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Als Beleg für die Fehlbarkeit der Bibel verweist Hörster auf Mk 1,2- 3, wo der Text sich für ein Zitat auf Jesaja berufe, tatsächlich aber Maleachi 3,1 anführe.[ 2 ]
Einer, der das Buch von Hörster ausdrücklich lobt und wörtlich als "hilfreich" bewertet, ist der theologische Leiter des Seminars von Bad Liebenzell, Heinzpeter Hempelmann.[ 3 ] Seine eigene Position begründet er mit der Inkarnation:
Diese Position ist im evangelikalen Lager weit verbreitet und wird im großen Rahmen propagiert. Beim letzten Gemeindetag unter dem Wort, der am 30. Mai 2002 in Stuttgart stattfand, wurde unter der Leitung von Rolf Hille eine große Veranstaltung zum Thema "Auf der Suche nach Wahrheit" angeboten. Das Referat über die Bibel hielt Heinzpeter Hempelmann, sein Titel lautete: "Was heißt bibeltreu? Gottes zuverlässiges Wort!" Was Hempelmann unter "zuverlässig" versteht, haben wir zitiert: Die Bibel besteht auch aus Zeugnissen, in denen Menschen "menschlich, d.h. irrtumsfähig und begrenzt über seine [Gottes] Bedeutung nachdenken".
Und deshalb - so muss man mit Hörster und Hempelmann folgern - enthält die Bibel Fehler und Widersprüche. Wer das bestreitet, streut sich und anderen Sand in die Augen. Mehr noch: Er lässt es an wahrer Bibeltreue mangeln.
| „Wer die Irrtumslosigkeit der Bibel vertritt, ist gerade nicht bibeltreu“ |
Das ist die Position, mit der wir uns auseinandersetzen müssen: Die Bibel, so wird behauptet, erhebe gar nicht den Anspruch, ohne Irrtum und Widerspruch zu sein. Wer diese Lehre dennoch vertrete, möglicherweise sogar dafür kämpfe, bewege sich jenseits des biblischen Selbstverständnisses. Schlimmer noch: Das Eintreten für die Irrtumslosigkeit der Schrift erhebe einen philosophischen Maßstab zum Richter über die Bibel und münde so in einen "rationalistischen Fundamentalismus". Mit der Forderung nach Widerspruchsfreiheit führe man ein fremdes Kriterium ein, das u.a. der griechischen Philosophie (Aristoteles) entnommen sei. Damit werde die Bibel, wenn auch mit "frommen Absichten", wiederum dem Urteil der menschlichen Vernunft unterworfen. Summa summarum: Die "fundamentalistischen" Verteidiger der Bibel lassen sich von den Gegnern der Bibel die Bedingungen diktieren. Und damit tappen sie in die rationalistische Falle, übernehmen deren falsche Maßstäbe - und erheben sich selbst, ohne es zu merken, zum Richter über die Bibel.[ 6 ]
Um die Berechtigung dieses Vorwurfs zu überprüfen, müssen wir im folgenden Schritt klären, wie der Tatbestand des "Widerspruchs" im Licht der Bibel zu bewerten ist.
Handelt es sich bei der Problematik vermeintlicher Widersprüche nur um eine philosophische Frage, die wir unsachgemäß an die Bibel herantragen - oder ist Widerspruchsfreiheit auch eine biblische Kategorie? Welches Bekenntnis sind wir der Heiligen Schrift schuldig? Hält sie sich selbst für widerspruchsfrei?
Hier ist zunächst in thetischer Kürze das Selbstverständnis der Heiligen Schrift zu formulieren.
| Die Bibel vertritt einen absoluten, uneingeschränkten, umfassenden Wahrheitsanspruch |
Weil die Bibel Gottes Wort nicht nur enthält, sondern wirklich ist (2Tim 3,16; 1Thes 2,13), hier also Gott selbst durch die von ihm erwählten Verfasser redet, hat sie Anteil an der ungebrochenen Wahrhaftigkeit Gottes, "der nicht lügt" (4Mo 23,19; 1Sam 15,19). Wie Gottes Sohn trotz seiner Menschwerdung ohne Sünde blieb (Hebr 4,15 u.ö.), so bleibt Gottes Wort trotz seiner Schriftwerdung ohne Irrtum in allem, worüber es uns informiert.
