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2001-3 |
Aus dem Bibelbund |

Lautstark verkündet heute kaum noch jemand das seinerzeit von Stefan Zweig gezeichnete Calvinbild. Bekanntlich schilderte er Calvin als einen skrupellosen, tyrannischen, seine Wahlheimat Genf mit eiserner Faust regierenden Diktator. Aber in wie weit dieses Bild noch unterschwellig das Bewusstsein vieler Zeitgenossen prägt, ist eine andere Frage. Wie dem auch sei: Mit der vorliegenden Biographie über Calvin räumt der französische Profanhistoriker B. Cottret gründlich mit solchen Verzerrungen auf. Cottret ist zwar keineswegs unkritisch gegenüber Calvin - etwas derartiges hätte Calvin selbst wohl am allerwenigsten gewünscht - aber durch sachliches Nachzeichnen des Lebens Calvins und durch kompetentes Schildern des damaligen Genfer Zeitcolorits entlarvt er so manches überkommene Calvinbild als das, was es ist: eine hasserfüllte Karikatur.
Wertvoll sind auch die vom Verfasser angestellten Vergleiche zwischen dem Beginn der Reformation in Frankreich und dem in Deutschland. Dabei stellt er fein sowohl die Parallelen als auch die Unterschiede heraus. Zum Beispiel weist er darauf hin, dass das zentrale biblische Buch für die Reformation in Frankreich nicht der Römerbrief war, sondern der Hebräerbrief. In Frankreich lag der Akzent gegenüber dem römischen Katholizismus auf dessen Messopfer-Lehre und betonte von daher die Einmaligkeit des Opfers Christi auf Golgatha.
Es gelingt dem Verfasser, die schweren, düsteren Zeiten, in denen Calvin lebte, anschaulich nachzuzeichnen und seine Haltung in diesen Situationen durch geschickt ausgewählte Aussagen aus seiner umfangreiche Korrespondenz zu illustrieren. So zum Beispiel, als Calvins einziges Kind kurz nach der Geburt stirbt (1542) und wenige Jahre auch seine geliebte Frau heimgeht (1545).
Dort, wo Cottret die theologischen Auseinandersetzungen referiert, in die Calvin hineingeraten ist, oder auch die, die er gesucht hat, wird der Verfasser in seiner Beurteilung merklich unsicherer. Aber darüber kann man bei diesem Nicht-Theologen hinwegsehen. Allemal wird dies wettgemacht durch eine ausgezeichnete Belegsammlung. Ungefähr ein Viertel des Buches sind Anmerkungen. Insgesamt ist das Buch gut lektoriert. Kurzum: Diese Biographie über Calvin ist lesenswert.

Veröffentlichungen, in denen in der gegenwärtigen Zeit des Pluralismus das Thema der Wahrheit behandelt wird, sind notwendig. Es gibt zu viele Einheitsbestrebungen, die auf Kosten der Wahrheit gehen. Im vorliegenden Buch behandelt der Verfasser die Frage, wie die Beziehung der christlichen Lehre zu den anderen Religionen zu fassen ist - eingedenk dessen, dass deren zentrale Aussagen nicht mit der biblischen Lehre vereinbar sind, ja ihr widersprechen.
Der Verfasser referiert zunächst kurz einige evangelikale und römisch-katholische Auffassungen zu diesem Themenkomplex und versucht dann die Antworten einiger Weltreligionen (Hinduismus, Buddhismus, Islam, Shintoismus) auf folgende drei Fragen darzustellen: Was ist das eigentliche Ziel der Religion? Worin besteht im Wesen die Not des Menschen? Welcher Art ist die Erlösung/Erleuchtung/Befreiung? In Kapitel 4 werden verschiedene Auffassungen behandelt, in denen heute in der Theologie die Beziehung zwischen Religion und Wahrheit betrachtet werden. Hier konfrontiert er sich u.a. mit Auffassungen wie: "Wahrheit als Begegnung" (Brunner), Wahrheit als das Unsagbare, religiöse Wahrheit ist eine höhere Form von Wahrheit. Seine Schlussfolgerung lautet: Jede erkenntnistheoretisch akzeptable Theorie über die religiöse Wahrheit muss erkennen, dass Glaubensinhalte ein wesentlicher Bestandteil der Religion sind und dass die Wahrheit in der Religion wie auch in anderen Bereichen Vorstellungen von der propositionalen und exklusiven Wahrheit berücksichtigen muss.
