2000-1 | Zur Diskussion gestellt |
Unter der Rubrik "Zur Diskussion gestellt" wollen wir Beiträge zu Themen veröffentlichen, bei denen es auch unter bibeltreuen Christen unterschiedliche Auffassungen gibt. Auf diese Weise wollen wir erreichen, dass wichtige Themen nicht unter den Tisch fallen, weil sie umstritten sind, andererseits will der Bibelbund sich nicht einseitig festlegen und die Erkenntnis einiger Mitglieder zur Norm für alle erheben. Die Grundlage der uneingeschränkten Wahrheit der Bibel ist davon in keinem Fall betroffen.
Er gilt vielen als der Spurgeon des 20. Jahrhunderts - der britische Prediger Martyn Lloyd-Jones. Als seine Frau einmal hörte, wie in einem Gespräch verschiedene Vorzüge ihres Mannes gelobt wurden, gab sie zu bedenken:
"Niemand wird je meinen Mann richtig erfassen, bis man begreift, dass er zuerst ein Mann des Gebets ist - und dann ein Evangelist."[1]
Dennoch beteiligte sich der wohl einflussreichste evangelikale Prediger Londons nicht an der Großevangelisation, die Billy Graham 1954 in dieser Metropole durchführte. Lloyd-Jones, bekannt als ein behutsamer und besonnener Seelsorger, zählte zu den gewichtigsten Kritikern des amerikanischen Evangelisten innerhalb des evangelikalen Lagers. Er begründete dies u.a. mit Grahams ökumenischer Öffnungspolitik, die eine nachhaltige Veränderung der Situation unter den Evangelikalen bewirkte:
"Lloyd-Jones verwies darauf, dass echte geistliche Gemeinschaft mehr voraussetze als eine sympathische, liebenswerte Persönlichkeit. Aber Graham hatte gegenüber der ökumenischen Idee kapituliert, die besagte, dass man geistliche Gemeinschaft haben könne, ohne unbedingt hinsichtlich der Wahrheit des Evangeliums übereinstimmen zu müssen. Grahams Beispiel übte einen Einfluss auf die evangelikalen Christen Englands aus, der sie nach den Worten von Lloyd-Jones 'völlig verunsicherte, in der Frage, was es überhaupt bedeute, ein evangelikaler Christ zu sein'."[2]
Als Graham 1993 unter dem Motto ProChrist in Deutschland evangelisierte, wurde damit ebenfalls eine Entwicklung verstärkt und gefördert, die das Koordinatensystem der Christen in unserem Land nicht unwesentlich verschoben hat.[3]
ProChrist ist kein einmaliges evangelistisches Projekt, sondern ein Prozess (so wird es auch in einem Konzeptheft zu ProChrist '97 behauptet). Zu den besonderen Merkmalen dieses Prozesses gehört nicht nur die evangelistische Verkündigung, sondern programmatisch auch die Zusammenarbeit verschiedener Konfessionen und Gruppierungen. Letzteres ist keine Randerscheinung, sondern gehört zum Grundanliegen dieser Evangelisationsmethode. In einem bilanzierenden Interview zu ProChrist 95 antwortete Ulrich Parzany auf die Frage, was er als Folge dieser Evangelisation für Deutschland erwarte, u.a.:
"Wir haben ... erlebt, dass die Christen, denen es darum geht, dass das Evangelium intensiv weitergesagt wird, zusammengearbeitet und -gestanden haben: vom Pietisten bis zum Katholiken. Das dürfte künftig nicht ohne Folgen bleiben."[4]
Diese Erwartung wurde 1997 bestätigt. Im hauseigenen Rückblick auf die Hauptveranstaltung in Nürnberg ist von einer Verbreiterung der evangelistischen Koalition zu berichten:
"Zum erstenmal ist es gelungen, eine große Allianz zu bilden, die auch nach ProChrist noch weiter bestehen bleiben soll."[5] Auch von den Übertragunsorten konnte die ProChrist-Zentrale ökumenische Fortschritte melden, z.B. aus Fulda:
"Die evangelische Kirche stellt die Räumlichkeiten, die katholische Kirche den Projektor, die Pfingstler, landeskirchliche Gemeinschaft und die Baptisten den Rest der Technik, die Pietisten die Moderation und den Tee, die Brüdergemeinde die Anspiele, die Charismatiker den Lobpreis usw. Ein Wunder Gottes. Vor vier Jahren wäre das noch nicht möglich gewesen. ProChrist schafft praktische Einheit!"[6]
| Parzany: "An der Zusammenarbeit mit charismatischen und katholischen Christen finde ich nichts Kritikwürdiges." |
Diese Strategie fand unter den Evangelikalen nicht nur Zustimmung. Auf die Kritik angesprochen, betonte Parzany: "An der Zusammenarbeit mit charismatischen und katholischen Christen finde ich nichts Kritikwürdiges."