Auch Jesu Umgang mit dem AT belegt, dass er die Schrift bis in die einzelnen Wörter hinein mit dem Wort Gottes identifiziert (Mt 5,18; Mk 7,8-13; Mk 12,36).[ 9 ] Bei dessen Anwendung kann Jesus sich auf kleinste Einzelheiten (wie z.B. eine grammatikalische Zeitform in 2Mo 3,6/Mt 22,1f.) stützen, weil er jedes Detail für solide und tragfähig hält. In Jo10,35 ist sein Schriftverständnis mit jenem berühmten Satz zusammengefasst: "Die Schrift kann nicht gebrochen werden." Dieser ungebrochene Wahrheitsanspruch schließt auch die Geschichtsberichte des AT (durch alle Epochen hindurch) ein, deren Ereignisse und Personen von Jesus durchweg als Realgeschichte verstanden werden (Mt 12,41f.; 19,8; Lk 17,26ff. u.ö.). Alles, was die Schrift sagt, sagt Gott (vgl. die personifizierende Redeweise etwa in Jo 7,38). Darum ist jeder Schriftstelle mit ungebrochenem Vertrauen zu begegnen, wie es der Apostel Paulus vorbildlich in Apg 24,14 bezeugt: "Ich glaube allem, was geschrieben steht." Auch für die eigenen Worte beansprucht Jesus göttliche Dignität ("Amen, ich sage euch") und ewige Gültigkeit (Mt 24,35). Indem er schließlich die Schreiber des NT beauftragt und autorisiert (Jo 14,26; 15,27; 16,12f.), kündigt Jesus indirekt die Enstehung des Kanons an, von dem gelten wird, was Paulus in 2Tim.3,16 proklamiert: "Alle Schrift (im Sinne von ‚Die ganze heilige Schrift') ist von Gott eingegeben (wörtlich ‚gott-gehaucht')." Schriftwort ist Gotteswort.
Die hier formulierte Grundlegung hat nun weitreichende Konsequenzen für einen bibeltreuen, d.h. schriftgemäßen Umgang mit den vermeintlichen "Widersprüchen" innerhalb der biblischen Geschichtsberichte. Wenn Gott selbst uns in seiner Offenbarungsurkunde historische Zusammenhänge mitteilt, dann gilt dafür der volle Wahrheitsanspruch.
Wenn Gott uns, um ein Beispiel zu nennen, in Mt 21,7 mitteilt, dass beim Einzug Jesu in Jerusalem zwei Esel beteiligt waren (das Füllen und das Muttertier), dann ist das historisch ernst zu nehmen. Wenn in den Parallelen bei Mk, Lk und Jo jeweils nur von einem Esel die Rede ist, muss auch dieser Aussage ein Wahrheitsanspruch zugestanden werden. Damit steht der Bibelleser vor der Frage, ob und wie beide Aussagen gleichzeitig wahr sein können - oder ob hier ein unauflösbarer Widerspruch vorliegt.
Der Bibelkritiker wird schnell einen Widerspruch konstatieren und den Textbefund als weiteren Beleg für die Irrtumsfähigkeit der Heiligen Schrift verbuchen. Wer jedoch ernstnimmt, was die Bibel, wie oben gezeigt, über sich selbst sagt, unterstellt ihr auch an diesem Punkt umfassende Wahrhaftigkeit (also auch Übereinstimmung mit den Tatsachen) in allen betroffenen Texten. Damit ist das denkerische Problem noch nicht gelöst, seine Existenz wird aber nicht auf einen Mangel der Heiligen Schrift, sondern auf die Begrenzung des eigenen Verstandes und der zur Verfügung stehenden Hintergrundinformationen zurückgeführt. [ 10 ] Die konstruktive Frage lautet nun: Wie kann ich diesen Befund verstehen? Weil Gott es so offenbart hat, ist es offenkundig so gewollt. Wie passen beide Aussagen zusammen? Inwiefern können sie gleichzeitig wahr sein?