Netland setzt sich auch mit der gesellschaftlichen Bedeutung der Religion auseinander, also unter anderem mit dem Funktionalismus. Auch konfrontiert er sich mit der Ansicht (Kapitel 6), nach der alle Religionen zwar unterschiedliche Wege seien, aber zum gleichen Ziel führen würden. Schließlich geht der Verfasser auf den Ausschließlichkeitsanspruch Jesu ein und stellt sie einigen heute aktuellen theologischen Theorien (Hicks, Knitter)gegenüber. Hier schneidet er die Frage an, was mit denen geschieht, die noch nie von der Botschaft des Neuen Testamentes gehört haben. Dazu beruft er sich auf die Lausanner Verpflichtung von 1974, führt verschiedene Evangelikale an, unter anderem John Stott und Bloesch.
Insgesamt bietet das Buch einen aufschlussreichen Überblick über die verschiedenen Antworten, die heute zum Thema Ausschließlichkeitsanspruch, das heisst Wahrheitsanspruch des Christentums gegeben werden.
Vielleicht wäre es sinnvoll gewesen, etwas weniger Fragen anzuschneiden, dafür dann aber etwas ausführlicher, klarer, unzweideutiger auf die angeschnittenen Themen biblisch verankerte und begründete Antworten zu geben. Was soll man damit anfangen, wenn er auf die Frage, ob jenseits des Grabes Erlösung möglich ist, einen anderen Theologen zitiert, der diese Frage mit Verweis auf Jes 26,19; Joh 5,25-29; Eph 4,8,9; 1Petr 3,19-20; 4,6 bejaht, um dann fortzufahren: "Es ist nicht unsere Absicht gewesen, die schwierige Frage zu klären, welches Schicksal auf diejenigen zukommen wird, die noch nie von der Botschaft Jesu Christi gehört haben, sondern wir wollten nur deutlich machen, wie unterschiedlich die Meinungen zu diesem heiklen Problem unter den Evangelikalen sind" (S. 220). Wenn es nicht die Absicht des Verfassers ist, auf diese Frage einzugehen, dann soll er das Thema auch nicht anschneiden.
Die Bindung des Buches lässt zu wünschen übrig. Schon beim zweiten Durchlesen ist meines auseinandergefallen. Siebzehn Druckfehler zählte der Rezensent. Das ist etwas viel, auch wenn keiner sinnentstellend ist. Trotzdem: Insgesamt ist das Buch schon wegen seiner brisanten, aktuellen Thematik lesenswert, also zu empfehlen.

Endlich! Die Neue Genfer Übersetzung in einem Band mit allen bereits veröffentlichten Büchern des NT (Mt, Mk, Lk, Joh, Apg, Röm, 1Th, 1Tim, 2Tim, Hebr, 1-3Joh, Offb). Damit fällt endlich das Heftesammeln für die Freunde der NGÜ weg. Bisher noch nicht veröffentlich worden und somit neu in diesem Band ist die Apostelgeschichte. Damit liegen jetzt "über 70% des Neuen Testaments (Vorwort)" als NGÜ vor. Weiterhin ist es der Anspruch der Herausgeber, "höchste Treue gegenüber dem griechischen Grundtext des Neuen Testaments mit grösstmöglicher Verständlichkeit zu verbinden (Vorwort)."
Mit € 2,02 ist die Veröffentlichung sehr preiswert. Bei einem stabilen Hardcover-Einband macht doch das verwendete Papier einen gar billigen Eindruck. Aber es muss auch nicht zu lange halten, schliesslich erwarten wir ja das gesamte Neue Testament, dass "in wenigen Jahren erscheinen (Vorwort)" wird.
Bedauerlich an dieser ersten Auflage sind die zahlreichen Druckfehler. Nach Auskunft der Übersetzungs-Koordination sind bei der Setzerei die eingereichten Korrekturen nicht verarbeitet worden. Hoffen wir, dass die nächste Auflage verbessert zustande kommt.
Dieses Buch gehört auf jeden Fall in die Händer aller Bibelfreunde.