Bei einer Auswertungstagung im Dezember 1997 ging Parzany noch einen Schritt weiter und betonte, er stehe "für die Arbeit nur zur Verfügung, wenn sich grundsätzlich Christen aller Konfessionen beteiligen können".[7] Dass dies nicht nur für Einzelpersonen, sondern auch für Gemeinden gelte, ließ der Evangelist wenige Sätze später erkennen: "Wenn in einer Gemeinde Jesus Christus die Priorität Nr.1 ist, dann müssen wir auch zusammenstehen."[8]
Für ProChrist 2000 beschloss die Mitgliederversammlung eine Erklärung, in der begrüßt wird, "dass eine Reihe katholischer Kirchengemeinden sich in den vergangenen Jahren an ProChrist beteiligt hat". Für die Zukunft wird verstärkt zu einer solchen Kooperation aufgefordert:
"Wir laden die Gemeinden ein, die Kräfte zu bündeln, um die Menschen in ihren Städten und Regionen besser zu erreichen. Evangelische und katholische Kirchengemeinden, freikirchliche Gemeinden der verschiedenen Prägungen und sonstige christliche Gemeinschaften und Gruppen tun sich zu Arbeitsgemeinschaften zusammen."[9]
Seit längerem haben besorgte Christen diese ökumenische Öffnung kritisiert, was von Parzany bei einer Pressekonferenz in Bremen zurückgewiesen wurde:
"Wir können gar nicht hoch genug einschätzen, wie sehr durch ein Zusammengehen der Christen verschiedener Prägung der Glaube an Jesus geweckt und gefördert wird. Weil das so ist, nehmen wir auch die Kritik misstrauischer Zeitgenossen in Kauf. Sie schmerzt, weil sie unnötige Blockierungen schafft."[10]
| Wer sich zu den Bekenntnissen der Katholischen Kirche hält, ist einem anderen Inhalt verpflichtet |
Mit dieser Begründung erweckt der Evangelist den Eindruck, als seien die Unterschiede etwa zwischen evangelischen und katholischen Gemeinden durch "verschiedene Prägungen" zu verstehen. Tatsächlich aber stehen zentrale Wahrheitsfragen zur Debatte. Wer sich zu den Bekenntnissen der Katholischen Kirche hält, hat nicht nur eine andere Prägung, sondern ist einem anderen Inhalt verpflichtet, bzw. als Priester auf diesen ordiniert. Wenn Parzany diesen fundamentalen Gegensatz unterschätzt, zeigt dies einmal mehr, wie stark der ProChrist-Prozess bereits die Bewusstseinslage seiner Protagonisten verändert hat.ttra
Die Römisch Katholische Kirche vertritt in ihren Dokumenten ein Erlösungsverständnis, das nicht auf den klassischen "sola" der Reformation gründet: allein die Gnade - allein der Glaube - allein Christus.[11] Wie die quälende Diskussion um die Rechtfertigungslehre überdeutlich bewiesen hat, gibt es keine tragfähige gemeinsame Basis in der Rechtfertigungslehre, die ja im Zentrum evangelistischer Verkündigung steht.[12] Darüber hinaus wird in der Römischen Kirche z.B. am Ablass genauso festgehalten, wie am Opfercharakter der Messe oder der Miterlöserschaft Marias. Das sola scriptura (allein die Schrift) wird ausgehöhlt durch die verbindliche Tradition und das kirchliche Lehramt (einschließlich dem Unfehlbarkeitsdogma des Papstes).