Dass sich unser Denken gegen das Akzeptieren von (vermeintlichen) Widersprüchen sträubt, ist zunächst nicht Ausdruck eigensinniger Rebellion, sondern in einer Ordnung, einer logischen Struktur begründet,
| Gott hat die Ordnung einer logischen Struktur in die Schöpfung hineingelegt |
Die praktische Antithese, die Entweder-Oder-Struktur in alltäglichen Zusammenhängen, hat Gott in seine Schöpfung hineingelegt. Das wurde nicht von den weltlichen Philosophen, allen voran Aristoteles, erfunden. Er und andere haben es vielmehr in der Schöpfung ge-funden, wiedergefunden, was Gott hineingelegt hatte. Und daraus hat Aristoteles dann eine Logik entwickelt, die in vielen (nicht allen) Aussagen nur nachvollzieht, was Gott in der Schöpfung vorgegeben hat.[ 11 ] Insofern kann die Logik nicht per se als heidnisch abgewertet werden, wie Bernhard Kaiser betont:
Zu den bekanntesten Grundregeln der klassischen Logik zählen der "Satz vom Widerspruch" und der "Satz vom ausgeschlossenen Dritten". [ 13 ]
(1) Der Satz vom Widerspruch (principium contradictionis) besagt: A ist nicht Nicht-A. Als Formel geschrieben: A # Nicht-A. Das heißt: Wenn die Aussage A wahr ist, dann kann Nicht-A nicht wahr sein. Ist dagegen Nicht-A wahr, dann kann A nicht wahr sein. Einfacher ausgedrückt: Einander entgegengesetzte Aussagen (bezogen auf denselben Gegenstand und denselben Zeitpunkt) widersprechen sich, sie können nicht gleichzeitig wahr sein. Beispiel:
Hier liegt ein Widerspruch vor, beide Aussagen können nicht gleichzeitig wahr sein. Dem Satz vom Widerspruch entspricht eine weitere logische Grundregel.
(2) Der Satz vom ausgeschlossenen Dritten (principium exclusi tertii) besagt: A ist entweder gleich B oder gleich Nicht-B. Eine dritte Möglichkeit gibt es nicht (tertium non datur). A muss entweder B oder das Gegenteil von B sein.
Wieder gilt das Entweder-Oder-Prinzip. Eine Aussage nur kann gleichzeitig wahr sein. Eine von beiden Aussagen muss aber auch wahr sein, da eine dritte Möglichkeit (jenseits der beiden ersten), welche etwa beide Aussagen auf einer höheren Ebene harmonisieren könnte, definitiv ausgeschlossen ist. [ 14 ]
Nochmals sei betont: Bei diesen logischen Grundregeln handelt es sich um die Auswertung von Beobachtungen, die jedermann in der Schöpfung machen kann - weil Gott diese Grundstruktur offensichtlich in seine Schöpfung eingestiftet hat.
| Bei diesen logischen Grundregeln handelt es sich um die Auswertung von Beobachtungen, die jedermann in der Schöpfung machen kann |
Allerdings sind auch bei positiver Bewertung der Möglichkeiten schöpfungsgemäßer Logik zwei grundlegende Einschränkungen zu berücksichtigen.
(1) Wir dürfen nie vergessen, dass auch unser geschöpfliches Denken vom Sündenfall betroffen und darum beim natürlichen Menschen gegen Gott gerichtet und auch beim Christen noch in hohem Maße irrtumsfähig ist.
| Auch unser geschöpfliches Denken ist vom Sündenfall betroffen und deshalb auch beim Christen noch in hohem Maße irrtumsfähig |
(2) Wir dürfen die Regeln der Alltagslogik nicht zu einem Universalsystem überdehnen, mit dem wir die gesamte Wirklichkeit und alles Denken und am Ende Gott selbst (etwa seine Trinität und Souveränität) erfassen wollen. Blaise Pascal hat das in einem berühmten Dictum seiner Penseés betont:
Beim Überschreiten dieser Grenze würden wir das Instrumentarium der Logik auf einen Bereich anwenden, in dem es völlig überfordert wäre. Bildlich formuliert: Wenn wir eine Überschwemmung im Badezimmer beseitigen wollen, dürfte ein normaler Henkeleimer ausreichen. Dafür ist er geeignet. Aber um einen Baggersee trocken zu legen, reicht der Henkeleimer nicht aus. Mit dieser Aufgabe wäre das Instrument überfordert.
Damit haben wir sowohl Einschränkungen als auch schöpfungsbedingte Möglichkeiten des logischen Zugangs im Hinblick auf biblische Aussagen bedacht. Wie ist von den genannten Voraussetzungen her nun ein "Widerspruch" im Licht der Bibel zu bewerten? Mein Zwischenergebnis lautet: Da die Bibel einen absoluten Wahrheitsanspruch für ihre Aussagen erhebt und logische Widersprüche in Berichten über Geschehensabläufe als unwahre Aussagen bewertet werden müssen, die nicht zur Schöpfungsordnung und nicht zum Wesen des Schöpfers passen, sollten wir in einer umfassend wahren Bibel keine Widersprüche erwarten! Mit anderen Worten: Da Wahrheit und Widerspruch nicht zusammenpassen, darf der Bibel kein Widerspruch unterstellt werden.