Die bekannte (katholische) Kinder- und Jugendpsychologin sowie der Theologe Thomas Schirrmacher bieten in diesem Büchlein eine große Fülle an Fakten zur Beurteilung der Pornographie. Sie beantworten die im Titel aufgeworfene Frage, ob Pornographie eine "ausverkaufte Würde der Frau ist" unzweideutig mit "Ja.".
Das Buch gliedert sich in drei Teile. Im ersten Teil geht Meves auf die Wurzeln der zunehmenden Kinderpornographie ein. Hier zeigt sie Linien auf, wie die Kinderschändungen der Gegenwart - man denke an die Untaten des Belgiers Dutroix - nicht losgelöst gesehen werden können von der Sexualrevolution in den 60er Jahren.
Im zweiten Teil - es ist der umfangreichste - gibt Schirrmacher einleitend in Thesen, die er anschließend erläutert, eine Fülle von Argumenten dafür, warum Pornographie eine Entwürdigung des Menschen darstellt. Kompetent zeigt er das Menschenbild auf, das hinter den pornographischen Ideen steht. Der relativ umfangreiche Anmerkungsapparat zeugt von großer Belesenheit zum Fachgebiet.
Im dritten Teil skizziert Meves die pädagogische Szene, wie sie sich seit der Nachkriegszeit auch im Blick auf Pornographie entwickelt hat und fordert zu einem radikalen Umdenken auf.
In diesen Darlegungen hätte sich der Rezensent einen biblisch verantworteten theologischen Bezugrahmen gewünscht. Dadurch dass die Schreiberin darauf verzichtet, könnte der Eindruck entstehen, man habe es in der gegenwärtigen Auseinandersetzung mit lediglich neutralen Sachargumenten zu tun. Aber wie dem auch sei: Als ein Beitrag zur Abrechnung mit der sogenannten Sexualaufklärung der vergangenen 40 Jahre ist das Buch lesenswert.

Der Untertitel der 80-seitigen Broschüre bestätigt die vom Titel vorgegebene Richtung: "Was spricht gegen die modernen Urtextkürzungen der heiligen Schrift des Neuen Bundes?" Die Autoren sind von der Sorge getrieben, dass moderne Bibelausgaben die Christen in ihrem Glauben behindern, weil sie den "Urtext" nur verkürzt wiedergeben würden. Als Urtext des Neuen Testaments gilt ihnen der sogenannte "Textus Receptus" (TR) bzw. in übersetzter Form die Lutherbibel von 1545.
Schon in der Einführung machen die Autoren deutlich, dass Textkritik für sie Bibelkritik ist (S. 9), und sie sind überzeugt, dass Gott die Glaubenserweckung der Reformation aufgrund des TR geschenkt habe (S. 13). Der Hauptteil des Heftes will nun einerseits die "Tricks" der Textforscher entlarven und andererseits "die Ermittlung des richtigen Urtextes" aufzeigen. Dabei bemühten sie sowohl die mathematische Mengenlehre als auch den Computer, um zu beweisen, dass die modernen "Urtextverkürzungen" falsch sind und man zum TR zurückkehren solle. Der dritte Teil des Buches listet auf Deutsch nach Themen geordnet eine Anzahl der "wegrevidierten Bibelstellen" auf. Ein Quiz mit Wiederholungsfragen soll den Stoff gründlich einprägen. Eine kurze Begriffserklärung und ein Literaturverzeichnis schließen die Schrift ab.
Es ist mit Sicherheit nicht falsch, die Frage nach dem richtigen Grundtext zu stellen. Jeder Übersetzer muss sich damit befassen und kann zum Beispiel nicht blindlings dem Text von "Nestle-Aland" (NA) folgen. Auch ist es selbstverständlich erlaubt, die Methoden der Herausgeber von Grundtextausgaben zu hinterfragen. Doch so, wie es de la Croix und Kent in ihrer Kampfschrift tun, soll man es ganz gewiss nicht machen. Die Militanz, mit der sie ihre Gegner herabwürdigen, ist ganz gewiss nicht von Gott, denn die "Die Weisheit von oben her ist auf's erste keusch, darnach friedsam, gelinde, lässt sich sagen ..." (Jak 3,12 Luther 1912). Sie unterstellen ihnen Unwissenschaftlichkeit, Methoden "aus der Postkutschenzeit" (S. 24), bewusste Fälschungen (S. 40) und Manipulationen (S. 26ff), sie behaupten, dass ihre Forschungen "vom Ergebnis her festgelegt" seien (S. 8).