| Wie können wir nach der Evangelisation Menschen in römisch-katholische Gemeinden schicken, die einer unbiblischen Rechtfertigungslehre verpflichtet sind? |
Wie können wir aber etwa mit römisch-katholischen Priestern gemeinsam evangelisieren, die durch ihre Priesterweihe auf die offiziellen Dokumente ihrer Kirche verpflichtet sind, in denen ein "anderes Evangelium" gelehrt wird?[13] Wie können wir nach der Evangelisation Menschen in römisch-katholische Gemeinden schicken, die einer unbiblischen Rechtfertigungslehre verpflichtet sind? Wer dies aus pragmatischen Gründen für verantwortbar hält, macht gemeinsame Sache mit einer Institution, die in ihren Bekenntnissen gravierende Irrlehren vertritt. Er nimmt sehenden Auges in Kauf, wie "neugeborene Christen" einer falschen Ernährung ausgesetzt werden. In einem Plädoyer der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA) für die "evangelistische Koalition" heißt es sogar, dass auch "ein Hauskreis katholischer Christen ein ausgezeichneter Raum für das geistliche Wachstum sein" könne.[14]
Auch in der Charismatischen Bewegung und den Pfingstgemeinden werden systematisch unbiblische Lehren und Praktiken gefördert, die dazu geneigt sind, durch eine Überbetonung der Erfahrung vom biblischen Wort abzulenken, bzw. dieses durch prophetische Zusätze zu "ergänzen". Oft kommt es in dieser Bewegung zur Vermischung von geistlichen und seelischen Wirkungen. Wo spektakuläre Phänomene, wie z.B. der sog. "Toronto-Segen", gefördert oder geduldet werden, kann sich sogar eine Öffnung für okkulte Phänomene einstellen.[15] Dennoch hat ProChrist diesen Gruppierungen die Türen weit geöffnet und damit seine Bereitschaft erklärt, Neubekehrte in charismatische und pfingstlerische Gemeinden weiter zu vermitteln. Schon daran wird deutlich, dass Zusammenarbeit in der Evangelisation Konsequenzen über den Tag der evangelistischen Veranstaltung hinaus hat.
| Schon Jesus hat den Missionsbefehl und den Lehrbefehl in einen unauflösbaren Zusammenhang gestellt |
Vielen Christen ist diese Tatsache nicht mehr bewusst. Sie denken: "Man kann doch alles Trennende während der Evangelisation vergessen, solange nur der Ruf zu Jesus deutlich erklingt." Dabei wird übersehen, dass schon Jesus den Missionsbefehl und den Lehrbefehl in einen unauflösbaren Zusammenhang gestellt hat (Mt.28,18-20). Evangelisation zielt darauf, Menschen in die Gemeinde hinein zu führen. Diese aber lebt von gesunder biblischer Lehre. Ist es dann geistlich verantwortbar, neugewonnene Christen oder am Glauben Interessierte den falschen Lehren der Römisch Katholischen Kirche oder Pfingstgemeinden auszuliefern, nachdem sie bei einer Evangelisation den ersten Kontakt geknüpft haben?[16]
| An jedem ProChrist-Abend wird auch die Botschaft des Pro Christ-Konzeptes über die Leinwände transportiert |
Nun meinen viele, sie könnten ProChrist auch ohne solche Risiken und Nebenwirkungen benutzen, da in ihrer Allianz keine Charismatiker und Katholiken mitarbeiten dürften. Dabei übersieht man jedoch, dass Zusammenarbeit in der Evangelisation noch in einer anderen Hinsicht Fakten schafft, die anschließend kaum mehr rückgängig zu machen sind. An jedem ProChrist-Abend wird nicht nur die Botschaft Parzanys, sondern auch die Botschaft des ProChrist-Konzeptes über die Leinwände transportiert: "Hier arbeiten unterschiedlichste Gemeinden ungeachtet sonstiger (vermeintlich unwichtiger) Unterschiede endlich zusammen." Wer auf diese Weise mit den Vertretern falscher Lehren gemeinsam evangelisiert, verschafft ihnen damit wachsende Akzeptanz und zunehmendes Vertrauen auch in anderen Kreisen. Er fördert den Eindruck, dass ihre Irrwege doch nicht zu gravierend sein können und senkt die Hemmschwelle gegenüber weiteren gemeinsamen Projekten in der Zukunft. So kommt ein Kreislauf der Vermischung in Gang. Schon 1960 hatte Billy Graham die ökumenisierende Wirkung seines Evangelisationsmodells herausgestellt:
"Ich glaube, dass durch Massenevangelisation eine ökumenische Tiefe erreicht werden kann, die in gewisser Hinsicht bedeutsamer ist als selbst die Ökumene in ihrer Organisation."[17]
In diesem Sinne haben auch die deutschen ProChrist-Leiter Bewusstseinsbildung betrieben. Schon wenige Wochen nach ProChrist '93 waren die Verantwortlichen der einzelnen Übertragungsorte zu einer Auswertungstagung nach Kassel eingeladen. Bei dieser Gelegenheit wurde ihnen ein Thesenpapier vorgelegt, in dem für die Zukunft eine "große Koalition aller evangelistischen Kräfte" anvisiert wird. Dass dabei auch an die Überschreitung grundsätzlicher konfessioneller und theologischer Grenzen gedacht war, geht u.a. aus folgenden Formulierungen des Papiers hervor:
"Mit ProChrist '93 wurde sowohl gegenüber der säkularen Öffentlichkeit als auch gegenüber den beiden großen Volkskirchen [als ob evangelisch und katholisch hier als gleichwertig anzusehen seien, Verf.] anfangsweise so etwas wie eine dritte Gestalt von Kirche sichtbar: das alle [!,Verf.] Konfessionsgrenzen überschreitende missionsbewusste Volk der Glaubenden".
Vorausgesetzt, das Missionsbewusstsein ist vorhanden, scheint die inhaltliche Profilierung des Glaubens, abgesehen von einem Minimalkonsens, kein entscheidendes Gewicht zu haben.
Weiter heißt es: "...zu einer solchen Koalition gehört auch, dass im Gegensatz zu politischen Koalitionen auf ständige Eigenprofilierung verzichtet werden muss (z.B. Pietisten und Charismatiker)."
| Es ist offenbar nicht mehr erwünscht, sich mit Charismatikern theologisch auseinander zu setzen |
Nachdem man einmal mit den Charismatikern in einem Boot sitzt, ist es von Seiten der ProChrist-Lenker auch nicht mehr erwünscht, sich mit ihnen theologisch auseinander zu setzen. Dies könnte den Koalitionsfrieden stören und wird - sprachlich geschickt - als "Eigenprofilierung" abgelehnt.
Es lässt sich nicht nachweisen, aber doch vermuten, dass das tragische (da mehr verschleiernde als klärende) Einigungspapier zwischen dem Bund der Pfingstgemeinden und der Evangelischen Allianz in Deutschland[18] nicht denkbar gewesen wäre, wenn nicht ProChrist und andere Gemeinschaftsaktionen an der Basis dafür den Boden bereitet hätten. Hier hat sich offenkundig Parzanys Ankündigung bewahrheitet, die übergreifende Zusammenarbeit bei ProChrist werde für unser Land nicht ohne Folgen bleiben.
Wenn man zudem bedenkt, dass die Charismatische Bewegung seit vielen Jahren zu den starken Katalysatoren der evangelisch-katholischen Annäherung zählt[19] schließt sich der Kreis.
Und der Weg geht weiter. Allmählich wird ProChrist zum Symbol für ökumenische Zusammenarbeit. Als der Landesbischof von Schaumburg-Lippe, Heinrich Herrmanns, um Zustimmung für die ökumenische Erklärung zur Rechtfertigung (GE) warb, verglich er diese sog. "Vertrauensökumene" mit "der überkonfessionellen Zusammenarbeit bei ProChrist".[20] /p>
Heiligt der Zweck die Mittel?