Für einen bibeltreuen Zugang ergibt sich darum die Aufgabe, bei schwierigen Textstellen besonnen, demütig und geduldig nach einer Lösung zu suchen. Die Bibel ist auch dann irrtumslos,
| Es ergibt sich die Aufgabe, bei schwierigen Textstellen besonnen, demütig und geduldig nach einer Lösung zu suchen |
Dieses Verfahren soll im Folgenden an einigen Beispielen demonstriert werden.
Ein angemessener Umgang mit vermeintlichen Widersprüchen erfordert nicht nur die richtige Vorgehensweise, sondern zunächst eine angemessene geistliche Haltung des Forschers!
| Gefordert ist nicht nur die richtige Vorgehensweise, sondern zunächst eine angemessene geistliche Haltung des Forschers |
Darum lohnt es sich, nach einem zusammenhängenden Verständnis von noch widersprüchlich erscheinenden biblischen Aussagen zu forschen, weil wir wissen: Es gibt eine Lösung, auch wenn wir nicht sicher sein können, sie in jedem Fall schon jetzt zu finden.
Mt 21,7 spricht im Zusammenhang mit Jesu Einzug nach Jerusalem von zwei Eseln ("sie brachten die Eselin und das Füllen"), dagegen findet sich bei Mk 11,4/ Lk 19,33/ Jo 12,14 nur der Hinweis auf einen Esel. Wie kommt es zu dieser Differenz? Während letztere nur das bis dahin unbenutzte Fohlen erwähnen, auf dem Jesus tatsächlich in Jerusalem einreitet, findet sich bei Matthäus - der genauso wie Johannes als Augenzeuge dabei gewesen sein dürfte - eine zusätzliche Information: Die Eselsmutter war auch mit dabei. Es wird jedoch nicht gesagt, dass Jesus auch auf diesem zweiten Tier reitet. Vielmehr ist zu bedenken, dass sich ein junges, unerfahrenes Tier im Trubel der geschilderten Ereignisse ruhiger verhält, wenn das Muttertier in der Nähe ist. Zwischen den zitierten Schriftstellen besteht folglich kein Widerspruch, sondern Matthäus bietet eine Ergänzung, die sich als mit den Berichten der anderen Evangelisten durchaus kompatibel erweist.[ 19 ]
Dass zwei Berichte sich in dieser Weise ergänzen, ist ein bis heute übliches Phänomen. Man denke an zwei Berichte über dasselbe Fußballspiel: Während der Bericht in Zeitung A sich auf die Schilderung des eigentlichen Spielgeschehens beschränkt, bedient Zeitung B den Leser mit zusätzlichen Hintergrundinformationen, etwa über das Verhalten der Trainer am Spielfeldrand. Jeder einfältige Zeitungsleser, der beide Texte miteinander vergleicht, kann ohne Schwierigkeiten erkennen, dass sie sich nicht gegenseitig widersprechen, sondern ergänzen.
Mit folgendem Text versucht Gerhard Hörster die Irrtumsfähigkeit der Bibel zu belegen.[ 20 ] In Mk 1,2-3 wird ein Mischzitat aus Mal 3,1 und Jes 40,3 folgendermaßen eingeführt:
Von den beiden zitierten Quellen wird nur der bekanntere Prophet namentlich benannt. Es handelt sich also um eine unvollständige, nicht jedoch um eine eigentlich falsche Angabe, aus der ein echter Widerspruch resultierte. Dieselbe Zitationsweise findet sich auch in anderen Zusammenhängen:
Daraus lässt sich schließen, dass es seinerzeit wahrscheinlich ein übliches Verfahren war, in der dargestellten selektiven Weise zu zitieren, zumal die alttestamentlichen Originalquellen vielen Menschen bekannt gewesen sind und die Verfasser somit sehr leicht eines "Fehlers" hätten überführt werden können. [ 21 ] Es ist für den Historiker aber nicht legitim, aus heutiger Perspektive die damaligen Verfasser mit bestimmten formalen Standards zu konfrontieren und bei deren Nichtbeachtung "Irrtum" zu diagnostizieren.