Schade, dass sie dabei nicht bemerken wie sie genau das tun, was sie ihren Gegnern vorwerfen: Ihre Argumente sind vom Ergebnis her längst festgelegt. Für sie stand der richtige Urtext fest, bevor sie mit irgend einer Beweisführung anfingen und alles andere haben sie von daher beurteilt. Wenn aber der längere TR doch nicht den Urtext richtig wiedergibt, dann haben auch die den Zorn Gottes zu fürchten, die seinem Wort etwas hinzufügen (5Mo 4,2; Spr 30,6; Offb 22,18).
Auch der von den Verfassern gepriesene Beweis mit der Mengenlehre stellt sich als eine Manipulation des Lesers dar. Sie meinen, in ihrer "statistischen Methode" (S. 37ff) den richtigen Lösungsansatz zu haben: 1. Man berechne die durchschnittliche Abweichung der betreffenden Handschrift von der Summe aller Textzeugen. 2. Je geringer die statistische Abweichung, desto besser die Handschrift. 3. Die nach dieser Methode ermittelten besten Handschriften ergeben (man höre und staune): den byzantinischen Mehrheitstext!
Dem Leser muss hoffentlich nicht erklärt werden, dass es sich hierbei um eine Tautologie handelt (ein Argument, das sich im Kreis herum dreht); d. h. die statistische Methode von de la Croix und Kent hat nicht den geringsten Beweiswert. Wer nämlich auf diese Weise die Handschriften lediglich zählt, bevorzugt automatisch die rein zahlenmäßige Mehrheit. Wenn aber die Verfasser dem Leser auch noch verkaufen wollen, sie seien bei der Ermittlung der Schnittmenge fairer gewesen als "die bibelkritischen Ausgaben", da sie statt einer Übereinstimmung mit der Mehrheit der Handschriften von "nur" zwei Dritteln satte drei Viertel gefordert hätten (S.38), reibt man sich verwundert die Augen.
Erstens muss man fragen: Beherrschen de la Croix und Kent das Bruchrechnen nicht? Es dürfte doch wohl klar sein, dass die ohnehin schon gegebene zahlenmäßige Mehrheit des byzantinischen Textes nochmals von vorneherein einseitig bevorzugt wird, wenn man eine Übereinstimmung der Handschriften von 75% statt rund 67% verlangt.
Zweitens vergleichen sie hier Äpfel mit Birnen: Die erwähnte Zweidrittelmehrheit, die den "bibelkritischen Ausgaben" angeblich zugrunde liegt, wurde von Eberhard Nestle nicht gegenüber den Bibelhandschriften selbst verwendet, sondern gegenüber den drei kritischen Ausgaben des NT durch Tischendorf, Westcott/Hort und Weiss. Dabei ging es Nestle gar nicht um eine eigene Urtextrekonstruktion, sondern er "wollte den von der Wissenschaft des 19. Jahrhunderts erarbeiteten Text der Allgemeinheit zugänglich machen."[1] Der heutige Nestle-Aland hingegen basiert auf der direkten Untersuchung nahezu aller vorliegenden Handschriften und hat zum Ziel, den Urtext des NT so genau wie möglich zu rekonstruieren.
Auch die Beweisführung mit den wegrevidierten Bibelversteilen hält einer genaueren Prüfung nicht stand. Zum Beispiel Markus 2,17: De la Croix und Kent stellen diesen Vers als von der Bibelkritik gekürzt dar. Lukas überliefert dieses Wort des Herrn wie folgt: "Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder zur Umkehr" (Lk 5,32). Die Worte "zur Umkehr" finden sich in den ältesten Handschriften nur im Lukas-Evangelium; spätere Handschriften fügen sie auch im Paralleltext Mt 9,13 ein (vgl. NA(26/27) ad loc.). In Markus 2,17 hingegen findet man sie in keiner einzigen Handschrift; erst der TR (!) fügt sie hier hinzu.
