fehler ausgeht, trifft natürlich auch auf seine Konzeption einer 'Hermeneutik der Demut' zu. Fordert er doch, sich ohne Einschränkungen dem Urteil wissenschaftlicher Erkenntnis zu unterstellen (NA 17, 33f, 44ff, 51, 53; GL 53, 57), wenn diese jedoch einen Widerspruch konstatiert, diesen nicht als gegeben anzunehmen (NA 18f).

Auf der einen Seite verweist Hempelmann zurecht auf erkenntnistheoretische Probleme der 'Fundamentalisten', auf der anderen Seite scheint er stellenweise gänzlich unkritisch seinem eigenen Zugang zur Bibel gegenüber zu stehen. Andere irren sich, weil sie die Bibel wörtlich nehmen (Schöpfung, Abfassung der Richterbücher), er aber sieht die Bibel mit "unvoreingenommenen Augen", "unverstellt", "wie sie dasteht" (NA 22f, 30, 39, 44, 47, 53; GL 57). Geht Hempelmann tatsächlich davon aus, dass er mit den von ihm genannten historischen Kenntnissen (NA 33f, 43-52, 55f) objektiv und unverstellt an die Bibel herangeht, liberale Theologen und Fundamentalisten aber nicht? Diese vereinfachte Position ließe sich zumindest mit den von Hempelmann genannten erkenntnistheoretischen Feststellungen nicht vereinbaren. Der Wunsch nach dem neutralen objektiven Wissen ist entsprechend den Erkenntnissen der von Hempelmann hochgeschätzten Erkenntnistheorie ein frommer Wunsch aber eine faktische Unmöglichkeit.

Obwohl Hempelmann dem wissenschaftlichen Arbeiten und der intellektuellen Redlichkeit einen hohen Stellenwert beimisst, lehnt er es streng ab, überhaupt eine Aussage über die Bibel oder Gott zu machen, da dies ein Urteil über die Bibel darstelle (NA 63f, 109; GL 20, 27, 55f, 73, 76, 88). Wie kann dann aber noch von der hilfreichen, tröstenden oder ewigen Schrift oder vom allmächtigen, geduldigen Gott gesprochen werden, wenn jedes beurteilende Reden verboten wäre?

Die in der Bibel offenbarten Aussagen über die von uns erfahrene Wirklichkeit umfasst alle Bereiche des Lebens, auch die objektivierbaren Aspekte der Naturbeobachtung.
Für Hempelmann existiert eine unauflösbare Spannung zwischen dem wissenschaftlichen und dem verheißungsorientierten Umgang mit der Bibel
Es schein nicht sinnvoll, bestimmte Bereiche der Wirklichkeit für den Glauben und andere für die Wissenschaft zu reservieren. Für Hempelmann existiert eine unauflösbare Spannung zwischen dem wissenschaftlichen und dem verheißungsorientierten Umgang mit der Bibel (NA 74).

Hempelmann will den an modernem Denken geschulten Intellekt nicht opfern (NA 63, 82), will dessen Maßstäbe nicht in die Bibel hineintragen, aber trotzdem mit seiner Hilfe und seinen Methoden die Zeitbezogenheit biblischer Aussagen erarbeiten und verstehen, er benutzt moderne Kategorien, die sich früherem Denken und Arbeiten überlegen fühlen und wirft anderen, die diese Unterscheidung zwischen wissenschaftlichem und früherem Denken ablehnen vor, modernes Denken in die Bibel hineinzutragen (GL 29).

Schwer nachvollziehbar ist Hs mehrmalige Aufforderung, Spannungen und Probleme im Umgang mit der Bibel auszuhalten (NA 63, 107). Er vermeidet es dabei exegetisch und logisch zu begründen, warum es 'geistlicher' sei diese Probleme auszuhalten, wenn doch denkbare Lösungen angeboten werden, die im Einklang mit der Bibel stehen. Fast entsteht der Eindruck, als müsse das Denken bei der Wahrnehmung möglicher exegetischer Probleme stehenbleiben, weil Gott wollte, dass der Mensch seine Mitteilung nicht versteht (NA 63, 79f, 84, 88f).