Anlässlich der Auseinandersetzung mit dem Teufel in der Wüste überwindet Jesus den Widersacher durch einen dreimaligen Verweis auf Schriftbelege aus dem Alten Testament: "Es steht geschrieben."
Dabei zitiert er in Mt 4 zunächst 5Mo 8,3 (Mt 4,4), als zweites 5Mo 6,16 (Mt 4,7) und zuletzt 5Mo 6,13 (Mt 4,10). Der Bericht bei Lk.4 verweist auf dieselben Belegstellen, auch das Anfangszitat (5Mo 8,3= Lk 4,4) entspricht der Reihenfolge bei Mt. Die beiden Texte aus 5Mo 6 werden jedoch in umgekehrter Reihenfolge angeführt: 5Mo 6,13 an zweiter und 5Mo 6,16 an dritter Stelle.
Eindeutig liegt also eine unterschiedliche Abfolge der Zitate vor - aber beinhaltet das schon einen Widerspruch? Bei genauerer Analyse sehen wir, dass aufgrund der verwendeten Konjunktionen in diesem Fall nur Matthäus den Anspruch einer chronologischen Darstellungsweise erhebt (Mt 4,5 "tote"; Mt 4,8 "palin"). Dagegen verbindet Lukas die verschiedenen Gesprächsstationen nur mit einem unspezifischen "und" (Griechisch "kai").
Bei ihm liegt wohl eine inhaltliche Gewichtung vor, weshalb er die in seinen Augen möglicherweise schwerste Versuchung als letzte benennt. [ 22 ]
Auch diese unterschiedlichen Berichtsweisen sind uns durchaus bekannt und mindern nicht im geringsten die jeweilige Vertrauenswürdigkeit der Schilderungen. Während Darstellung A ein 3-Gänge-Menü in der chronologischen Abfolge schildert - von der Vorspeise über das Hauptgericht bis zum Nachtisch - kann Darstellung B dasselbe Menü in inhaltlicher Anordnung wiedergeben: Man hebt das Hauptgericht als Höhepunkt hervor und fügt dann ergänzend Vorspeise und Nachtisch an. Obwohl beide Berichte sich in der Schilderungsreihenfolge unterscheiden, liegt zwischen ihnen kein logischer Widerspruch vor.
In der Apostelgeschichte dokumentiert Lukas die Bekehrung seines Hauptzeugen, Paulus, an drei verschiedenen Stellen: Es handelt sich um die Kapitel 9, 22 und 26. Dabei erhalten wir auch Informationen darüber, was den Begleitern des Paulus in jenem Augenblick widerfuhr, als der spätere Apostel von Jesus Christ gerufen und von seinem Licht geblendet wurde.
Apg 9,7 berichtet: "Sie (die Begleiter) hörten wohl die Stimme, aber sie sahen niemanden."
Apg 22,9 schildert dieselbe Situation mit diesen Worten: "Sie sahen zwar das Licht, aber die Stimme dessen, der mit mir redete, hörten sie nicht." Diese beiden Berichte werden gern als Beispiel für innerbiblische Widersprüche angeführt. Im ersten Text hören die Begleiter und sehen nicht, im zweiten ist es genau umgekehrt: Sie sehen, aber hören nicht.
(1) Was sehen die Begleiter des Paulus: Sie sehen keine Person (9,7: "niemanden"), aber sie sehen das grelle Licht (22,9), welches den Paulus zwischenzeitlich erblinden lässt. Die beiden Verse beziehen sich also jeweils auf unterschiedliche Objekte des Sehens und ergeben keinen Widerspruch.
(2) Was hören die Begleiter des Paulus: Der Ausdruck "eine Stimme hören" kann im Griechischen sowohl das akustische Wahrnehmen eines Geräuschs (ohne Verständnis des Inhalts) als auch das inhaltliche Verstehen von Worten und Wörtern bezeichnen. Im ersten Fall kann das Nomen (Stimme, griech. phoné) im Genitiv stehen, im zweiten Fall ist i.d.R. der Akkusativ zu erwarten.[ 23 ] Dieser Befund legt nahe, dass in Apg 9,7 (phoné im Genitiv) von einem unverständlichen Geräusch die Rede ist, in Apg 22,9 (phoné im Akkusativ) dagegen von einem inhaltlichen Verstehen gesprochener Worte. Ersteres haben die Begleiter wahrgenommen, letzteres war ihnen verwehrt.