Wie man es auch dreht und wendet: Was de la Croix und Kent ins Konzept passt, ist ein Beweis; was nicht, ist eine Fälschung. Nehmen wir noch den von den Verfassern behaupteten "Angriff" auf gleichlautende Texte. Die angeblichen Widersprüche, die de la Croix und Kent in den vom NA(26) bevorzugten Lesarten sehen (S. 25), sind keineswegs das von ihnen befürchtete Wasser auf die Mühlen der Bibelkritik. Vielmehr ist es typisch für die vier Evangelien, dass sie sich in ihrer Verschiedenartigkeit ergänzen, aber nicht widersprechen. Dass gerade dies ein Kennzeichen authentischer Augenzeugenberichte ist, hat Armin Baum in Bibel und Gemeinde erst kürzlich dargelegt.[2]
Schade, dass dieser Streit von Amerika herübergeschwappt ist, bei dem die Sachlichkeit fast überall auf der Strecke bleibt. Dem Volk Gottes werden solche Verschwörungstheorien gewiss keinen Segen bringen.

In acht Kapiteln entfaltet der Autor ein farbenprächtiges Panorama von der Kunst des Schreibens in der Zeit Jesu. Tontafeln, Bronzeplatten und Edelsteine, Papyrus, Leder und Pergament, Holz- und Wachstäfelchen, Notizbücher aus Elfenbein oder Holz, Lederrollen, Tonscherben und Münzen werden vor uns ausgebreitet. 42 Abbildungen geben einen Eindruck von der Vielfalt der Materialien.
Aber Dr. Alan R. Millard, Professor für Hebräisch und altsemitische Sprachen an der Universität Liverpool, macht nicht nur mit den Materialien vertraut, sondern erweist sich als Kenner in allen anderen Fragen, die irgendwie mit Schrift zusammenhängen.
Millard diskutiert z.B. die Frage, wann die Form des noch heute gebräuchlichen Buches (Kodex) die unhandliche Schriftrolle ablöste. Wenn man z.B. die vier Evangelien und die Apostelgeschichte auf eine Rolle hätte schreiben wollen, wäre diese 30 Meter lang gewesen. Schade nur, dass Millard sich dabei nicht mit der Arbeit des Papyrologen C.P. Thiede auseinander gesetzt hat. Thiede bringt einige Belege dafür, dass die Hürde zum Kodex schon vor dem Jahr 70 n.Chr. überwunden wurde. [3]
Millard berichtet über frühchristliche Manuskripte und zeigt die besonderen Merkmale christlicher Bücher. Christliche Bücher "sehen nicht aus wie die Erzeugnisse der normalen griechischen Schreibstuben". (S. 70.) Man muss bedenken, dass das Christentum bis zum Jahr 312 n.Chr. eine verbotene Religion war. Ihre Bücher waren "in keinem Verlag erhältlich, sondern mussten privat in Auftrag gegeben werden" (S. 75).
Millard untersucht sowohl die Schreibkunst als auch die Sprache im Israel der Zeit Jesu. In einem weiteren Kapitel diskutiert er die Möglichkeit einer Kurzschrift, die er für Israel aber verneint. Er vertritt allerdings den Standpunkt, dass es "schriftliche Notizen von einzelnen Aussprüchen gab, oder eine Sammlung von mehreren, und Berichte über bemerkenswerte Ereignisse" (S. 232).
Kritisch setzt sich der Autor mit der Theorie der mündlichen Überlieferungen und der formgeschichtlichen Methode auseinander. "Die Funde zur Schreibkunst in Palästina und die Veröffentlichung weiterer Texte aus den Schriftrollen vom Toten Meer legen nahe, dass dieser Standpunkt nicht länger unbestritten bleiben kann." (S. 202.) "Oft werden die Evangelientexte so behandelt, als seinen sie in einer völlig lese- und schreibunkundigen Gesellschaft entstanden." (S. 203.) Solch eine Vorstellung habe aber die geschichtlichen Fakten gegen sich, denn die Schreibkunst war sehr weit verbreitet, wie Millard in Kapitel 6 zeigt. Im letzten Kapitel behandelt der Autor den Zusammenhang von antiker Schreibkunst und den Evangelien.
Das spannende Buch ist ein Muss für jeden, der sich für die Zeitgeschichte des Neuen Testaments, die Überlieferung des neutestamentlichen Textes und das Schreiben in der Antike überhaupt interessiert.