Wer kann angesichts dieses Befundes noch behaupten, dass es sich bei ProChrist nur um ein Instrument zur Evangelisation handele, das alle bibeltreuen Gemeinden vorbehaltlos nutzen sollten? Wir bestreiten nicht, dass durch ProChrist Menschen zum Glauben an Jesus Christus gefunden haben. Dies allein rechtfertigt aber nicht das Konzept und entbindet uns nicht von der Aufgabe einer biblischen Prüfung. Selbst wenn Gott "auf krummen Linien gerade schreibt", wie es ein portugiesisches Sprichwort sagt, erlaubt uns das nicht, bewusst in "krummen Linien" zu fahren. Auch ein geistlicher Zweck heiligt keine ungeistlichen Mittel. Darum warnt die Bibel immer wieder vor pragmatischen Zweckbündnissen und "großen Koalitionen", bei denen fundamentale Unterschiede der Partner unberücksichtigt bleiben (vgl. Esra 4,1-3; 2Chr 16; 18,1; 20,35-37; 28,16ff).
ProChrist steht mit dieser Vorgehensweise leider nicht allein, sondern ist Teil eines Veränderungsprozesses, den der prominente ProChrist-Befürworter Peter Strauch in einen größeren Zusammenhang einordnet:
"Bei ProChrist lief die Zusammenarbeit schon über den Bereich der üblichen Allianzarbeit hinaus. Wenn ich an Zeitschriften wie FAMILY oder AUFATMEN denke, dann sehen wir da eine neue Zusammenarbeit. Auch beim geplanten Familienfestival 'Spring 98' sehen wir das. Bei all diesen Aktionen arbeiten Menschen auf der verantwortlichen Ebene zusammen. ... Ich denke, da läuft ein guter Prozess."[21]
| Auch ein geistlicher Zweck heiligt keine ungeistlichen Mittel |
Diese Einigungstendenzen müssen wir umso ernster nehmen, als sie nur zu gut in eine Entwicklung hineinpassen, welche die evangelikale Welt im In- und Ausland in immer schnellerem Tempo verändert. Auf das Einigungspapier zwischen Pfingstgemeinden und Allianz wurde schon hingewiesen. Der Jesus-Marsch 2000 wird erstmals nicht nur von Charismatischen Gruppen verantwortet, sondern außerdem von Vertretern "aus beiden großen Kirchen und den Freikirchen getragen"[22] Die Verantwortlichen verstehen dies ausdrücklich als Startschuss für weitere gemeinsame Projekte.
Zudem haben im Jahr 1994 führende Evangelikale und romtreue Katholiken in den USA ein Konsenspapier "Evangelicals and Catholics Together" veröffentlicht. Darin werden evangelikalerseits alle "aktiven" Katholiken als Christen anerkannt und Evangelisation als gemeinsame Aufgabe definiert. Neben Bill Bright gehören weitere prominente Evangelikale wie James I. Packer und Charles Colson zu den Unterzeichnern.[23]
Der ProChrist-Prozess ist also nur ein Mosaikstein in diesem Bild - aber für Deutschland zugleich ein wichtiger Motor, der das Zusammenwachsen von Evangelikalen, Charismatikern und einem Teil der Römisch-Katholischen Kirche beschleunigt. Manche der bedenklichen Tendenzen, die sich bereits 1993 andeuteten, wurden inzwischen bestätigt und verstetigt.[24]
| Liberale Theologen im Kuratorium von ProChrist |
Der Weg geht weiter. Dabei soll der ProChrist-Prozess nicht auf das Feld der Evangelisation beschränkt bleiben. Rechtzeitig vor ProChrist 2000 haben sich die Verantwortlichen auf ein "neues Leitbild" verständigt. Danach sollen die beteiligten Gemeinden sich "neben der Glaubensverkündigung auch für Aktionen der Barmherzigkeit einsetzen und für Gerechtigkeit und Versöhnung in der Gesellschaft eintreten".[25] Ob man deshalb auch liberale Theologen wie den badischen Landesbischof Ulrich Fischer in das Kuratorium von ProChrist berufen hat? Fischer hatte erst wenige Monate vorher für Aufsehen gesorgt, als er vor der Presse sagte, dass nicht alle Sätze des Glaubensbekenntnisses wörtlich zu nehmen seien. An der "Auferstehung" will der Bischof zwar festhalten, er brauche dafür aber "nicht das historische Wissen darüber, ob das Grab nun voll oder leer ist". Außerdem hat Fischer sich für interreligiöse Gebete und gegen die Verwendung des Begriffs "bibelgläubig" ausgesprochen. Was will nun dieser Mann bei ProChrist? Hat auch er nur "eine andere Prägung"? Ab welcher Grenze werden Lehrfragen denn wichtig? Wie viel Abweichung von der biblischen Lehre wollen die ProChrist-Verantwortlichen noch zulassen? Hätte Paulus bekennende Judaisten und praktizierende Gnostiker im Referenzkomitee seines Evangelisationswerkes geduldet?