Diese Differenzierung wird durch den dritten Bericht eindrücklich bestätigt, wo es in Apg. 26,14 von Paulus heißt, dass er (!"hörte ich") eine Stimme hörte (phoné im Akkusativ). Und dann folgt ein Zitat der Worte, die Jesus in dieser Situation zu ihm gesprochen und die Paulus eindeutig verstanden hat. Obwohl Paulus im unmittelbar vorausgehenden Nebensatz (V. 14a) noch von einer ihm und seinen Begleitern gemeinsamen Aktion berichtet ("wir waren niedergefallen"), begrenzt er das verstehende Hören der Stimme ausdrücklich auf seine Person ("hörte ich", V. 14b). Das entspricht präzise der differenzierten Verwendung von phoné, wie wir sie für Apg. 9,7 und 22,9 festgestellt hatten.
Damit liegt im Hinblick auf das Ergehen der Begleiter ein eindeutiger Befund vor:
Bei genauer Wahrnehmung der Textbefunde wird deutlich, dass die verschiedenen Berichte einander keineswegs widersprechen. Im Gegenteil bieten sie eine so präzise Differenzierung des Sachverhalts, dass es detaillierter grammatikalischer Kenntnisnahme bedarf, um diesen angemessen zu verstehen.
Die jeweiligen Lösungsvorschläge sind nicht das letzte exegetische Wort und müssen immer für neue und bessere Erkenntnisse offen bleiben. Sie können aber zeigen: Was auf den ersten Blick als historisch widersprüchlich erscheint, lässt sich bei gründlicher Betrachtung auch anders erklären und verstehen. Nicht immer ist eine einfache Lösung möglich und wir behaupten nicht, für jede Problemfrage eine Patentantwort vorlegen zu können. Manchmal fehlen uns einfach auch einzelne Informationen, die das Problem sofort in einem neuen Licht erscheinen lassen würden.
Prinzipiell gilt jedoch: Wer gründlich fragt und akzeptiert, dass alle Bibeltexte im ungebrochenen Sinne wahr sind, exegetisch mehr entdeckt und den Befund differenzierter wahrnimmt als jener, welcher der Heiligen Schrift Widersprüche und Irrtümer unterstellt. Das Vertrauen in die biblische Irrtumslosigkeit und die Suche nach Möglichkeiten der Harmonisierung erweist sich nicht als "Scheuklappe", sondern als exegetisch außerordentlich konstruktiver Zugang.[ 24 ] Wenn Gott, der eigentliche Autor der Bibel, für sich selbst vollkommene Wahrheit und Perfektion in Anspruch nimmt, dann gilt das auch für sein Offenbarungshandeln in der Heiligen Schrift. Noch mal sei erinnert, dass das Grundprinzip der Widerspruchsfreiheit, die antithetische Struktur der Wirklichkeit, nicht von Aristoteles erfunden, sondern vom Schöpfer selbst vorgesehen ist. Darum handelt es sich um eine unhaltbare Unterstellung, wenn man denen, die an der Irrtumslosigkeit der Bibel festhalten und aus Liebe zu Christus und seinem Wort alle Aussagen der Bibel als wahrhaftig annehmen wollen, vorwirft, sie ließen sich die Fragestellung ihrer liberalen Gegner aufzwingen.
Nein, nicht das Wort der Bibelkritiker steht am Anfang - sondern das Wort des lebendigen Gottes. Er offenbart seine Wahrheit ohne jeden Makel und erhebt implizit den Anspruch der Irrtumslosigkeit seines Wortes. Danach erst treten die Bibelkritiker auf den Plan und unterstellen der Heiligen Schrift Irrtümer und Widersprüche. Wenn wir dann bekennen, dass die Bibel makellos ist und das Irrtumsverdikt zurückweisen, dann nehmen wir nicht das Thema unserer Gegner auf, sondern berufen uns auf jenes Wort zurück, das der Herr am Anfang gesprochen und gegeben hat. Diesem Wort wollen wir treu bleiben - bibeltreu.
Beim theologischen Ringen um die Irrtumslosigkeit geht es nicht um kleinkarierten Streit, sondern um eine Grundhaltung, die Jesus Christus von seinen Jüngern fordert und die er in uns wachsen lassen will.
| Beim theologischen Ringen um die Irrtumslosigkeit geht es nicht um kleinkarierten Streit, sondern um eine Grundhaltung, die Jesus Christus von seinen Jüngern fordert |
In einem letzten Gedankengang ist noch an eine weitere Kategorie scheinbarer Widersprüche zu erinnern. Diese werden uns an die Grenzen der Zuständigkeit klassischer Logik führen.