Es ist sinnvoller davon auszugehen, dass die in der Bibel vermuteten Widersprüche im Denken Gottes nicht existieren und nur an unserem begrenzten menschlichen Wahrnehmungs- und Denkvermögen liegen als zu behaupten, wir verstünden die Absicht Gottes, die hinter dieser Form der Mitteilung steht, sie sei lediglich Ausdruck seiner Anpassung an die Welt und Vielfalt seiner Persönlichkeit (NA 91ff), wie Hempelmann es tut. Eine solch leichte Erklärung, die vorgibt die Absicht Gottes zu durchschauen, ist nicht unbedingt von Demut gekennzeichnet.

Nur die Motivation des Theologen als Kennzeichen seiner Bibeltreue anzuführen scheint an der Realität der meisten deutschen Universitäten vorbeizugehen. Die besondere Verführung der wissenschaftlichen Bibelkritik für Studenten besteht gerade darin, dass die mutmaßlichen weltanschaulichen Beweggründe einzelner Aussagen nicht kenntlich gemacht, sondern als objektive Ergebnisse der Forschung präsentiert werden.
Heute finden sich an den Hochschulen selten bibelkritische Theologen, die sich offen als solche bezeichnen
Hempelmann wendet sich offensichtlich eher gegen eine liberale Theologie der 60er und 70er Jahre, die kämpferisch ideologisch gegen biblische Aussagen vorgegangen ist (NA 66, 81). Heute finden sich an den Hochschulen selten bibelkritische Theologen, die sich offen als solche bezeichnen. Man beruft sich eher auf 'wissenschaftliche' Untersuchungen, Statistiken, Vergleichstexte oder lebenspraktische Bezüge.

Am Beispiel des Schöpfungsberichts zeigt sich, wie subjektiv und willkürlich die von Hempelmann geforderte Bibelauslegung sein kann. Obwohl alles in der Bibel auf einen 24-Stunden-Tag hindeutet (hebräischer Gebrauch von Ordinalzahlen, Erwähnung von Abend und Morgen, Parallele 2Mo 20,11), wird das allein unter Berufung auf das vollkommen andere biblisch-hebräische Denken ignoriert.

Hebräisch-biblisches Denken

Wenn Hempelmann in seiner Grundargumentation gegen die Irrtumslosigkeit der Schrift immer wieder das vorgeblich hebräische Denken anführt (GL 38, 54, 57, NA 64, 104, 108f), muss offen bleiben, woher er dieses zu kennen meint und wie er belegt, dass dieses Denken Einfluss auf das Denken der neutestamentlichen Autoren hatte, die schließlich in einer hellenistisch geprägten Welt lebten und schrieben. In diesem Fall stünden sie in der beständigen Gefahr die Schrift misszuverstehen, da sie nicht mit dem behaupteten hebräischen, sondern mit dem griechischen Denken vertraut waren, mit dessen Terminologie das Neue Testament abgefasst wurde.

In der Zuordnung des hebräisch-biblischen Denkens scheint sich manchmal ein Überlegenheitsgefühl des aufgeklärten modernen und wissenschaftlich denkenden Menschen zu verbergen. Scheinbar waren die Menschen früher dümmer (GL 25, 41f), so die Feststellung im Hintergrund. Schließlich hätten sie die Welt nur durch ihren unmittelbaren Sinneseindruck ohne abstrakte Reflexion wahrgenommen und wir könnten heute erforschen wie es wirklich war. Doch sowohl die Wissenschaftsgeschichte als auch systematische Überlegungen zur Realität der Welt und der Qualität möglicher wissenschaftlicher Wahrnehmungen finden sich durchaus schon in der Antike. Menschen waren wahrscheinlich in den Grundzügen ihres Denkens immer gleich.

In der Auseinandersetzung um die Irrtumslosigkeit spielt für Hempelmann auch die Neudefinition des Wahrheitsbegriffs eine Rolle. Vertretern der Irrtumslosigkeit der Schrift wirft er vor ein falsches Wahrheitsverständnis in die Bibel hineinzulesen (GL 38, 54, 88; NA 64, 104, 108f). Bedenken sollte diese selbstsicher von Hempelmann angeführte Theorie auch deshalb hervorrufen, weil sie erstmalig in der Kirchengeschichte in der liberalen Theologie 'entdeckt' wurde (z.B. Rudolf Bultmann 1928). In diesem Umfeld wird die These vom hebräisch-biblischen Denken allerdings instrumentalisiert, um mehr Freiraum für eine neuzeitliche Interpretation der Bibel zu bekommen.