Manche Beobachter fragen sich, ob die im Neuen Testament angekündigte pseudogeistliche Einheitsbewegung der Endzeit nun in den Anfängen auch die evangelikale Bewegung erreicht?
Wer die dargestellten Zusammenhänge erkennt, wird kaum zu einer aktiven Beteiligung am ProChrist-Prozess raten können. Daraus folgt jedoch keineswegs evangelistische Zurückhaltung. Vor 1993 gab es doch bereits Evangelisationen in Deutschland. Wir haben viele andere Möglichkeiten, den Umkehrruf Christi in einem säkularen Umfeld laut werden zu lassen. Die Deutsche Zeltmission und andere Evangelisationswerke werden seit dem ProChrist-Boom wesentlich seltener in die Gemeinden gebeten. Sie haben Zelte und Termine frei. Die Leinwand-Evangelisation scheint attraktiver, bezüglich der Vorbereitung auch bequemer zu sein. Kaum jemand sieht jedoch, wie hoch der geistlich-theologische Preis ist, den die Evangelikalen in Deutschland für das letztlich von Billy Graham übernommene Konzept bezahlen.
| Wir danken Gott für jeden Menschen, der trotz allem auch durch ProChrist den Weg zu Jesus Christus gefunden hat |
Wir danken Gott für jeden Menschen, der trotz allem auch durch ProChrist den Weg zu Jesus Christus gefunden hat. Die Ewigkeit wird das offenbar machen. Aber auch der beste Zweck heiligt nicht die Mittel (vgl. 2.Tim.2,5; 2.Sam.6,3ff). Vielmehr können falsche Mittel den besten Zweck korrumpieren und das Verständnis des Glaubens selbst nachhaltig verändern. Im "Flugblatt 3" von ProChrist heißt es:
"Wir können gar nicht hoch genug einschätzen, wie sehr durch ein Zusammengehen der Christen verschiedener Prägung der Glaube an Jesus Christus geweckt und gefördert wird."
Das ist gut postmodern-pragmatisch gedacht. Die Bibel lehrt dagegen, dass der Glaube nicht durch menschliche Kooperation von "Christen verschiedener Prägung...geweckt und gefördert" wird, sondern zuerst und zuletzt durch die Durchschlagskraft des biblischen Wortes (Rö.10,17; 2.Tim.3,15f.).
Als Martyn Lloyd-Jones schon in den 50er Jahren dem Evangelisationskonzept von Billy Graham widerstand, geschah dies nicht aus "dogmatischer Sturheit", sondern aus glühender Liebe und Treue zum Evangelium selbst. Dieses bedarf keiner pragmatischen Kompromisse und erst recht nicht der Kooperation mit liberalen Kritikern oder römischen Predigern der Werkgerechtigkeit. Warum hat Jesus einer der sieben Gemeinden aus Offenbarung 2 und 3 eine besondere missionarische Durchschlagskraft verheißen? Die Gemeinde zu Philadelphia konnte keine beeindruckende organisatorische Stärke vorweisen. Dennoch versprach Jesus gerade ihr eine "offene Tür". Das Geheimnis dieser Gemeinde lag in ihrer Treue gegenüber dem biblischen Wort: Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan, und niemand kann sie zuschließen; denn du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet (Offb.3,8).
Diesem Vorbild sollten wir nacheifern!
Bei vorliegendem Text handelt es sich um eine überarbeitete und aktualisierte Fassung des Aufsatzes, der unter dem Titel "ProChrist '97 - wohin führt der Weg?" im Informationsbrief der Bekenntnisbewegung, Nr.187, April 1998, S. 25-29 erschien.