Die betroffenen biblischen Aussagezusammenhänge erweisen sich nicht als unlogisch, sondern als hochkomplexe Lehren, die wir mit den uns vertrauten Denkbewegungen nur teilweise einholen können. Hier stoßen wir auf Spannungsbefunde, die man nicht mehr vollständig harmonisieren kann und darf. Hier muss auch Aristoteles die Waffen strecken. Dennoch hat Gott auch diese Wahrheiten offenbart, damit wir ihnen - eingedenk unserer Grenzen - demütig und staunend nachzudenken versuchen. ER will uns schrittweise an diese Lehren heranführen, auch wenn wir sie in vollem Umfang erst im Himmel verstehen werden![ 25 ]
Die Wahrheit der Trinität, wonach der eine Gott zugleich der Dreieine ist, sprengt den absoluten Anspruch des Satzes vom ausgeschlossenen Dritten. Die Entweder- Oder-Struktur ist aufgehoben und überboten.
Gleiches gilt für die Wahrheit über den Mensch gewordenen Sohn Gottes, der sowohl ganz Mensch und ganz Gott ist. Das vere Deus wäre A, das vere homo Nicht-A. Dennoch offenbart Gott in der Bibel, dass beide Aussagen gleichzeitig wahr sind - gegen den Absolutheitsanspruch des Widerspruchssatzes.
Das nächste Beispiel betrifft die biblische Einordnung des Gebetes. Gott weiß und gibt souverän, was seine Kinder brauchen - noch bevor wir irgendeinen Gebetsgedanken gedacht haben (Mt 6,8). Zugleich sagt derselbe Gott, dass unser Beten fundamental wichtig ist - und dass wir oft nicht haben, weil wir nicht bitten (Jak. 4,2). Gott ist völlig souverän, und zugleich ist der Mensch ganz verantwortlich. Beides gilt zugleich.
Einen der markantesten biblischen Spannungsbefunde stellt das Verhältnis von Erwählung und Bekehrung dar. In der evangelistischen Verkündigung wird deutlich, dass es ohne Umkehr und Glaube kein Heil gibt. Der Christ aber dankt Gott für seine Bekehrung und beansprucht kein Verdienst für seine Rettung. Er weiß: Ich durfte mich nur bekehren, weil Gott mich zu sich gezogen hat.[ 26 ] Gott ist völlig souverän. Wir sind zu 100% auf sein Erwählungshandeln angewiesen. Zugleich wird der Mensch als voll verantwortlich angesprochen und zu bewusster Bekehrung und Glauben aufgefordert.
Wieder setzt das Neue Testament den Satz vom ausgeschlossenen Dritten souverän außer Kraft. Danach könnten die Fundamentalaussagen des sola gratia (allein die Gnade) und des sola fide (allein der Glaube) nicht gleichzeitig wahr sein. Entweder - oder, tertium non datur.
Demnach wäre es undenkbar, dass ein Mensch sein Heil ganz dem Erwählungshandeln Gottes verdankt (sola gratia) und zugleich allein durch den Glauben an Christus gerettet wird (sola fide).
| Hier sprengt der allmächtige Gott unsere begrenzte Alltagslogik einfach auf |
Aber sogar an dieser Stelle, wo wir den scheinbaren "Widerspruch" nicht mehr auflösen und ermäßigen können, sogar hier, wo Gott uns diese Spannung zwischen seiner Souveränität und unserer Verantwortung mit voller Wucht zumutet, kommt er gerade uns Menschen des 20. und 21. Jahrhunderts so weit entgegen, dass er uns eine Denkhilfe aus der Naturwissenschaft gibt.