Wenn biblisch-hebräisches Denken das beschriebene Wahrheitsdenken verträte (NA 108f), wären Christen dann nicht verpflichtet auch so zu denken und sich von modern-rationalem Denken zu distanzieren? Gerade das empfiehlt Hempelmann aber nicht, sondern betont demgegenüber den großen Wert der modernen Wissenschaft mit ihrem rational sachlichen Wahrheitsbegriff auch für die theologische Arbeit (NA 28f, 30, 33f, 43-52, 56, 59).

Anfragen an die Hermeneutik der Demut

Die Definition von Bibeltreue nicht an festen Positionen, sondern an der richtigen Motivation fest zu machen (NA 19, 22, 24ff, 30, 32f, 36-40, 52-57) wird von Hempelmann selbst nicht durchgehalten (NA 20f, 36) und scheint auch im Ansatz fragwürdig. Sie folgt nämlich dem aristotelischen Irrtum, dass das richtige Wissen und die richtige Motivation quasi von selbst auch zu einem richtigen Ergebnis führten. Im Gegensatz zu biblischen Aussagen lehrt auch der Aufklärer I. Kant,
Richtig motivierte aber sektiererische Bewegungen in der Christenheit und zutreffende Ergebnisse bibelkritischer Forscher stellen diese Sichtweise zumindest in Frage
dass es vor allem auf den 'guten Willen' ankäme. Richtig motivierte aber sektiererische Bewegungen in der Christenheit und zutreffende Ergebnisse bibelkritischer Forscher stellen diese Sichtweise zumindest in Frage.

Natürlich kann geistliche Erkenntnis nicht vom ethischen Verhalten eines Menschen getrennt werden, umgekehrt erscheint es aber auch zweifelhaft, die Bibeltreue eines Christen an dessen praktizierter Moral festmachen zu wollen (NA 40f). Können wir doch in Kirchengeschichte und Gegenwart zahllose Beispiele vorbildlich lebender Menschen nennen, die trotz ihres Lebenswandels offensichtliche Irrlehren vertraten. Die Aufforderung nach der angemessenen Hermeneutik zu suchen indem ein Wettstreit entsteht "Wer liebt mehr? Wer liebt angemessener? Wer gibt sich mehr hin?" (GL 35) ist nicht nur unkonkret und unangemessen, es verweist auf die aufklärerischen Argumentationen eines G.E. Lessing, der die Wahrheit der Religionen an deren ethischen Verhalten messen wollte.

Hempelmann scheint irrtümlicher Weise davon auszugehen, dass 'vorurteilsfreies' historisches Arbeiten zu einem eindeutigen Ergebnis führt (NA 33f, 43-52). Trotz unzureichender historischer Belege nennt er das Beispiel der geschorenen Prostituierten, auf die sich Paulus in seiner Lehre von der Kopfbedeckung der Frau beziehen soll (NA 66f). Woher aber weiß Hempelmann ob Paulus bei seiner Argumentation tatsächlich diese Frauen im Blick hatte, da es im Bibeltext selbst nicht erwähnt wird? Mit welchem Recht zieht Hempelmann einerseits die zeitgenössische Umwelt heran, verweigert sich einer solchen Interpretation aber ein andermal, weil dadurch seine Glaubensgrundlagen betroffen sein könnten (NA 21, 25f, 43)?

Behaupten nicht zahllose bibelkritische Theologen wie Hempelmann es tut, dass die historische Interpretation der Wunder oder die tatsächliche Auferstehung Jesu nur sachfremde Fragestellungen und Interpretationen seien, die den Autoren fern gelegen hätten?

Die starke Subjektivität der 'Hermeneutik der Demut' zeigt sich unter anderem bei dem Versuch die Theorie aus dem Wesen Gottes begründen zu wollen. Denn zum richtigen Verständnis der Bibel sind sicher noch andere Eigenschaften Gottes von Belang als Selbstkorrektur, Kommunikation, Selbsterniedrigung und Schwäche (GL 98ff). Warum werden nicht auch Eigenschaften wie Allmacht, Zorn, Ewigkeit, Unveränderlichkeit usw. in die Überlegungen einbezogen?

Die Verfasser der biblischen Bücher scheuen sich nicht, Aussagen über die Qualität der Heiligen Schrift und über Gott selbst zu machen. Warum Christen einer 'Hermeneutik der Demut' zufolge solche Aussagen unterlassen müssen wird weder biblisch noch logisch zufriedenstellend begründet.
Es entsteht der Eindruck, die ‘Hermeneutik der Demut’ tendiere zu einer ‘Theologie des Schweigens’, in der nichts Definitives über die Bibel mehr gesagt werden kann
Fast entsteht der Eindruck, die 'Hermeneutik der Demut' tendiere zu einer 'Theologie des Schweigens' (NA 63f, 109; GL 20, 27, 55f, 73, 76, 88), in der nichts Definitives über die Bibel mehr gesagt werden kann.

Der bei Hempelmann zentrale Begriff der 'Niedrigkeitsgestalt' (NA 86-104) der Schrift findet sich in der Bibel selbst nicht. Historisch verweisen diese Ausdrücke erst einmal auf die Auseinandersetzungen evangelikaler Theologen mit der Bibelkritik Bultmanns in den 60er Jahren. Unter diesem Motto kam es zu einer Aufspaltung der Zuverlässigkeit der Bibel. Deren geistliche Aussagen seien absolut vertrauenswürdig, deren Angaben über historische oder naturwissenschaftliche Aspekte aber zeitbedingt, dem wissenschaftlichen Kenntnisstand der damaligen Zeit entsprechend. In diesem Zusammenhang erfüllte der Begriff der "Knechtsgestalt der Schrift" lediglich eine Türöffnerfunktion, um mit den Maßstäben menschlicher Vernunft unterscheiden zu können, was in der Bibel absolut zuverlässig, und deshalb auch heute noch zu glauben, und was lediglich zeitbedingten Vorstellungen der Naturerklärung entsprach und deshalb vernachlässigt, neu interpretiert oder symbolisch zu verstehen sei.

Wenn das Wesen der Schrift von Hempelmann mit den zwei Naturen Jesu verglichen wird (GL 21; NA 101), bleibt offen, was mit der Menschlichkeit der Schrift gemeint ist. Menschlichkeit und Göttlichkeit Jesu lassen sich durch Aussagen der Bibel fassen.

Wenn es überhaupt möglich ist, die theologische Beschreibung des Lebens Jesu auf die Bibel zu übertragen, müsste festgehalten werden, dass die Menschlichkeit Jesu keine Fehlerhaftigkeit beinhaltet (NA 101f). Menschlichkeit heißt bei Jesus, er hatte Hunger wie Menschen, empfand Schmerz wie ein Mensch, war sterblich wie ein Mensch, aber er war ohne menschliche Fehlerhaftigkeit und Sünde (Hbr 2,17; 4,15).

Wenn wir den Ausdruck der 'Menschlichkeit der Schrift' benutzen wollten (NA 87ff), würde sich der in erster Linie auf die äußere Erscheinung der Bibel als Buch in einer menschlichen Sprache, mit Stilmitteln und irdischen Bildern illustriert, beziehen.

Entsprechend der Zwei-Naturen-Lehre wird Jesus als ganzer Mensch und ganzer Gott bezeichnet. Als ganzer Gott ist das Bekenntnis der Irrtumslosigkeit seiner Aussagen in allen Bereichen wohl angemessen, das gleiche gilt auch für die Bibel als dem Wort Gottes (NA 63f, 100f).

Die Aussage der Irrtumsfähigkeit der Bibel ist also von vornherein abzulehnen. Bliebe nur die Möglichkeit, keine Aussage über mutmaßliche Irrtümer der Schrift zu machen.
Die Aussage der Irrtumsfähigkeit der Bibel ist also von vornherein abzulehnen
Diese Position ist allerdings noch unzureichender. Sie scheint auszudrücken, dass wir uns über den Wahrheitsgehalt der Schrift selbst nicht im Klaren sind.

Ist die Bibel tatsächlich Herunterlassung Gottes wie die Inkarnation Jesu (NA 86-93, 103f) oder eher Mitteilung Gottes wie in Auditionen, Visionen, Träumen, die in menschlicher Weise aber ohne menschliche Vermittlung und Fehlerquotienten stattfanden? Auch dieser Frage wird bei Hempelmann nur unzureichend nachgegangen.