Auch in der modernen Naturwissenschaft, vor allem seit Entwicklung der Quantentheorie, wird die klassische Logik an ihre Grenzen geführt und an bestimmten Stellen außer Kraft gesetzt. Dies lässt sich am Beispiel des Welle-Korpuskel-Dualismus demonstrieren, zu dessen Verständnis - ähnlich wie beim "Erwählungs-Bekehrungs-Dualismus" - die Mittel der aristotelisch formulierten Grundgesetze nicht mehr ausreichen. Das Licht kann sowohl körperhaft (Teilchen) als auch als Wellenbewegung dargestellt werden. Obwohl beide Modelle sich nicht zur Synthese harmonisieren lassen, können sie nur miteinander auf das Ganze verweisen.[ 27 ]
Die Folgen dieser Einsicht für die Erkenntnistheorie hat Werner Heisenberg in einem Aufsatz über Sprache und Wirklichkeit in der modernen Physik (1959) benannt. Darin erläutert er, wie die Quantenphysik zu einer Relativierung der dogmatischen Gültigkeit des Satzes vom ausgeschlossenen Dritten geführt habe. Es habe
An anderer Stelle erinnert Heisenberg daran, "dass selbst in der exaktesten Wissenschaft, der Mathematik, der Gebrauch von Begriffen, die innere Widersprüche enthalten, nicht vermieden werden kann"[ 29 ] . Wenn man seine von der Alltagslogik geprägten Vorurteile zurücklasse und sich in die Spannungsbefunde hineindenke, werde zunehmend deutlich, dass diese nur "scheinbaren inneren Widersprüche" (wie auch Heisenberg sie nennt!) zur differenzierten Beschreibung bestimmter komplexer Zusammenhänge unverzichtbar seien:
Wenn aber schon bei der Beschreibung des Lichts die Aussagemöglichkeiten der klassischen Logik an ihre Grenzen stoßen, wie viel mehr müssen wir damit rechnen, dass sie überfordert ist, wenn es um ewige Wahrheiten über den unendlichen Gott und sein Erlösungshandeln geht. Darauf hat der Physiker Bernhard Philberth verwiesen:
Wir werden daran erinnert, dass Gott nicht nur die Gesetzmäßigkeiten in die Schöpfung eingestiftet hat, wie sie Aristoteles im 4. Jahrhundert vor Christus formulierte. Sondern ER hat offensichtlich auch jene Strukturen geschaffen, die erst im 20. Jahrhundert nach Christus von der modernen Quantenphysik entdeckt wurden.
| Gott hat nicht nur die Gesetzmäßigkeiten in die Schöpfung eingestiftet, sondern auch jene Strukturen geschaffen, die erst im 20. Jahrhundert von der modernen Quantenphysik entdeckt wurden |
So nimmt es die Heilige Schrift mit Aristoteles genauso souverän auf wie mit Heisenberg. Sie ist beiden in gleicher Weise überlegen - und ihr Autor hat doch beide erst möglich gemacht. Denn sowohl Aristoteles als auch Heisenberg konnten mit je ihren Mitteln in der Schöpfung nur wiederfinden, was der ewige Gott dort hineingelegt hatte. Und obwohl die Bibel uns an solche komplexen Wahrheiten heranführt, ist sie zugleich völlig zuverlässig, akkurat und irrtumslos selbst dort, wo sie über "normale" geschichtliche Begebenheiten redet.
Darum tun wir gut daran, uns dieser Heiligen Schrift ganz zu unterstellen. Wir tun gut daran, auch immer wieder mit Argumenten die Widerspruchsfreiheit der Bibel zu begründen.
| Wir tun einen Liebesdienst an jenen Zweiflern, denen man eingeredet hat, die Bibel sei voller Widersprüche |
Die Gegner des Glaubens haben - mehr als manche Christen - ein Gespür dafür, wie leicht man mit dem Hinweis auf die vermeintlichen Widersprüche der Bibel Menschen vom Evangelium und dem lebendigen Gott abhalten kann. Hermann Samuel Reimarus, ein knallharter Bibelkritiker des 18.Jahrhunderts, hat es so formuliert:
Reimarus wurde bekannt dafür, dass er krampfhaft und eifrig nach Widersprüchen in der Bibel suchte.
Der heilige Gott hat es nicht nötig, dass wir sein Wort gegen Reimarus und Gleichgesinnte verteidigen müssten. Aber er hat uns den Auftrag gegeben, für seine Wahrheit zu kämpfen um der vielen willen, die sie heute noch hören müssen. Darum ist es so wichtig, dass der Bibelbund ein Turm in dieser Schlacht bleibt und sich in der öffentlichen Debatte vielleicht in Zukunft noch deutlicher und vernehmbarer äußert, als dies in der Vergangenheit geschah.
Nicht zuletzt im eigenen evangelikalen Lager wird es immer nötiger sein, dass wir als Bibelbund in der Schriftfrage Position beziehen. Unsere Satzung bietet dafür ein Banner, das wir immer wieder mutig hissen sollten:
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