Die Sicherheit bezüglich der Zuverlässigkeit der Bibel entspringt nach Hempelmann der Erfahrung des Menschen (NA 80). Das ist aber bedenklich (NA 77), da selbstverständlich auch andere Religionen auf subjektive Erfahrungen mit ihren Göttern und ihren Heiligen Schriften hinweisen können. Entgegen der Behauptung Hempelmanns wurde die Bibel in der Philosophie und Dogmengeschichte nicht über ihre Wirksamkeit (NA 77), sondern über ihren Inhalt und das Zeugnis des Heiligen Geistes als Wort Gottes angesehen.

Vom Umgang mit Fehlern

Die aus menschlicher Sicht festgestellten Fehler sind, nach Hempelmann vorhanden, aber weil sie aufgrund der Menschlichkeit des Wortes Gottes beabsichtigt sind, können sie nicht als Fehler bezeichnet werden. Daraus müsste folgen, dass Versuche der Harmonisierung oder historischen Erklärung scheinbar widersprüchlicher Bibelaussagen überflüssig oder sogar schädlich seien (NA 23, 40, 45ff, 86, 90, 105f), weil deren 'Widersprüchlichkeit' geradezu ein von Gott gewollter Beleg ihrer übernatürlichen Herkunft sei. Das Lob der Widersprüchlichkeit biblischer Aussagen (NA 63, 79f, 84, 88f, 90f) wirkt absurd.
Das Lob der Widersprüchlichkeit biblischer Aussagen wirkt absurd
Demnach müsste der Christ alle Lösungsversuche vermeiden um die Niedrigkeitsgestalt der Bibel nicht zu schmälern. So ver schwinden vorgebliche Fehler, nicht, weil sie gelöst werden, sondern weil sie im biblischen Zusammenhang einfach nicht mehr als Fehler benannt werden dürfen. Doch selbst wenn Gott Fehler machen sollte scheint das für Hempelmann kaum Probleme aufzuwerfen (GL 54).

Fragen, wie eine in den Evangelien unterschiedlich berichtete Handlung wirklich abgelaufen ist, hält Hempelmann für rationalistisch und damit bibelkritisch (NA 83). Historische und harmonisierende Lösungen solcher Fragen legten jedoch schon frühere Apologeten vor, denen man wohl kaum Unkenntnis biblischen Denkens oder Rationalismus vorwerfen kann.

Schwer nachzuvollziehen ist Hs Verurteilung der Irrtumslosigkeit der Schrift als unzulässige Bewertung (NA 104). Wäre dem Menschen jede Aussage über die Bibel oder Gott verboten (NA 63f, 109; GL 20, 27, 55f, 73, 76, 88), weil er beide letztlich natürlich nicht voll erfassen und beschreiben kann, erübrigte sich Theologie als ganze.

Seelsorgerlich und apologetisch vollkommen unbefriedigend erscheint Hs Weigerung, überhaupt eine Aussage über Fehler oder mögliche Irrtümer in der Bibel zulassen zu wollen (NA 63f, 109; GL 20, 27, 55f, 73, 76, 88). Einem zweifelnden oder fragenden Menschen könne der Christ nur noch sagen: "Ich weiß nicht ob die Bibel Irrtümer enthält."

Hempelmann lehnt die Bedenken mancher Vertreter der Irrtumslosigkeit der Bibel ab, die befürchten, dass einzelne in der Bibel behauptete oder tatsächlich festgestellte Fehler die gesamte Glaubwürdigkeit der Bibel in Mitleidenschaft ziehen würden (NA 107; GL 46, 53). Erstaunlicherweise arbeitet er an anderer Stelle mit demselben Argument, wenn er vor den zerstörerischen Auswirkungen der Spätdatierung der Evangelien, der Leugnung echter Prophetie usw. warnt. Diese bibelkritischen Annahmen würden ihm zufolge zur Zerstörung der Glaubwürdigkeit der Bibel auch in heilsgeschichtlicher Hinsicht führen (NA 32f; GL 53). Mangelnde historische Glaubwürdigkeit führt nach der 'Hermeneutik der Demut' zur Verunsicherung des Heils (NA 33), eine Beeinträchtigung des geistlichen Lebens für Christen, die von Irrtümern in der Bibel ausgehen, wird von Hempelmann allerdings abgelehnt.

Insgesamt erweckt die 'Hermeneutik der Demut' den Eindruck einer Annäherung an gängige Methoden und Sichtweisen gegenwärtiger evangelischer Theologie, auch wenn einige Sachfragen unterschiedlich gewertet werden.

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